Die folgende Arbeit geht der Frage nach, welche belastenden Erfahrungen bei unbegleiteten, minderjährigen Asylsuchenden eine bleibende Traumatisierung auslösen können, wie genau diese definiert werden können, und welche Therapieansätze dagegen entwickelt werden können.
Einzelpersonen sowie ganze Familien flüchten aus ihrem Heimatland und stellen sich dabei Gefahren aus, welche wir hauptsächlich nur in den Medien mitverfolgen können. Unter den Flüchtenden befinden sich nicht selten Kinder und Jugendliche, welche oft die Last des Schicksals einer ganzen Familie zu tragen haben. Weltweit befinden sich Millionen von Kindern auf der Flucht und Hunderttausende davon sind alleine unterwegs, wobei sie oft ungeschützt gegenüber Menschenhändlern sind, die diese Situation auszunützen wissen. Sobald die legalen Flucht- und Migrationswege verschlossen sind, weichen die Kinder oftmals auf gefährliche Routen aus, die hohe Risiken mit sich bringen. Innerhalb von zwei Jahren sind zehntausende minderjährige Flüchtlinge in Europa verschwunden, was durch die Bekanntgabe von Europol publik geworden ist. Da die legalen Fluchtkorridore nicht benutzt werden können, müssen die unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge oft lebensbedrohliche Situationen überstehen. Eine Traumatisierung während der Flucht gehört dabei nicht zur Ausnahme, sondern ist eher überwiegend.
In einem ersten Schritt der Arbeit sollen deshalb grobe Erkenntnisse darüber gewonnen werden, was eine Traumatisierung bei unbegleiteten minderjährigen Asylsuchenden begünstigt. Zudem soll eine kurze Annäherung an den Begriff des Traumas beziehungsweise der Traumatisierung versucht werden, da dieser Begriff oft zur Anwendung gekommen ist. In einem zweiten Schritt sollen Indikatoren für eine mögliche Traumatisierung sowie der Aufbau der Flucht und deren Belastungen für die Kinder und Jugendlichen untersucht werden.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
1.1 Thema und Problemstellung
1.2 Definition zentraler Begriffe
1.3 Aufbau der Arbeit und Vorgehen bei der Literatursuche
2 Ergebnisse aus der Literatur
2.1 Entstehung und Ursache möglicher traumatischer Erfahrungen für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge
2.2 Eine Annäherung an die Begrifflichkeit des Traumas
2.3 Extreme Belastungssituationen
3 Folgerung und Diskussion
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die verschiedenen belastenden Erfahrungen, denen unbegleitete minderjährige Asylsuchende (UMA) auf ihrer Flucht ausgesetzt sind, und analysiert, inwiefern diese Faktoren eine Traumatisierung begünstigen können. Ziel ist es, ein wissenschaftliches Verständnis für die sequentiellen Belastungssituationen dieser vulnerablen Gruppe zu entwickeln.
- Belastungsfaktoren während der Flucht und deren Auswirkungen
- Wissenschaftliche Definition und Begrifflichkeit von Traumata
- Konzept der sequentiellen Traumatisierung nach Keilson
- Herausforderungen der Wiedereingliederung und des Erwachsenwerdens
- Zusammenhang zwischen Fluchterfahrungen und psychischer Gesundheit
Auszug aus dem Buch
2.3 Extreme Belastungssituationen
Wie unter Punkt 2.2 erwähnt, kann das Trauma und deren Wirkung nun als Folge von Zusammenhängen verstanden werden. Das Konzept von Keilson (1979), welches auf die Flucht und die damit entstehende Traumatisierung übertragen werden kann, betrachtet dabei spezifische extreme Belastungssituationen von Kindern und Jugendlichen und nicht einzelne einzugrenzende Ereignisse (Teckentrup, 2010, S. 99–100). Gemäss Keilson (1979, S. 55–56) ist die Flucht der Kinder als eine aufeinanderfolgende Traumatisierung zu verstehen und kann in drei Phasen enormer Belastungssituationen eingeteilt werden, welche nachfolgend unter Abbildung 2 dargestellt sind. Keilson (1979) hat in seinen Studien jüdische Kriegswaisen in den Niederlanden untersucht und hat dabei das Konzept der sequentiellen Traumatisierung entwickelt, welches laut Teckentrup (2010, S. 99) in seinen Grundzügen auf die Flucht und deren Traumatisierung übertragen werden kann.
Jede dieser drei Phasen der Abbildung 2 ist laut Keilson (1979, S. 56–72) durch extreme Belastungssituationen gekennzeichnet. Die Beginnphase zeichnet sich durch den Verlust des Rechtschutzes und durch die Entwürdigung der Familie aus. Die Verfolgung, Entführung von Angehörigen und Bekannten gehört ebenfalls dazu. Ein besonderes Merkmal der Beginnphase ist die Auflösung der vertrauten Umgebung. Keilson (1979) bezeichnet diese Phase als: «Die Beginnphase mit den präludierenden Momenten der Verfolgung» (S. 56).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Dieses Kapitel führt in die Problematik unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge ein, definiert zentrale Fachbegriffe und legt die methodische Vorgehensweise bei der Literaturrecherche dar.
2 Ergebnisse aus der Literatur: Hier werden die Ursachen traumatischer Erfahrungen, das theoretische Verständnis von Traumata sowie das Modell der sequentiellen Belastungssituationen detailliert analysiert.
3 Folgerung und Diskussion: Das Kapitel fasst die Erkenntnisse zusammen, reflektiert die Beantwortung der Forschungsfrage und gibt Anregungen für weiterführende wissenschaftliche Untersuchungen.
Schlüsselwörter
Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, UMF, UMA, Flucht, Traumatisierung, Trauma, sequentielle Traumatisierung, Belastungssituationen, psychische Gesundheit, Jugendhilfe, Fluchtursachen, Identitätsentwicklung, Wiedereingliederung, Fluchtweg, Identitätsfestigung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit den traumatisierenden Erfahrungen von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen (UMF) und analysiert, unter welchen Bedingungen während des Fluchtprozesses psychische Belastungen entstehen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Die Schwerpunkte liegen auf den Ursachen für Traumata, dem Prozess der Flucht als sequenzielle Belastung sowie der psychologischen Einordnung der erlittenen Schicksale.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Arbeit untersucht, welche belastenden Erfahrungen bei unbegleiteten minderjährigen Asylsuchenden eine mögliche Traumatisierung verursachen können.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Es handelt sich um eine Literaturarbeit, die auf einer systematischen Recherche in Fachdatenbanken (z. B. Nebis-Katalog) und der Auswertung bestehender sozialwissenschaftlicher sowie psychologischer Fachliteratur basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der Entstehungsursachen von Traumata, eine theoretische Annäherung an den Traumabegriff sowie die Anwendung des Modells der sequentiellen Traumatisierung auf die Fluchtsituation.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Flucht, Traumatisierung, unbegleitete minderjährige Flüchtlinge (UMF/UMA) und das Konzept der sequentiellen Traumatisierung.
Warum spielt das Konzept von Keilson eine zentrale Rolle?
Das Konzept ermöglicht es, Flucht nicht nur als ein punktuelles Ereignis, sondern als eine Abfolge traumatischer Phasen zu verstehen, was die langfristige psychische Belastung besser erklärbar macht.
Welche Herausforderungen identifiziert die Autorin bei der Begriffsklärung?
Es wird aufgezeigt, dass es keine international einheitliche Definition für UMA/UMF gibt und psychologische Theorien oft überfordert sind, universelle Aussagen über Traumata zu treffen.
Welche Schlussfolgerung zieht die Arbeit hinsichtlich der Fluchterfahrungen?
Die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass die Traumatisierung durch die Flucht ein komplexer, prozesshafter Vorgang ist, der auch nach der Ankunft im Zielland durch den Aufarbeitungsprozess eine weitere Extrembelastung darstellen kann.
- Arbeit zitieren
- Ephraim Scheuermann (Autor:in), 2018, Trauma und traumatisierende Erfahrungen bei unbegleiteten minderjährigen Asylsuchenden. Entstehung, Definition und Handlungsansätze, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/542478