Seit den neunziger Jahren hat Gøsta Esping-Andersen (1990) sein Konzept der Wohlfahrtsregime entwickelt. Bis dahin war das Niveau der Sozialausgaben die gängige Variable zur Bestimmung der Wohlfahrtsstaatlichkeit. Esping-Andersen versucht die Auswirkungen der Wohlfahrtsregime auf die Bürger durch eine theoretisch-empirische Analyse zu veranschaulichen. Zu diesem Zweck charakterisiert er drei Wohlfahrtsstaatstypen, und zwar das liberale, sozialdemokratische und konservative Modell. In diesem Kontext ist Dänemark dem sozialdemokratischen Modell und Deutschland dem konservativen Modell zuzuordnen. Lessenich und Ostner (1998) jedoch bezeichnen beispielsweise das konservative Wohlfahrtsregime als einen bunten „Flickenteppich“ , dem Esping-Andersen die Wohlfahrtsstaaten zugeordnet hat, die nicht zu den anderen beiden Modellen passten. Gegenstand dieser Arbeit ist es, die Typologie Esping-Andersens und die berücksichtigten Variablen bei dessen Bildung darzustellen. Wie lassen sich das dänische und deutsche Wohlfahrtssystem nach Esping-Andersen charakterisieren und typologisieren? Was sind die Unterschiede dieser beiden Wohlfahrtsstaaten? Inwiefern greift in diesem Zusammenhang Esping-Andersens These der Pfadabhängigkeit in Deutschland und Dänemark?
Diese Studienarbeit beschäftigt sich mit den Wohlfahrtsregimen in Deutschland und Dänemark aus einer historischen und vergleichenden Sicht. Die Darstellung soll nach dem Vorbild Esping-Andersens geschehen, der bei der Bildung seiner idealtypischen Wohlfahrtsregime versucht hat, die Dimensionen polity, politics und policy unter einen Hut zu bringen.
Zunächst wird die Typologie der von Esping-Andersen entworfenen Wohlfahrtsregime dargestellt. Die von Esping-Andersen berücksichtigten Variablen bei der Bildung seiner idealtypischen Wohlfahrtsregime werden näher erläutert, um dann die drei Wohlfahrtsregime selbst darzustellen. Anschließend wird auf die Weiterentwicklung dieses Modells durch Esping-Andersen aufgrund von aktuellen Entwicklungen, wie beispielsweise die Globalisierung, eingegangen. Auf die europäische Dimension des Wohlfahrtsstaates soll jedoch nicht weiter eingegangen werden. Im nächsten Teil werden der dänische und deutsche Wohlfahrtsstaat verglichen, sowohl nach ihrer Entwicklung, als auch nach Prinzipien bei deren Ausgestaltung.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Begriffsbestimmung: Sozialstaat, Wohlfahrtsstaat
3 Typologie der Wohlfahrtsregime
3.1 Die drei Welten des Wohlfahrtskapitalismus nach Esping-Andersen
3.1.1 Dekommodifizierung
3.1.2 Stratifizierung
3.1.3 Staat, Markt, Familie
3.2 Wohlfahrtsregime nach Esping-Andersen
3.2.1 Liberales Modell
3.2.2 Konservatives Modell
3.2.3 Sozialdemokratisches Modell
3.3 Ausweitung der drei Welten des Wohlfahrtskapitalismus
3.3.1 Globalisierung
3.3.2 Private Haushalte
4 Deutschland und Dänemark
4.1 Historischer Vergleich
4.1.1 Die Anfänge des Wohlfahrtsstaates in Deutschland bis 1920
4.1.2 Die Anfänge des Wohlfahrtsstaates in Dänemark bis 1920
4.1.3 Wohlfahrtsstaatsentwicklung 1920 bis 1945 in Deutschland
4.1.4 Wohlfahrtsstaatsentwicklung 1920 bis 1945 in Dänemark
4.1.5 Wohlfahrtsstaatsentwicklung in der BRD ab 1945
4.1.6 Wohlfahrtsstaatsentwicklung in Dänemark ab 1945
4.2 Die Verankerung des Wohlfahrtsstaates im deutschen Grundgesetz
4.3 Die Verankerung des Wohlfahrtsstaates in der dänischen Verfassung
4.4 Politische Gestaltungsprinzipien
4.5 Pfadabhängigkeit
4.6 Der Machtressourcen-Ansatz
4.7 Social Policies - Typologie der Versicherungsmodelle
4.7.1 Rentenversicherung
4.7.2 Krankenversicherung
4.8 Charakterisierung der Wohlfahrtsregime (D, DK)
5 Fazit
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die Anwendbarkeit der Wohlfahrtsregime-Typologie von Gøsta Esping-Andersen auf die Wohlfahrtssysteme von Deutschland und Dänemark unter Berücksichtigung historischer Entwicklungen und politischer Gestaltungsprinzipien.
- Charakterisierung und Typologisierung der Wohlfahrtssysteme nach Esping-Andersen
- Historischer Vergleich der wohlfahrtsstaatlichen Entwicklung beider Länder
- Analyse der Bedeutung von Pfadabhängigkeit für die Entwicklung von Sozialversicherungssystemen
- Vergleichende Untersuchung spezifischer Politikfelder wie Renten- und Krankenversicherung
- Kritische Reflexion der Eignung idealtypischer Modelle zur Beschreibung realer Wohlfahrtsstaaten
Auszug aus dem Buch
3.1 Die drei Welten des Wohlfahrtskapitalismus nach Esping-Andersen
Die neuere politikwissenschaftliche Forschung unterscheidet zwischen verschiedenen Typen des Wohlfahrtsstaats. Der Vorschlag von Gösta Esping-Andersen wendet sich bei der Klassifizierung von Wohlfahrtsstaaten bewusst von der Strategie der Untersuchung von Staatsausgaben ab. Esping-Andersen bezieht quantitative und qualitative Gesichtspunkte beim Entwurf der Wohlfahrtstypen mit ein, das heißt er untersucht die jeweiligen institutionellen Arrangements einer Gesellschaft, die sich mit der Regulation von Arbeit und Wohlfahrt befassen. Dabei basieren Wohlfahrtsregime nach Esping-Andersen auf grundlegenden „ordnungspolitische(n) Konzeptionen der Sozialpolitik“, die somit unterschiedliche Ausgestaltungen der institutionellen Arrangements hervorrufen. Die Struktur des Wohlfahrtsstaates wird bestimmt durch die Stärke und Geschlossenheit der Arbeiterschaft auf der einen Seite und des Bürgertums auf der anderen Seite. Nach Esping-Andersens idealtypischer Charakterisierung gibt es liberale, konservative und sozialdemokratische „Wohlfahrtsregime“, die sich durch verschiedene Variablen voneinander abheben. So unterscheidet Kohl folgende Variablen beziehungsweise Indikatoren (siehe Abbildung 1): Dekommodifizierung, Residualismus, Privatisierung, Korporatismus/Etatismus, Umverteilungskapazität und Vollbeschäftigungsgarantie. Diese Variablen finden in den drei Typen des Wohlfahrtsstaates liberal, konservativ und sozialdemokratisch verschiedene Ausprägungen von schwach bis stark.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung führt in die Wohlfahrtsstaatsforschung von Esping-Andersen ein und skizziert die Forschungsfrage nach der Einordnung Deutschlands und Dänemarks.
2 Begriffsbestimmung: Sozialstaat, Wohlfahrtsstaat: Dieses Kapitel erläutert die terminologische Unterscheidung zwischen den Begriffen Sozialstaat und Wohlfahrtsstaat im politischen und wissenschaftlichen Kontext.
3 Typologie der Wohlfahrtsregime: Hier wird das theoretische Modell von Esping-Andersen mit seinen zentralen Dimensionen und den drei Idealtypen (liberal, konservativ, sozialdemokratisch) vorgestellt.
4 Deutschland und Dänemark: Dieses Hauptkapitel vergleicht detailliert die historische Entwicklung, die verfassungsrechtliche Verankerung und die Politikfelder der Wohlfahrtssysteme beider Staaten.
5 Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und bewertet die Eignung der Esping-Andersen-Typologie, wobei insbesondere auf den Charakter Deutschlands als Mischtyp eingegangen wird.
Schlüsselwörter
Wohlfahrtsregime, Gøsta Esping-Andersen, Deutschland, Dänemark, Sozialstaat, Dekommodifizierung, Pfadabhängigkeit, Rentenversicherung, Krankenversicherung, Machtressourcen-Ansatz, Sozialpolitik, Wohlfahrtskapitalismus, Idealtypen, Mischtyp, Sozialversicherung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert, wie sich die Wohlfahrtssysteme von Deutschland und Dänemark in das bekannte Klassifikationsschema der „Drei Welten des Wohlfahrtskapitalismus“ von Gøsta Esping-Andersen einordnen lassen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die Konzepte der Dekommodifizierung, der historische Kontext der Wohlfahrtsstaatsentwicklung und die spezifische Ausgestaltung von Renten- und Krankenversicherungssystemen.
Was ist das primäre Ziel der Studie?
Das Ziel ist es, die Unterschiede zwischen dem deutschen konservativen Modell und dem dänischen sozialdemokratischen Modell aufzuzeigen und zu prüfen, ob diese Idealtypen der Realität noch gerecht werden.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine historisch-vergleichende Analyse sowie die polity- und policy-Methode, um die institutionellen Strukturen und die konkrete Ausgestaltung der sozialen Sicherungssysteme zu bewerten.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit dem historischen Vergleich beider Länder, der Verankerung in den jeweiligen Verfassungen und einer detaillierten Untersuchung, wie sich Faktoren wie Pfadabhängigkeit auf die Versicherungsmodelle auswirken.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind neben den Wohlfahrtsregimen die Pfadabhängigkeit, das Äquivalenzprinzip, das Universalitätsprinzip und die Kategorie des Mischtyps.
Warum wird Deutschland als Mischtyp diskutiert?
Die Untersuchung zeigt, dass Deutschland zwar Merkmale des konservativen Modells aufweist, aber aufgrund verschiedener Politikfelder und Reformen nicht vollständig in das starre idealtypische Schema passt.
Wie unterscheidet sich die dänische Verfassung von der deutschen?
Im Gegensatz zum deutschen Grundgesetz, das das Sozialstaatsprinzip eher allgemein definiert, garantiert die dänische Verfassung explizit soziale Grundrechte wie das Recht auf Arbeit und Unterstützung für Bedürftige.
Welchen Einfluss hatte der Machtressourcen-Ansatz?
Dieser Ansatz wird genutzt, um zu erklären, warum politische Machtverhältnisse – trotz Erwartungen an einen "Pfadwechsel" – oft zu einer Beharrungstendenz führen, bei der bestehende Systeme wie die deutsche Sozialversicherung weitgehend beibehalten werden.
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- Patrick Koops (Author), 2006, Wohlfahrtsregime nach Esping-Andersen. Deutschland und Dänemark, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/54251