"Christiane F. - Wir Kinder vom Bahnhof Zoo". Wege der Rauschgiftsucht, Wirkung von Buch und Film


Hausarbeit, 2020

24 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Christianes Geschichte

3. Wege in die Rauschgiftsucht
3.1 Familiarer Hintergrund
3.2 Soziales Milieu
3.3Pubertat und Jugend
3.4Bildung der Identitat
3.5 Sinken der Hemmschwelle

4. Geld als wichtiger Faktor

5. Musik - Bowie als Lebensgefuhl
5.1 70er und Disco
5.2 Drogensucht Bowies

6. Filmische Adaption

7. Wirkung von Buch und Film

8. Christiane F. - 40 Jahre spater

9. Bahnhof Zoo heute

10. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Als ich noch nicht auf H gewesen war, hatte ich vor allem Angst gehabt. Vor meinem Vater, spater vor dem Freund meiner Mutter, vor der Scheifi-Schule und den Lehrern, vor Hauswarten, Verkehrspolizisten und U-Bahn-Kontrolleuren. Jetzt fuhlte ich mich unantastbar“ (Hermann/Rieck 1980: 195).

„Christiane F. -Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ ist ein nach Tonbandprotokollen entstandenes einzigartiges und ungeschontes Dokument uber Drogenabhangigkeit im Jugendalter, das dem Leser aufzeigt, welche gesellschaftlichen Strukturen zu einem Weg in die Sucht beitragen und welche physischen und psychischen Folgen dieses Leben mit sich bringt.

Das Gesprach zwischen den Journalisten Kai Hermann und Horst Rieck mit Christiane F. war ursprunglich fur zwei Stunden angesetzt, aus denen nach und nach zwei Monate wurden. Was Christiane in diesen Interviews erzahlt hat, haben die Journalisten aufgezeichnet und nieder- geschrieben mit der Begrundung, „daB die Geschichte von Christiane mehr uber die Situation eines groBen Teils der Jugendlichen aussagt, als es ein noch so sorgfaltig recherchierter Bericht konnte“ (Hermann/Rieck 1980: 2).

In der Schule stand Christiane F.s Buch nicht auf dem Lehrplan und abgesehen von einer Suchtpraventionsveranstaltung in der 9. Klasse hatte ich keinen Bezug zu Christiane F. oder Drogen im Allgemeinen. Der Vorsatz, das Buch zu lesen, stand vor Beginn des Lekture- projekts jedoch seit einiger Zeit. Nach Entschluss „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ zu behandeln, erschien am nachsten Tag in meinem Newsfeed auf dem Handy ein Artikel der Bild Zeitung mit dem Titel „Das Junkie-Elend an der Hauptstadt-U-Bahn“1, in dem Anwohner von offentlichem Drogenkonsum und aufdringlichen Dealern berichten. Dort geht es zwar nicht um den Bahnhof Zoo, er zeigt aber, dass es auch rund vierzig Jahre spater noch Drogenschwerpunkte und offentlicher Konsum in Deutschlands Hauptstadt gibt.

Fur mich war dieser Artikel gleichzeitig sowohl spannend als auch erschreckend wenn man bedenkt, dass so viel Zeit seit Christiane F. vergangen ist und es mittlerweile deutlich mehr Angebote zur Prevention und Therapie gibt. Gewandelt hat sich der Rauschgiftkonsum zwar dahingehend, dass dieser weniger geballt auftritt und der Schwerpunkt auf anderen, neueren Drogen liegt und weniger Heroin konsumiert wird, es aber noch immer eine groBe Anzahl an Abhangigen gibt, die Diebstahl und Prostitution betreiben, um die Sucht zu finanzieren.

Von der Gesellschaft wird das Elend der Junkies oft verdrangt, kaum jemand hinterfragt wie eine Person zu den Drogen gekommen ist und welche Auswirkungen die Sucht auf diese Person hat. Die vorliegende Arbeit beschaftigt sich mit der Geschichte Christianes und be- handelt die Faktoren, die in Christianes Fall, und in vielen anderen Fallen, den Weg in die Rauschgiftsucht geebnet haben. Weiterhin soll es um den musikalischen Einfluss David Bowies gehen, der ein wichtiges Element sowohl im Buch als auch in der filmischen Adaption darstellt. Im Kapitel zur Verfilmung werden einige Unterschiede zur Romanvorlage herausgearbeitet und Elemente aufgezeigt, die der Regisseur genutzt hat, um Authentizitat zu gewahrleisten.

Bevor die Arbeit mit einem Blick auf den heutigen Stand von Christiane F. und den Bahnhof Zoo endet, werden die Eindrucke und die Wirkung, die Buch und Film hinterlassen haben, dargestellt.

2. Christianes Geschichte

Mit 12 Jahren betrinkt sich Christiane zum ersten Mal, nimmt zum ersten Mal Haschisch, LSD und andere Tabletten. Mit 14 spritzt sie sich das erste Mal Heroin. Der Beginn einer Zeit zwischen Hochgefuhl, Selbsthass und dem Erreichen des absoluten Tiefpunktes.

Christiane F. zieht im Alter von sechs Jahren mit ihrer Familie vom Dorf in die GroBstadt. In Berlin wollen ihre Eltern ein neues Leben beginnen. Als das Geld knapp wird zieht die Familie von Kreuzberg nach Gropiusstadt, eine Siedlung voller Hochhauser und Armut. Die Familie zerbricht allmahlich am Verhalten des Vaters. Dieser betrinkt sich immer ofter und rastet bereits bei Kleinigkeiten wie einem nicht ordentlich aufgehangten Kleidungsstuck (vgl. Hermann/Rieck 1980: 19) aus. Die erst achtjahrige Christiane lebt in standiger Angst vor ihrem Vater und wunscht sich sehnlichst endlich erwachsen zu sein, um „Macht zu haben uber andere Menschen“ (Hermann/Rieck 1980: 22), sodass sie sich gegen ihren Vater und ihre Mitschuler zur Wehr setzen kann.

Im Alter von nur 10 Jahren beginnt Christiane regelmaBig zu klauen und die Schule zu schwanzen. Die Eltern lassen sich schlieBlich scheiden und Christiane zieht mit Mutter und Schwester nach Rudow. Als Christiane 12 wird und die Pubertat beginnt, fangt sie an sich zu erwachsener zu kleiden und lange durch die StraBen zu ziehen.

Mit dem Wechsel auf die Gesamtschule kommt sie mit ihrer ersten Clique in Kontakt, was letztlich den Grundstein fur die spatere Drogensucht legt. Sie schwanzt immer ofter und wird immer aggressiver gegenuber den Lehrern, um sich Ehrfurcht vor ihren Mitschulern zu verschaffen und damit Zutritt zur Clique zu erhalten, in der ihre Mitschulerin Kessi, „der starkste Typ in unserer Klasse“ (Hermann/Rieck 1980: 41) ist. Kessi nimmt Christiane mit in das Haus der Mitte, „ein Jugendhaus der evangelischen Kirche mit einer Art Diskothek im Keller“ (Hermann/Rieck 1980: 43). Dort kommt Christiane das erste Mal mit der Drogen- szene in Kontakt. Die allesamt alteren Jugendlichen trinken und rauchen Haschisch. Zu diesem Zeitpunkt ist Christiane noch nicht bereit Drogen zu konsumieren, obwohl sie zur Clique gehoren will, „aber ich brachte das einfach noch nicht: Rauschgift rauchen. Da hatte ich nun doch noch echt Angst“ (Hermann/Rieck 1980: 44).

Nur wenige Tage spater raucht sie zum ersten Mal Haschisch. Zunachst nur um cool vor Kessi und den anderen aus der Clique zu wirken, kurze Zeit spater aber jeden Abend im Jugendhaus.

Zudem beginnt sie Alkohol als Ersatz zu konsumieren, wenn kein Dope zur Stelle ist. „Ich muBte mich immer irgendwie antornen. Ich war standig im totalen Tran. Das wollte ich auch, um ja nicht mit dem ganzen Dreck in der Schule und zu Hause konfrontiert zu werden“ (Hermann/Rieck 1980: 51). Im Club nimmt sie das erste Mal LSD und kommt dort auch mit Personen in Kontakt, die Heroin nehmen. Zu dieser Zeit beginnt sie auch sich vollstandig von ihrer Mutter zu entfremden, die keine Ahnung hat, dass ihre Tochter Drogen nimmt.

Die Clique wird fur Christiane zu einer Ersatzfamilie, in der sie sich willkommen und geborgen fuhlt (vgl. Hermann/Rieck 1980: 60).

Christiane hat, nachdem ihr der Jugendclub nichts mehr bieten kann, ein neues Ziel: Das Sound. „Das Sound war eine Diskothek an der Genthiner StraBe im Bezirk Tiergarten“ (Hermann/Rieck 1980: 63) und wirbt damit, die modernste Disko Europas zu sein. Die groBen Erwartungen an die Disco decken sich nicht mit der Realitat, die das Sound bietet. Statt einer modernen Disko erwartet Christiane „ein Keller mit sehr niedrigen Decken“ (Hermann/Rieck 1980: 64). Trotz ihrer Neugierde auf die scene, also den Ort wo sich Fixer und Dealer treffen und Heroin genommen wird, halt sie sich am ersten Abend von Drogen fern und beobachtet lediglich. Erstmals kommen ihr auch Zweifel an ihren Entscheidungen als sie wieder zu Hause ist: „Vor dem Einschlafen dachte ich noch: 'Christiane, das ist nicht deine Welt, du machst irgend was falsch'“ (Hermann/Rieck 1980: 65).

Sie lernt im Sound Atze kennen und verliebt sich in ihn. Durch ihn kommt sie in eine neue Clique in der man sich einig ist, dass Heroin „eine ScheiBdroge sei, daB man sich auch gleich eine Kugel in den Kopf schieBen konne, wenn man mit H anfinge“ (Hermann/Rieck 1980: 68). Die Kombination aus den Besuchen im Sound, der neuen Clique und den Drogen lost in ihr ein Glucksgefuhl aus und sie „war mal wieder ein paar Wochen rundum glucklich“ (Hermann/Rieck 1980: 70). Dieses Gefuhl halt solange an bis sie im Sound erfahrt, dass Atze eine neue Freundin hat. Ein weiteres Mitglied der Clique, Detlef, trostet sie und bleibt an dem Abend in ihrer Nahe. Um sich abzulenken nimmt sie einen Trip und begeht mit der Clique einen Einbruch im Europacenter. An diesem Abend geht Christiane auch zum ersten Mal zum Bahnhof Zoo und ist angeekelt von dem, was sie dort sieht (vgl. Hermann/Rieck 1980: 73).

Nach dem Ereignis mit Atze will sie alle Gefuhle mit Haschisch und Joints abtoten und kommt dabei zu einer wichtigen Erkenntnis: „Ich hatte es geschafft, daB ich auBer mir selber niemanden und nichts mehr liebte oder gern hatte“ (Hermann/Rieck 1980: 74).

Christiane geht nach einer Woche Pause wieder ins Sound und kommt Detlef dort naher. Sie bezeichnet ihn als Grund wieder ins Sound zu gehen. Im Sound macht Christiane die Erfahrung, dass sich das Heroin sehr schnell ausbreitet und die Clique zerstort, da „die, die Heroin versucht hatten, [...] sofort zu einer ganz anderen Gruppe [gehorten]“ (Hermann/Rieck 1980: 76).

Trotz ihrer Angst vor Heroin empfindet Christiane Hochachtung vor den Fixern und sieht sie als „nachst hohere Clique“ (Hermann/Rieck 1980: 76) an. Anfang 1976 setzt sich Detlef zum ersten Mal eine Spritze Heroin. Christiane macht sofort Schluss mit ihm und ist der Ansicht, Detlef verloren zu haben: „Mit einem Schlag, mit einem Druck, war nichts Gemeinsames mehr zwischen uns“ (Hermann/Rieck 1980: 77).

Am Bahnhof sieht Christiane Plakate fur ein David Bowie Konzert, den sie zu dem Zeitpunkt als „der coolste von allen“ (Hermann/Rieck 1980: 79) bezeichnet. Uber die Arbeit ihrer Mutter erhalt sie zwei Freikarten und nimmt einen Fixerfreund aus der alten Sound Clique mit, denn „er sah irgendwie original aus wie David Bowie“ (Hermann/Rieck 1980: 79). Auf dem Weg zum Konzert erlebt sie das erste Mal bewusst Entzugserscheinungen von Heroin mit, da Frank auf Turkey kommt. Nach dem Konzert treffen die beiden auf einen Bekannten und Christiane erbettelt genug Geld fur Heroin. Obwohl sie bisher gegen die Droge ist, mochte sie es dennoch ausprobieren um zu sehen, „ob das Zeug wirklich so gut ist“ (Hermann/Rieck 1980: 82). Aus Angst vor der Spritze snieft sie das Heroin, dessen Wirkung sofort einsetzt: „Meine Glieder wurden wahnsinnig schwer und waren gleichzeitig ganz leicht. Ich war irrsinnig mude. Und das war ein unheimlich geiles Gefuhl. Die ganze ScheiBe war mit einem Mal weg [.]. Ich fuhlte mich so toll wie noch nie. Das war am 18. April 1976, einen Monat vor meinem 14. Geburtstag. Ich werde das Datum nie vergessen“ (Hermann/Rieck 1980: 83).

Christiane schafft es nur wenige Tage bis zum nachsten Snief und nahert sich Detlef wieder an. Sie redet sich ein dass sie nur eine Wochenend-Fixerin ist und Detlef vor dem Heroin retten konnte, denn „das waren so die Lugen, mit denen ich happy war“ (Hermann/Rieck 1980: 89).

In den Osterferien 1976 trifft sie im Sound zum ersten Mal auf Babsi und Stella, zwei Madchen in ihrem Alter, die „spater meine besten Freundinnen [wurden]“ (Hermann/Rieck 1980: 90).

In den Ferien setzt sich Christiane den ersten Schuss. Von diesem Moment an sind Christiane und Detlef auf einer Augenhohe und die beiden verbringen fast ihre gesamte Zeit miteinander: „Wir quatschten viel unwirkliches Zeug. Irgendeinen Bezug zur Realitat hatte ich nicht mehr. Das Wirkliche war fur mich unwirklich. Mich interessierte weder gestern noch morgen. Ich hatte keine Plane, sondern nur noch Traume“ (Hermann/Rieck 1980: 95).

Einen Teil der Sommerferien soll Christiane bei ihrer Oma auf dem Dorf verbringen. Trotz Detlef und dem Sound freut sie sich auf diese Zeit und merkt, dass sie sich „ohne viel daruber nachzudenken [.] in zwei grundverschiedene Personen aufgespalten [hat]“ (Hermann/Rieck 1980: 97). In der Zeit bei der Oma verhalt sich Christiane wieder wie ein Kind und verschwendet kaum einen Gedanken an Berlin oder Detlef und freut sich nicht darauf, wieder nach Berlin zuruckzukehren (vgl. Hermann/Rieck 1980: 97f.). Auf einer Klassenfahrt kurz nach den Ferien bekommt Christiane Gelbsucht und muss drei Wochen allein auf der Isolier- station bleiben. Wieder zuhause besucht Detlef sie und erzahlt, dass er am Bahnhof Zoo anschaffen geht. Sie begleitet ihn dorthin und nimmt noch am selben Tag nach mehreren Wochen wieder Heroin. Von da an fahrt sie beinahe jeden Tag zum Bahnhof Zoo um mit Detlef Zeit zu verbringen.

Christiane lernt auch einen Fixer- und Stricherfreund von Detlef kennen: Axel. In seiner Wohnung schlafen Christiane und Detlef schlieBlich auch das erste Mal miteinander (vgl. Hermann/Rieck 1980: 110).

Die Nacht mit Detlef verandert Christiane, die sich am Bahnhof Zoo nicht mehr wohlfuhlt, da sie „plotzlich eine genauere Vorstellung von dem, was Anschaffen heiBt“ (Hermann/Rieck 1980: 111) bekommt. Im Winter 1976 bemerkt Christiane den Tribut, den die Drogen fordern - sie friert standig, obwohl sie damit bisher kein Problem hatte und erlebt ihren ersten Turkey: „Aha, das ist also Turkey. Du bist echt auf Turkey, alte Fixerbraut“ (Hermann/Rieck 1980: 113).

Um Geld fur Heroin zu besorgen lasst sich Christiane zum ersten Mal auf einen Freier ein. Als sie das Auto des Mannes wieder verlasst zieht sie „so eine Art Bilanz: Das war also dein zweiter Mann. Vierzehn Jahre bist du. Vor nicht einmal vier Wochen bist du entjungfert worden. Und nun gehst du auf den Strich“ (Hermann/Rieck 1980: 119).

Am Bahnhof trifft Christiane auch Babsi wieder, die mittlerweile auch heroinabhangig ist, anschaffen geht und einen Stammfreier hat, der gut bezahlt. Die Beziehungen innerhalb der Fixer Clique verandern sich, da alle immer aggressiver werden und man „die Aggressivitat, die sich da aufstaute, auch untereinander nicht mehr unter Kontrolle halten [konnte]“ (Hermann/Rieck 1980: 133).

Die korperlichen Folgen sind fur Christiane in dieser Zeit eine Thrombose in der Armbeuge und starker Gewichtsverlust: „Wir waren beide schon ziemlich runtergekommen. Ich bei 1,69 Meter auf 43 Kilo. Detlef mit 1,76 Meter auf 54 Kilo. Uns ging es oft korperlich sehr schlecht, dann nervte uns alles an und wir wurden auch echt widerwartig gegeneinander“ (Hermann/Rieck 1980: 136). Anfang 1977 ist Christiane soweit abgestumpft dass sie kaum noch wahr nimmt was um sie herum geschieht. Sie lauft beispielsweise ohne nachzudenken mit der Plastiktute, in der sich das Spritzbesteck befindet, an ihrer Mutter vorbei ins Bade- zimmer, um sich einen Schuss zu setzen. Die Nadel verstopft und Christiane verletzt sich, sodass viel Blut aus der Vene austritt. Sie versucht, das Blut mit Taschentuchern wegzu- wischen, ubersieht aber einige Spritzer, die die Mutter sieht und erkennt, dass Christiane Drogen nimmt. Sie will dass Christiane sofort entzieht und Christiane stimmt ihr dabei unter der Bedingung, dass Detlef auch dabei ist, zu (vgl. Hermann/Rieck 1980: 142f.).

Die beiden starten den Entzug in Christianes Kinderzimmer und nehmen statt Heroin verschiedene Beruhigungs- und Schmerzmittel und Wein zu sich, um die Entzugserscheinun- gen zu dampfen. Nach der ersten, heftigen, Nacht geht es beiden besser und sie schmieden Plane fur eine Zukunft ohne Heroin, nur mit Haschisch. Der erste Weg nach dem Entzug fuhrt sie wieder zum Bahnhof Zoo und zum Heroin (vgl. Hermann/Rieck 1980: 144ff.).

Anfang 1976 erfahrt sie dass ihr erster Freund, Atze, sich den Goldenen Schuss gesetzt hat und in einem Abschiedsbrief andere vor den Folgen des Fixens warnt. Ein Jahr spater stirbt ein weiteres Mitglied der ehemaligen Sound Clique (vgl. Hermann/Rieck 1980: 196f.).

In den Fruhjahrsferien fahrt Christiane wieder zu ihrer Oma, ist diesmal aber genervt von allem. Nach einem weiteren Entzug kehrt sie nach vier Wochen wieder nach Berlin zuruck, fahrt direkt zum Bahnhof Zoo und erfahrt, dass ein weiteres Mitglied der Clique - Axel - gestorben ist (vgl. Hermann/Rieck 1980: 208f.).

Kurz nach der Ruckkehr nach Berlin ist Christiane wieder heroinabhangig und geht auf den Strich. Sie gesteht dass sie sich wunscht zu sterben: „Ich wuBte nicht mehr, warum ich Angst gehabt hatte vor dem Sterben. Vor dem allein Sterben. Fixer sterben allein. Meistens allein auf einem stinkenden Klo. Und ich wollte echt sterben. Ich wartete ja eigentlich auf gar nichts anderes“ (Hermann/Rieck 1980: 216).

„Und irgendwann im Mai 1977 schnallte ich es dann auch selber mit meinem kaputten Kopf, dafi ich genau noch zwei Moglichkeiten hatte: Entweder ich setzte mir moglichst bald den Goldenen Schufi, oder ich machte einen ernsthaften Versuch, vom Heroin loszukommen“ (Hermann/Rieck 1980: 222).

Christiane kann nur durch einen Therapieplatz geholfen werden, welche zu dieser Zeit jedoch rar sind. Der einzige Weg scheint Narkonon, ein Therapie-Haus, welches von der Scientology Sekte geleitet wird. Im Voraus entzieht Christiane allein, um clean in die Therapie zu kommen. Statt Gesprachen gibt es Sessions mit ehemaligen Fixern, die die Suchtigen beschaf- tigen sollen, aber nicht helfen (vgl. Hermann/Rieck 1980: 232ff.). Nach zwei Wochen flieht Christiane, geht auf den Strich und nimmt gemeinsam mit Stella Heroin. Christiane haut mehrfach ab, bis ihr Vater beschlieBt sie gegen ihren Willen zu sich zu holen (vgl. Hermann/Rieck 1980: 238f.). Statt dort clean zu werden geht sie zur Hasenheide, einem Park in Neukolln. Dort kauft sie Heroin, welches sie sofort spritzt und schnell wieder korper- lich abhangig wird. Christiane findet heraus dass Detlef im Gefangnis sitzt und fahrt daraufhin zum Bahnhof Zoo, wo sie auf Babsis alten Stammfreier trifft. Hier wirft sie ihre Regel uber Bord, nicht mit Freiern zu schlafen, da ihr mittlerweile alles egal ist. Er wird ihr neuer Stammfreier.

Aus der Zeitung erfahrt sie, dass Babsi gestorben ist. Sie gilt damit als bis dato jungste Rauschgifttote Berlins (vgl. Hermann/Rieck 1980: 261).

Noch sucht Christiane nach einem Ausweg und glaubt, ihn in den Bonhoeffer-Heilanstalten, auch Bonnies Ranch genannt, gefunden zu haben. Sie geht zu ihrer Mutter, erzahlt ihr ihre Geschichte, startet einen weiteren Entzug und wird von ihrer Mutter zu Bonnies Ranch gebracht. Statt einen Therapieplatz zu erhalten wird Christiane dort eingesperrt und hat keinen Kontakt nach drauBen. Bei einem Krankenhausaufenthalt flieht sie und fahrt zum Zoo um Heroin zu besorgen. Da Christiane immer wieder ruckfallig wird hat sie die Hoffnung aufge- geben clean zu werden und beschlieBt, sich den Goldenen Schuss zu setzen. In Ruhe sucht sie sich eine saubere offentliche Toilette und fangt ohne Angst an, das Heroin zu kochen und sich die Spritze zu setzen. Der Versuch scheitert und Christiane wacht Stunden spater mit einem gelahmten Bein wieder auf. Kurz danach geht sie zum Bahnhof Zoo und auf den Strich, um Geld fur Heroin zu besorgen (vgl. Hermann/Rieck 1980: 296ff.).

Nach einem Zwischenfall mit Detlef, bei dem Christiane aus Angst vor einer Uberdosis die Polizei gerufen hat, wird sie im November 1977 verhaftet und noch am selben Abend von der Mutter abgeholt. Diese fahrt mit Christiane zum Flughafen und fliegt zu Verwandten in die Nahe von Hamburg. Dort wohnt sie bei ihrer Tante und entzieht ein weiteres Mal, diesmal endgultig (vgl. Hermann/Rieck 1980: 306, 314ff.).

3. Wege in die Rauschgiftsucht

Die Wirkung von Heroin besteht darin, dass die Droge Gefuhle von Angst und Sorgen betaubt. Gleichzeit lost sie ein Hochgefuhl beim Nutzer aus, den sogenannten Flash. Das Heroin kann Schmerzen betauben und das Bewusstsein im Gesamten truben.

Das Hochgefuhl verschwindet nach wenigen Augenblicken, was bleibt ist ein Schweregefuhl, durch das der Suchtige alle Empfindungen dampft. Die Sucht tritt bei dieser Art von Rausch- gift besonders schnell ein und kann schwere korperliche Schaden - vor allem durch unsaubere Spritzen - verursachen (vgl. Institut Suchtpravention 2007: 37). Dieser Fall tritt auch bei Christiane ein, da sie mehrfach an Gelbsucht erkrankt (vgl. Hermann/Rieck 1980: 99, 287).

Die Anzahl der Todesfalle durch Rauschmittelmissbrauch in der Bundesrepublik Deutschland ist in nur siebenJahren von 29 im Jahr 1970 auf rund 380 im Jahr 1977 gestiegen. Die Dunkelziffer konnte noch hoher liegen, da es „weder eine Meldepflicht fur Rauschmittel- abhangigkeit noch eine allgemeine Obduktionspflicht gibt“ (Kreuzer 1978: 19). Im Gegensatz zu den USA fallen die Zahlen der Herointoten in Deutschland jedoch deutlich geringer aus. In New York allein gab es beispielsweise 1971 bereits 1400 Tote durch Heroinmissbrauch. Der Konsum ist vor allem bei jungeren Menschen besonders hoch. Fast 75% der Drogentoten in Deutschland aus dem Jahr 1976 entfallen auf die 18-25jahrigen (vgl. Kreuzer 1978: 20).

Christianes Weg in die Drogensucht wurde durch mehrere Faktoren beeinflusst, durch deren Zusammenspiel ein 14jahriges Madchen in die Heroinabhangigkeit rutscht. Unterteilt, aber nicht ganzlich getrennt, werden konnen auf der einen Seite die Faktoren Familie, Erziehung und das generelle Lebensumfeld und auf der anderen Seite Faktoren, die in der Pubertat und Jugendzeit eine wichtige Rolle in der Entwicklung spielen.

3.1 Familiarer Hintergrund

Zum familiaren Bereich zahlen die soziale Lage, die nach dem Umzug nach Gropiusstadt einen wichtigen Faktor in Christianes darstellt, die Scheidung der Eltern aufgrund der Gewalt- tatigkeiten des Vaters und die gestorte Beziehung zum neuen Freund der Mutter. Auf erziehe- rischer Seite steht der Vater, der gegenuber Christiane und ihrer Schwester haufig gewalttatig wird und vor dem Christiane uber lange Zeit hinweg Angst hat und die Mutter, die Christianes Drogensucht nicht bemerkt und ihr ihr respektloses und aggressives Verhalten durchgehen lasst.

Insbesondere der familiare Halt und die Art der Erziehung besetzen einen wichtigen Faktor: „Oft tritt an Stelle der Erziehung bloBes Gewahrenlassen. Dies verbindet sich mit einer nicht auf ihre Folgen bedachten, zum Selbstzweck gewordenen Tendenz des Enttabuisierens“ (Kreuzer 1978: 25). Diesen Erziehungsstil nutzt auch Christianes Mutter in weiten Teilen. Sie erzahlt: „Ich wollte Christiane zu nichts zwingen [...]. Sie soll sich frei entfalten konnen, nicht in eine Richtung gedruckt werden, soll [...] ihre Freiheit haben, so wie sich das fur eine moderne Erziehung gehort“ (Hermann/Rieck 1980: 55, 57f.). Sie wollte ihrer Tochter eine strickte Kindheit, so wie sie es selbst erlebt hatte, ersparen, lieB ich dadurch aber zu viel durchgehen. Im Nachhinein sagt sie selbst „Als Christiane anfing, sich zu isolieren, [...] da hatte ich nachhaken mussen mit >>warum<< und >>weshalb<<.

Ich habe zu vieles auf die leichte Schulter genommen“ (Hermann/Rieck 1980: 55). Nachdem Christiane nach einem Schuss das Bad mit Blut bespritzt und es kaum schafft, in ihr Zimmer zu kommen, kann ihre Mutter den Drogenkonsum nicht mehr leugnen: „Es war ein harter Schlag. Christiane prasentierte mir sozusagen die Quittung fur meine Erziehung, auf die ich so stolz gewesen war. Jetzt sah ich es, ich hatte alles falsch gemacht, und das nur, weil ich die Erziehungsfehler meines Vaters nicht wiederholen wollte“ (Hermann/Rieck 1980: 153). Trotz zahlreicher Versuche schafft sie es nicht Christianes Drogensucht dauerhaft zu beenden und muss zusehen, wie ihre Tochter sich ihr Leben durch die Sucht verbaut.

3.2 Soziales Milieu

Das Lebensumfeld kann fur die Entwicklung der Personlichkeit einen wichtigen Faktor darstellen, wie es bei Christiane der Fall ist. Das Leben in Gropiusstadt unterscheidet sich fundamental von dem im Dorf, in dem sie die ersten Lebensjahre verbracht hat. Gropiusstadt ist rauer, die Stellung muss erarbeitet werden und die Lehrer sind hoffnungslos uberfordert. Die Umstande in den Wohnhausern und vor allem um die Hauser sind wenig kinder- freundlich. Es gibt kaum Grunflachen, das Spielen ist uberall verboten und der Hauswart hat kein Verstandnis fur die Kinder. Als Akt der Rebellion werden Dinge zerstort, es wird geklaut und eingebrochen. Christiane muss sich ihre Stellung schon in jungen Jahren gegenuber den anderen Kindern, sowohl alter als auch junger und aus verschiedenen ethnischen Hinter- grunden, hart erarbeiten und verroht auf diesem Wege. Der Umgang mit Rauschdrogen kann daher als auch als „Ausdruck der Grundbefindlichkeit einer Gesellschaft und junger Menschen in ihr“ (Kreuzer 1978: 24) gesehen werden. Statt Konflikte im familiaren, schulischen oder sozialen Umfeld zu losen fluchten Jugendliche in die Drogensucht, somit werden die Rauschmittel „zum kunstlichen Mittel der Lebens- und Konfliktbewaltigung“ (Kreuzer 1978: 25). Bei Christiane ist es zunachst weniger eine Flucht, als vielmehr Neugier und eine Art des Gruppenzwangs. Im Verlauf der Sucht wird der Konsum aber immer mehr zu einer Flucht aus der Realitat, da sie entstehende Konflikte nicht bewaltigen kann und die Drogen eine Alternative bieten.

3.3 Pubertat und Jugend

Zum Bereich der Pubertat und Jugendzeit zahlt vor allem die Aufnahme in eine Clique und das Erarbeiten der Anerkennung innerhalb dieser. Christianes oberstes Ziel ist, in Kessis Clique aufgenommen zu werden. Nachdem dies erreicht ist stellt ihr Kessi die Clique am Jugendclub vor, in der sie den ersten Kontakt mit Drogen macht. Im Laufe von Christianes Drogenkonsum geht es immer darum, in die nachsthohere Clique aufzusteigen. Von den Haschischrauchern im Jugendclub bis zu den Fixern im Sound, die Clique bedeutet nicht nur Freundschaft, sondern ist Familienersatz, da die Mitglieder haufig aus kaputten Familien kommen und dort keinerlei Zuneigung erfahren. Es entwickelt sich eine eigene Gruppen- sprache und Dynamik, die jedoch zusehends durch das Heroin zerstort wird. Fur Christiane bedeutet die Einnahme von Drogen zusammen mit der Clique ein Zusammengehorigkeits- gefuhl und die Moglichkeit, von anderen Mitgliedern zu lernen. Jedoch wechselt mit jedem Cliquenwechsel auch das Zusammengehorigkeitsgefuhl und schlieBt Konsumenten anderer Drogen aus. Die Hascher wollen beispielsweise nichts mit den Fixern zu tun haben und die Fixer fuhlen sich allen anderen uberlegen.

[...]


1 https://www.bild.de/regional/berlin/berlin-aktuell/underground-berlin-das-junkieelend-an-der-hauptstadt-u- bahn-66230404.bild.html (25.01.20)

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
"Christiane F. - Wir Kinder vom Bahnhof Zoo". Wege der Rauschgiftsucht, Wirkung von Buch und Film
Hochschule
Universität Siegen
Note
1,3
Autor
Jahr
2020
Seiten
24
Katalognummer
V542580
ISBN (eBook)
9783346164995
ISBN (Buch)
9783346165008
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Lektüreprojekt im Masterstudiengang
Schlagworte
Christiane F Bahnhof Zoo Lektüreprojekt
Arbeit zitieren
Miriam Zaunbrecher (Autor), 2020, "Christiane F. - Wir Kinder vom Bahnhof Zoo". Wege der Rauschgiftsucht, Wirkung von Buch und Film, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/542580

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