Das Volksmärchen und das Kunstmärchen in der romantischen Theoriediskussion


Hausarbeit (Hauptseminar), 2013

28 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsübersicht

A: Das Volksmärchen
Name und Begriff
Zu den Ursprüngen des Volksmärchens
Die Gebrüder Grimm und das Volksmärchen in Deutschland
Typische Merkmale des Volksmärchens
Zur gesellschaftlichen und politischen Funktion des Volksmärchens

B: Das Kunstmärchen
Name und Begriff
Das Kunstmärchen und sein Gang durch die Literaturgeschichte
Die Bedeutung des Kunstmärchens in der Romantik

C: Das Volks- und Kunstmärchen in der romantischen Theoriediskussion

Anmerkungen und Zitate

Literaturnachweise

A: Das Volksmärchen

Name und Begriff

Volksmärchen können, im Gegensatz zum Kunstmärchen, keinem klar benennbaren Verfasser zugeschrieben werden. Sie haben über eine längere Zeit und viele Generationen in mündlicher Tradition gelebt und sind durch diese Tradition erheblich geformt worden. Doch bereits seit dem Mittelalter haben einzelne Märchen Eingang in die schriftliche literarische Arbeit gefunden.

Bedingt durch diese mündliche Tradition der Volksmärchen existierten die Erzählungen in verschiedensten Variationen und regionalen Varianten. Der Begriff „Originaltext“ macht im Zusammenhang mit dem Volksmärchen keinen Sinn, da die unterschiedlichen „Geschichten“ absolut gleichberechtigt sind. Denn das einzelne Volksmärchen war nichts Festgefügtes, vielmehr bildeten Märchenstoffe, -figuren, -motive und –symbole ein Sammelsurium, aus dem der einzelne Märchenerzähler nach Belieben schöpfen konnte.

Im Zuge der Verschriftlichung durch Märchensammler wie die Gebrüder Grimm erhielten die Volksmärchen eine relativ statische Form. Damit gingen die typischen Eigenschaften des überlieferten Volksmärchens, ihre Dynamik und Variabilität letztlich verloren. Andererseits macht es die Fixierung in schriftlicher Form überhaupt erst möglich, über Volksmärchen zu sprechen, sie zu analysieren, sie zu vergleichen usw., da man dazu wissen muss, auf welchen Text man sich bezieht. Für diese Art von Märchen wird häufig auch der Begriff „Buchmärchen“ benutzt, um damit zu verdeutlichen, dass in Buchform gebrachte Volksmärchen streng genommen keine Volksmärchen mehr sind.

Die Wörter „Märchen“, „Märlein“ (mhd. maerlin) sind Verkleinerungsformen zu „Mär“ (ahd. mari, mhd. maere; Kunde, Bericht, Erzählung, Gerücht), bezeichneten somit ursprünglich eine kurze Erzählung. Schon früh unterlagen sie einer Bedeutungsverschlechterung und wurden auf erfundene, erlogene, auf unwahre Geschichten bezogen. Auch das Grundwort „Mär“ nahm eine solche Bedeutung an, was in den Zusammensetzungen „tandmaere“, „entenmär“, „gensmär“, „lügemaere“ u.a. deutlich wird.

Im 18. Jahrhundert setzte unter französischem Einfluss eine Gegenbewegung ein, als französische Feenmärchen und Märchen und Geschichten aus „Tausendundeiner Nacht“ in Mode kamen. Bedeutend für diese Bewegung waren auch Herder und andere Träger des „Sturm und Drang“, die in der Volksdichtung einen Quell der Poesie überhaupt zu entdecken glaubten. Im 19. Jahrhundert verstärkte der Erfolg der Märchensammlungen der Gebrüder Grimm das Prestige dieser Gattung.

In der Schriftsprache hat sich das mitteldeutsche Wort „Märchen“ durchgesetzt, in den oberdeutschen Mundarten behauptet sich der einheimische Ausdruck „Märli“ (schweizerdeutsch) und „Märle“ (schwäbisch-elsässisch). Dass die Bezeichnung „Märchen“ dennoch mit starkem positivem oder negativem Akzent versehen werden kann, spiegelt das ambivalente Verhältnis zum Bezeichneten, das einmal als höhere Welt erscheint („so schön wie ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht“), das andere Mal als eine Welt der Lüge („Erzähl keine Märchen!“) wider.

Wissenschaftliche Definitionsversuche der Bezeichnung „Märchen“ sind vielfältig. Ein Blick in maßgebende Handbücher zum Thema bezeugt das:

„Unter einem Märchen verstehen wir seit Herder und den Brüdern Grimm eine mit dichterischer Phantasie entworfene Erzählung besonders aus der Zauberwelt, eine nicht an die Bedingungen des wirklichen Lebens geknüpfte wunderbare Geschichte, die hoch und niedrig mit Vergnügen anhören, auch wenn sie diese unglaublich finden.“ (1)

„Das Märchen ist eine Kunstform der Erzählung, die neben Gemeinschaftsmotiven auch in einer die Entwicklung der Handlung bestimmenden Weise Wundermotive verwendet.“ (2)

Noch ein dritter Definitionsversuch sei dargestellt:

„A Märchen is a tale of some length involving a succession of motifs and episodes. It moves in an unreal world without definite locality or definite characters and is filled with the marvelous. In this never-never-land humble heroes kill anverseries, succeed to kingdoms, and marry princesses.“ (3)

Aus diesen Definitionen wird ersichtlich, welche Faktoren ein Märchen kennzeichnen.

Zu den Ursprüngen des Volksmärchens

Gab es Märchen im engeren oder weiteren Sinne schon in vorgeschichtlicher Zeit?

Darüber sind nur Vermutungen möglich, sie gehören nicht zur Geschichte, sondern zur Theorie des Märchens.

Aus dem alten Ägypten haben sich Papyri mit Erzählungen erhalten, deren Motive wir auch in Märchen finden und die teilweise sogar einen märchenähnlichen Handlungsverlauf aufweisen.

In der um 1250 v.Chr. in Ägypten aufgezeichneten Geschichte der beiden Brüder Anup und Bata (4) klingen Motive an, die zu den beliebtesten des Volksmärchens gehören: die Hindernisflucht, warnende Tiere, das Todeszeichen, das verborgene Leben, feenähnliche, Unheil verkündende Frauen, das Wasser des Lebens.

Aber solche Beobachtungen sind kein Beweis, dass die Volksmärchen im engeren Sinne im alten Ägypten lebendig waren.

Weitere Spuren volksmärchenhafter Erzählungen gibt es auch in Mesopotamien, bei den Griechen und den Römern. Und es gibt auch Hinweise darauf, dass bestimmte Märchenmotive bis in die jüngere Steinzeit zurückreichen. Alles in allem dürfte es so gewesen sein, dass die Ursprünge des Märchens tatsächlich in der Steinzeit zu suchen sind und sich verschiedene Schichten Kulturmaterial von der Vorzeit bis heute, entsprechend dem Gang des Märchens durch die Historie, anlagerten.

Dabei gehe ich mit Friedrich von der Leyen davon aus, dass sich Mythos und Märchen gleichzeitig in der Vorzeit ausbildeten:

„Die frühesten Überlieferungen der Kulturvölker aus dem 4. und 3. vorchristlichen Jahrtausend stehen unter dem Zeichen von Mythos und Märchen. Ihre Macht reicht noch weiter zurück in die Zeiten der Jäger und Hirten, in die Jahrtausende der Vorgeschichte.“ (5)

Primär war dabei der Mythos, der das Wesen und Wirken der Götter, ihr Schicksal, ihre Macht und Ohnmacht, ihre Taten, ihr Umgang mit den Sterblichen, die immer sich wiederholende und immer neue Verehrung, die ihnen gilt, umschließt.

Jan de Vries bringt dies auf den kurzen Nenner:

„Der Mythos ist eine Geschichte von Göttern.“ (6)

Bei den Kulturvölkern unserer Tage ist dieser hohe Mythos gestorben, denn Mythen bleiben nur dann lebendig, wenn auch ihre Götter noch im Volke leben. Doch die mythischen Götter haben für uns „moderne“ Menschen heute keine Bedeutung mehr. Die Wesen des niederen Mythos, zum Beispiel Zwerge, die Wichtel, die Kobolde und ihre Sippen jedoch sind in die Märchen eingegangen und leben in ihnen weiter.

Betrachten wir die Grimmschen Märchen, so stoßen wir allenthalben auf Märchenmotive aus den verschiedensten Kulturschichten und Phasen der Menschheitsgeschichte. Aus dem alten Ägypten stammt das Brüdermärchen, das Motiv der beiden Wanderer, die Jungfrau im Turm, die wahrsagenden Feen, die Nixe, die den Hirten zu sich holt, der Meisterdieb, der Esel als Meister der Musik und die Märchen von der verkehrten Welt. Weiter geht es mit dem Fuchs, der die Gänse hütet, die Mäuse, die die Katze besiegen. Spärlicher sind märchenhafte Züge in den Texten des alten Babylon, so im Gilgamesch-Epos und in der Etana-Erzählung. In jener zum Beispiel ein Lebenskraut, vom Meeresgrund zu holen, in der Etana-Geschichte ein Heilkraut, das aus dem Himmel geholt werden muss. Ähnlich schmal ist die Ausbeute bei den Assyrern.

Weitere Märchenmotive stammen aus dem klassischen Altertum. Man findet im alten Griechenland und Rom Hinweise auf Kinder- und Ammenmärchen (Plato) und Altweibergeschichten (aniles fabulae). In manchen griechischen Sagen und Erzählungen gibt es Elemente, die wir als Märchenmotive anzusprechen gewohnt sind:

das der dankbaren Schlange, das Lebenskraut, der Todesbrief. In besonderer Häufung treten sie auf in den Herkules-Geschichten (starker Hans, Drachentöter), in der Perseus-Geschichte (wunderbare Empfängnis, Aussetzung auf dem Fluss, Unterweltfahrt mit dem Gewinn eines magischen Gegenstandes, Sieg über das Ungeheuer und Befreiung der Jungfrau.

Im germanischen Kulturkreis tragen das Märchen von der Gänsemagd, von der Jungfrau Maleen sowie das nordischen Märchen von den geknechteten Riesentöchtern unverkennbare Merkmale der germanischen Heldendichtung.

Die Gebrüder Grimm und das Volksmärchen in Deutschland

Die Erfolgsgeschichte der Grimmschen Märchen liest sich selbst fast wie ein Märchen. Was als kleines Liebhaberprojekt begonnen wurde, entwickelte sich zu einem Stück Weltliteratur. Angeregt wurde die Arbeit der Gebrüder Grimm von Dichtern der Romantik, namentlich Clemens Brentano und Achim von Arnim, die zu Beginn des 19.Jahrhunderts für die Fortsetzung ihrer Textsammlung von „alten deutschen Liedern“, „Des Knaben Wunderhorn“ (1805 – 1808) Mitarbeiter suchten, die nach volkstümlichen Texten, „alten Liedlein“, aber auch nach Prosatexten forschten und diese aufschreiben sollten. Diese Rückwendung zur altdeutschen und volkstümlichen Literatur lag ganz im Sinne der Romantik, die damit die Dichter wieder enger an das Volk binden wollte. Es waren vor allem die Vertreter der jüngeren Romantik, die sich in dieser Zeit in Heidelberg um Brentano und von Arnim sammelten (Heidelberger Romantik). Die Dichter und Gelehrten dieser Epoche interessierten sich vor allem für die Zeit vom Frühmittelalter bis zum Ende des Barock, in der sie bis dahin zum letzten Mal eine alles umspannende Kultur verwirklicht sahen. Besonders wichtig wird dabei neben der Volksüberlieferung die Herausgabe von hoher mittelalterlicher Literatur, um die sich auch die Grimms sehr verdient machten. Sie veröffentlichten unter anderem das „Hildebrandslied“ als eines der ältesten Sprachdenkmäler Deutschlands, Hartmann von Aues „Der arme Heinrich“ oder die „Lieder der alten Edda“. Außerdem verfassten sie literarische Abhandlungen zur deutschen Heldensage. (7)

Mit der verstärkten Sammlung und Pflege des deutschen Kulturgutes wollte man sich auch gegen den französischen Einfluss durch die napoleonischen Truppen wappnen, gleichzeitig fürchtete man jedoch, dass die mündlich überlieferten Märchen und Sagen langsam verloren gehen könnten. Dies lag zum einen an der zunehmenden Lese- und Schreibfähigkeit durch die Einführung der allgemeinen Schulpflicht, zum anderen aber auch an der Auflösung der traditionellen Formen des Zusammenlebens in der Großfamilie. Eine solche Hausgemeinschaft, zu der neben den Verwandten auch Knechte und Mägde gehörten, versorgte sich weitgehend selbst und produzierte viele Gebrauchsgegenstände des Alltagslebens in dem gemeinsamen Arbeitsbereich. Damit entstand in den Stuben am Ofen ein idealer Ort zum Erzählen von Geschichten, der nun mit dem Aufkommen der modernen Kleinfamilie und dem Rückzug in eine Stadtwohnung schwand.

Viele Grimmsche Volksmärchen stammen nicht zwangsläufig aus der mündlichen Überlieferung des einfachen Volkes. Diejenigen, die sich am ehesten die Zeit mit dem Erzählen von Märchen verkürzt haben, die Bäuerinnen und Mägde in den Spinnstuben, die Knechte, die Kriegsveteranen und die Alten, waren an dem Zusammentragen der Märchen kaum beteiligt. Schätzungen besagen, dass etwa 30 % der Texte aus literarischen Quellen stammen (8), wie zum Beispiel aus Kalendergeschichten, Volksbüchern und mittelalterlichen Texten. Das Interesse für Märchen hatte auch bereits in den literarischen Salons des 16. Jahrhunderts in der gehobenen und gebildeten Schicht bestanden. Die Gebrüder Grimm konnten also auch auf dieses zahlreiche schriftliche Material zurückgreifen. So war es ein beliebtes Vergnügen für märchenschreibende Damen und Herren in Frankreich Feenmärchen dichterisch auszugestalten und sich später auch von orientalischen Einflüssen (Erzählungen aus Tausendundeiner Nacht) inspirieren zu lassen (9). Nicht nur in Frankreich, auch auf ein weites Spektrum der italienischen erzählenden Literatur aus der Zeit des Humanismus, der Renaissance und des Barock konnten die Brüder auf bereits vorhandene Geschichtensammlungen zurückgreifen. Andere Geschichten trug der Freundes- und Bekanntenkreis der Brüder bei. Dazu gehörten gebildete junge Mädchen des Kasseler Stadtbürgertums, die zum Teil hugenottische Vorfahren hatten und damit aus einem französisch geprägten Umfeld kamen. Einen wichtigen Beitrag leistete die Familie Hasselpflug und ihre junge Marie, die lange Zeit zur „Alten Marie“, einer typischen Märchentante, stilisiert wurde. Bekannt als eine solche Märchenerzählerin ist auch Dorothea Viehmann, die als Bäuerin und begnadete Erzählerin vorgestellt wurde. Die „Viehmännin“ war aber in Wirklichkeit eine Wirtstochter und Schneidermeistersgattin und lange nicht so ungebildet, wie die Grimms es gerne gesehen hätten.

Das Vorhaben, einer wahren Erzählerin, einer alten Frau aus Marburg an der Lahn, ihre Märchensammlung abzugewinnen, schlug fehl.

Hier zeigt sich bereits, dass die Vorstellung, Grimms Märchen seien nur die schriftliche Wiedergabe mündlichen Erzählgutes aus den unteren Volksschichten, nicht uneingeschränkt gelten kann.

Lothar Blum stellt in seiner Grimm-Philologie dazu sachlich fest:

„…dass der Streit (der einige Bücher füllt) über die Autorenschaft im Prinzip müßig sei, festzustellen ist, dass die Buchmärchen der Gebrüder Grimm zwischen Volkserzählung und Kunstmärchen …“ zu sehen sind. (10)

Ziel des romantischen Sammelns und Zusammenstellens überlieferter Märchen ist folglich weniger das wortgetreue Bewahren von Originalen, sondern das Aufspüren von im Kern märchenhaften Texten, die sich zum Weiter-, Um- oder sogar Neuerzählen im zeittypischen Sinne eigneten.

Typische Merkmale des Volksmärchens

Der Ablauf der volkstümlichen Märchenerzählungen ist durch eine Anzahl verschiedener Faktoren gekennzeichnet. Im Folgenden referiere ich im Wesentlichen die Auffassung des Märchenforschers Max Lüthi (11) zu diesem Themenbereich.

Zuerst finden wir Spannung und Entspannung als ein Kriterium. Ein Vater schickt seine drei Söhne in die Welt hinaus. - Was für Abenteuer werden sie zu bestehen haben? Werden sie sie bestehen? Wird es ihnen gelingen, die schwere Aufgabe zu lösen? Eine Prinzessin wird einem Drachen ausgeliefert: Gibt es eine Rettung für sie? – Die so erzeugte Spannung ist eine besondere Spannung. Der Märchenhörer oder –leser weiß um die Struktur der Märchen (der jüngste Sohn besteht die Probe, der dritte Sohn findet das Lebenswasser usw.). Die Spannung beruht nicht auf der Frage, was geschehen wird, sondern auf der Frage, wie es geschieht. Beispielsweise steht im Vordergrund der Darstellung wie es dem fliehenden Paar gelingt, der Verfolgung durch die Hexe zu entkommen. Da ist die magische Flucht: einmal wirft das Mädchen eine Bürste hinter sich, und sie verwandelt sich in eine dichten Wald oder ein Gebüsch. Wirft das Mädchen einen Klumpen Lehm aus, so verwandelt sich dieser in einen Sumpf. Wirft das Mädchen zum Dritten ein Stück Seife hinter sich, verwandelt dies sich in einen glitschigen Berg, den die Hexe nicht überwinden kann. Die benutzten Gegenstände wechseln dabei ständig von Märchenerzählung zu Märchenerzählung.

Ein zweites Regulativ ist Wiederholung und Abwechslung.

Drei Brüder ziehen aus, um dieselbe Aufgabe zu bewältigen. Drei Drachen sind zu töten und drei Prinzessinnen zu erlösen. Nicht selten werden die einander entsprechenden Episoden fast wörtlich gleich erzählt. Abwechslung wird dabei durch die Kriterien Kontrast und Steigerung erreicht. So zum Beispiel im Aschenputtel-Märchen: dreimal muss Aschenputtel aus der Asche lesen, einmal Erbsen, dann Bohnen, zuletzt Linsen.

Oder der dritte Sohn ist der beste, die dritte Prinzessin die schönste, der dritte Drache der gefährlichste. Dabei hat, wie wir bemerken, die Steigerung nicht beliebig viele Stufen, sondern regelmäßig drei. Viele andere Märchen sind gekennzeichnet durch den Kontrast von schön und hässlich, gut – böse, glänzend – schmutzig, klein – groß, arm – reich usw.

Ein anderes Merkmal des Märchenstils ist die Vorliebe für das Extreme. So treten Dummling und Königssohn auf oder der Märchenheld bekommt nach der Lösung der Aufgabe die Prinzessin und das halbe Königreich oder er wird enthauptet.

Das Volksmärchen strebt nach Formbestimmtheit und Vollendung. Es greift nach klaren, reinen Farben: weiß, schwarz, rot , silbern, golden etc. und kennt keine Nuancen und Tönungen. Sogar die Mischfarbe grün, die man als Sinnbild der lebendigen Natur auffassen kann, hat kein Lebensrecht im Märchen. Es taucht zum Beispiel fast nie die Formel des „grünen Waldes“ auf. Das Märchen spricht vom „großen Wald“ oder vom „dunklen Wald“. Der „große, dunkle Wald“ ist handlungswichtig, in ihm verirrt sich der Märchenheld, in ihm hausen böse Hexen und Räuber und doch ist er zugleich ein Ort der wundersamen Begegnungen und Abenteuer. Im Grimmschen Märchen von den drei Männlein im Walde schickt die böse Stiefmutter ihre unschuldige Stieftochter in einem Kleid aus Papier in den winterlichen Wald, sie muss dort für sie Erdbeeren pflücken. Das Mädchen kommt im tiefverschneiten Wald zu einem kleinen Häuschen, in dem drei Männlein leben. Auf deren Bitte teilt das Kind sein Stückchen Brot mit ihnen und kehrt mit einem Besen an der Hintertüre des Häuschens den Schnee weg – da kommen lauter reife, dunkelrote Erdbeeren zum Vorschein. Das Kind kann sein Körbchen füllen und zur Stiefmutter nach Hause zurückkehren.

Das Märchen liebt auch alles Metallene und Mineralische, denn (so Lüthi) es strebt zum Festen und Unvergänglichen. Es mineralisiert und metallisiert auch Lebendiges: Ein Finger wird golden, ganze Menschen versteinern, kupferne Wälder werden durchschritten. Fest und formelhaft sind auch die Zahlen. Drei, sieben, zwölf, vierzig, hundert usw. Fest und formelhaft sind auch die Märchenanfänge. Bestimmte sprachliche Wendungen kehren oft in den Erzählungen, die im Präteritum verfasst sind, wieder: „Es war einmal“, „In einem fernen Land“. Formelhaft enden die Märchen auch sehr häufig: „und wenn sie nicht gestorben sind,…“.

Andere Charakteristika des Märchenstils werden in der Zeichnung der Handlung deutlich. Die gleiche Festigkeit, Eindeutigkeit und Klarheit wie bei seinen Gegenständen, Farben und Sprachformeln finden wir im Handlungsablauf des Märchens. Es besteht aus einer einfachen Haupthandlung in einfacher Sprache auf der Grundlage eines einfachen Weltbildes.

„Das Volksmärchen kennt keine Schilderungssucht, es sucht die entschlossene vorwärtsstrebende Handlung.“ (12)

„Nicht Stimmungszauber ist die Seele des Volksmärchens, sondern Handlung.“ (13)

Die Gebrüder Grimm jedoch fügten verschiedene Varianten von Märchen zu einer neuen Einheit (Buchmärchen) und legten dabei nicht den größten Wert auf das Wie der Erzählung , sondern auf den eigentlichen Kern des Märchens, der, ihrer Auffassung nach, nicht verändert werden durfte. An dieser Stelle setzt die Kritik von der Leyens an Lüthi an. Von der Leyen meint:

„Uns scheint, daß das Märchen nicht nur erzählt, nein, auch schildert. Die Hörer sollen nicht nur die Handlung, auch die Handelnden genau und lebendig vor sich sehen und ihre Umwelt auch.“ (14)

Für von der Leyen ist das auch eine Frage nach dem Erzähler, nach dem Individuum:

„Wir können noch heute zwei Typen von Erzählern unterscheiden. Der eine Erzähler gibt das Märchen Wort für Wort mit erstaunlichem Gedächtnis wieder, er will nicht das geringste daran ändern. Der andere Typ schmückt das, was er gern hört, gern aus, er findet auch neue Wendungen, freut sich an Varianten, für ihn ist das Märchen ein Spiel, an dem er seine Freude hat und an dem er diese Freude oft und gern genießen will.“ (15)

Im Märchen werden die Helden aus den Verflechtungen der Familie und der Dorfgemeinschaft herausgelöst. Der Held (= Träger der Handlung) wird vereinzelt. Der Sohn zieht in die Welt, der Dummling will die Welt kennen lernen, einer zieht aus, das Fürchten zu lernen u.ä. Dieser Vereinzelung der Gestalten entspricht eine Vereinzelung der Beiwörter: EinalterKönig, einehässlicheAlte, einschönesMädchen, einealteHexe. Das Volksmärchen befolgt somit genau die Regeln epischer Erzählung: Einheit des Beiwortes, Darstellung der Wirkung der Schönheit, keine Beschreibung des Schönen. Die Handlungslinie des Märchens hat scharfe Gelenke. Aufgaben, Verbote und Bedingungen, genaues Aufgehen der Dinge, wenn möglich im letzten Augenblick und als Schlusspunkt der herrlichste Lohn oder die schlimmste Strafe. Auch die Wunder zählen zu diesen Gelenken der Erzählung. Der Märchenheld lebt nicht eigentlich aus eigenen Entschlüssen, sondern er wird durch Aufgaben, Ratschläge, Gaben und Hilfen aller Art gelenkt. Das Märchen ist zeitlos und nicht gebunden an einen Raum. Nie erfahren wir im Volksmärchen eine konkrete Zeitangabe, eine konkrete Ortsangabe, das Märchen bewegt sich in einem „never-never land“. (s.o.)

Auch wenn die Eigenart jeder Kulturnation und jede Epoche den Stil der Märchenerzählungen beeinflusst, so kann man doch von einem Grundtyp des europäischen Volksmärchens sprechen. Ein Vergleich der in den letzten Jahrhunderten zutage getretenen Märchen zeigt über die nationalen, zeitlichen und individuellen Verschiedenheiten hinweg, gewisse gemeinsame Züge. Man kann von einem Idealtyp sprechen. Das europäische Volksmärchen ist hauptsächlich durch Neigung zu einem bestimmten Personal, Requisitenbestand, Handlungsaufbau und –ablauf sowie durch einen bestimmten sprachlichen Stil gekennzeichnet. Man hat sich oft gewundert über die Gleichartigkeit der Volksmärchen in weit voneinander entfernten Gebieten. Die Ähnlichkeit der Motive hat man durch Wanderungen oder durch Konvergenzen zu erklären versucht. Dies ist im Einzelfall mehr oder weniger gut gelungen. Ursprungstheorien zum Märchen aus indoeuropäischen Zusammenhängen klären manche Fragen, sind aber allein für sich genommen nicht wirklich überzeugend. (16)

[...]

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Das Volksmärchen und das Kunstmärchen in der romantischen Theoriediskussion
Note
2,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
28
Katalognummer
V542724
ISBN (eBook)
9783346155122
ISBN (Buch)
9783346155139
Sprache
Deutsch
Schlagworte
kunstmärchen, theoriediskussion, volksmärchen
Arbeit zitieren
Konrad Goettig (Autor), 2013, Das Volksmärchen und das Kunstmärchen in der romantischen Theoriediskussion, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/542724

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