Rousseau: das Paradigma moderner europäischer Pädagogik


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004

21 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Sein Leben

3 Erziehung
3.1.1 Vom Säugling bis zum Knaben
3.1.2 Vom Knaben bis zum Jüngling
3.1.3 Vom Jüngling bis zum Mann
3.1.4 Mannesalter

4 Das Gesamtwerk

5 Wirkung und Kritik

6 Summerhill

7 Resümee

8 Literatur

1 Einleitung

Jean-Jacques Rousseau der große französische Philosoph, Kulturkritiker und „intellektueller Wegbereiter der Französischen Revolution“ - so der Pädagoge Herwig Blankertz – als ein Paradigma der modernen europäischen Pädagogik ?

Um dieser Frage nachzugehen sollen nachfolgend die Erziehungsgedanken Rousseaus dargestellt werden. Émile ou de l'éducationist hierfür zweifelsohne sein wichtigstes Werk, doch muss dieses im Zusammenhang mit weiteren Werken betrachtet werden.

Aus diesem Grund werde zuerst ich auf seine Biographie eingehen, bevor ich seine Vorstellungen einer guten Erziehung schildere. Rousseau musste sich zeitlebens zahlreicher Kritik erwehren und auch nach seinem Tode verstummte diese nicht, so dass auch diese erwähnt werden soll. Seine Vorstellungen wurden oft diskutiert und zahlreiche ihm nachfolgende Pädagogen haben Ansätze davon übernommen. Eine Renaissance erlebten diese in der post 68er-Zeit. Antiautoritäre Erziehung und „Wachsen lassen“ kamen in Mode. Im britischen Summerhill wurde und wird eine komplette Schule nach diesen Prinzipien geführt. Diese soll als praktisches Beispiel zum Abschluss dieser Arbeit kurz vorgestellt werden.

Aus der Annahme, dass der Mensch von Natur aus gute Anlagen hat, die allerdings unter den Händen der Menschen entarten, folgert Rousseau, dass die Erziehung des Menschen so zu gestalten sei, dass sie im Einklang mit der Natur stehe.

Um die Gedanken Rousseaus am besten darstellen zu können, habe ich bewusst viele Zitate, hauptsächlich aus demÉmile, gewählt.

Wenn im Folgenden von Émile gesprochen wird, steht der kursiv gedruckteÉmilefür das Buch Rousseaus, der in Standardschrift gedruckte für den Zögling des Erziehers Jean-Jacques.

2 Sein Leben

Ich werde in diesem Abschnitt keine Biographie im herkömmlichen Sinne aufzeigen indem ich Jahreszahl um Jahreszahl aneinanderreihe. Mir genügen einige wenige Ereignisse die für das Leben Rousseaus prägend waren. Zudem stelle ich seine beiden bekanntesten Werke den Gesellschaftsvertrag und denÈmile, kurz vor. Hierbei beziehe ich mich hauptsächlich auf dieKleine Weltgeschichte der Philosophievon Hans Joachim Störig.

Jean-Jacques Rousseau führte ein bewegtes Leben. 1712 im calvinistischen Genf geboren, entlief er mit 16 Jahren der Lehre und lebte für die nächsten Jahre auf dem Anwesen der Madamme de Warens, einer weit älteren Frau. Rousseau beschrieb sie wie folgt: „Sie war für mich mehr als eine Schwester, mehr als eine Mutter, mehr als eine Freundin, sogar mehr als eine Geliebte, und darum war sie keine Geliebte.“[1]

Er konvertierte, nicht zum letzten Mal in seinem Leben, zum katholischen Glauben. Nach seinen ersten literarischen Arbeiten zog es ihn in die französische Hauptstadt. Im Alter von 37 Jahren gewann er mit seinemDiscours sur les sciences et les arts[2]den ersten Platz der Akademie von Dijon auf die Frage „ob die Wiederherstellung der Künste und Wissenschaften zur Verbesserung und Hebung der Sittlichkeit beigetragen habe ?“ und avancierte zum gefeierten Schriftsteller.

Drei Jahre später im Jahr 1753 schrieb die Akademie eine zweite Preisfrage aus: „Wie entstand die Ungleichheit unter den Menschen und ist sie durch das natürliche Recht begründet ?“. Rousseau antwortete mit demDiscours sur l'origine et les fondements de l'inégalité parmi les hommes[3]. Seine darin enthaltenen Thesen seinen hier kurz dargestellt, da ich sie für das allgemeine Verständnis über Rousseau als notwendig erachte: die Entstehung des Eigentums führte zu Reichen und Armen, die Installation einer Obrigkeit - von den Reichen zu ihrem Schutz – unterteilte die Menschen in Herrschende und Beherrschte, durch die Ausartung der Macht in Willkür entstanden Herren und Sklaven.

Den Ausweg aus diesem Zustand versucht er in seinem WerkDucontrat social ou principes du droit politique[4]zu geben. Er erachtet es darin als möglich, eine Verfassung zu kreieren, „in der die natürliche und unveräußerliche Freiheit in Einklang gebracht ist mit dem Maß an Gewalt, das von Wesen staatlicher Ordnung nun einmal nicht wegzudenken ist - Macht alleine kann nie Recht bilden. Die Grundlage einer rechtmäßigen Herrschaft kann [...] nur auf Übereinkunft [...] gegründet werden. Diese Übereinkunft ist der Gesellschaftsvertrag [...] Das Volk ist einziger Träger der Souveränität.“[5]Der Willen des Volkes wird durch Abstimmung ermittelt. Damit der Einzelne mündig wird und seine Rolle in der Gesellschaft wahrnehmen kann, muss er eine ihn darauf vorbereitende Erziehung erfahren.

Wie diese Erziehung aussehen kann oder sogar auszusehen hat, schildert er in seinem 1762 erschienenen pädagogischen HauptwerkÉmile ou de l'éducation[6]. „Alles ist gut, wie es aus den Händen des Schöpfers kommt; alles entartet unter den Händen des Menschen.[7]Dies sind die ersten Worte imÉmileund gleichzeitig ein Grundgedanke Rousseaus. Die Aufgabe der Erziehung ist es, alle Einflüsse der Gesellschaft vom heranwachsenden Menschen fernzuhalten, bis er reif genug für dieselben ist. „Alles kommt darauf an, die grundsätzlich in jedem Menschen liegenden gute Naturanlage auf natürliche Weise werden und reifen zu lassen.“[8]

So gab er den Menschen die Möglichkeit an die Hand, diese „Entartung“ zu korrigieren, da, wenn alles unter ihren Händen entartete, sie auch die Fähigkeiten entwickeln konnten, dies zu ändern.[9]Damit brach er mit der von der Kirche gepredigten Erbsünde.

Zur Religion nimmt der inzwischen wieder zum Calvinismus konvertierte imÉmileebenfalls Stellung. Er äußert sich dazu im vierten Buch desÉmileimGlaubensbekenntnis eines savoyardischen Vikars.

Störig schreibt hierzu: „Seine Religion ruht ganz auf dem Gefühl. Das Gefühl sagt mir, daß ein Gott ist. Mehr ist nicht notwendig, und mehr zu erkennen ist auch nicht möglich. >Auf diese Weise betrachte ich Gott in seinen Werken. Je mehr ich mich anstrenge, sein unendliches Wesen zu durchschauen, desto weniger begreife ich es. Er ist, aber das ist mir genug. Je weniger ich begreife, um so mehr bete ich ihn an. Ich demütige mich vor ihm und sage: Du Wesen der Wesen! Ich bin, weil du bist. Ich hebe mich empor zu deinem Urquell, wenn ich ohne Unterlass dein gedenke. Der würdigste Gebrauch meiner Vernunft ist, sie vor dir zu vernichten.<“[10]

Er nahm damit zu drei bedeutenden – wahrscheinlich sogar zu den gewichtigsten – Themenkomplexen – Gesellschaft und Politik, Erziehung sowie Religion – kritische, d.h. zum herrschenden Verständnis konträre Positionen ein. Diese Tatsache machte ihn weithin bekannt und beim Volk beliebt. Doch hatte es auch zur Folge, dass er, um der Obrigkeit zu entfliehen, des öfteren seinen Wohnort wechseln musste und manche seiner Bücher, darunter auch derÉmile, zeitweilig verbrannt worden sind.

Als Ludwig XVI im Gefängnis die Werke Voltaires und Rousseaus erblickte, sagte er: „Diese beiden Männer haben Frankreich zerstört“, Napoleon sagte später: „Die Bourbonen hätten sich halten können, wenn sie Tinte und Papier überwacht hätten“.[11]Beide Einschätzungen zeigen, welche Wirkung Rousseaus Schriften im Frankreich des 18. Jahrhundert entwickelt haben.

3 Erziehung

Im Folgenden werde ich auf die Erziehungsvorstellungen, wie er sie imÉmileschildert, eingehen. Dabei werde ich mich hauptsächlich – neben demÉmile- auf Blankertz und Dietrich stützen. Ich werde nach einer allgemeinen Einordnung seiner Erziehungsvorstellungen die einzelnen Phasen in der Erziehung eines Kindes von klein auf vorstellen. ImÈmileist jeder der Phasen ein separates Buch gewidmet, diese Einteilung werde ich im Wesentlichen beibehalten.

Rousseau folgt in seiner Vorstellung von Erziehung der griechischen Erziehungs-Tradition, der „paideia“. Wie die Hellenen hat auch Rousseau das Erziehungsideal einer autonomen sittlichen Vervollkommnung bzw. einer Vervollkommnung der Menschheit als Ganzes. Er unterscheidet sich jedoch hinsichtlich des Erziehungsmittels: während die griechische Tradition auf Ermutigung und Lob baut, sieht er das „Wachsen lassen“ als am geeignetsten an.

Aufgrund seiner Lebensdaten kann der gebürtige Genfer der Epoche der Aufklärung zugeordnet werden. In dieser Phase beginnt sich ein Bildungswesen für alle zu entwickeln und wird somit zum Allgemeingut.

Rousseau ist jedoch von seiner Veranlagung und Programmatik mehr ein Gefühlsphilosoph, so Dietrich. Seine Sehnsucht nach vergangenen Zeiten, nach dem Paradies der Menschheit, ist wenig aufklärerisch, da gerade die Aufklärer die Vernunft über alles andere stellten. Aufklärerisch bei Rousseau ist auf jeden Fall sein Glaube an die Möglichkeit und Allmacht der Erziehung und einen allweißen, gütigen Gott.[12]Dieser Glaube an die Umsetzbarkeit, dieser gewaltige pädagogische Optimismus, ist typisch für diese Zeit, in der die Machbarkeit der Erziehung grundlegend neu betrachtet wird.[13]

[...]


[1]zit. in: Knoop / Schwab, 1981, S. 44.

[2]dt.: Abhandlung über die Wissenschaften und Künste.

[3]dt.: Abhandlung über Ursprung und Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen.

[4]dt.: Vom Gesellschaftsvertrag.

[5]zit. in: Störig, 1974, S. 259.

[6]dt.: Émile oder Über die Erziehung.

[7]Rousseau, 1993, S. 9.

[8]Störig, 1974, S. 260.

[9]Vgl. Blankertz, 1982, S. 72.

[10]zit. in: Störig, 1974, S. 260.

[11]Störig, 1974, S. 261.

[12]Vgl. Dietrich, 1975, S. 29.

[13] Vgl. Ditton, 2003,
http://www.paed.uni-muenchen.de/~paed/content/material/material_ditton/Geschichte.pdf,
Stand: 04.05.2004.

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Details

Titel
Rousseau: das Paradigma moderner europäischer Pädagogik
Hochschule
Universität Konstanz
Veranstaltung
Hauptseminar: Klassiker der Pädagogik
Note
2,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
21
Katalognummer
V54234
ISBN (eBook)
9783638494861
Dateigröße
481 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rousseau, Paradigma, Pädagogik, Hauptseminar, Klassiker
Arbeit zitieren
Sven Wettach (Autor), 2004, Rousseau: das Paradigma moderner europäischer Pädagogik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/54234

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