Zum Verhältnis von Christentum und antiker Mythologie. Die Rezeption von Friedrich Schillers "Die Götter Griechenlandes" bei Heinrich Heine


Hausarbeit (Hauptseminar), 2013

25 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Heines Verhältnis zu Religion und Mythologie

III. Die Inspiration Heinrich Heines. Friedrich Schillers Die Götter Griechenlandes im Vergleich der Fassungen

IV. Die Rezeption der Götter Griechenlandes bei Heine
4.1: Entstehung und Überlieferung
4.2: Formale Analyse
4.3: Interpretation

V. Fazit: Die Götter Griechenland(e)s im Werkvergleich

VI. Bibliographie

I. Einleitung

"Die Götter der Griechen und Römer und ihre Mythen sind noch immer mit uns: unverhohlen in den bildenden Künsten, auf der Bühne, in Musik und Literatur und nicht zuletzt integriert in die Trivialität unseres Alltags. [...] Den Griechen zeigen sich die Götter [...] mit menschlichem Wesen, mit menschlichen Gefühlen, Gedanken und Leidenschaften. Was sie jedoch zu Göttern macht, ist, dass sie zum einen unsterblich sind und dass sie zum anderen den Menschen Respekt abverlangen und Anmaßung erbarmungslos strafen."1

Die Frage nach dem Verhältnis von Göttern und Menschen zeigte sich schon immer in vielen Bereichen unseres Lebens: Sei es die Verehrung der Götter durch den Bau von Tempeln, die Durchführung von Ritualen oder die Errichtung von Statuen in der antiken Welt, das Thema der Götterdämmerung2 in der musikalischen Umsetzung durch Richard Wagner oder die Verarbeitung der griechischen Mythologie in der Literatur, wie sie bei Friedrich Schiller, Johann Wolfgang von Goethe und Heinrich Heine zu finden ist.

In der folgenden Arbeit untersuche ich am Beispiel von Heinrich Heines Elegie Die Götter Griechenlands 3 dessen literarische Auseinandersetzung mit verschiedenen Themen und Motiven wie der apokryphen Präsenz der Götter4, der Entgötterung der Natur5, der Götterdämmerung (Kampf und Tod der Götter) und dem daraus resultierenden Machtverlust sowie dem Prometheusmotiv, welches für die Auflehnung des Menschen gegen die Götter steht. Von großer Bedeutung ist hierbei der historische Kontext. Wie in Kapitel II erläutert werden wird, war nach der Restauration 1815 eine Rechristianisierung im Gange, die andere Glaubensrichtungen wie die antike Mythologie verteufelte. So lässt sich auch auf Basis der Forschungsliteratur belegen, dass die genannten Themen und Motive das Verhältnis von Christentum und Mythologie widerspiegeln und nicht der Kampf der Götter untereinander im Vordergrund steht.

Ausgehend von einer Zusammenfassung des historischen Kontextes und Heines Sicht auf Mythologie und Religion, wird anschließend Friedrich Schillers Die Götter Griechenlandes 6 in seinen Kernaussagen zusammengefasst und interpretiert, da die Dichtung als Vorlage für Heines Die Götter Griechenlands diente. Dessen Rezeption bildet sodann den Hauptteil der Arbeit und umfasst die Entstehungsgeschichte, die formale und inhaltliche Analyse sowie die Interpretation der Götter Griechenlands im Hinblick auf die oben genannten Themen und Motive. Zuletzt sollen in einem Fazit die Kernaussagen von Heines Gedicht zusammengefasst und dem Werk Schillers gegenübergestellt werden, um aufzuzeigen, wie dasselbe Thema durchaus unterschiedliche Ausprägungen annehmen kann.

Die Grundlagen der Ausführungen bilden zu allererst die jeweiligen historisch-kritischen Werkausgaben der Dichtungen, hier speziell die Düsseldorfer Heine-Ausgabe sowie die Nationalausgabe von Schillers Werken. Im späteren Verlauf wird außerdem Bezug auf Johann Wolfgang von Goethes Prometheus nach der Hamburger Ausgabe genommen.7

Zu allen Dichtungen existiert eine große Auswahl an Sekundärliteratur, die vertiefende Einblicke gewährt und schwerpunktmäßig bestimme Aspekte zum Verhältnis von Heinrich Heine und der Mythologie und Religion hervorhebt. Ebenso verhält es sich mit der Forschungsliteratur zu Schiller und Goethe.

II. Heines Verhältnis zu Religion und Mythologie

Zu Lebzeiten Heines (1797-1856) fand ein religionsgeschichtlicher Wandel, die "Verdrängung vieler Göttergeschichten durch die eine Heilsgeschichte"8, statt. Die Kirche strebte danach, die Menschen in eine Unmündigkeit zu stürzen, was vom Staat durch die Subventionierung kirchlicher Organisationen und deren Ideologien im Zuge der Restauration von 1815 gefördert wurde.9 So wurden beispielsweise alle Schriften, die nicht zu einer Rechristianisierung beitrugen, nicht zum Druck freigegeben und waren somit einer staatlich-kirchlichen Zensur unterworfen, die keine anderen ideologischen Gedanken neben ihrer eigenen duldete.10

An dieser Stelle soll nun eine kurze Einbettung der religiösen Person Heines in diesen Kontext erfolgen. Heinrich Heine, 1797 in Düsseldorf geboren, war der Sohn jüdischer Eltern. Sein Vater war von Beruf Kaufmann am Hofe des Grafen Friedrich Christian zu Schaumburg Lippe. 1814, nach Abbruch seiner Schullaufbahn, folgte er seinem Vater und begann eine Ausbildung zum Kaufmann. Zuvor hatte er eine doppelte religiöse Bildung genossen: Zum einen besuchte er ab 1803 eine israelische Privatschule mit jüdischem Religionsunterricht, zum anderen eine christliche Normalschule mit christlichem Religionsunterricht, von welcher er 1810 auf das Gymnasium wechselt, welches er, wie bereits erwähnt, 1814 abbrach.11 Betrachtet man nun diese einerseits jüdische, andererseits christliche Erziehung und Bildung, würde man eigentlich erwarten, dass Heine – unabhängig davon, welche Religion dominieren würde – ein tief religiöser Mensch gewesen sein muss. Dem war jedoch nicht so. Die Heine-Forschung ist sich darüber einig, dass er sich immer nur der Form halber als gläubiger Jude bzw. Christ ausgegeben hat, um in der Gesellschaft nicht benachteiligt zu werden. Dies lässt sich unter anderem am Jahr 1825 belegen, in welchem Heine zum Protestantismus konvertierte, um nach den Judenpogromen12 von 1819 beruflich keine negativen Auswirkungen erwarten zu müssen.13 Die Sekundärliteratur spricht hier von einem "rein pragmatischen Akt ohne Religiosität".14 Heine selbst verehrte die antike Götterwelt und sah die Helenen als lebensheiter, entfaltungsstolz und realistisch an.15 Der Literaturwissenschaftler Dieter Borchmeyer steigert diese Verehrung noch weiter, in dem er Heine den "gefallenen Engel des transzendenten Gottes [...], den er immer wieder durch eine am antiken Polytheismus orientierte pantheistische Gottheit verdrängen möchte" nennt 16 Das bedeutet in diesem Kontext, dass Heine einen Gott, den unser Bewusstsein nicht erfassen kann und somit über allem steht, nicht akzeptieren kann, sondern eine Gottheit vorzieht, die eins mit der Welt, also Natur und Kosmos ist, wie es die antiken Götter waren.17 Es zeigt sich, dass Heine die Antike als ganzheitlich, die Neuzeit als zerissen ansah.18 Nach Heines Ansicht herrschte eine "Dämonisierung der Götterwelt durch das Christentum" vor19, sowie gleichzeitig eine Verteufelung der Natur20 in dem Bewusstsein, die antiken Götter seien eins mit der Welt.

Diesen Missstand versucht Heine in verschiedenen Werken poetisch zu relativieren21, für den die griechischen Götter noch immer, wenn auch im Verborgenen, existieren.22 Neben der Elegie Die Götter Griechenlands (1825, DHA I,1) findet sich die Thematik auch in Elementargeister (1837, DHA IX) und Die Götter im Exil (1853, DHA IX).23

Mit Die Götter Griechenlands bewirkte Heine "eine bewusstseinsrevolutionäre Skandalisierung des religiösen Empfindens"24, in dem das Elysium ausgelöscht ist, die Götter als Gerippe zurückbleiben und der ästhetische Sinn mit der schönen Götterwelt untergegangen ist und nur wiederkehrt, wenn die Götter selbst wiederkehren.25

Die antike Götterwelt, besonders das Exil der Götter, kann also durchaus als "Heines Lieblingsthema"26 angesehen werden, in dem er die besiegten griechischen Götter gegenüber dem Christentum verteidigt.27 Das Thema der Entgötterung der Natur durch den christlichen Monotheismus und die Verbannung der alten Götter ins Exil fand sich bereits 1788 in Schillers Erstfassung der Götter Griechenlandes, dessen Werk Heine 37 Jahre später rezipierte.28 Dieses Gedicht wird nun im folgenden Kapitel in seiner Erst- und Zweitfassung inhaltlich und interpretatorisch zusammengefasst.

III. Die Inspiration Heinrich Heines. Friedrich Schillers Die Götter Griechenlandes im Vergleich der Fassungen

Bevor nun im folgenden Kapitel das Gedicht Die Götter Griechenlands von Heinrich Heine im Detail untersucht werden soll, muss zunächst ein inhaltlicher und interpretatorischer Überblick über den Vorgänger des Werkes, das gleichnamige Gedicht Friedrich Schillers, gegeben werden. Dies geschieht anhand ausgewählter Textstellen.

Schillers Elegie erschien erstmals 1788 in der Zeitschrift Der teutsche Merkur. Sie umfasste 25 Strophen zu je acht Versen, die vorwiegend aus trochäischen Fünfhebern bestanden. Das Gedicht ist die elegische Klage eines nicht näher definierten lyrischen Ichs, welches sich in die antike Welt Griechenlands zurücksehnt und die Abwesenheit der griechischen Götter betrauert. Gleichsam ist es eine Kritik an der ästhetischen Verfassung der Gegenwart, die alle Schönheit verloren hat, seit der Mensch die Wahrheit erkannt hat29 und zeigt somit einen starken Kontrast zwischen der Freude und Glückseligkeit der Antike und der nun vorherrschenden tristen Dunkelheit auf, die durch das monotheistische30 Christentum und den aufklärerischen Rationalismus begründert worden ist.31 Dieses Bild Schillers findet sich schon in den ersten drei Strophen des Gedichts bestätigt:

Da ihr noch die schöne Welt regiertet / an der Freude leichtem Gängelband / glücklichere Menschenalter führtet / schöne Wesen aus dem Fabelland! / Ach! Da euer Wonnedienst noch glänzte, / wie ganz anders, anders war es da! / Da man deine Tempel noch bekränzte, / Venus Amathusia! (NA I,190, 1-8)

Das lyrische Ich spricht gleich zu Beginn von einer utopisch schönen Welt, in der die Menschen ein glücklichereres Leben führten, als die Menschen zur Zeit Schillers. Dieser Aspekt tritt besonders durch die Vergleichskonstruktion "glücklicherer Menschenalter" (V. 3) zum Vorschein. Der beklagte Verlust der Ästhetik der antiken Welt wird durch die mythologische Umschreibung "schöne Wesen aus dem Fabelland" (V. 4) hervorgehoben, an der das lyrische Ich zu verstehen gibt, dass die Fantasie, die Fiktion, vom aufkommenden Rationalismus verdrängt wird.

Zuletzt unterstreicht der Anruf der "Venus Amathusia" 32 (V. 8), der Göttin der Schönheit selbst, den Verlust eben jener. In der Forschung wird die Meinung vertreten, dass die erste Strophe bereits das Grundlegende über das Gedicht aussagt – allein die Antike war die glücklichste Epoche der Menschen – und alle folgenden Strophen nur noch der Verdeutlichung dienen.33

In der zweiten Strophe (V. 9-16) wird die Bedeutung der Dichtung für die Menschheit hervorgehoben. Dichtung besitzt demnach eine vermittelnde Rolle, da die Menschen nicht dafür geschaffen sind, die unverhüllte, ganze Wahrheit zu ertragen34, woraus sich eine anthropologische Begründung der Dichtung ergibt.35 Daraus wiederum könnte man den Schluss ziehen, dass unschöne Ereignisse durch "der Dichtkunst mahlerische Hülle / sich noch lieblich um die Wahrheit wand!" (V. 9) als weniger schlimm erscheinen und eine Verschleierung daher für den Menschen notwendig ist.36

Die negative Sicht auf den Rationalismus gibt das lyrische Ich in der dritten Strophe wieder, worin sich der wissenschaftliche Hintergrund Schillers zeigt, der als Mediziner eine fundierte naturwissenschaftliche Ausbildung genossen hatte.

Wo jezt nur, wie unsre Weisen sagen, / seelenlos ein Feuerball sich dreht / lenkte damals seinen goldnen Wagen / Helios in stiller Majestät. / Diese Höhen füllten Oreaden, / eine Dryas starb mit jenem Baum, / aus den Urnen lieblicher Najaden / sprang der Ströme Silberschaum.

(NA I,190,17-24)

Die Wissenschaft hat die Sonne als Bestandteil des Kosmos definiert und ihr so ihre Schönheit genommen, sodass sie nur noch "seelenlos [wie] ein Feuerball sich dreht" (V. 2) und einen Wechsel der Sicht auf die Welt bewirkt. In der glorifizierten Antike sah man in der Sonne noch die göttliche, schöne Kraft37 des Gottes Helios, der erhaben "in stiller Majestät" (V. 4) am Himmel lebte. Ebenfalls lebten nahe dem Gotte Helios die Bergnymphen (Oreaden 38 , V. 21), mit jedem Baum starb gleichzeitig eine Waldnymphe (Dryas 39 , V. 22) und das Wasser entsprang nicht einer geologischen Quelle, sondern den Urnen der Flussnymphen (Najaden 40 , V. 23). Kurzum betrauert das lyrische Ich die Entmystifizierung der Natur und des Kosmos durch die wissenschaftlich-rationale Sichtweise der Aufklärung. Da in Kapitel fünf zuletzt noch ein Werkvergleich der Götter Griechenland(e)s zwischen Schiller und Heine erfolgen soll, wird an dieser Stelle auf weitere Ausführungen zum Inhalt der ersten Fassung verzichtet und die zeitgenössische Rezeption des Werkes beleuchtet.

Das Gedicht sorgte in seiner Rezeption41 sowohl für inhaltliche als auch für formale Kritik, was hier an drei ausgewählten Beispielen vorgestellt wird. Hans-Dietrich Dahnke etwa beurteilte die inhaltlich orientierte Debatte 1989 mit dem Gegeneinander von Aufklärung und Fortschrittsgedanke zu religiös-konservativer Haltung:

"Für die einen schien Schiller in seinem Gedicht die Rückkehr nach Arkadien zu predigen und sich damit zugleich einem schwierigen und unerbittlichen Kampf in der eigenen Gegenwart entziehen zu wollen. Für die anderen konnte als ausgemacht gelten, daß hier der empörende Versuch einer Rehabilitation sinnlich-heidnischer Naturreligion und einer Absage an das Christentum vorlag. " 42

Poetischer Natur hingegen war die Kritik Stolbergs, der Schiller vorwarf, er zeige nicht die Wahrheit auf, sondern verfälsche mit seinem Gedicht das Bild der Geschichte:

"Auch die Poesie kommt von Gott! Dürfen wir kühn sagen; aber nur ihr wahrer Gebrauch heiliget sie. Ihre Bestimmung ist Wahrheit zu zeigen. Bald sie da zu erreichen, wo der Philosoph sie nicht fand, bald die dem Volk unsichtbare Göttin ins Gewand der Fiction zu hüllen [...]. So webt der Dichter Fictionen der kühnsten Fantasie der Wahrheit lebenathmendes Gewand, nicht um sie zu verhüllen, sondern um sie, die bald unsichtbar, bald blendend ist, andern zu zeigen. Poesie, welche nicht der Wahrheit gewidmet ist, schimmert ohne zu wärmen. Bethörte laufen dem hüpfenden Irwische nach; er erlischt und läßt sie im Sumpf." 43

Eine weitere Kritik, die im Hinblick auf die relative Kürze der zweiten Fassung durchaus von Bedeutung gewesen sein mag, findet sich in einem Brief Schillers an Körner vom Februar 1789, in welchem er schreibt "Die Götter Griechenlands hat er [Goethe] sehr günstig beurtheilt; nur zu lang hat er sie befunden, worin er auch nicht unrecht haben mag." 44 Schließlich hatte die Kritik, die Schiller seit Veröffentlichung des Gedichtes erfahren musste, solch eine Wirkung auf ihn, dass er im Jahr 1793 eine neue Fassung schrieb.

Betrachtet man die zweite Fassung (NA II,1,363-367) im Vergleich, erkennt man, dass zunächst 10 Strophen der ersten Fassung gestrichen (Strophen 6, 7, 8, 9, 11, 13, 17, 23, 24, 25) wurden. Die 14. und 15. Strophe der ersten Fassung fasste Schiller zu einer Strophe zusammen und fügte die neuen Strophen sechs und 16 zur zweiten Fassung hinzu. Zuletzt zog er die zwölfte Strophe der ersten Fassung zur siebten Strophe der zweiten Fassung vor, sodass in den neuen Fassung insgesamt 16 Strophen entstanden. Im weiteren Verlauf änderte er einzelne Verse.

So wurde unter anderem aus "glücklichere Menschenalter" (NA I,190,3) "Selige Geschlechter" (NA II,1,363,3) sowie aus "malerische Hülle" (NA I,190,9) "zauberische Hülle" (NA II/1,363,9). Daraus lassen sich beispielhaft folgende Schlüsse ziehen: Zum einen sind selig und zauberisch stärkere Wörter als "nur" glücklich und malerisch und heben die fantasievolle Utopie der Antike hervor. Zum anderen drückt es die starke Kraft der Kunst, in diesem Fall der Dichtung, aus, mit deren Hilfe man es schafft, die Götter noch glanzvoller erscheinen zu lassen.

Zuletzt tritt die letzte Strophe der zweiten Fassung besonders hervor:

"Ja sie kehrten heim und alles Schöne / Alles Hohe nahmen sie mit fort, / Alle Farben, alle Lebenstöne, / Und uns blieb nur das entseelte Wort. / Aus der Zeitfluth weggerissen schweben, / sie gerettet auf des Pindus Höhn, / Was unsterblich im Gesang soll leben / Muß im Leben untergehn." (NA III/1,367,121-128).

Die Götter nahmen auf ihrem Weg in das Exil alle Schönheit und alles Bedeutende auf der Welt mit sich (V. 121-122) und hinterließen den Menschen die Sprache (V. 124). Der Mensch aber kann durch die Dichtung – das geschriebene Wort – die Götter unabhängig (V. 125) bis in alle Ewigkeit unsterblich machen (V. 127). Die Kunst also kann die goldene Antike bewahren, indem sie sie vom irdischen Rationalismus trennt, wie im Gedicht schon durch die Forderung "Was unsterblich im Gesang soll leben / Muß im Leben untergehn." (V. 127-128) verdeutlicht wird. Zuflucht finden sie "auf des Pindus Höhn" (V. 126), dem irdischen Gebirge, in welchem der griechischen Mythologie nach der Gott Apollon, der Gott der Künste (Musik, Dichtung und Gesang) mit seinen Musen im Fabelland der Dichtung45 lebt. So kann Dichtung zu Unsterblichkeit führen.

[...]


1 Lücke, Hans-Georg und Susanne: Die Götter der Griechen und Römer, Wiesbaden 2007, S.7f.

2 Zum Begriff der Götterdämmerung (wörtliche Übersetzung von ragnarök aus dem Altnordischen: Schicksal der Götter) vgl. Götterdämmerung, in: Simek, Rudolf: Lexikon der germanischen Mythologie, Stuttgart 1995, S. 330f.

3 Alle Analysen und Interpretationen des Gedichts beziehen sich, sofern nicht anders vermerkt, auf die Hamburger Ausgabe, vgl. Henrich Heine: Die Götter Griechenlands, in: Ders., historisch-kritische Gesamtausgabe der Werke (Düsseldorfer Ausgabe), hrsg. von Manfred Windfuhr, Bd. I/1: Buch der Lieder. Text, bearbeitet von Pierre Grappin, Hamburg 1975, S.412-417 (Sigle DHA,Bd. I/1,Seitenzahl, Vers).

4 Borchmeyer, Dieter: Heines Götter, in: Goltschnigg, Dietmar/Grollegg-Edler, Charlotte/Revers, Peter (Hrsg.): Harry... Heinrich... Henri... Heine. Deutscher, Jude, Europäer (Grazer Humboldt-Kolleg, 6.-11. Juni 2006), Berlin 2008, S. 141-150, hier: S. 149.

5 Ebd., S. 149.

6 Friedrich Schiller: Die Götter Griechenlandes, in: Ders. Werke. Nationalausgabe. Hg. von Julius Petersen und Friedrich Beissner, Bd. I, Weimar 1943, S. 190-195 (Sigle: NA I,Seitenzahl,Vers) [1. Fassung] / Friedrich Schiller: Die Götter Griechenlandes, in: Ders. Werke. Nationalausgabe. Hg. von Norbert Oellers, Bd. II/2, Weimar 1983, S. 363-367 (Sigle NA II,2,Seite,Vers) [2. Fassung].

7 Johann Wolfgang von Goethe: Prometheus, in: Ders.: Werke. Hamburger Ausgabe. Textkritisch durchgesehen und kommentiert von Erich Trunz. Bd. 1, Gedichte und Epen I, München 161996, S. 44-46 (Sigle HA I,Seite,Vers).

8 Winkler, Markus: Mythisches Denken zwischen Romantik und Realismus. Zur Erfahrung kultureller Fremdheit im Werk Heinrich Heines, Tübingen 1995, S. 85.

9 Siehe Hernand, Jost: Heinrich Heine. Kritisch. Solidarisch. Umstritten, Köln/Weimar/Wien 2007, S. 156.

10 Ebd., S. 157. In dieser Situation ist eine gedanklicheVerbindung mit dem ersten der "Zehn Gebote" unausweichlich: "Ich bin der Herr, Dein Gott. Du sollst keine anderen Götter neben mir haben."

11 Vgl. Luserke-Jaqui, Matthias (Hrsg.): Schiller-Handbuch. Leben-Werk-Wirken, Stuttgart/Weimar 2011, S. 504f.

12 Die Judenpogrome waren eine Folge der Französischen Revolution von 1789, als die Juden sich mit den Christen als ebenbürtig definierten und dadurch in den Folgejahren von Gewalt bedroht wurden, vgl. zum historischen Kontext Rohrbacher, Stefan: Deutsche Revolution und antijüdische Gewalt (1815-1848/49), in: Alter, Peter (u.a., Hrsg.): Die Konstruktion der Nation gegen die Juden, München 1999, S. 29-47.

13 Dazu ist anzumerken, dass Heine 1819 ein Rechtsstudium begonnen und 1825 mit einer Promotion abgeschlossen hatte, vgl. zu Heines Leben im Allgemeinen Höhn, Gerhard: Heine Handbuch. Zeit-Person-Werk, Stuttgart 32004, S. 32ff.

14 Siehe Hernand, Heine, S. 157.

15 Borchmeyer, Dieter: Heines Götter, S. 141.

16 Vgl. Ebd., S. 141.

17 Die Interpretation stützt sich hier allgemein auf die Ausführungen von Gladigow, Burkhard: Pantheismus und Naturmystik, in: Bubner, Rüdiger (u.a., Hrsg.): Die Trennung von Natur und Geist, München 1990, S. 119–143 sowie Bos, Abrahm P.: Immanenz und Transzendenz, in: Reallexikon für Antike und Christentum, Bd.17, Stuttgart 1996, Sp. 1041–1092.

18 Siehe Martin, Ralph: Die Wiederkehr der Götter Griechenlands. Zur Entstehung des "Hellenismus"-Gedankens bei Heinrich Heine, Sigmaringen 1999, S. 20.

19 Görner, Rüdiger: Religion im Exil. Zu Heines Götterlehre, in: Goltschnigg, Dietmar/Grollegg-Edler, Charlotte/Revers, Peter (Hrsg.): Harry... Heinrich... Henri... Heine. Deutscher, Jude, Europäer (Grazer Humboldt-Kolleg, 6.-11. Juni 2006), Berlin 2008, S. 151-161, hier: S. 153. Auf diesen Aspekt geht Heine in Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland (DHA 8,1) weiter ein.

20 Ebd., S. 153.

21 Vgl. Ebd., S. 153.

22 Borchmeyer spricht von einer "apokryphen Präsenz", vgl. Borchmeyer, Heines Götter, S. 149.

23 In diesen Schriften sind die Götter unvergänglich: Durch die anthropologische Konstante – das menschliche Streben nach Glückseligkeit - haben die Götter auf ewig eine Legitimation, sind sie doch verantwortlich für Glück und Lebensfreude, vgl. Bartscherer, Christoph: Heinrich Heines religiöse Revolte, Freiburg im Breisgau 2005, S. 495.

24 Vgl. Görner, Religion im Exil, S. 158.

25 Ebd., S. 159.

26 Secci, Lia: Die Götter im Exil. Heine und der europäische Symbolismus, in: Galley, Eberhard (Schriftleitung, Heinrich-Heine-Institut): Heine-Jahrbuch 1976. 15. Jahrgang, Düsseldorf 1976, S. 96-114, hier: S. 96.

27 Ebd., S. 96.

28 Vgl. Borchmeyer, Heines Götter, S. 144.

29 Martin, Wiederkehr der Götter, S. 31.

30 Hier ist jedoch nicht unbedingt ein Angriff auf das Christentum direkt gemeint, sondern lediglich auf die Tatsache, dass die griechischen Götter von ihm verdrängt wurden. Gleichsam ist eine entgötterte Natur durch das Christentum eine entpoesierte Natur, die ihre Schönheit verloren hat. Zusammenfassend ist "am Christentum nicht der Monotheismus kritikwürdig, sondern nur, daß mit ihm die poetische Götterwelt der Griechen verloren ging", vgl. Koopmann, Helmut: Poetischer Rückruf, in: Oellers, Norbert (Hrsg.): Interpretationen. Gedichte von Friedrich Schiller, Stuttgart 1996, S. 64-83, hier: S. 79.

31 Ebd., S. 31.

32 Amathusia ist der Beiname der Aphrodite, wobei Amathus als die Stadt der (lat.) Venus bzw. (griech.) Aphrodite gilt.

33 Vgl. Koopmann, Poetischer Rückruf, S. 72. Die Überschrift der Interpretation fasst dabei zusammen, worum es sich bei diesem Gedicht handelt, nämlich um eine dichterische Reflexion zum Verhältnis von Antike und (damaliger) Moderne.

34 Ebd., S. 31.

35 Vgl. Ebd., S. 31.

36 Martin, Wiederkehr der Götter, S. 31.

37 Dies gilt dem Gedicht nach nicht nur für die Sonne. In den Versen 11 und 16 der zweiten Strophe heißt es "Durch die Schöpfung floß dd Lebensfülle" (V. 11) bzw. "alles eines Gottes Spur" (V. 16). Die Lebensfülle war in allem, stand für die Gesamtheit der Natur in allen Dingen, wie auch in Vers 16 deutlich wird, dass ein Gott für verschiedene Lebensbereiche zuständig war, man kann also möglicherweise eine Vergöttlichung der Welt daraus schließen.

38 Vgl. Oellers, Norbert (Hrsg.): Friedrich Schiller. Gedichte, Stuttgart 1996, S. 388.

39 Ebd., S. 380.

40 Ebd., S. 386.

41 Besondere Bedeutung haben hierbei Friedrich Leopold Graf zu Stolberg und Christian Gottfried Körner. Darauf kann im Hinblick auf die Zielsetzung der Arbeit nicht tiefgehender eingegangen werden, sodass nur ein kurzer Überblick möglich ist.

42 Vgl. Dahnke, Hans-Dietrich: Die Debatte um die "Götter Griechenlands", in: Dahnke, Hans-Dietrich/Leistner, Bernd (Hrsg.): Debatten und Kontroversen. Literarische Auseinandersetzungen in Deutschland am Ende des 18. Jahrhunderts, Bd. 1, Berlin/Weimar 1989, S. 193-269, hier: S. 207.

43 Vgl. Friedrich Leopold Graf zu Stolberg: "Gedanken über Herrn Schillers Gedicht: Die Götter Griechenlands", zit. nach: Fambach, Oscar (Hrsg.): Schiller und sein Kreis in der Kritik ihrer Zeit. Die wesentlichen Rezensionen aus der periodischen Literatur bis zu Schillers Tod, begleitet von Schillers und seiner Freunde Äußerungen zu deren Gehalt. In Einzeldarstellungen mit einem Vorwort und Anhang. Bibliographie der Schiller-Kritik bis zu Schillers Tod, Berlin 1957, S. 44f.

44 Zit. nach Lecke, Bodo (Hrsg.): Friedrich Schiller. Von den Anfängen bis 1795, München 1969, S. 359.

45 Vgl. Bartscherer, Heines Revolte, S. 494.

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Details

Titel
Zum Verhältnis von Christentum und antiker Mythologie. Die Rezeption von Friedrich Schillers "Die Götter Griechenlandes" bei Heinrich Heine
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Note
2,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
25
Katalognummer
V541813
ISBN (eBook)
9783346172556
ISBN (Buch)
9783346172563
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Religion, Mythos, Heine, Schiller, Rezeption, Götter, Christentum
Arbeit zitieren
Christopher Muhler-Carrera (Autor), 2013, Zum Verhältnis von Christentum und antiker Mythologie. Die Rezeption von Friedrich Schillers "Die Götter Griechenlandes" bei Heinrich Heine, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/541813

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