Walter Benjamins "Kunstwerk im Zeitalter technischer Reproduzierbarkeit" und die politischen Konsequenzen


Hausarbeit, 2019

7 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Was geschieht laut Walter Benjamin mit dem Kunstwerk im Zeitalter technischer Reproduzierbarkeit?

Welche politischen Konsequenzen hat dies?

Walter Benjamin fasst in seinem Aufsatz „Das Kunstwerk im Zeitalter technischer Reproduzierbarkeit“ zusammen, welche Eigenschaften die Kunst aufweist und welchem Wandel diese und deren Funktionen unterliegen.

Das Wesen eines Kunstwerkes lässt sich in seinem Sinne durch die Originalität definieren, die durch die individuelle Entstehungsgeschichte, wie das handwerkliche Erstellen, die Umstände der Lagerung der Einzelteile vor der Zusammenfügung und der Verwendung des Kunstgegenstandes bis hin zum jetzigen Moment. All das in ihrer Einzigartigkeit lässt die „Echtheit“1 eines Kunstwerkes feststellen2.

Durch die Verwendung in traditionellen Ritualen erhält das Kunstwerk einen besonderen Wert3, der nicht kopierbar ist. Während manuelle, also von der Hand gefertigte Kunst erst die Echtheit, die „Aura“4, von der es kein Abbild gibt, bestimmt, wird das Kunstwerk durch technische Vervielfältigung und somit Überwindung der Originalität von der Tradition abgetrennt, sodass mit ihr auch die Aura erlischt5. Außerdem, so Benjamin, würden die Vervielfältigenden possessiv auf das Werk übergreifen , es „zu ihrem Objekt […] machen“6.

Die ursprünglichen Funktionen der Kunst seien also, der Tradition, der Kultur Ausdruck zu verleihen, sowie zum Denkbewegungen anzustoßen7, und auf ungeahnte Bedürfnisse aufmerksam machen8.

Eine der ausschlaggebendsten Änderungen der Kunst ist neben dem Umstieg von der ursprünglich manuellen Herstellung wie dem Holzschnitt oder dem Guss zu technischen Reproduktionswegen die Anzahl der an der Kunst beteiligten.

Durch die Vervielfältigung können die Werke nun von einem deutlich breiteren Publikum empfangen werden, es wird also die Massentauglichkeit unterstützt9. Weiterhin gibt es durch die Erfindung des Buchdrucks und der Fotografie, sowie der Bewegtbilder, mehr Ortsunabhängige Kunst, die transportabel ist und einen hohen „Ausstellungswert“ für die Publikumsmassen der Gesellschaft, im Gegensatz zum vorher vorhandenen „Kultwert“ durch die Verwendung in traditionellenUmgebunden, wie der Kirche, der hauptsächlich durch den Film zurückgedrängt wird, hat. Die Ablösung der Kunst von ihrem „kultischen Fundament“ kennzeichnet das tragenste Ergebnis der technischen Reproduzierbarkeit. Es ergeben sich durch die Vermehrung ausstellbarer Kunst somit neue Aspekte, wie die „Zerstreuung“ und die durch die Fotografie festhaltbare Erinnerung als kultische Funktion, die die rein künstlerische Funktion zurückdrängen. Die fotografische Momentaufnahme kann somit auch als historisches Beweisstück fungieren, welches politisch gesehen eine enorme Kraft entfalten kann. Zudem wurde die Kunst anstatt zur intellektuellen Auseinandersetzung und Reflektion im Laufe der Zeit vielmehr zur Unterhaltung und Ablenkung instrumentalisiert. Der Film greift hier an einer prägnanten und politisch äußerst effektiven, aber auch risikoreichen Stelle ein : Ein Film kann nur durch eine externe Apparatur entstehen, die Kamera steht als übertragendes Medium zwischen der eigentlichen Realität und dem Betrachter und überprüft die Realität durch die verschiedensten Möglichkeiten der Einstellungen. Das Publikum identifiziert sich während des Betrachtens so sehr mit der Sicht der Kamera, dass es auch Position des Austestens – ursprünglich eine Funktion der Kamera - vereinnahmt.

Der Film stellt somit auf eine Weise zwar die Umwelt dar9, überwindet aber gleichzeitig die Wirklichkeit und durchdringt sie vollkommen, sodass sie selbst zu etwas Künstlichem wird10. Der Filmende, vor der Kamera stehende, reißt mit mit den erstellten Aufnahmen, die im Anschluss gekürzt und neu zusammengesetzt werden, die Wirklichkeit auseinander und nimmt durch das Eindringen in sie jegliche Distanz dazwischen, während der künstlerisch Erschaffende auf der Leinwand die Realität mit einem Abstand betrachtet und in einem nicht zerstückelten Gesamtwerk festhält . Durch dieses respektvolle Abbilden einer Wirklichkeit durch die Ganzheitlichkeit wird demnach die Distanz zwischen Abbild und Realität aufrechterhalten, obwohl doch die rein physische Distanz wegen des fehlenden Übertragungsmediums kleiner zu sein scheint. Erschüfe der Künstler nun ein Kunstwerk in abstraktem oder dadaistischem Stil, würde es die Realität ebenfalls verzerren und das Werk somit zu einem Künstlichen. Der Film schafft laut Benjamin durch diese Distanzlosigkeit den vom Menschen von der Kunst geforderten „apparatfreien Aspekt der Wirklichkeit“11.

Dennoch bleibt die unabdingliche Unterscheidung der Natur, die von dem menschlichen Auge erkannt und von dem Bewusstsein verarbeitet wird, und der Natur, die von der Kameralinse aufgenommen wird und durch die Konzeption und die Zweidimensionalität und die Vielzahl der Blickwinkel zwangsläufig eine andere aufzeichnet, unter anderem das, was unseren Augen entgeht: das „optisch-Unbewusste[s]“12.

Weiterhin kann der Film, so der Autor, durch seine Exaktheit als solcher so gut analysiert werden, dass in ihm die Abgrenzung von der Kunst und der Wissenschaft verschwimmt, sie sogar ineinander greifen und somit in ihrer neuen, gemeinsamen Identität eine revolutionäre, politische Kraft erlangen13. Das große Risiko birgt hier die sogenannte „Chockwirkung“14. Während eine Leinwand oder eine Fotografie durch ihre Lückenhaftigkeit die Phantasie oder zum Denken anregen, ist der Film nicht statisch, sodass der Denkprozess durch die ständigen neuen Eindrücke, die verarbeitet werden müssen, gestört wird. Der Film übernimmt also das Denken für den Zuschauer, der wiederum die Perspektive der Kamera einnimmt und sich daran ergötzt, da er ja die Zerstreuung möchte15. Die Politik kann den Film zur Beeinflussung seiner Zuschauer einsetzen, um sie eine Sichtweise adaptieren zu lassen. Im Sinne einer kapitalistisch ausgebeuteten Maschinerie, stellt dessen letztes Glied der Abnehmermarkt des Publikums dar, das höchste den Filmemacher16.

Wie bereits erwähnt ist ein erheblicher Bestandteil des Wandels hin zu der Technischen Reproduzierbarkeit von Kunstwerken die Veränderung des Verhältnisses von Kunst Erschaffenden zu den Rezipienten der Kunst. Früher gab es vereinzelte Künstler, deren Werke, wie handgeschriebene Bücher, nur wenige Menschen erreichen konnten. Zu Zeiten Benjamins jedoch konnte ein jeder Mensch seine Kunst vervielfältigen und durch Techniken wie den Buchdruck, Eisenbahnnetze und Telegrafie an eine Vielzahl an Rezipienten und über große Entfernungen verbreiten17. Die Grenze zwischen dem Erschaffer und dem Empfänger verschwamm so immer mehr, da die Arbeiter das Kunstwerk nur noch nach strikten Anleitungen zusammenfügten, in diesem Prozess aber kaum kreative Energie mehr zu finden war, und verlor gleichsam ihren Zweck. Gänzlich verhältnislos ist dieser Prozess, wenn Maschinen die Instanz zwischen Erschaffer und Empfänger einnimmt, sodass auch die künstlerische Energie des handwerklichen Erstellens fehlt. Diese Rezeption durch ein großes „Kollektiv“18 beeinflusst rückwirkend also die Qualität der Kunst und lässt den Konflikt der Unmöglichkeit, dass derartige Massen sich kontrolliert und organisiert dem zu Empfangenen Kunstwerk öffnen, offensichtlich erscheinen19. Durch das Abhandensein des Bezugs zum Künstler kann das Kunstwerk als solches nicht sein, sondern ist nun ein einfacher, seelenloser Gegenstand.

Bereits im Dadaismus sah Walter Benjamin erste Anwandlungen politisch genutzter Kunst: Der Dadaismus wollte in die Öffentlichkeit und dort Unruhen erregen, der Betrachter sollte beeinflusst werden20, doch im Faschismus spitzt sich die Problematik des politischen Kunstmissbrauchs zu, wie er im Nachwort beschreibt: Die optische Darstellung und Beschönigung , in seinen Worten die „Ästhetisierung“21, der Politik würde im Krieg gipfeln und der menschliche Tod als ein Genuss der Kunst empfunden, als künstlerische Befriedigung22, was zu hinterfragen und zu kritisieren ist.

Warum kann Jacques Rancière in seinen Texten behaupten, Kunst sei etwas Widerständiges?

Rancière beschreibt in seinem Essay mit dem aus dem Französischen übersetzten Titel „Ist Kunst widerständig?“, der allerdings viel eher als „Ob Kunst etwas widersteht?“ übersetzt werden könnte, die Eigenschaften der Kunst und ihrer sprachlichen, sowie sinnlichen Verknüpfung zum Widerständigen23.

Die Kunst habe eine doppelte Kraft innewohnen, die sich in ihr selbst entfaltet und gleichzeitig nach außen wirken kann. Sie erhält sich durch diese Kraft selbst und besitzt außerdem morphologische Fähigkeiten, sodass sie sich selbst je nach betrachtendem Auge wandeln kann24, während jeder Betrachter vor dem Kunstwerk selbst gleich zu sein scheint25. Im Gegensatz zum Kunstwerk und zum Revolutionär ist allerdings der Künstler nicht widerständiger als alles andere, sondern vielmehr eine überaus tragische und ebenso statische Figur26. Ebenso wie sein erschaffender Künstler hat auch das Kunstwerk eine Statik innewohnen, die sich in Form des unbeweglichen Momuments begründet. Mit diesem Aspekt ringt mit der eben erwähnten Wandelbarkeit, machen sich das Kunstwek strittig und bilden gemeinsam eine ebenso sich ergänzende wie konkurrierende Dualität in einem Einzelding. Diese Eigenschaft der gegensätzlichen, aber in sich vereinten Pole27, geben dem Kunstwerk die Bezeichnung der statis dynamis. In versprachlichter, metaphotischer Form kann das Monument den Übergang von dem Künstlerischen zum Revolutionären und beide gemeinsam eine Überbrückung zu der Zukunft bilden28.

[...]


1 Benjamin, Walter : Das Kunstwerk im Zeitalter technischer Reproduzierbarkeit , Suhrkamp Verlag, Berlin 2010, Seite 16

2 Ebd., Seite 13

3 Ebd., Seite 11

4 Ebd., Seite 40

5 Ebd., Seite 17

6 Ebd., Seite 11

7 Ebd., Seite 67

8 Ebd., Seite 63

9 Ebd., Seite 20

10 Ebd., Seite 51

11 Vgl. Benjamin, Walter: Das Kunstwerk im Zeitalter technischer Reproduzierbarkeit , Suhrkamp Verlag, Berlin 2010, Seite 54

12 Ebd., Seite 61

13 Ebd., Seite 58

14 Ebd., Seite 67

15 Ebd., Seite 67

16 Ebd., Seite 44,50

17 Benjamin, Walter : Das Kunstwerk im Zeitalter technischer Reproduzierbarkeit , Suhrkamp Verlag, Berlin 2010, Seite 47

18 Ebd., Seite 56

19 Ebd., Seite 69

20 Ebd., Seite 66

21 Ebd., Seite 74

22 Ebd., Seite 77

23 Rancière, Jacques: Ist Kunst widerständig?, Merve Verlag, Berlin 2008, Seite 7

24 Ebd., Seite 72

25 Ebd., Seite 70

26 Ebd., Seite 31

27 Ebd., Seite 31

28 Ebd., Seite 70

Ende der Leseprobe aus 7 Seiten

Details

Titel
Walter Benjamins "Kunstwerk im Zeitalter technischer Reproduzierbarkeit" und die politischen Konsequenzen
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel
Note
1,7
Autor
Jahr
2019
Seiten
7
Katalognummer
V542445
ISBN (eBook)
9783346160294
Sprache
Deutsch
Schlagworte
benjamins, konsequenzen, kunstwerk, reproduzierbarkeit, walter, zeitalter
Arbeit zitieren
Henrike Wendt (Autor), 2019, Walter Benjamins "Kunstwerk im Zeitalter technischer Reproduzierbarkeit" und die politischen Konsequenzen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/542445

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