Sigmund Freud und die Lacansche Psychoanalyse. Weshalb sind wir uns im Moment des Träumens nicht über diesen Zustand bewusst?


Essay, 2020

11 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Weshalb sind wir uns im Moment des Träumens nicht über diesen Zustand bewusst ?

Das Träumen ist seit Menschengedenken ein großes Mysterium. Während wir träumen scheinen wir uns in eine andere Welt unbegrenzter Möglichkeiten und fern von jeglicher Gesetzmäßigkeit zu begeben. Doch obwohl die Welt des Träumens nur wenig mit der tagsüber für Menschen erfahrbaren Welt gemein hat, sind wir uns in den Zeitpunkten/ Ortspunkten des Träumens nicht darüber bewusst, dass wir uns in einem differenten Zustand zu dem Wachzustand befinden. Im Folgenden soll sich demnach der Fragestellung gewidmet werden, weshalb wir uns während des Träumens nicht über eben diesen Zustand bewusst sind.

Die Physiologie des Traumes

Woran also kann man einen traumartigen Zustand ablesen? Wenn ein Mensch abends die Augen schließt, durchläuft er verschiedene Versionen der Wahrnehmung seines eigenen Selbst: Zuerst wird er fortwährend seinen Sinnen Beachtung schenken, das Knarren der Dielen ein Zimmer weiter hören, die Schwere der Decke auf sich spüren, den Rauch der eben noch ausgeblasenen Kerze riechen. Durch die geschlossenen Augenlider dringt noch immer ein schwacher Lichtschein der Lampe auf der anderen Straßenseite und hinterlässt einen rötlichen Schimmer auf der Netzhaut. Die am selbigen Tage erlebte Szenerie drängt sich nach und nach in den Vordergrund des Denkens. Es wird gegrübelt, ob man hätte handeln sollen, doch die Gefühle sind zu stark, um sie beiseite schieben zu können. Langsam werden die Gedanken bildlich, sie vermischen sich mit den tanzenden Flecken der Netzhaut zu ineinanderfließenden bildlichen Erinnerungsfetzen.

Es wechseln sich nun Tiefschlafphasen und REM-Schlaphasen (Rapid Eye Movement) ab1. Bei Dunkelheit wird von der Zirbeldrüse Melatonin ausgeschüttet und damit begibt sich Der Körper seinerseits in einen Zustand der tiefen Entspannung von Muskeln und Bewusstsein, sowie des Energiesparens, indem die Atmung abflacht und auch die Frequenz des Herzschlages sinkt. Zudem sinkt das Stresshormon Kortisol während des Einschlafens und steigt erst wieder in den Stunden des Aufwachens wieder an2. Während dieser körperlichen Tiefenentspannung wird Gewebe repariert und Zellen werden regeneriert. Erst nach einiger Zeit lässt das Fühlen nach, die Gedanken und Bilder fließen, weniger kontrolliert, und das Bewusstsein zieht sich zurück in seinen Ruhezustand. Damit einher geht die Abnabelung der Sinne nacheinander von dem sich-darüber-bewusst-Sein. Hier stellt sich nun die Frage, weshalb man nicht von jedem Sinneseindruck automatisch wieder wach wird, beziehungsweise den Schlafzustand als solchen währenddessen erkennt. Eine erste Beantwortung dieser Frage liefert nun die Physiologie des Gehirns, das während des Schlafzustandes verschiedene Aufgaben automatisiert durchführt. In diesem Zustand der Ruhe wird der Traum als Wirklichkeit anerkannt - doch aus welchem Grund? Der Zweck dieser Ausblendung der physiologischen Realität ist wahrscheinlich der Schutz vor der eigenen Logik, die in Verarbeitungsprozesse des Unterbewusstseins eingreifen kann. Durch die Leere und Gesetzlosigkeit kann, ähnlich wie in meditativen Zuständen, das reines Fühlen, sowie eine reine Wahrnehmung dieser Gefühle erzeugt werden. Alle Gedanken haben Platz, alles in der physiologischen Welt Unterdrückte darf zum Vorschein kommen. Der Thalamus genannte Teil des Gehirns filtert von nun an jegliche Sinneseindrücke nach dem Grad der Gewohnheit und der Stärke. Dieser Effekt tritt sogar schon im bewussten Sein im Wachzustand auf und meint die Gewöhnung des Bewusstseins an Sinneseindrücke, sodass sie automatisch ausgeblendet werden, wahrscheinlich, weil sie keine neuen Informationen liefern. So wird beispielsweise der eigene Körpergeruch nicht mehr von anderen Gerüchen extrahiert. Da er sich mit allen den Geruch betreffenden Sinneseindrücken vermischt, wird diese Information nicht mehr an das Bewusstsein weitergeleitet. Allerdings führt auch das Fehlen von vertrauten Wahrnehmungen wie das Rauschen einer dicht befahrenen Straße vor dem Schlafzimmerfenster zu Schwierigkeiten des Bewusstseinsrückzuges beim Schlafen. Eine gewohnte Atmosphäre ist somit maßgeblich für das Einschlafen. Ebenso ist die Schwelle für das Eindringen von Reizen umso niedriger, je enger sie mit Emotionen verknüpft sind.

Das Bewusstsein wird so während des Einschlafens von diesem System, das einem Wächter gleicht, nur in Sonderfällen aktiviert. Es wird deutlich, wie wichtig also gewohnte Sinneseindrücke und deren Monotonie für den Rückzug des Bewusstseins und somit für das Einschlafen sind. Bei regelmäßigen Eindrücken wie dem Rauschen des Windes oder einem lauteren Geräusch wie einem Staubsauger ist ein Aufwachen weniger wahrscheinlich als plötzliche Reize, wie etwa durch einen Donner oder das Bellen eines Hundes ausgelöst. Auch das natürliche Aufwachen unterscheidet sich von dem durch Reize ausgelösten Wachzustand insofern, als dass das Bewusstsein beim natürlichen Aufwachen sehr langsam und wellenartig aktiv wird. Es werden gleichsam alle Sinne wieder bewusster wahrgenommen, und ebben beim Wegdämmern ebenso langsam wieder ab. Der Thalamus lässt also den Durchfluss auf allen Kanälen gleichsam zu. Bei einer plötzlichen Sinneswahrnehmung ist es jedoch möglich, dass auch nur der eine betroffene Sinn mit dem Bewusstsein verknüpft wird, während die Restlichen weiterhin nicht bewusst bleiben. Zudem ist dieses schreckhafte Erwachen von einem Adrenalinschub begleitet, sodass statt mehreren kleinen Wellen im Vergleich ein Tsunami des bewusst Werdens über den menschlichen Geist rollt. Diese gefilterte Restverknüpfung des Bewusstseins mit den Sinneseindrücken während des Schlafens hängt unter anderem möglicherweise mit dem Überlebensinstinkt zusammen und entstammt der Urangst vor dem Sterben.

Das Verhältnis von Unterbewusstsein zu Bewusstsein

In welcher Schlafphase zieht sich nun unser Bewusstsein zurück und wie hängt dies mit dem Unterbewussten zusammen? Kann das Träumen Aufschluss über unsere Psyche und den Bau unserer Seele geben?

Die Unterschiede in der Hirnaktivität können mit dem sogenannten Zap Zip Verfahren mithilfe von Elektroenzophalografie (EEG) festgestellt werden, das die Hirnaktivität in einem sogenannten "perturbational complexity Index" (PCI) umrechnet, der wiederum das Maß an Komplexität von Gehirnaktivität in Bezug zu dem vermuteten Bewusstseinszustand bringt. So ist für den Wachzustand, bei dem die Probanden bewusst und ansprechbar sind, ein Wert zwischen 0,4 und 0,7 gemessen worden, während der Wert bei Zugabe verschiedener Narkotika und in der Phase des Tiefschlafes unter den Schwellenwert von 0,31 fiel, bei dem die Probanden weder ansprechbar, noch von von Bewusstsein zeugender Hirnaktivität waren3. Während des REM- Schlafes, in der Phase, in der geträumt wird, verteilen sich die Werte eindeutig abgegrenzt von der Bewusstlosigkeit, aber mit einem schleichenden Übergang in den Zustand des sich bewusst Seins mit Werten zwischen 0,35 und 0,54 Diese Ergebnisse legen nahe, dass das Bewusstsein beim Träumen lediglich den Bezug zu dem Körper verliert. Dieser Zustand wird angelehnt an Sigmund Freuds Bezeichnung von nun an das Vor bewusste oder Vorbewusstsein genannt5. Ähnlich wie im Wachkoma kann es also geschafft werden, sich des eigenen eingeschränkten Bewusstseinszustandes bewusst zu werden, jedoch ist keine Kontrolle über den Körper möglich, da dieser nach wie vor in der Starre des Schlafes verweilt.

Wir sind uns während des Schlafens also nicht mehr bewusst über unseren körperlichen Zustand, das im Bett liegen und Schlafen, da unsere Sinneseindrücke dem Bewussten durch ein Herausfiltern entzogen werden. Der Geist ist von physischen Eindrücken getrennt und befindet sich in einem Vorbewusstsein Zustand. Es kann jedoch sogar eine Brücke zwischen dem Bewusstsein und den Emotionen durch Effektregister von Sinneswahrnehmungen erzeugt werden. Dennoch sind wir uns während des Träumens der Eindrücke bewusst, die im Traum vermeintlich erlebt werden, da sie statt des Physischen wahrgenommen und verarbeitet werden.

Was sind also die Quellen von Träumen? Warum bevorzugt der Traum kürzlich geschehene Ereignisse, insbesondere augenscheinlich Nebensächliches und Unwichtiges? Das Gedächtnis speichert generell alle Sinneseindrücke in unterschiedlichen Abstufungen des Bewusstseins ab: In der Amygdala wird ein Inhalt zunächst auf seinen emotionalen Gehalt geprüft. Es wird lediglich eine Emotion abgespeichert, die in der Kürze der Zeit, nämlich unter 0,1 Sekunde noch nicht bewusst wahrgenommen wird. So werden andauernd emotionale Eindrücke ohne überhaupt bewusst wahrgenommen zu werden in diesen unterbewussten Teil der Erinnerung eingespeist. Um diese Eindrücke dem Bewusstsein zugänglich zu machen wird sich beim Träumen an diese Emotionen erinnert und mithilfe anderer Erinnerungsfragmente dargestellt. In dem sensorischen Gedächtnis werden dann selektierte Elemente der Sensorik gespeichert. Dieser Teil der Erinnerung hat eine sehr hohe Kapazität, jedoch werden die Erinnerungen nicht lange behalten und radikal zu gekürzt, sodass von einer komplexen Situation letztendlich nur eine Idee oder Momentaufnahme bleibt. Das Unterbewusstsein bewertet all solche Sinneseindrücke nicht, sondern speichert sie einfach ab. Erst im Anschluss werden Erinnerungen im Kurzzeitgedächtnis festgehalten, nach etwa 0,3 Sekunden, und es werden erste verbindende visuelle und später semantische Netze zwischen den einzelnen Fragmenten geknüpft6. Hier wird allerdings nur ein kleiner, durch die bewusste Aufmerksamkeit selektierter Teil einer Situation abgespeichert. Zudem werden die Fragmente erst hier abstrahiert, indem sie in verbale Sprache umgewandelt werden. Das Kurzzeitgedächtnis hat jedoch nur eine geringe Speicherkapazität, sodass die Erinnerung sehr komprimiert ist. Wenn nun eine Erinnerung des öfteren aktiviert wird, beispielsweise durch vermehrtes Abrufen, wird diese längerfristig abgespeichert. Die Erinnerung beruft sich in diesem Stadium auf die unterschiedlichen Speicher und Netzwerke. Die letzte Stufe der Erinnerung ist die der Konsolidierung, bei der sogenanntes Selbstwissen gespeichert wird.

Beim Träumen kann man sich nicht oder kaum an das physische Leben erinnern oder die verschiedenen Realitätszustände differenzieren und die Verbindung zu den eigenen Erinnerungen, zu der Vergangenheit und zur Gegenwart wird verzerrt oder ganz gekappt. Die eigene, durch Erinnerungen konstituierte Identität kann somit nicht das Ich sein, eben sowenig wie der Verstand und die Körperlichkeit, sondern vielmehr ein Beobachter, der sich zwischen den Bewusstseinszuständen befindet und temporär Zugriff auf diese Aspekte des menschlichen Seins hat, sowie dem das Potential zur Bewusstwerdung über den eigentlichen Daseinszustand innewohnt. Ebenso lässt sich hier die Frage stellen, ob die physische Realität tatsächlich die Wirkliche ist, oder ob doch die Traumrealität oder etwas Zwischenliegendes, wie etwa eine andere Dimension der Wirklichkeit entspricht – da wir als Menschen beim Träumen nicht mehr an unsere körperliche Beschränktheit gebunden sind und uns neue Sinneserfahrungen, vermischt mit physischen sentientischen Eindrücken in unseren Träumen widerfahren.

Regeneration durch Konnektivität

Unser System scheint so die körperlichen Regenerationsphasen mit den Phasen der psychischen Erholung abzuwechseln. Es stellt sich nun die Frage, ob der Schlaf des Geistes übertragen von der physischen Funktion von Schlaf also eine Regeneration oder gar Erneuerung der Psyche ist. Während der Körper, um einen Teil seiner Selbst zu reparieren bei dem kleinstmöglichen Maßstab, nämlich den der Zellen und deren atomarer Zusammensetzung, ansetzt, scheint auch das Träumen sich weniger mit großen Zusammenhängen zu beschäftigen: Primär sind viel öfter Nichtigkeiten, Nebensächlichkeiten und kleine Details aus dem Alltag im Verhältnis sehr häufig vertreten7. Diese andauernde Vermischung kleiner und vergessener Erinnerungssplitter lassen Träume einerseits real und zugleich verdreht erscheinen, wenn sie im bewussten Zustand rekapituliert werden. Um also ein Ungleichgewicht des Geistes zu beheben, wird bei den kleinsten Teilen einer Situation oder eines nicht verarbeiteten Zusammenhanges angefangen und diese kontraproduktiv oder nicht verarbeitete Situation wieder aufgegriffen. Sinn dieser Eigenart des Träumens könnte das Richtigstellen von Situationen sein, um im Endeffekt die nicht erfüllten Grundbedürfnisse zu berücksichtigen, die sich anhand des Vorhandenseins negativer Emotionen äußern und durch ihren störenden Charakter kontraproduktiv für die Psyche und ihre Verknüpfung zur Physis sind. Zudem können Knoten und Sperren, die das Erfüllen verhindern - beispielsweise durch wenig gewinnbringende, festgefahrene Gedanken- und Handlungsmuster - am effektivsten und nachhaltigsten in ihrer Wurzel aufgelöst werden. Da man als Mensch mit der Vielzahl an Sinneseindrücken so überfordert ist, dass die Quelle vom Auslöser nicht mehr zu unterscheiden ist, wird diese Detailbetrachtung somit Aufgabe des Unterbewusstseins. Da der Ursprung unerfüllter Bedürfnisse sehr abstrakt und selbst mit Sprache schwer auszudrücken ist, bedient sich das Unterbewusstsein den zuhanden Erinnerungsfetzen, an denen das Fehlen der Erfüllung dieses Bedürfnisses sichtbar wird und illustriert die abstrakten Gedanken. Teils sind diese Illustrationen jedoch so komplex, dass sie nach dem Aufwachen nicht mehr gänzlich erinnert oder nicht mehr verstanden werden.

[...]


1 C. Becker-Carus, 1994, Fortschritte der Schlafmedizin:aktuelle Beiträge zur Insomnieforschung, S.98ff

2 D em Traum auf der Spur, Geo Nr.2/Februar 1992, S.12ff

3 C. Koch, Spektrum der Wissenschaft, Dossier 3/2018, Der Bewusstseinsdetektor, S. 34ff

4 Ebd., Seite 37

5 J. Laplanche, und J.-B. Pontalis, Übersetzung von Emma Moersch: Das Vokabular der Psychoanalyse, 1972, S. 612ff

6 C. Koch, Spektrum der Wissenschaft, Dossier 3/2018, Der Bewusstseinsdetektor

7 Inge Strauch und Barbara Meier, 1992, Den Träumen auf der Spur, Ergebnisse der experimentellen Traumforschung, S. 40ff

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Details

Titel
Sigmund Freud und die Lacansche Psychoanalyse. Weshalb sind wir uns im Moment des Träumens nicht über diesen Zustand bewusst?
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel
Note
2,0
Autor
Jahr
2020
Seiten
11
Katalognummer
V542588
ISBN (eBook)
9783346164117
ISBN (Buch)
9783346164124
Sprache
Deutsch
Schlagworte
freud, lacansche, moment, psychoanalyse, sigmund, träumens, weshalb, zustand
Arbeit zitieren
Henrike Wendt (Autor), 2020, Sigmund Freud und die Lacansche Psychoanalyse. Weshalb sind wir uns im Moment des Träumens nicht über diesen Zustand bewusst?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/542588

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