„Armut oder gar Kinderarmut gibt es in Deutschland nicht.“ Dieser Mythos war bis Ende der neunziger Jahre in dem gesellschaftlichen Gedankengut fest verankert. Selbst für die Politik und Wissenschaft war die „Armut in Deutschland“ ein stark vernachlässigter Themenbereich, obwohl bereits im Jahre 1976 Heiner Geißler mit der Veröffentlichung seines Buches „Die neue soziale Frage“ auf eine wachsende Armutstendenz hinwies. In seinen Ausführungen stellte Geißler neue Formen von Unterprivilegierungen in der Bundesrepublik Deutschland heraus und behandelte das Thema Armut im Kontext des herrschenden Sozialstaates: >Armut im Wohlfahrtsstaat<. Es folgten eine Reihe von Armuts- und Sozialberichten der Wohlfahrtsverbände (z.B. Deutscher Paritätischer Wohlfahrtsverband 1989), Kirchen usw., die intensiv auf dieses gesellschaftliche Phänomen hinwiesen. Während der neunziger Jahre wuchs dann das Interesse an der Armutsproblematik und setzte eine Welle von Armutsforschungen in Gang. Eine interessante Erkenntnis ergab sich mit der Veröffentlichung des zehnten Kinder- und Jugendberichtes im Jahre 1998. Hier wurde zum ersten Mal im Auftrag der Bundesregierung die Armut im Blickfeld des politischen Interesses analysiert. Die Forschungsergebnisse enthüllten vor allem auch eine starke Betroffenheit bei Kindern und Jugendlichen in der BRD. Mittlerweile wird regelrecht von einer „Infantilisierung“ der Armut gesprochen, da die Kinderarmut immer erschreckendere Ausmaße annimmt. Die Kinderarmut und die soziale Ungerechtigkeit hat, bezogen auf den Ursachen und deren Auswirkungen, sehr viele unterschiedliche Facetten. Kinderarmut hat nicht nur Auswirkungen auf die materiellen Ressourcen der Kinder, sondern bezieht sich auch auf die persönliche Entwicklung, Gesundheit und auf die Bildungschancen.
Mit dem Erscheinen des ersten Armut- und Reichtumsberichts in der Geschichte der Bundesrepublik im Jahre 2000 wurde die Diskussion über Armut und Reichtum publik gemacht und enttabuisiert und somit offiziell in das politische und gesellschaftliche Interesse gerückt.
Für mich gibt es tiefgehende Gründe, weshalb ich das Thema „Kinderarmut in Deutschland – Auswirkungen von Armut auf die kindliche Entwicklung (Soziales Umfeld, Sozialisation und Psyche, Gesundheit)“ zum Gegenstand meiner Diplomarbeit gemacht habe.
Inhaltsverzeichnis
Kapitel 1
Die Infanitilisierung des Phänomens Armut
1. Einleitung
2. Armut in einem „reichen“ Land?
3. Kurzer historischer Überblick über die „Armut“
4. Umriss des Begriffs „Armut“ (Versuch einer Definition)
4.1. Definitionen von Armut
4.1.1. Der Ressourcenansatz
4.1.2. Der Lebenslagenansatz
4.2. Die Sozialhilfe als Armutsindikator?
5. Umfang von Kinderarmut in Deutschland (Zahlen und Fakten?)
6. Allgemeine Ursachen der Armut von Kindern und Jugendlichen
7. Der Globalisierungsprozess als Mitverursacher der Armut?
8. Von Armut gefährdete Kinder im Sozialstaat
Kapitel 2
Auswirkungen auf das Soziale Umfeld, die Sozialisation, die Psyche und die Gesundheit des Kindes im familiären Kontext
1. Allgemeine Auswirkungen von Armut auf die kindliche Entwicklung (Hintergrundinformationen über die Bereiche Soziales Umfeld, Sozialisation, Psyche und Gesundheit)
2. Familien in der Arbeitslosigkeit
3. Auswirkungen auf das soziale Umfeld des Kindes
3.1. Familie: Be- oder Entlastung in der Arbeitslosigkeit?
3.2. Veränderung der familiären Rollen- und Beziehungsstrukturen
3.3. Veränderungen der Eltern- Kind- Beziehungen
3.4. Kindesvernachlässigung und Misshandlung
3.5. Armut aus Sicht der Kinder
4. Auswirkungen auf die Sozialisation und die Psyche des Kindes
4.1. Der Sozialisationsprozess und die Bedeutung einer uneingeschränkten Entwicklungsmöglichkeit
4.2. Dimensionen von Mangellagen, die eine kindliche Entwicklung belasten bzw. gefährden können
4.3. Psychische Auffälligkeiten bei Kindern in benachteiligten Lebenssituationen
4.4. Die Geschlechtsrolle der Armutssituation und das Selbstbild der Eltern in Bezug auf die Auswirkungen der psycho-sozialen Situation bei Kindern und Jugendlichen
4.5. Leistungsorientierung und schulische Entwicklung von armen Kindern
4.6. Berufslaufbahn und Erwachsenenpersönlichkeit der Kinder Arbeitsloser
5. Auswirkungen auf die Gesundheit des Kindes
5.1. Kinderarmut und Schichtzugehörigkeit?
5.2. Gesundheitliche Auswirkungen der Armut im Kindes- und Jugendalter
5.3. Auswirkungen auf das Gesundheitsverhalten
5.4. Zukunftsaussichten
6. Personale Ressourcen zur Bewältigung bei Kindern und Jugendlichen im Zusammenhang mit der familiären Situation
Kapitel 3
Handlungsansätze in der Sozialen Arbeit
1. Kinderarmut als aktuelle Herausforderung für die Soziale Arbeit
2. Kinderarmut als sozialstaatliche Herausforderung
3. Kinderarmut als sozialarbeiterische Problemstellung
4. Sozialarbeiterische Handlungsansätze zur Armutsbekämpfung
4.1. Sozialarbeiterische Interventionsebenen
4.2. Die Sozialplanung
4.2.1. Der Sozialplanungsprozess
4.2.2. Die Rolle der Sozialarbeit bei der Sozialplanung
4.3. Die Gemeinwesenarbeit
4.3.1. Der Umsetzungsprozess der Gemeinwesenarbeit
4.3.2. Die Rolle der Sozialarbeit bei der Gemeinwesenarbeit
4.4. Allgemeine Handlungsansätze gegen die Kinderarmut
4.5. Schlusswort
Zielsetzung und thematische Ausrichtung
Die vorliegende Arbeit untersucht die Auswirkungen von Armut auf die Entwicklung von Kindern in Deutschland. Dabei wird insbesondere beleuchtet, wie sich die prekäre materielle Lage der Eltern auf das soziale Umfeld, die Sozialisation, die Psyche und die körperliche Gesundheit der Kinder auswirkt. Ziel ist es, das Bewusstsein für die wachsende Problematik der Kinderarmut zu schärfen und aufzuzeigen, wie die Soziale Arbeit durch spezifische Handlungsansätze wie Sozialplanung und Gemeinwesenarbeit intervenieren kann, um die Lebensbedingungen betroffener Kinder nachhaltig zu verbessern.
- Multidimensionale Folgen von Armut für Kinder und Jugendliche
- Einfluss der elterlichen Arbeitslosigkeit auf die familiäre Dynamik
- Psychosoziale Belastungssyndrome und gesundheitliche Auswirkungen
- Zusammenhang zwischen Armut und Bildungschancen
- Sozialarbeiterische Interventionsmöglichkeiten und -ebenen
Auszug aus dem Buch
1. Einleitung
„Armut oder gar Kinderarmut gibt es in Deutschland nicht.“ Dieser Mythos war bis Ende der neunziger Jahre in dem gesellschaftlichen Gedankengut fest verankert. Selbst für die Politik und Wissenschaft war die „Armut in Deutschland“ ein stark vernachlässigter Themenbereich, obwohl bereits im Jahre 1976 Heiner Geißler mit der Veröffentlichung seines Buches „Die neue soziale Frage“ auf eine wachsende Armutstendenz hinwies. In seinen Ausführungen stellte Geißler neue Formen von Unterprivilegierungen in der Bundesrepublik Deutschland heraus und behandelte das Thema Armut im Kontext des herrschenden Sozialstaates: >Armut im Wohlfahrtsstaat<.
Es folgten eine Reihe von Armuts- und Sozialberichten der Wohlfahrtsverbände (z.B. Deutscher Paritätischer Wohlfahrtsverband 1989), Kirchen usw., die intensiv auf dieses gesellschaftliche Phänomen hinwiesen. Während der neunziger Jahre wuchs dann das Interesse an der Armutsproblematik und setzte eine Welle von Armutsforschungen in Gang. Eine interessante Erkenntnis ergab sich mit der Veröffentlichung des zehnten Kinder- und Jugendberichtes im Jahre 1998. Hier wurde zum ersten Mal im Auftrag der Bundesregierung die Armut im Blickfeld des politischen Interesses analysiert. Die Forschungsergebnisse enthüllten vor allem auch eine starke Betroffenheit bei Kindern und Jugendlichen in der BRD. Mittlerweile wird regelrecht von einer „Infantilisierung“ der Armut gesprochen, da die Kinderarmut immer erschreckendere Ausmaße annimmt.
Die Kinderarmut und die soziale Ungerechtigkeit hat, bezogen auf den Ursachen und deren Auswirkungen, sehr viele unterschiedliche Facetten. Die Umstrukturierung des Sozialstaates im Sinne der Globalisierung, Arbeitslosigkeit, die Zunahme von Elternteilfamilien infolge hoher Scheidungsraten, Kinderreichtum und Migration werden vorrangig als Risikofaktoren für diesen Prozess genannt. Kinderarmut hat nicht nur Auswirkungen auf die materiellen Ressourcen der Kinder, sondern bezieht sich auch auf die persönliche Entwicklung, Gesundheit und auf die Bildungschancen.
Zusammenfassung der Kapitel
Kapitel 1: Die Infanitilisierung des Phänomens Armut: Dieses Kapitel definiert den Begriff Armut im deutschen Kontext, beleuchtet historische Hintergründe und analysiert den Umfang sowie die Ursachen der Kinderarmut in einem Wohlfahrtsstaat.
Kapitel 2: Auswirkungen auf das Soziale Umfeld, die Sozialisation, die Psyche und die Gesundheit des Kindes im familiären Kontext: Hier werden die multidimensionalen Folgen von Armut für die kindliche Entwicklung untersucht, inklusive psychosozialer Belastungen, schulischer Probleme und gesundheitlicher Beeinträchtigungen.
Kapitel 3: Handlungsansätze in der Sozialen Arbeit: Das Abschlusskapitel thematisiert konkrete Interventionsmöglichkeiten der Sozialen Arbeit, insbesondere durch Methoden der Sozialplanung und Gemeinwesenarbeit, um der Armutsproblematik effektiv entgegenzuwirken.
Schlüsselwörter
Kinderarmut, Deutschland, Sozialarbeit, Armutsforschung, kindliche Entwicklung, Arbeitslosigkeit, Sozialisation, Gesundheit, Armutsindikator, Lebenslagenansatz, Gemeinwesenarbeit, Sozialplanung, soziale Ausgrenzung, Wohlfahrtsstaat, Prävention.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Diplomarbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit dem Thema Kinderarmut in Deutschland und analysiert die weitreichenden Auswirkungen, die diese auf die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen in den Bereichen Soziales Umfeld, Psyche und Gesundheit hat.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Zu den Kernbereichen gehören die Definition von Armut, die Ursachenforschung im Kontext der Arbeitslosigkeit, die Auswirkungen auf die Sozialisation, die schulische Entwicklung sowie Ansätze der Sozialarbeit zur Armutsbekämpfung.
Welches ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel der Arbeit ist es, das Ausmaß und die Auswirkungen von Armut auf Kinder zu verdeutlichen und aufzuzeigen, wie Sozialarbeit auf struktureller und individueller Ebene intervenieren kann, um die Lebensbedingungen zu verbessern.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Arbeit, die auf einer umfassenden Literaturanalyse, der Auswertung von Sozialberichten und Studien sowie der Anwendung des Lebenslagenansatzes basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Ursachenanalyse (Kapitel 1), eine detaillierte Ausführung der entwicklungspsychologischen und sozialen Auswirkungen auf Kinder (Kapitel 2) und die Darstellung methodischer Handlungsansätze für die Sozialarbeit (Kapitel 3).
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere Kinderarmut, soziale Benachteiligung, Sozialarbeit, Lebenslagenansatz, psychische Belastung, psychosoziale Folgen und Gesundheitsrisiken.
Welche Bedeutung hat das „Pentagon der Armut“ im Kontext der Arbeit?
Das Pentagon der Armut dient als Modell zur ganzheitlichen Analyse der Lebenslage. Es verbindet Aspekte wie Biografie, soziale Netze, gesellschaftliche Werthaltung, Arbeit/Einkommen und Konsum, um eine einseitige Betrachtung von Armut zu vermeiden.
Inwiefern beeinflusst der „Globalisierungsprozess“ die Armut von Kindern?
Die Arbeit argumentiert, dass der Globalisierungsdruck und die damit verbundene neoliberale Politik zu Deregulierung, Privatisierung und sinkenden Sozialleistungen führen, was die soziale Polarisierung verschärft und somit das Armutsrisiko für Familien erhöht.
- Quote paper
- Peter Niemeier (Author), 2004, Kinderarmut in Deutschland, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/54228