Geistige Behinderung und Sexualität


Hausarbeit, 2018

23 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis

1.Einleitung

2.Geistige Behinderung und Sexualität
2.1 Was ist geistige Behinderung?
2.2 Das Menschenbild von Menschen mit geistiger Behinderung
2.3 Was ist Sexualität?
2.4 Sexuelle Selbstbestimmung

3. Lebensumstände und Auswirkungen für Menschen mit geistiger Behinderung
3.1 Lebensstrukturen und ihre Auswirkungen auf Sexualität
3.2 Familiäre Bedingungen und ihre Auswirkungen auf die Sexualität
3.3 Institutionelle Bedingungen und ihre Auswirkungen auf die Sexualität

4. Passive und aktive Sexualassistenz und ihre Möglichkeiten

5. Bedeutung der Sozialen Arbeit

5.1 Empowerment und das Recht auf Sexualität

6. Fazit

Literaturverzeichnis

1.Einleitung

Im deutschen Grundgesetz steht geschrieben, dass kein Mensch einen anderen auf Grund seiner Behinderung benachteiligen darf.1 Ein Grundaspekt des Menschen ist die Sexualität, mit welcher er in der Lage ist die verschiedensten Emotionen und Gefühle Ausdruck zu verleihen. Sexualität beeinflusst das gesamte Leben eines jeden Menschen, dessen individuelle Entwicklung und die individuellen Formen des Zusammenlebens. Die Sexualität gehört zu der Normalität der deutschen Gesellschaft. Dies ist somit für einen Menschen ohne eine Behinderung Normalität, wohingegen es für einen Menschen mit einer geistigen Behinderung oftmals eine enorme Schwierigkeit darstellt seiner eigenen Sexualität nachzugehen.

Während meiner Ausbildung zur Heilerziehungspflegerin und meiner späteren Arbeit habe ich die Verschiedensten Wohneinrichtungen für Menschen mit Behinderung gesehen. Hierbei habe ich gesehen das egal in welcher Wohneinrichtung ein Mensch mit geistiger oder auch körperlicher Behinderung entweder sehr erschwerte oder gar keine Möglichkeit hatte seine Sexualität auszuleben. In Gesprächen mit Angehörigen, die oftmals auch für die gesetzliche Betreuung der Menschen zuständig waren war das Thema geistige Behinderung und Sexualität nicht existent. Bei den Mitarbeitern traf ich jedoch auf die unterschiedlichsten Ansichten. Für Mitarbeiter die schon Jahre in diesem Berufsfeld gearbeitet haben war es eher ein Tabuthema, wohingegen ich bei den jüngeren Mitarbeitern auf viel Offenheit, Aufgeschlossenheit und willen zur Veränderung traf.

Hierbei zeigt sich, dass Sexualität und jegliche Art der Behinderung noch für viele Menschen nicht zusammen passen und es somit noch immer ein Tabuthema darstellt. Obwohl die Gesellschaft in den letzten Jahren für die Lebenssituationen von Menschen mit Behinderung Sensibilität worden sind ist die natürliche Sexualität für Menschen mit einer geistigen Behinderung kein Selbstverständlicher Aspekt ihres Lebens. Die Umsetzung von sexualpädagogischen Konzepten in Wohneinrichtungen stellt häufig immer noch ein Problem dar.

Durch die Umsetzung der Inklusion und der rechtlichen Grundlage der Selbstbestimmung von Menschen mit Behinderung, werden so immer mehr Möglichkeiten geschaffen, damit sie ihre Sexualität ausleben können. Ebenso nimmt das Konzept des Empowerments einen immer wichtiger werdenden Aspekt in der Arbeit mit Menschen mit Behinderung ein, wodurch auch immer häufiger Sexualität für Menschen mit geistiger Behinderung möglich wird.2

Diese Seminararbeit soll den Fragen befassen, ob das Recht auf die Auslebung der Sexualität für Menschen mit geistiger Behinderung realisiert wird. Ob und inwieweit die Lebensstrukturen von Menschen mit geistiger Behinderung eine Rolle spielen, welche Möglichkeiten ihnen zur Auslebung ihrer Sexualität zur Verfügung stehen und wie diese in der Arbeit mit Menschen mit Behinderung angesehen und umgesetzt werden. Hierbei wird auch ein Fokus auf die Soziale Arbeit und dessen Aufgaben gesetzt.

2.Geistige Behinderung und Sexualität

2.1 Was ist geistige Behinderung?

Der Begriff der behinderung ist vielfältig zu Definieren. Im Feld der Sozialen Arbeit nimmt der Begriff der Behinderung schon seit vielen Jahren eine Mittelpunkt Stellung ein. Hierbei ist jedoch zu beachten, dass der Behinderungsbegriff werder ein geklärter noch ein klar definierter ist, wodurch nicht klar ist in welchem Sinne dieser Angewendet wird. So zeigen sich sowohl im wissenschaftlichen als auch im alltäglichen Gebrauch Unklarheiten bezüglich des Gebrauches des Behinderungsbegriffes.3 Bei einer Sehbehinderung ist eine beeinträchtigung des Sehens in irgendeiner Form klar zu erkennen. Wohingegen dies bei einer geistigen Behinderung nicht der Fall ist, da es nicht als eine Behinderung des Geistes gesehen werden kann.

Laut Bach ist eine geistige Behinderung ein umfassendes Wesensmerkmal des betroffenen Individuums. Bach charakterisiert demnach das Individuum mit einer geistigen Behinderung nach seiner Fähigkeit Lerninhalte aufzunehmen, zu bearbeiten und ab zu speichern, wodurch lediglich eine Beeinträchtigung im sprachlichen, motorischen und emotionalen Bereich vorliegt und nicht eine Beeinträchtigung des Geistes.4 Eine andere Dinfinition des Behinderungsbegriffes, beschreibt eine geistige Behinderung als eine Verzögerung der Entwicklung. Demzufolge entwickelt sich das Individuum mit einer geistigen Behinderung in gleicher weise wie ein Nichtbehinderter Mensch, dies jedoch nur in verlangsamter Form.

Der Bundesvereinigung Lebenshilfe fasst den Begriff „geistige Behinderung“ wie folgt zusammen:

„Geistige Behinderung ist keine Krankheit. Sie bedeutet vor allem eine Beeinträchtigung der intellektuellen Fähigkeiten eines Menschen, nicht aber seiner sonstigen Wesenszüge, wie z.B. der Fähigkeit, Freude zu empfinden oder sich wohl zu fühlen. Geistig behinderte Menschen benötigen oft Hilfe und Unterstützung. Durch spezielle Förderung und Begleitung können viele behinderte Menschen lernen, ein Leben zu führen, das ihren Bedürfnissen gerecht wird und das dem von Menschen ohne Behinderung weitgehend gleicht.“5

Weingärtner sieht in der Definition der Lebenshilfe den Vorteil, dass der Mensch mit einer geistigen Behinderung in seinen Bedürfnissen, außer im intellektuellen Bereich mit dem rest der Gesellschaft gleichgestellt wird.6

Eine weniger defizitorientierte und dafür eher eine Definition mit einem pädagogischen Schwerpunkt wurde von Speck aufgestellt. Laut Speck hat der Mensch mit einer geistigen Behinderung ein besonderes Erziehungs Bedürfnis, welches die intellektuelle und soziale Entwicklung fokussiert. So soll eine geregelte Lebensentwicklung ermöglicht werden.7

2.2 Das Menschenbild von Menschen mit geistiger Behinderung

In der heutigen Gesellschaft wird der Mensch mit einer geistigen Behinderung und deren Sexualität immer noch sehr stark stigmatisiert. Es haben zwei Theologen mit einer Behinderung im Rahmen einer Publikation für den Ökumenischen Rat der Kirchen zehn Mythen zum Thema Sexualität und Behinderung aufgezeigt. Hierzu gehören die drei Mythen, dass alle Menschen mit Behinderung asexuell, sexbesessen und triebbestimmt seien. Ebenso der Mythos, dass alle Menschen mit Behinderung in ihrer Entwicklung im Kindesalter stehen bleiben würden und sie somit vor allem beschützt werden müssten.8 An dieser Stelle kommen Sichtweisen auf die unterschiedlicher nicht sein könnten. Einmal die scheinbare Asexualtität und andererseits die Sexbesessenheit. Da es vielen Menschen unangenehm ist über das Thema Menschen mit Behinderung und Sexualität zu sprechen oder gar nach zu denken. Entstehen Stigmatisierungen wie zum Beispiel, dass Menschen mit Behinderung keine sexuellen Wünsche oder Bedürfnisse haben.9 Die Beeinflussung derlei Mythen kann auch durch Mitarbeiter der Wohneinrichtungen gesehen. Da es Einrichtungsintern die verschiedensten Fortbildungen zum Thema Menschen mit Behinderung und Sexualität gibt. Es gibt Fortbildungen mit dem Titeln „Distanzlosigkeit“, „Homosexualität aufgrund der Gruppensituation“, „Onanieren in allen möglichen und unmöglichen Situationen“,

„Ersatzreize“, „Extreme Schamhaftigkeit“, sowie „Extreme Schamlosigkeit“, „Sexualität oft reduziert auf eigene Triebbefriedigung“ „Häufiger Partnerwechsel“ und „Nacktheit zeigen oder Nacktheit verstecken“.10 Einige dieser Themenbereich mögen sicherlich auf ein paar Menschen mit geistiger Behinderung zutreffen, jedoch sollten nie die Hintergründe und Vorgeschichten dafür außer Acht gelassen werden. Die Verhaltensweisen von Menschen mit Behinderungen können die unterschiedlichsten Ursachen und Gründe haben. Es können sowohl institutionelle Bedingungen, familiäre Gegebenheiten oder auch beides zusammen eine Rolle spielen.

Das Konzept der aktiven und passiven Sexualassistenz soll einmal Aufklärung betreiben, um Stigmatisierungen abzubauen und den teilweise vorkommenden Verhaltensweisen von Menschen mit geistiger Behinderung entgegenzuwirken. Dieses Konzept wird im Verlaufe dieser Seminararbeit noch vorgestellt im Zusammenhang mit dem Fokus auf die Lebensstrukturen und ihre Auswirkungen auf Menschen mit geistiger Behinderung und ihre Sexualität.

2.3 Was ist Sexualität?

In der Literatur wird der Begriff der Sexualität oftmals unterschiedlich Definiert, da er die verschiedensten Facetten, Auslegungen und Inhalte beinhaltet. Die Sexualität gehört zu den Grundbedürfnissen des Menschlichen Lebens und ist in Deutschland rechtlich Verankert.11 Die Sexualität stellt nicht nur den Aspekt der „Genitalsexualität“ dar, bei welcher es ausschließlich um den Geschlechtsakt mit den Geschlechtsorganen im Sinne der Fortpflanzung geht. Sondern auch die emotionale und zwischenmenschliche Ebene, was eine Form der Kommunikation darstellt bei welcher der Mensch sich individuell Selbst darstellen kann. So können zwischenmenschliche Beziehungen sich entwickeln und gefestigt werden.12

Die Sexualität hat in allen Lebensphasen eines Menschenes Bedeutung, selbst schon in frühester Kindheit. Die Sexualität Beinhaltet drei verschiedene Bereiche. Einmal den äußeren Bereich der den Bereich der menschlichen Beziehungen und Verhaltensweisen umfasst.

Dann den mittleren Bereich der die Gefühle und dessen Regungen, Zärtlichkeiten und die daraus folgenden Handlungen umfasst. In den engeren Bereich werden die intensiven Formen körperlicher Lust und sexueller Gemeinsamkeiten eingefasst.

Die Sexualität wird von den Normen und Erfahrungen der Gesellschaft beeinflusst und in diesem Zusammenhang stehen daher die individuellen Lebens- und Lernerfahrungen, in Bezug auf die Sexualität eines jeden Individuums.13

2.4 Sexuelle Selbstbestimmung

Sexuelle Selbstbestimmung ist laut Ortland eine für jeden Menschen vorhandenen Entwicklungsoption und -ressource, welche unabhängig von der individuellen Lebenssituation zu betrachten ist. Sexualität hat im zusammenhang mit der realisierung von sexueller Selbstbestimmung keine gesellschaftlichen Normen, an welchen diese klar vorgegeben sind. Sexuelle Selbstbestimmung ist individuelle von jedem Einzelen abhängig, da diese genau wie die Sexualität an sich in viele unterschiedliche Dimensionen unterteilt werden kann.

Sein Leben sexuell Selbstbestimmt zu führen kann bedeuten sich dauerhaft oder nur zeitweisen für oder gegen einen sexuellen Aspekt zu entscheiden. Dies wäre zum Beispiel die Entscheidung für oder gegen eine Gnitalsexualität, partnerschaftliche Sexualität, Masturbation oder der eigenen Geschlechtsidentität in Bezug fühlen männlich oder weiblich. Diese Entscheidungen können sowohl bewusst als auch unbewusst getroffen werden, obwohl sie häufiger unbewusst geschehen und sie für jeden Menschen individuell kommunizierbar so wie reflektierbar sind.

Deshalb beinhaltet die sexuelle Selbstbestimmung die eigene individuelle Entscheidung in bezug auf die Sexuelleauslebung, angepasst an die indivuduelle Lebenssituation. Dies wird ebenfalls beeinflusst durch unterschiedliche emotionale, körperliche und kognitive Lebensressourcen. Bei Menschen mit einer schweren geistigen oder sogar mehrfach Behinderung kann diese Entscheidung in ihrer Ausdrucksform sehr basal sein. Diese Entscheidungen bezüglich der eigenen Sexualität können sich im Laufe eines Lebens immer wieder verändern. Da der Mensch sich im laufe seines Lebens durch neue Erfahrungen weiter entwickelt.14

[...]


1 Vgl. Artikel 3, Absatz 3, Grundgesetz

2 Vgl. Handbuch Sexualpädagogik und sexuelle Bildung (2008): Sexualität und Behinderung, S. 295 ff.

3 Vgl. Lindmeier (1993): Pädagogik bei Behinderung und Benachteiligung, S.21

4 Vgl. Weingärtner (2013): Schwer geistige behindert und selbstbestimmt

5 Vgl. Bundesvereinigung Lebenshilfe: Die lebenshilfe stellt sich selbst vor.

6 Vgl. Weingärtner (2013): Schwer geistige behindert und selbstbestimmt

7 Vgl. Speck 1993, S.45 ff., zit. n. Wagner 2001

8 Vgl. Mattke, U. (2004): Frage- und Problemstellung zur Sexualität geistig Behinderter Menschen, S.46 ff.

9 Vgl. Bosch, E. (2006): Sexualität und Beziehungen bei Menschen mit einer geistigen Behinderung

10 Vgl. Mattke, U. (2004): Frage- und Problemstellung zur Sexualität geistig Behinderter Menschen, S.46 ff.

11 Vgl.Dr. Björn Winkler (2009): Das Recht der Behinderten Menschen.

12 Vgl. Schriftenreihe der Gesellschaft für Sexualerziehung und Sexualmedizin (2005): Grundrecht der Sexualität?

13 Vgl. Bundesvereinigung Lebenshilfe (2005): Sexualpädagogische Materialien für die Arbeit mit geistig Behinderten Menschen.

14 Vgl. Ortland, B. (2016): Sexuelle Selbstbestimmung von Menschen mit Behinderung. Grundlagen und

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Geistige Behinderung und Sexualität
Hochschule
FOM Essen, Hochschule für Oekonomie & Management gemeinnützige GmbH, Hochschulleitung Essen früher Fachhochschule
Note
1,3
Autor
Jahr
2018
Seiten
23
Katalognummer
V542038
ISBN (eBook)
9783346171283
ISBN (Buch)
9783346171290
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sexualität, Menschen mit Behinderung, geistige Behinderung, sexuelle Selbstbestimmung, Sexualassistenz, Soziale Arbeit
Arbeit zitieren
Annika Sacchi (Autor), 2018, Geistige Behinderung und Sexualität, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/542038

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