Indien - noch heute besitzt dieses Land einen märchenhaften Nimbus, und schaut man in der Geschichte zurück, stellt man fest, daß der Subkontinent schon seit alters Schauplatz von Fabeln, Wundergeschichten u.ä. war. Für den Menschen der Antike war Indien ein sagenumwobenes Land am anderen Ende der Welt, von wo man nur spärliche, wundersame Nachrichten besaß. Dort soll es goldgrabende Riesenameisen gegeben haben, dort lag der Hort ursprünglicher Weisheit.
Die klassischen Kulturen wird man sich kaum als isolierte Gebilde vorstellen dürfen, die sich ohne materiellen und geistigen Austausch vollkommen unabhängig voneinander entwickelten. Ein Blick in die Forschungsliteratur zeigt aber, daß es sich bei der Frage nach Kontakt und gegenseitiger Beeinflussung zwischen dem alten Indien und der antiken Mittelmeerwelt um ein Reizthema handelt. Während die Handelsbeziehungen v.a. durch archäologische Befunde gut belegt sind, stößt man immer wieder auf größte Zurückhaltung, geht es um Annahmen zum geistigen Austausch. Schnell wird Wissenschaftlern, die substanzielle Gemeinsamkeiten zwischen indischer und griechischer Philosophie, Religion, Medizin oder Astrologie sehen, ein Enthusiasmus vorgeworfen, den die Quellen nicht rechtfertigen.
Bei aller Vorsicht, die geboten ist, soll hier gefragt werden, über welche Informationen das Altertum verfügte, speziell: was wußte man insbesondere über indische Religion? Inwieweit könnten sich die beiden Kulturen lange vor unserer Zeitrechnung weltauschaulich beeinflußt haben? Während die zweite Frage hier nur den Rahmen für weitere Überlegungen bieten soll, geht die vorliegende Arbeit den antiken Kenntnissen zur indischen Religiosität am Beispiel der Gymnosophisten auf den Grund.
Die Gymnosophisten, wörtlich "die nackten Weisen", ware indische Asketen, welche den Griechen begegneten, als diese im Zuge der Eroberungen Alexanders des Großen im 4.Jh.v.Chr. über das heutige Pakistan und Afghanistan in den Panjab und ins Indus-Tal vordrangen. Mehrere Berichte über Asketen, Philosophen, Weise und Brahmanen sind uns erhalten. Es soll geklärt werden, inwieweit wir bei diesen Nachrichten über die Gymnosophisten von verwertbaren Informationen oder von griechischen Topoi auszugehen haben, bzw. was wir als hinduistisch aus der interpretatio graeca extrahieren können. Weil die Gymnosophisten Indiens Ruhm als Land der Weisheit begründeten, können sie geradezu als Paradigma für die Entstehung und Wandlung des Indienbildes der Antike gelten.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Das Indienbild der Antike
III. Die Gymnosophisten der Alexander-Historiker
IV. Megasthenes
V. Brahmanen, Buddhisten, Jainas?
VI. Die Gymnosophisten-Tradition der Antike
VII. Schlußüberlegungen
IX. Literaturverzeichnis
IX. 1. Quellen
IX. 2. Sekundärliteratur
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Wahrnehmung indischer Asketen, der sogenannten Gymnosophisten, durch antike griechische und römische Quellen, um den Austausch zwischen den beiden Kulturkreisen zu beleuchten und den Einfluss auf das zeitgenössische Indienbild zu analysieren.
- Wahrnehmung indischer Askese in der griechisch-römischen Antike
- Die Rolle der Alexander-Historiker als Primärquellen
- Differenzierung indischer religiöser Strömungen (Brahmanen, Sarmanen)
- Interpretation indischer Weisheit durch griechische Denkkategorien
- Die historische Entwicklung des Indienbildes von der Antike bis zur Kaiserzeit
Auszug aus dem Buch
IV. Megasthenes
Das nur in Auszügen erhaltene Werk des Gesandten enthielt Beschreibungen zu Land und Leuten, zur Religion, zur Gesellschaft und zum Staat der Maurya. Nahezu einmütig wird er von Wissenschaftlern als glaubwürdigste Quelle behandelt. Auch Megasthenes kannte die Geschichte des Onesikritos und die beiden Gymnosophisten Kalanos und Dandamis. Von Kalanos erzählt er, daß ihn die anderen Weisen quasi als Abtrünnigen beschimpften, der sich die ‘Rechtgläubigkeit’ nicht bewahrt hatte. Er sei „an den Tischen Alexanders zum Sklaven geworden“ und auch seine Selbstverbrennung entsprach nicht den Lehrsätzen der Gymnosophisten. Da Megasthenes sich in Pataliputra aufhielt, läßt die Kritik an Kalanos möglicherweise Unterschiede annehmen in dem, was die Brahmanen dort und jene im Nordwesten als orthodox ansahen. Dies beweist, wie heterogen die hinduistische Religiosität damals schon war.
Über die Gymnosophisten erfahren wir von Megasthenes noch Genaueres: So differenziert er zwischen Brahmanen und Sarmanen. Bei den Sarmanen handelt es sich um Asketen und richtig hat Megasthenes erkannt, daß es jedem - unabhängig von seinem Stand - freistand, ein solcher zu werden. Über diese Asketen berichtet er, daß sie nackt leben, sich unter großen Bäumen aufhalten und von den Früchten der jeweiligen Jahreszeit sowie von süßer Baumrinde zehren. Andere tragen Kleider aus Baumbast, enthalten sich des Weines und des Geschlechtsverkehrs, sind als Heilkundige bekannt und ernähren sich von den Gaben, die sie von Jedermann bekommen. Ihnen allen wird „Standhaftigkeit, sowohl in Mühseligkeiten, als in Schmerzen“ attestiert, „so daß sie einen ganzen Tag in einer Stellung verharren.“
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Wahrnehmung Indiens in der Antike ein und skizziert die Problematik des kulturellen und geistigen Austauschs zwischen der griechisch-römischen Welt und dem indischen Subkontinent.
II. Das Indienbild der Antike: Dieses Kapitel beschreibt den Wandel der Wissensvermittlung über Indien, insbesondere durch den Alexanderzug, der den Horizont der griechischen Welt erheblich erweiterte.
III. Die Gymnosophisten der Alexander-Historiker: Hier werden die zeitgenössischen Berichte der Alexander-Begleiter wie Onesikritos und Aristobulos analysiert, die maßgeblich zur Prägung des Bildes der „nackten Weisen“ beitrugen.
IV. Megasthenes: Dieses Kapitel widmet sich dem Werk des Gesandten Megasthenes, der eine der wichtigsten antiken Quellen zu Gesellschaft, Staat und Religion der Maurya-Zeit darstellt.
V. Brahmanen, Buddhisten, Jainas?: Hier wird die Schwierigkeit untersucht, die griechischen Berichte über die Gymnosophisten den historisch korrekten indischen religiösen Gruppen zuzuordnen.
VI. Die Gymnosophisten-Tradition der Antike: Dieses Kapitel befasst sich mit der Rezeption und dem Topos der indischen Weisheit in der späteren antiken Philosophie und Literatur.
VII. Schlußüberlegungen: Die Arbeit schließt mit einer Reflexion über das beachtliche, wenn auch von griechischen Vorstellungen geprägte Bild der indischen Askese in der antiken Welt.
IX. Literaturverzeichnis: Hier werden die verwendeten antiken Primärquellen sowie die wissenschaftliche Sekundärliteratur aufgeführt.
Schlüsselwörter
Gymnosophisten, Alexander der Große, Antike, Indienbild, Brahmanen, Askese, Megasthenes, interpretatio graeca, Sarmanen, Kulturkontakt, Religionswissenschaft, Indien, Philosophie, Altertum, Asketischer Reformismus.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit analysiert, wie antike Autoren und Beobachter die indischen Asketen, die sogenannten Gymnosophisten, wahrgenommen und in ihr eigenes Weltbild integriert haben.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Im Zentrum stehen die interkulturellen Begegnungen zwischen Griechen/Römern und Indern, die religiöse Praxis der Askese und die Entstehung von Stereotypen in der antiken Geschichtsschreibung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, inwieweit die antiken Berichte über indische Weise authentische Beobachtungen widerspiegeln oder durch griechische philosophische Konzepte verfremdet wurden.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Es handelt sich um eine religionswissenschaftliche und althistorische Analyse, die antike Quellen und deren moderne Forschungsrezeption kritisch vergleicht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit den Berichten der Alexander-Historiker, den detaillierten Beschreibungen durch Megasthenes und der Frage der Identifikation der Asketen als Brahmanen, Buddhisten oder Jainas.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Gymnosophisten, interpretatio graeca, asketischer Reformismus, interkultureller Austausch und Quellenkritik.
Warum war das Bild des Kalanos bei antiken Autoren so bedeutend?
Kalanos gilt als eines der frühesten Beispiele für einen direkten Kontakt zwischen griechischen Eroberern und einem indischen Asketen, dessen legendäre Selbstverbrennung sich tief in das antike Bewusstsein eingrub.
Inwiefern beeinflussten griechische Philosophen das Bild der Gymnosophisten?
Griechische Autoren wie Onesikritos neigten dazu, die indischen Weisen durch eine kynische Brille zu betrachten, um sie für das eigene philosophische Publikum verständlicher oder als Vorbilder darzustellen.
Wie unterscheidet Megasthenes zwischen verschiedenen indischen Gruppen?
Megasthenes differenziert systematisch zwischen Brahmanen, die eine priesterliche Rolle innehatten, und Sarmanen, die als Asketen unabhängig von ihrem sozialen Stand ein Leben der Entsagung führten.
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- Mathias Pfeiffer (Author), 2003, Die Gymnosophisten - Indische Asketen aus der Perspektive antiker Quellen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/54200