Nachdem sich die Politikwissenschaftler Klaus Heinemann und Rolf Meier Mitte der neunziger Jahre bereits intensiv mit dem Verhältnis des Staats und des organisierten Sports auseinandersetzten, ist die Wiederaufarbeitung Peter Lösches, der die Problematik des Verhältnisses zwischen Staat und Sport anhand eines Strukturierungsansatzes versucht einzugrenzen, Anlass das Thema erneut unter Berücksichtigung aller Aspekte zu beleuchten.
Zunächst war es Rolf Meier, der 1995 „das Verhältnis von Interessensverbänden und Staat im Allgemeinen und das Verhältnis vom Deutschen Sportbund nebst Mitgliedverbänden und Staat im Besonderen“ (Meier 1995, 91) untersuchte. Meier tat dies vor allem unter dem Aspekt des Neokorporatismus.
1996 folgte dann ein Beitrag Klaus Heinemanns, der sich ebenfalls mit dem Legitimationsproblemen im Verhältnis von Sport und organisiertem Sport beschäftigte. Heinemann nahm zwar den Begriff des Neokorporatismus in seiner Arbeit wieder auf, doch war der Grundsatz der Autonomie Hauptmerkmal seines Beitrags. So seien „Unabhängigkeit und Selbstverantwortung des Sports fundamentale Grundprinzipien der Sportpolitik der Bundesrepublik Deutschland“ (vgl. Heinemann 1996, 178). Dieses Prinzip, was auch als Subsidiaritätsprinzip verstanden werden kann, schließt sich grundsätzlich mit dem Prinzip des Neokorporatismus aus.
Folglich wurden zwei Konzepte für das Verhältnis zwischen Staat und Sport erarbeitet, die sich stark unterscheiden.
Auf diesem komplexen Thema aufbauend, versuchte Peter Lösche die Politologie des Sports zu strukturieren.
Im folgenden Beitrag wird zunächst die Beziehung von Sport und Politik herausgestellt. Zusammenhänge und Interessenskonflikte werden genauso Thema sein, wie die Vielfalt der Verflechtungen mit Bezug auf das duale System der Sportselbstverwaltung und ihre Zusammenarbeit mit der öffentlichen, staatlichen Sportverwaltung. Thema ist die Frage, inwieweit die Arten der Interaktion von Sport und Staat, also einerseits die als neokorporatistisch in Erscheinung tretende Interaktion und andererseits die Interaktionsweise die dem Subsidiaritätsprinzip folgt, sich kombinieren bzw. sich in das mit dem Sport verflochtene politisch-administrative System gemeinsam einordnen lassen können.
Abschließend gilt mein Hauptaugenmerk dem Strukturierungsansatz der Politologie des Sports nach Lösche unter Miteinbeziehung der Konzepte des Neokorporatismus und der Subsidiarität.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Beziehungen von Sport und Politik
2.1 Zusammenhänge und Interessenskonflikte von Sport und Politik
2.2 Das duale System – Vielfalt der Verflechtungen
3. Interaktionsweisen zwischen Sport und Politik
3.1 Subsidiarität
3.2 Neokorporatismus
4. Schlussbetrachtung
4.1 Strukturierungsansatz nach Lösche
4.2 Fazit
5. Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht das komplexe Verhältnis zwischen dem staatlich-administrativen System und der Sportselbstverwaltung. Dabei steht die Forschungsfrage im Mittelpunkt, ob und wie die beiden gegensätzlichen Interaktionsformen – das Subsidiaritätsprinzip und der Neokorporatismus – innerhalb des deutschen Sportsystems miteinander kombiniert werden können.
- Analyse der Interaktionsverhältnisse zwischen Staat und Sport
- Gegenüberstellung von Subsidiarität und Neokorporatismus
- Untersuchung des Strukturierungsansatzes der Politologie des Sports nach Lösche
- Diskussion der Auswirkungen von Kommerzialisierung und Ökonomisierung
- Differenzierung zwischen Breitensport und Hochleistungssport
Auszug aus dem Buch
3.1 Subsidiarität
Seit 1950, der Gründung des Dachverbandes DSB, folgt die Sportpolitik dem Grundsatz der Autonomie des organisierten Sports. Demnach sind Unabhängigkeit und Selbstverantwortung zentrale Merkmale des Sports. Der Grundsatz garantiert folglich die freie Entfaltung der Bürger. Es ist Sache der Bürger, ob und in welcher Form sie Sport treiben und wie sie sich organisieren. Der organisierte Sport ist eine freie Sportbewegung.
„ Subsidiarität beinhaltet zum einen die Auffassung, dass soziale Gruppierungen eigenständig gesellschaftliche Belange regeln und dort keine staatliche Steuerung stattfindet und zum anderen die Verpflichtung des Staates, dann Hilfe zu leisten, wenn die Funktionsfähigkeit bedroht ist und die privaten Initiativen die Forderung des Gemeinwohls nicht erfüllen.“ (Bundesministerium des Innern 1987)
Nach dem Prinzip der Subsidiarität greift der Staat auf Bundes-, Landes-, oder kommunaler Ebene also nur dann ein, wenn die Möglichkeit des freien Sports zur Bewältigung bestimmter Aufgaben nicht ausreichen. Wichtig ist, dass der Staat auch wirklich nur in diesen Fällen eingreift, damit die freie Entfaltung in Verbänden/Vereinen nicht beeinträchtigt wird.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik des Verhältnisses zwischen Staat und Sport ein und stellt die wissenschaftlichen Bezugspunkte, insbesondere die Arbeiten von Heinemann, Meier und Lösche, vor.
2. Beziehungen von Sport und Politik: Das Kapitel definiert die Grundbegriffe und beleuchtet die tiefgreifenden Verflechtungen sowie die daraus resultierenden Interessenskonflikte im dualen System der Sportverwaltung.
3. Interaktionsweisen zwischen Sport und Politik: Hier werden die theoretischen Konzepte des Subsidiaritätsprinzips und des Neokorporatismus detailliert gegenübergestellt und ihre unterschiedlichen Auswirkungen auf die Sportautonomie erläutert.
4. Schlussbetrachtung: Dieses Kapitel nutzt den Strukturierungsansatz von Peter Lösche, um das Gesamtthema einzuordnen, und zieht in einem Fazit Rückschlüsse auf die Kombinierbarkeit der untersuchten Interaktionsweisen.
5. Literaturverzeichnis: Auflistung der verwendeten politikwissenschaftlichen und sportsoziologischen Quellen.
Schlüsselwörter
Sportpolitik, Sportselbstverwaltung, Subsidiarität, Neokorporatismus, Politisch-administratives System, Deutscher Sportbund, Autonomie, Interaktionsweisen, Interessenkonflikte, Sportförderung, Strukturierungsansatz, Kommerzialisierung, Hochleistungssport, Gesellschaftspolitik, Vergesellschaftung des Sports.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit behandelt das komplexe Spannungsfeld zwischen der staatlichen Verwaltung und der autonomen Sportselbstverwaltung in der Bundesrepublik Deutschland.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die Interaktionsverhältnisse, die Rolle des Staates als Förderer und Kontrolleur sowie der Einfluss gesellschaftlicher Entwicklungen wie die Ökonomisierung auf den organisierten Sport.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Die Arbeit fragt, inwieweit die unterschiedlichen Interaktionslogiken (Subsidiarität vs. Neokorporatismus) in das politisch-administrative System integriert werden können.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Der Autor stützt sich auf eine theoretische Analyse der politikwissenschaftlichen Fachliteratur und wendet den Strukturierungsansatz nach Peter Lösche (Polity, Politics, Policy) an.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Fundierung des Subsidiaritätsprinzips und des Neokorporatismus sowie die Analyse der verschiedenen staatlichen Förderebenen und deren Auswirkungen auf die Autonomie der Sportverbände.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die vorliegende Arbeit?
Zu den prägenden Begriffen gehören insbesondere Autonomie, Subsidiarität, Neokorporatismus, Sportpolitik und Interessenkonflikte.
Wie unterscheidet sich der Neokorporatismus vom Subsidiaritätsprinzip im Sport?
Während die Subsidiarität die Unabhängigkeit und Selbsthilfe betont, basiert der Neokorporatismus auf einem Tauschgeschäft, bei dem staatliche Finanzierung mit einer funktionalen Ausrichtung und staatlicher Kontrolle einhergeht.
Welche Rolle spielt der Strukturierungsansatz nach Lösche für die Schlussfolgerung?
Der Ansatz hilft dem Autor, die komplexe Polyvalenz der Sport-Politik-Beziehungen zu ordnen, wobei der Autor feststellt, dass die simple Strukturierung für die aktuelle Komplexität der Sport-Markt-Verflechtungen teilweise zu kurz greift.
Zu welchem Fazit gelangt der Verfasser bezüglich des Paradigmenwechsels?
Der Autor stellt fest, dass im Hochleistungssport durch Kommerzialisierung und staatliche Kooperation ein "Paradigmenwechsel" stattgefunden hat, der Sportorganisationen zunehmend wie moderne Wirtschaftsunternehmen agieren lässt.
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- Tobit Schneider (Autor), 2004, Das politisch-administrative System und die Sportselbstverwaltung – theoretische Analyse, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/54209