Negative Erwartungen der Lehrkräfte wirken sich im geringen Maße ungünstig auf den Kompetenzerwerb von SchülerInnen aus und SchülerInnen ethnischer Minderheiten sind davon besonders betroffen. Es zeigte sich, dass Erwartungen von Lehrkräften durch ethnische Stereotype zum Teil negativ verzerrt sind und dass verzerrte Erwartungen sich auf das Verhalten der Lehrkräfte niederschlagen. Außerdem wurde festgestellt, dass SchülerInnen ihrerseits die Erwartungen der Lehrkräfte wahrnehmen und diese wahrgenommenen Erwartungen mit Motivationsaspekten korrelieren. Weiter zeigte sich: Je positiver die wahrgenommene Erwartung, desto höher das schulische Engagement und die kognitive Aktivität. Es liegt nah, dass sich der Erwartungseffekt dadurch negativ auf die schulische Leistung insgesamt auswirkt und sich darüber ethnische Bildungsdisparitäten zum Teil erklären lassen.
In dieser Hausarbeit werden empirische Erkenntnisse ausgewertet zu der Frage, inwieweit Erwartungen von Lehrkräften einen Einfluss auf den Kompetenzerwerb von SchülerInnen haben, die zu einer ethnischen Minderheit zugeordnet werden. Es soll geklärt werden, ob und in wie weit Lehrende von dieser SchülerInnen-Gruppe weniger erwarten als sie zu leisten fähig wäre, sie deswegen „anders“ behandeln und die SchülerInnen dadurch in ihrer intellektuellen Entwicklung beeinträchtigt sind. Dafür wird zunächst der Erwartungseffekt modellhaft erklärt und in grundlegende Erkenntnisse eingeführt. Im nächsten Schritt werde ausgewählte empirische Befunde dieses Effektes vorgestellt. Es werden drei Teilaspektes des Erwartungseffekts, Erwartungen und Verhalten der Lehrkräfte und Reaktion der SchülerInnen, aufgegliedert und näher beleuchtet.
Inhaltsverzeichnis
1 Zusammenfassung
2 Einleitung
3 Theorien & Grundlegende Arbeiten
3.1 Erwartungen und Erwartungseffekt
3.2 Grundlegende Arbeiten
4 Empirische Befunde zum Erwartungseffekt
4.1 Ethnische Stereotype verzerren Erwartungen
4.2 Verhalten der Lehrkräfte aufgrund verzerrter Erwartungen
4.3 Reaktionen der SchülerInnen auf wahrgenommene Erwartungen
5 Fazit und Diskussion
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Einfluss von verzerrten Erwartungen von Lehrkräften auf den Kompetenzerwerb von Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund und analysiert, inwieweit diese Prozesse zur Erklärung von ethnischen Bildungsdisparitäten in Deutschland beitragen können.
- Wirkungsweise des Erwartungseffekts in der Lehrer-Schüler-Interaktion
- Rolle ethnischer Stereotype bei der Verzerrung von Lehrkräfteerwartungen
- Verhaltensmuster von Lehrkräften bei verzerrten Erwartungen
- Reaktionen von Schülerinnen und Schülern auf wahrgenommene Erwartungshaltungen
- Zusammenhang zwischen Lehrererwartungen und schulischem Engagement
Auszug aus dem Buch
3.1 Erwartungen und Erwartungseffekt
Die in der LehrerInnen-SchülerInnen-Interaktion sich unvermeidbar ausbildenden Erwartungen der Lehrkräften gegenüber ihren SchülerInnen sind „gedankliche Vorwegnahme des Verhaltens einzelner SchülerInnen“ (Schweer, 2008, S. 128). Beim Erwartungseffekt verändert sich das Verhalten der Lehrkräfte gegenüber SchülerInnen unter Einfluss der Erwartungen, so dass die SchülerInnen wiederum erwartungsbestätigend reagieren (Abbildung 1). In einem Modell von Jussim (1986) wird auf drei Ebenen die Erwartungen der Lehrkräfte, das daraus folgende Verhalten und die Reaktion der SchülerInnen erklärt. Dabei können zum Beispiel bisherige Leistungen, aber auch Stereotype, als vereinfachte kognitive Repräsentationen sozialer Gruppen, zu bestimmten Erwartungen führen. Es wird davon ausgegangen, dass sich Lehrende SchülerInnen anders verhalten, von denen sie viel bzw. wenig erwarten. Dies kann sich in konkreten Handlungen wie der Bereitstellung von verschieden herausforderndem Lernmaterial zeigen.
Die SchülerInnen wiederum reagieren darauf hinsichtlich der Richtung der Erwartung mit Verhalten, dass die schulischen Leistungen erhöht bzw. verringert. Es wird in diesem Zusammenhang unter anderem von Faktoren wie unterschiedliche Anstrengung und Beteiligung gesprochen, vermittelt durch inner-psychische Vorgänge bezüglich der Selbstachtung und des Selbstkonzeptes (Jussim, 1986). Da der Erwartungseffekt im Sinne einer Selbsterfüllenden-Prophezeiung eine Vorhersage erfüllt, die sich ohne die Erwartung nicht erfüllt hätte, muss hier von einer Erwartung ausgegangen werden, die die tatsächlich vorliegende Ausgangssituation verkennt (Merton, 1948): Einer verzerrten Erwartung. Im Schulkontext bedeutet dies, dass die Erwartung der Lehrkraft über oder unter den eigentlichen Leistungspotential der SchülerInnen liegt (Lorenz, Gentrup, Kristen, Stanat & Kogan, 2016). Es wird von einer statistischen Diskriminierung gesprochen, wenn aus einem kognitiven Informationsdefizit auf Wissen über die vermeintliche Gruppe der SchülerInnen zurückgegriffen wird (Diehl & Fick, 2016). Dabei müssen von Stereotype beeinflusste Erwartungen nicht zwangsläufig verzerrte sein, sondern können auch den tatsächlichen Leistungsstand widergeben (Jussim, 1986). Nur verzerrte Erwartungen können einen Erwartungseffekt begründen (Jussim & Harber, 2005). Sollten der Erwartungseffekt durch verzerrte ethnische Stereotype tatsächlich zu niedrigeren schulischen Leistungen führen, würde dies letztlich die Stereotype bestätigen (Abbildung 1).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Zusammenfassung: Die Arbeit fasst zusammen, dass negative Lehrkräfteerwartungen durch Stereotype verzerrt sein können und das schulische Engagement von Schülern beeinflussen, was Bildungsdisparitäten erklärt.
2 Einleitung: Dieses Kapitel stellt die Relevanz von Bildungsdisparitäten im deutschen Schulsystem dar und führt die Forschungsfrage zur Rolle des Erwartungseffekts bei Migrationshintergrund ein.
3 Theorien & Grundlegende Arbeiten: Es wird das theoretische Modell des Erwartungseffekts erläutert sowie auf klassische Pionierstudien wie den Pygmalion-Effekt verwiesen.
4 Empirische Befunde zum Erwartungseffekt: Dieser Abschnitt beleuchtet die Evidenz für stereotype Verzerrungen, das daraus resultierende Lehrerverhalten und die wahrgenommenen Reaktionen der Schülerschaft.
5 Fazit und Diskussion: Das Kapitel reflektiert die Forschungsergebnisse und diskutiert die Bedeutung für zukünftige Bildungslaufbahnen sowie Interventionsmöglichkeiten.
Schlüsselwörter
Erwartungseffekt, ethnische Bildungsdisparitäten, Lehrkräfteerwartungen, Stereotype, Migrationshintergrund, Lehrer-Schüler-Interaktion, Pygmalion-Effekt, statistische Diskriminierung, schulische Leistung, schulisches Engagement, Kompetenzerwerb, Schulerfolg, Bildungsgerechtigkeit, sozioökonomischer Status, soziale Ungleichheit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht den sogenannten Erwartungseffekt im schulischen Kontext und analysiert, inwieweit die Erwartungshaltung von Lehrkräften gegenüber Schülern mit Migrationshintergrund deren schulische Leistung negativ beeinflussen kann.
Welches sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit fokussiert sich auf die theoretischen Grundlagen des Erwartungseffekts, die Rolle von ethnischen Stereotypen bei der Urteilsbildung von Lehrkräften und die Auswirkungen auf die Motivation und das Engagement der Schüler.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuklären, ob und inwiefern verzerrte Erwartungen von Lehrkräften einen Teil der ethnischen Bildungsungleichheiten in Deutschland erklären können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Hausarbeit, die eine Meta-Analyse und Auswertung existierender empirischer Studien aus der Psychologie und Bildungsforschung vornimmt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Fundierung, die Analyse von Verzerrungen durch ethnische Stereotype, das beobachtbare Verhalten der Lehrkräfte und die Reaktionen der Schülerinnen und Schüler auf diese Erwartungen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Erwartungseffekt, ethnische Bildungsdisparitäten, Stereotype, Lehrer-Schüler-Interaktion, Selbstwirksamkeit und Kompetenzerwerb.
Welche Rolle spielen türkischstämmige Schüler in den untersuchten Studien?
Studien wie die von Lorenz et al. (2016) zeigen, dass türkischstämmige Schüler im Fach Deutsch von Lehrkräften signifikant negativer eingeschätzt werden als Kinder ohne Migrationshintergrund, selbst wenn die tatsächliche Leistung kontrolliert wird.
Wie reagieren Schüler auf die Erwartungen ihrer Lehrer?
Die Arbeit zeigt, dass Schüler sehr sensibel für die Erwartungshaltung ihrer Lehrkräfte sind. Eine positivere Wahrnehmung korreliert dabei mit höherem schulischen Engagement, besserer kognitiver Aktivität und einer stärkeren Selbstwirksamkeit.
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- Philipp Sebeikat (Autor), 2019, Verloren bevor es losgeht? Der Erwartungseffekt und ethnische Bildungsdisparitäten, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/541410