Das Phänomen Kiezdeutsch und seine fremdsprachlichen Ausdrücke im Kontext von Jugend- und Kontaktsprache


Hausarbeit, 2018

15 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

1. Einleitung

2. Das Phänomen Kiezdeutsch

3. Kiezdeutsch im Kontext von Jugend- und Kontaktsprache

4. Korpusdaten / fremdsprachliches Material

5. Fazit

6. Ausblick

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das fundamentale sprachliche Phänomen der Zwei-, beziehungsweise Mehrsprachigkeit, hat bis heute einen umfassenden transdisziplinären Forschungs- und Wissensstand, sowie zahlreiche linguistische Debatten, angestoßen und hervorgebracht (Földes 2005 : 7).

Trotz umstrittener, heterogener und vielschichtiger Klassifikationen bezüglich Mehrsprachigkeit, Sprachkontakt und sprachlicher Variation ist es möglich, sowie notwendig, aktuelle multilinguale Entwicklungen zu beleuchten, und diese im Zusammenhang allgemeiner Sprachentwicklung zu untersuchen.

Zu diesen linguistischen Entwicklungen zählt das Phänomen der „kiezdeutschen“ Varietät. Mitten in multiethnischen Wohnvierteln, langfristig geprägt durch Migration und Mehrsprachigkeit, entstand eine dynamische, neue deutsche Varietät, welche es bis in die heutigen, aktuellen linguistischen Diskussionen geschafft hat. Die Rede ist hier vom „Kiezdeutsch“ (Wiese 2012), Jugendslang (Hinrichs 2013) oder auch „Kanak Sprak“ (Pohle/Schumann 2004). Gemeint ist hiermit eine neue Sprachvarietät des Deutschen, welche kontrovers definiert und umschrieben wird. Im Folgenden wird hierfür die eingangs erwähnte Begrifflichkeit Kiezdeutsch verwendet, um diese sprachliche Varietät zu bezeichnen.

Die differenzierten Zuordnungen und Beschreibungen des Kiezdeutschen haben ihren Ursprung in verschiedenen Merkmalen dieser neuen Varietät, wie beispielsweise grammatischen Reduktionen, lexikalischen Neuerungen oder lautlicher Besonderheiten, welche je nach Perspektive und Ansatz unterschiedlich eingeordnet werden. Dabei sind die grammatischen Eigenheiten des Kiezdeutschen umfassend fundiert beschrieben, die Ursachen und Entwicklungsverläufe jedoch umstritten. Dies trifft ebenso für die Neuerungen im lexikalischen Bereich zu, welche im Folgenden genauer beschrieben werden. Gemeint sind hiermit fremdsprachliche Ausdrücke im Kiezdeutschen.

Nach einer grundlegenden Beschreibung der sprachlichen Eigenheiten der kiezdeutschen Varietät wird auf die Jugend- und Kontaktsprache Bezug genommen, welche nachfolgendend mit dem Kiezdeutschen, insbesondere den fremdsprachlichen Ausdrücken, in Beziehung gesetzt wird.

Hinsichtlich der jugend, -sowie kontaktsprachlichen Aspekte des Kiezdeutschen soll demnach im Folgenden der Frage nachgegangen werden, inwieweit fremdsprachliche Ausdrücke in dieser Varietät Ausdruck jugendsprachlicher oder kontaktsprachlicher Einflüsse sind.

2. Das Phänomen Kiezdeutsch

Die urbane (Sprach-)Umgebung, in der das Kiezdeutsche angesiedelt ist, sowie seine mediale (wissenschaftlich oft unfundierte) und öffentliche Darstellung machen aus dem Kiezdeutsch ein Phänomen, was jeder kennt, oder zumindest schon einmal gehört hat.

Die urbane Umgebung, in der das Kiezdeutsche zu „hören“ ist, beschränkt sich hier nicht nur auf Berlin, nach Heike Wiese der „Geburtsstätte“ des Kiezdeutschen (2012 : 13), sondern ist systematisch in multiethnischen Wohngebieten zu finden (Bülow/Kerschensteiner 2014), und dass nicht nur deutschland,- sondern europaweit (Pohle/Schumann 2004).

Eben überall da, wo „Kiez“ ist, wo vor Allem junge, mehrsprachige Menschen unterschiedlicher Herkunft zusammenleben, und so eine kulturelle sowie sprachliche Heterogenität reproduzieren, in welcher die typische „Dynamik“ des Kiezdeutschen begründet liegt, welche Sprachwandelprozesse vorantreibt (Pohle/Schumann 2004).

Diese Dynamik wird unter Anderem sichtbar in „grammatischen Innovationen“ (Wiese 2012), welche linguistisch umfassend beschrieben, deren Ursache und Bedeutung jedoch kontrovers diskutiert wird. Widersprüchlich zum Innovations- und Dialektdiskurs auch als „Reduktionen, Vereinfachungen unter dem Dach grammatischen Abbaus“ (Hinrichs 2013 : 204) betitelt.

Die dabei beschriebenen Merkmale der jugendsprachlichen Varietät (Wiese 2006), sind zum Einen der Ausfall oder der veränderte Gebrauch der Artikel und Präpositionen:

„Wir gehen _ Görtlitzer Park“ (Hinrichs 2013)

„Wir sind gleich Alexanderplatz“ (Bülow/Kerschensteiner)

„Ich werde 2. Mai fünfzehn“ (Bülow/Kerschensteiner)

Dieses Merkmal manifestiert sich in neuen, charakteristischen Zeit- und Ortsangaben im Kiezdeutschen, welche als bereits bestehenden Phänomene des Deutschen (Wiese 2012 : 53) oder als Anzeichen von Sprachkontakt (Bülow/Kerschensteiner) diskutiert werden. Neben neuen Beschreibung der Ort und Zeitangaben finden wir die Verwendung der abweichenden Genera:

Ich frag mein Schwester“ (Hinrichs 2013 : 204)

Hast du Handy?“ (Wiese 2012 : 61)

Der Ursprung dieses morphosyntaktischen Merkmals ist ebenfalls umstritten. Hinrichs plädiert hier für das Auftreten so genannter Allzweck-Pronomen und Artikeln, welche unveränderlich sind, und für alle Geschlechter genutzt werden können (2013 : 185). Wiese jedoch sieht hier vielmehr das Aufgreifen, im Deutsch bereits angewandter, Verkürzungen (2012 : 61), um an dieser Stelle nur zwei der kontroversen Erklärungsansätze zu nennen. Die fehlerhafte Verwendung des Kasus zählt ebenfalls zu den wichtigen Neuerungen im Kiezdeutschen:

„mit meim Schatz“ (Hinrichs 2013 : 221)

„Die mit den Knutschfleck“ (Wiese 2012 : 59)

Laut Hinrichs hat sich im Laufe dieser Neuerung ein Einheitskasus manifestiert, falls es überhaupt eine Kasusmarkierung gibt (im Falle ausgelassener Artikel, welche zur Kasusmarkierung dienen), wohingegen diese „Vereinfachung“ auch eine Folge des Sprachwandels im Deutschen sein kann (Wiese 2012 : 59).

Als weitere Folge des kontinuierlichen Sprachwandels sieht Wiese die fehlenden Pronomina im Kiezdeutschen. Diese Entwicklung besteht gemäß der Autorin bereits seit einigen Jahren in der deutschen Sprache, und findet Ausdruck in der Tendenz zur Vereinfachungen und Auslassungen im Sprachgebrauch (Wiese 2012).

Neue Wortstellungsoptionen sind ebenso charakteristisch:

„Danach ich ruf dich an.“ (Wiese 2012 : 81)

„Machst du rote Ampel“ (Wiese 2012 : 84)

Auffallend hierbei ist die vielfältige Vorfeldbesetzung durch Verben oder Adverbien. Dabei geht die Positionierung des Verbs, welche von den drei Möglichkeiten im Standarddeutschen abweicht (Verberst-, zweit- ,oder Verbletztstelle), einher mit einer veränderten Informationsstruktur (Wiese 2012 : 89).

Bülow und Kerschensteiner deuten dieses Phänomen als Folge des Sprachkontakts, für Wiese hingegen wird hier wieder nur systematisch eine bereits im Deutschen angelegte, in diesem Fall ältere Variante der Verbposition, aufgegriffen.

Weiterführend sind der Ausfall der Kopula (Hinrichs 2013), sowie die gesteigerte Verwendung neuer Aufforderungswörter und Partikeln auffallend. Diese treten laut Wiese auch in anderen jugendsprachlichen Varietäten auf (Wiese 2006).

Klitisierungs- und Verkürzungstendenzen erlauben neue emotionale und intentionale Ausdrucksweisen durch den Einbau von Partikeln und Aufforderunsgwörtern (Wiese 2012 : 64). Beispiele hierfür sind im Kiezdeutschen hoch frequentierte Wörter wie „lassma“, „ischwör(e)“ oder auch die Partikel „gibs“, welche sich aus dem Ausdruck „es gibt“ entwickelt hat (Wiese 2012 : 63-73).

In ihrer Definition und Einordnung diskutiert, aber dennoch wichtig zu erwähnen, sind komplexe Ausdrücke wie „Ich mach dich Messer “ (Wiese 2006) oder das bereits in einem anderen Kontext erwähnte Beispiel:„ Machst du rote Ampel“ (Wiese 2006). Wiese sieht hier eindeutige Parallelen zu denen im Standarddeutschen verwendeten Funktionsverbgefügen, wobei das Verb „gebleicht“ auftritt, also seine Bedeutung auffallend reduziert wird, und das Nomen, welches in enger Bindung zu dem Verb auftritt, in seiner Referenzfähigkeit beschränkt ist (Wiese 2006).

Ob die Charakterisierung dieser Ausdrücke als produktive Funktionsverbgefüge weitgehend übernommen werden kann, beziehungsweise ob es sich überhaupt um diese handelt, wird stark diskutiert. Die hierbei auffällige morpho-syntaktische Reduktion weist ebenfalls Parallelen zu kontaktsprachlichen Merkmalen auf.

Auf phonologisch-phonetischer Ebene finden wir ebenfalls Neuerungen im Kiezdeutschen. Diese lassen sich vor Allem durch den Einfluss verschiedener Herkunftssprachen auf das Kiezdeutsche begründen. Kiezdeutsch als Multiethnolekt ist lautlichen Einflüssen verschiedener Herkunftssprachen seiner Sprecher und Sprecherinnen ausgesetzt ( García Tercero 2017 : 25). Auffallend ist hierbei die Koronaliserung der Ich-Laute 9, welche als ein [fl-Laut artikuliert werden (García Tercero 2017). Da dieser Laut, beziehungsweise diese Assimilation sowohl in deutschen Dialekten, als auch inbesondere beim türkisch-deutschen Sprachkontakt zu finden ist, gibt es auch hier unterschiedliche Erklärungskonzepte, wobei der Einfluss des Türkischen als Herkunftssprache naheliegend ist (Tercero 2017 : 25).

Hinrichs bezeichnet diese Koronalisierung als das akustische Merkmal des Kiezdeutschen (Hinrichs 2013 : 206). Für ihn wird hier der Einfluss des Sprachkontakts deutlich, welcher in der hoch frequentierten Koronalisierung („isch“, „disch“, „rischtisch“; Hinrichs 2013 : 206) resultiert.

Neben der Koronalisierung findet sich im Kiezdeutschen eine spezifische Realisierung des Lautes /r/. Dieser Laut wird gemäß García Tercero als gerolltes [r] ausgesprochen, was in den Herkunftssprachen der Kiezdeutsch-Sprecher begründet ist. Dazu zählen in Bezug auf diese lautliche Veränderung Türkisch, Arabisch oder Kurdisch (García Tercero 2017). Diese lautlichen Veränderungen resultieren laut Hinrichs in dem exotischen Lautbild, welches stark charakterisierend für das vor Allem mündlich realisierte „auffällige Migrantendeutsch“ ist (Hinrichs 2013 : 206; 207).

Abschließend, und im Weiteren genauer thematisiert, ist das Phänomen der fremdsprachlichen Ausdrücke im Kiezdeutschen zu nennen.

Begründet in den Einflüssen der Mehrsprachigkeit, die in den urbanen Wohngebieten durch Migrationsbiographien vorhanden ist, finden sich im Kiezdeutschen zahlreiche neue sprachliche Ausdrücke (García Tercero 2017 : 19).

Auch Pohl und Schumann beschreiben den deutlichen Einfluss der Herkunftssprachen, besonders des Türkischen und des Arabischen, auf den lexikalischen Bereich des Kiezdeutschen (Pohl/Schumann 2004). Dabei finden sich diese lexikalischen Ausdrücke sowohl in anderen jugendsprachlichen (Pohl/Schumann 2004), als auch in medialen Kontexten wieder (García Tercero 2017 : 19).

Ergänzende Beispiele und Belege werden weiterführend erläutert, wobei die mehr-, beziehungsweise herkunftssprachlichen, Einflüsse anhand der Korpusbelege überprüft werden.

Entgegen einiger populärwissenschaftlichen Meinungen, dass Kiezdeutsch grammatisch fehlerhaft, und somit wenig gewinnbringend für die Entwicklung der deutschen Sprache ist, stehen verschiedene sprachwissenschaftliche Beschreibungen, welche die grammatischen und sprachlichen Merkmale des Kiezdeutschen beleuchten, und darauf aufbauend verschiedene Klassifizierungen vornehmen, welche sich gegen populäre Vorurteile oder diskriminierenden Zuschreibungen adressiert an Sprache und Sprecher richten, ja sogar eine sprachliche Bereicherung im Kiezdeutschen sehen (Wiese 2012).

[...]

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Das Phänomen Kiezdeutsch und seine fremdsprachlichen Ausdrücke im Kontext von Jugend- und Kontaktsprache
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für deutsche Sprache und Linguistik)
Note
2,3
Autor
Jahr
2018
Seiten
15
Katalognummer
V542484
ISBN (eBook)
9783346154019
ISBN (Buch)
9783346154026
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Jugendsprache, Kiezdeutsch, Sprachkontakt
Arbeit zitieren
Franziska Schmidt (Autor), 2018, Das Phänomen Kiezdeutsch und seine fremdsprachlichen Ausdrücke im Kontext von Jugend- und Kontaktsprache, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/542484

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