Dieser Arbeit liegt im Allgemeinen die Frage zugrunde, wie sich die Konstituierung filmischer Bilder mit Bergsons Gedanken zu Möglichkeit und Wirklichkeit erklären lässt und warum seine Theorie so wichtig ist, um die Korrelation dieser Bilder womöglich erst richtig zu begreifen. Um diese Untersuchung an einem Filmbeispiel zu konkretisieren, soll A Movie (Bruce Conner, USA 1958) als Paradigma für das Phänomen der Found Footage Filme dienen, deren Beschaffenheit die Problematik der Entstehung von Filmbildern und ihrer Relation zu Möglichkeit und Wirklichkeit bereits impliziert.
Sicherlich lässt sich das breite Spektrum der Filme, die mit gefundenem Material arbeiten, nicht auf einen Film herunterbrechen, jedoch markiert A Movie einen zentralen und richtungsweisenden Moment in der Geschichte avantgardistischer Found Footage Filme. Conners Werk bietet als eines der ersten und filmgeschichtlich bedeutendsten, welches mit Found Footage Material arbeitet, einen geeigneten Ausgangspunkt für die Untersuchung dieser filmischen Verknüpfungen.
Ein künstlerisches Werk wird oft als Realisierung oder Verwirklichung einer Idee bezeichnet, als Erfindung, durch welche bereits im Raum stehende Möglichkeiten umgesetzt werden. Zuerst existiert irgendwo im Abstrakten eine Möglichkeit, die schließlich ins Konkrete verwirklicht wird – so die weit verbreitete Annahme. Doch wenn bereits die Möglichkeiten von vornherein als gegeben erscheinen – weshalb wird die Menschheit dennoch so oft vom Wesen ihrer Verwirklichung überrascht? Weshalb ist es uns nicht schon längst möglich, die Zukunft vorherzusehen und weshalb begreifen wir oft erst im Nachhinein, ob wir tatsächlich richtig oder falsch gehandelt haben?
Der französische Philosoph und Nobelpreisträger für Literatur Henri Bergson widmet sich in einem Vortrag aus dem Jahr 1930 genau dieser Problematik der Relation von Möglichem und Wirklichem bzw. Verwirklichung und versucht damit, einen Irrtum in der gängigen Auffassung über dieses Verhältnis offenzulegen. Auch wenn sich Bergson selbst sehr kritisch gegenüber dem filmischen Medium äußerte und durchaus keinen Status als Filmtheoretiker anstrebte, stellen sich seine Überlegungen vor dem Hintergrund der Entstehung und Verknüpfung kinematographischer Bilder bei näherer Beschäftigung mit diesem Phänomen als Bereicherung, wenn nicht sogar unabdingbare Reflexionen heraus.
Inhaltsverzeichnis
1. Zielsetzung der Hausarbeit
2. Das Mögliche und das Wirkliche nach Bergson im filmischen Kontext
3. Found Footage Filme als Reflexion der Theorie Bergsons
4. Bruce Conners A Movie als Beispiel
4.1 Hintergrundinformationen zum Film
4.2 Mikrokosmische Analyse
4.2.1 Formale Aspekte
4.2.2 Inhaltliche Beobachtungen
4.3 Makrokosmische Bezüge
5. Fazit
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht, inwiefern die Konstituierung filmischer Bilder durch Henri Bergsons philosophische Gedanken zu Möglichkeit und Wirklichkeit erklärt werden kann. Dabei dient Bruce Conners Film A Movie (1958) als zentrales Paradigma, um aufzuzeigen, wie Found-Footage-Filme durch die Neukontextualisierung bestehenden Materials die Unvorhersehbarkeit und den prozesshaften Charakter filmischer Schöpfung widerspiegeln.
- Die Philosophie Henri Bergsons im Kontext von Zeit, Dauer und filmischer Bildentstehung.
- Found-Footage-Montage als Verfahren zur retrospektiven Freilegung von Möglichkeiten in bestehendem Filmmaterial.
- Die formale und inhaltliche Analyse von A Movie als experimentelles Avantgarde-Werk.
- Die Bedeutung von Neukontextualisierung und Montage für die Interpretation filmischer Zeichen.
- Die Reflexion von Mensch, Technik und Zerstörung durch die verdichtende Montage des Films.
Auszug aus dem Buch
Das Mögliche und das Wirkliche nach Bergson im filmischen Kontext
Die „ununterbrochene Schöpfung von unvorhersehbar Neuem, die sich im Universum fortzusetzen scheint“ (Bergson 2000: 110) lässt sich als Ausgangsthese für Bergsons Gedanken verstehen, da dieser Satz sowohl seine Auffassungen über Möglichkeit und Wirklichkeit, als auch über Zeit und Dauer als fundamentale Prinzipien seiner Philosophie inkludiert. Zunächst konstatiert Bergson, dass man vor der Verwirklichung einer Sache – beispielsweise einer bereits erwarteten Alltagssituation – jede einzelne seiner Handlungen im Detail überlegen, planen und alle denkbaren Szenarien im Kopf durchspielen kann und diese Situation im Moment ihrer Ausführung dennoch immer von den Erwartungen abweicht. Das bedeutet, ihre Verwirklichung „bringt ein unvorhersehbares gewisses Etwas mit sich, das alles verändert“ (Bergson 2000: 110) und ist in ihrer Erscheinungsweise einzigartig.
In Bezug auf den Konsum und das Schaffen von Filmen lassen sich hier mehrere Interpretationsansätze erkennen, die diesem Gedanken entsprechen. Zum einen lässt sich mit dem Terminus der Verwirklichung die Realisation des Films durch den Regisseur assoziieren. Auch hier ist es naheliegend, dass – egal, wie konkret das Drehbuch, die Regieanweisungen und generell die Vorstellungen des Filmemachers über sein Werk waren – das Ergebnis letztendlich doch zum Teil ungeahnte Züge aufweist. Allein die Tatsache, dass bereits beim Dreh des Films immer unvorhersehbare Problematiken auftreten, die die Filmschaffenden zur Improvisation zwingen, unterstreicht diesen Umstand. Zum anderen lässt sich der Gedanke des unvorhersehbaren, gewissen Etwas auch mit der Perspektive des Zuschauers vereinen, zumal beispielsweise Suspension oder unvorhergesehene Wendungen beliebte spannungsfördernde Methoden sind und damit den Unterhaltungswert für den Filmkonsumenten deutlich steigern. Viele Filme spielen also bewusst mit dieser Eigenschaft, da der weit verbreiteten Meinung zufolge Voraussetzung eines guten Films seine Unvorhersehbarkeit ist.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Zielsetzung der Hausarbeit: Einleitung in die philosophische Fragestellung von Bergson und Begründung der Wahl von A Movie als Untersuchungsgegenstand.
2. Das Mögliche und das Wirkliche nach Bergson im filmischen Kontext: Erläuterung von Bergsons Zeitauffassung und seiner Theorie zur Schöpfung, die als Grundlage für das Verständnis filmischer Bildmontagen dient.
3. Found Footage Filme als Reflexion der Theorie Bergsons: Untersuchung des Found-Footage-Genres als Mittel zur Verwirklichung retrospektiv begreifbarer Möglichkeiten durch Rekontextualisierung.
4. Bruce Conners A Movie als Beispiel: Vertiefende Analyse von A Movie hinsichtlich formaler, inhaltlicher und makrokosmischer Aspekte in Bezug auf Bergsons Thesen.
5. Fazit: Zusammenfassung der Erkenntnisse, dass kinematographische Bilder stets in einem Austausch stehen und die Theorie von Bergson die prozesshafte Natur des Mediums Film belegt.
Schlüsselwörter
Henri Bergson, Found Footage, Montage, A Movie, Bruce Conner, Möglichkeit, Wirklichkeit, Filmtheorie, Experimenteller Film, Zeitauffassung, Dauer, Neukontextualisierung, Avantgarde, Bildmontage, Medientheorie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die philosophische Theorie Henri Bergsons über Möglichkeit und Wirklichkeit und überträgt diese auf die Konstituierung und Montage filmischer Bilder.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Filmtheorie, die Ästhetik des Found-Footage-Films, die Bedeutung von Zeit und Dauer in der Philosophie sowie die Analyse des experimentellen Kinos.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, nachzuweisen, wie Bruce Conners A Movie die Bergsonschen Gedanken widerspiegelt und warum die Montage von gefundenem Material als "unvorhersehbares Neues" zu verstehen ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine medientheoretische Filmanalyse, die philosophische Konzepte Bergsons mit filmwissenschaftlichen Analysen der Found-Footage-Praxis verknüpft.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung, die Explikation des Found-Footage-Begriffs und eine detaillierte Analyse von A Movie auf formaler, inhaltlicher und makrokosmischer Ebene.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Besonders prägend sind die Begriffe Bergson, Found Footage, Montage, A Movie und die Konzepte von Möglichkeit und Wirklichkeit.
Warum ist gerade A Movie ein geeignetes Beispiel?
Conners Film gilt als wegbereitendes Werk der experimentellen Found-Footage-Ästhetik, das die durch Montage erzeugte Neukontextualisierung und die Zirkulation von Bildern exemplarisch vorführt.
Welche Rolle spielt die Musik in A Movie?
Die Musik (Respighis Pini di Roma) fungiert als kontrapunktisches und verbindendes Element, das die Ambiguität und den "Fluss" der Bilder unterstreicht und die Autodestruktion des Menschen sarkastisch untermalt.
- Quote paper
- Janina Isabel Weida (Author), 2016, Das Mögliche und das Wirkliche im filmischen Kontext. Reflexionen der Bergsonschen Theorie am Beispiel von "A Movie" (1958), Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/541862