Verloren bevor es losgeht? Der Erwartungseffekt und ethnische Bildungsdisparitäten


Hausarbeit (Hauptseminar), 2019

16 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt

1 Zusammenfassung

2 Einleitung

3 Theorien & Grundlegende Arbeiten
3.1 Erwartungen und Erwartungseffekt
3.2 Grundlegende Arbeiten

4 Empirische Befunde zum Erwartungseffekt
4.1 Ethnische Stereotype verzerren Erwartungen
4.2 Verhalten der Lehrkräfte aufgrund verzerrter Erwartungen
4.3 Reaktionen der SchülerInnen auf wahrgenommene Erwartungen

5 Fazit und Diskussion

6 Literaturverzeichnis

1 Zusammenfassung

Negative Erwartungen der Lehrkräfte wirken sich im geringen Maße ungünstig auf den Kompetenzerwerb von SchülerInnen aus und SchülerInnen ethnischer Minderheiten sind davon besonders betroffen. Es zeigte sich, dass Erwartungen von Lehrkräften durch ethnische Stereotype zum Teil negativ verzerrt sind und dass verzerrte Erwartungen sich auf das Verhalten der Lehrkräfte niederschlagen. Außerdem wurde festgestellt, dass SchülerInnen ihrerseits die Erwartungen der Lehrkräfte wahrnehmen und diese wahrgenommenen Erwartungen mit Motivationsaspekten korrelieren. Weiter zeigte sich: Je positiver die wahrgenommene Erwartung, desto höher das schulische Engagement und die kognitive Aktivität. Es liegt nah, dass sich der Erwartungseffekt dadurch negativ auf die schulische Leistung insgesamt auswirkt und sich darüber ethnische Bildungsdisparitäten zum Teil erklären lassen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Modell zur Veranschaulichung des Erwartungseffekts durch Stereotype

2 Einleitung

Bildungsdisparitäten sind ein zentrales Thema in Deutschland. Es geht um die Frage, wie SchülerInnen optimal gefördert und ihre Potentiale entfaltet werden können. Dass ungleiche Bildungschancen auch mit dem sozioökonomischen Status und dem Migrationshintergrund in Zusammenhang stehen, ist mit dem Bestreben nach Chancengleichheit nicht zu vereinen (Autorengruppe Bildungsberichterstattung, 2016b). In der europäischen Charta der Grundrechte ist festgehalten, dass es keine Diskriminierung über den sozialen Status und der ethnischen Zugehörigkeit geben darf (Europäische Union [EU], 2010). Bildung und insbesondere Schulbildung ist ein sozialer Katalysator mit erheblichem Einfluss auf den individuellen Werdegang und der gesellschaftlichen Teilhabe. In den PISA-Studien 2001, 2004 und 2006 haben Jugendliche mit Migrationshintergrund in Deutschland in der mathematischen, naturwissenschaftlichen und Lese-kompetenz schlechtere Ergebnisse erzielt als SchülerInnen ohne Migrationshintergrund (Klieme et al., 2010). Teilweise lassen sich diese Unterschiede auf den sozioökonomischen Status zurückführen. Demnach haben SchülerInnen mit Migrationshintergrund häufiger einen niedrigeren sozioökonomischen Status und damit weniger soziale, kulturelle und ökonomische Ressourcen als Ursache für ungünstigere Lerngelegenheiten (Solga & Dombrowski, 2009).

Ob Diskriminierung anhand ethnischer Merkmale auch zur Erklärung der Bildungsungleichheiten beitragen kann ist nicht eindeutig geklärt (Autorengruppe Bildungsberichterstattung, 2016a; Diehl & Fick, 2016). Die Forschung nimmt dabei auch Prozesse in den Blick, die für die unterschiedlichen Bedingungen des Kompetenzerwerbs verantwortlich sein können. Dazu gehört unter anderem der Erwartungseffekt (Diehl & Fick, 2016).

Dieser Beitrag geht der Frage nach, inwieweit Erwartungen von Lehrkräften einen Einfluss auf den Kompetenzerwerb von SchülerInnen haben, die zu einer ethnischen Minderheit zugeordnet werden. Es soll geklärt werden, ob und in wie weit Lehrende von dieser SchülerInnen-Gruppe weniger erwarten als sie zu leisten fähig wäre, sie deswegen „anders“ behandeln und die SchülerInnen dadurch in ihrer intellektuellen Entwicklung beeinträchtigt sind. Dafür wird zunächst der Erwartungseffekt modellhaft erklärt und in grundlegende Erkenntnisse eingeführt. Im nächsten Schritt werde ausgewählte empirische Befunde dieses Effektes vorgestellt. Es werden drei Teilaspektes des Erwartungseffekts, Erwartungen und Verhalten der Lehrkräfte und Reaktion der SchülerInnen, aufgegliedert und näher beleuchtet.

3 Theorien & Grundlegende Arbeiten

3.1 Erwartungen und Erwartungseffekt

Die in der LehrerInnen-SchülerInnen-Interaktion sich unvermeidbar ausbildenden Erwartungen der Lehrkräften gegenüber ihren SchülerInnen sind „gedankliche Vorwegnahme des Verhaltens einzelner SchülerInnen“ (Schweer, 2008, S. 128). Beim Erwartungseffekt verändert sich das Verhalten der Lehrkräfte gegenüber SchülerInnen unter Einfluss der Erwartungen, so dass die SchülerInnen wiederum erwartungsbestätigend reagieren (Abbildung 1). In einem Modell von Jussim (1986) wird auf drei Ebenen die Erwartungen der Lehrkräfte, das daraus folgende Verhalten und die Reaktion der SchülerInnen erklärt. Dabei können zum Beispiel bisherige Leistungen, aber auch Stereotype, als vereinfachte kognitive Repräsentationen sozialer Gruppen, zu bestimmten Erwartungen führen. Es wird davon ausgegangen, dass sich Lehrende SchülerInnen anders verhalten, von denen sie viel bzw. wenig erwarten. Dies kann sich in konkreten Handlungen wie der Bereitstellung von verschieden herausforderndem Lernmaterial zeigen. Die SchülerInnen wiederum reagieren darauf hinsichtlich der Richtung der Erwartung mit Verhalten, dass die schulischen Leistungen erhöht bzw. verringert. Es wird in diesem Zusammenhang unter anderem von Faktoren wie unterschiedliche Anstrengung und Beteiligung gesprochen, vermittelt durch inner-psychische Vorgänge bezüglich der Selbstachtung und des Selbstkonzeptes (Jussim, 1986). Da der Erwartungseffekt im Sinne einer Selbsterfüllenden-Prophezeiung eine Vorhersage erfüllt, die sich ohne die Erwartung nicht erfüllt hätte, muss hier von einer Erwartung ausgegangen werden, die die tatsächlich vorliegende Ausgangssituation verkennt (Merton, 1948): Einer verzerrten Erwartung. Im Schulkontext bedeutet dies, dass die Erwartung der Lehrkraft über oder unter den eigentlichen Leistungspotential der SchülerInnen liegt (Lorenz, Gentrup, Kristen, Stanat & Kogan, 2016). Es wird von einer statistischen Diskriminierung gesprochen, wenn aus einem kognitiven Informationsdefizit auf Wissen über die vermeintliche Gruppe der SchülerInnen zurückgegriffen wird (Diehl & Fick, 2016). Dabei müssen von Stereotype beeinflusste Erwartungen nicht zwangsläufig verzerrte sein, sondern können auch den tatsächlichen Leistungsstand widergeben (Jussim, 1986). Nur verzerrte Erwartungen können einen Erwartungseffekt begründen (Jussim & Harber, 2005). Sollten der Erwartungseffekt durch verzerrte ethnische Stereotype tatsächlich zu niedrigeren schulischen Leistungen führen, würde dies letztlich die Stereotype bestätigen (Abbildung 1).

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Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Verloren bevor es losgeht? Der Erwartungseffekt und ethnische Bildungsdisparitäten
Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
1,7
Autor
Jahr
2019
Seiten
16
Katalognummer
V541410
ISBN (eBook)
9783346160812
ISBN (Buch)
9783346160829
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bildung, Psychologie, Schule, Ungleicheit, Selbsterfüllende Prophezeiung, Erwartungseffekt, Minderheit, Ethnie, Lehrer, Lehrerin, Schüler, Schülerin, Rassismus, Stereotype, Diskriminierung, Rosenthal Effekt, Pygmalion Effekt
Arbeit zitieren
Philipp Sebeikat (Autor), 2019, Verloren bevor es losgeht? Der Erwartungseffekt und ethnische Bildungsdisparitäten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/541410

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