Die Rolle des Wächters im mittelhochdeutschen Tagelied


Hausarbeit, 2005
23 Seiten, Note: 2

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Die Rolle des Wächters im mittelhochdeutschen Tagelied

3 Fazit

4 Bibliographie

1 Einleitung

In der folgenden Arbeit soll es darum gehen, die bemerkenswerte Rolle des Wächters im mittelhochdeutschen Tagelied eingehend zu betrachten.

Die Person des Wächters ist vor allem deswegen so interessant, weil der Ursprung dieser Figur bis heute umstritten geblieben ist: „Die Figur des Wächters – nach ihrem literarischen Ursprung wie nach ihrer tatsächlichen Bedeutung innerhalb der Tageliedsituation – ist die crux aller Forschungen über das Tagelied.“[1] Als allgemeiner Orientierungszeitpunkt, ab dem in der deutschen Literatur die Wächterfigur gefunden werden kann, gilt 1200, wobei dieses Datum beispielsweise von Ulrich Knoop angezweifelt wird. Knoop führt verschiedene Zeugnisse aus der germanischen Heldenepik, sowie als ältestes datierbares Zeugnis, in dem das Wächteramt erwähnt wird, ‚Capitulare de villis’ aus der Verwaltung Karls des Großen an.[2] Der Wächter dürfte also im deutschsprachigen Raum nicht unbekannt gewesen sein, zumal es im damaligen realen Leben auf einer Burg selbstverständlich war, dass es eine Person gab, die das Amt innehatte, die Festung zu bewachen. Im Grimmschen Deutschen Wörterbuch findet man unter anderem folgenden Eintrag unter Wächter: „mhd. wahtaere ist namentlich der Burgwächter, der von der Zinne oder vom Thurm der Ritterburg aus Ausschau hält und das Nahen von Feinden meldet.“[3] Es ist allerdings sehr wahrscheinlich, dass das literarische Vorbild für den Wächter des mittelhochdeutschen Tagelieds aus der provenzalischen Alba stammt. Die unübersehbaren Gemeinsamkeiten werden im nachfolgenden Kapitel erörtert.

Das Hauptaugenmerk wird dann auf Wolfram von Eschenbach gelegt. In den fünf Tageliedern, die er verfasst hat, variiert er das Wächtermotiv äußerst kunstvoll. In der Forschung wird Wolfram von Eschenbach eine herausragende Rolle bei der Verbreitung des deutschen Tageliedes zugeschrieben. Er wird mitunter gar als „Schöpfer des deutschen Tageliedes“[4] angesehen. Darüber hinaus gelten seine Tagelieder als zeitlich erste Belege für das Auftreten eines Wächters im deutschen Tagelied. Thesen, die dem widersprechen und beispielsweise dem Markgrafen von Hohenburg oder Otto von Botenlauben diese Rolle zusprechen, konnten sich nicht durchsetzen.[5]

Schließlich wird die Wächterfigur Wolfram von Eschenbachs der Otto von Botenlaubens gegenübergestellt. Dieser Vergleich weist grundlegende Gemeinsamkeiten, darüber hinaus aber auch interessante Unterschiede auf.

2 Die Rolle des Wächters im mittelhochdeutschen Tagelied

Der Wächter in der provenzalischen Alba und deren Einfluss auf das mittelhochdeutsche Tagelied

Leider sind nur wenige Albas erhalten, was ihre Erforschung erheblich erschwert. Durch die Betrachtung der Lieder, die uns zu Verfügung stehen, lässt sich feststellen, dass jede Alba sehr individuelle Züge trägt. Zwar gibt es Hauptmerkmale, die allen gemeinsam zugrunde liegen – es geht immer um die romantische Vereinigung eines Liebespaares, das sich am Morgen trennen muss und meist von einem Wächter vor den ersten Sonnenstrahlen gewarnt wird - aber im Einzelnen variieren sie sehr stark: „…dass nicht zwei Alben in Auffassung und Darstellung einander gleichen. Dass einzelne Elemente bei verschiedenen Dichtern auftauchen, ergibt sich aus der dargestellten Situation.“[6]

Namensgebend für diese Liedgattung ist ihr Refrain, der nach jeder Strophe wiederholt wird. Der Refrain endet meist mit dem Wort ‚alba’, welches man mit Tagesanbruch übersetzen kann. Der Tagesanbruch ist das zentrale Motiv jeder Alba. Obwohl der anbrechende Tag zwangsläufig die Trennung des Liebespaares herbeiführt, wird er ausschließlich positiv bewertet. In dieser Hinsicht weisen die Albas eine Gemeinsamkeit zum christlichen Morgenhymnus auf: „Nicht nur in der 1. Strophe der Alba des Guiraut de Bornelh, die pflichtgemäß in diesem Zusammenhang immer zitiert wird. In den Worten des Wächters bei Raimon de Salas, worauf man viel weniger geachtet hat, vernimmt man eine Stimme, die hinter den Schichten des höfischen Wächters und traditionellen Tagesansagers den geistlichen Morgenhymnus erkennen lässt…Es ist dabei etwas von der blendenden Klarheit des aufstrahlenden Morgens zu verspüren, hinter der der Christus der frühchristlichen Morgenhymnen steht, wenn der Wächter in der 2. Strophe von Raimons Alba von der unvergleichlichen Schönheit dieses anbrechenden Tages spricht.“[7] Erforscht man die Ursprünge der Albas, so kann man neben den geistlichen auch orientalische und römische Einflüsse finden. Es wurden sogar auffällige Parallelen zu der Dichtung Ovids festgestellt.[8] Dies sei an dieser Stelle allerdings nur angemerkt, da es hier nicht um die Herkunft der provenzalischen Albas gehen soll, sondern vielmehr darum, inwieweit sie als Vorlage für das mittelhochdeutsche Tagelied relevant sind.

Der Wächter, la gaita, ist neben der Dame, eine der wichtigen handlungstragenden Figuren der Alba. Der oft ruhige Liebhaber steht meistens im Hintergrund, ebenso wie der am Rande auftretende eifersüchtige Ehemann, li gilos. „The main active characters of most erotic albas are the watchman and the lady; in a majority of the albas the lover plays a more passive, and frequently a silent, role.”[9] Von allen Albas, die der Forschung vorliegen, fehlt der Wächter nur in einer einzigen. Mit der Individualität der einzelnen Albas geht die Variation der Wächterrolle einher. So kommt es beispielsweise vor, dass der Wächter lediglich erwähnt wird. Tritt der Wächter aktiv auf, reicht seine Funktion vom bloßen Wecker bis hin zum helfenden Freund und Vertrauten: „Als Rufender apostrophiert wird er schon in dem Tagelied, das allgemein als das älteste der Gattung in der Provence gilt: ‚En un vergier sotz fuella d’albespi’. Oder es wird dem Wächter gedroht, - in der gleichfalls anonymen Alba ‚Ab la gensor que sia’. Die fragmentarische Strophe ‚Drutc qui vol dreitament amar’ liefert bereits eine Wächterlehre, und ganz im Zeichen der Wächterfigur steht die Alba ‚Eras diray co que us dey dir’ – in der wie in Wolframs viertem Liede drei Strophen das Gedicht ausmachen und der Wächter die drei Strophen ausmacht.“[10] Es ist die Rolle des vertrauten Freundes, die Wolframs Wächter in ‚Sine klawen’ ebenso wie in ‚Von der zinnen’ einnimmt. Der über alle Maßen treu ergebene Wächter aus Cadenets Alba ‚S’anc fui belha’ könnte Wolfram als Vorbild gedient haben. Hierauf wird später noch einmal eingegangen. Cadenets Gedicht baut sich aus emotionalen Monologen der Dame und des Wächters auf. Der Wächter ist treu, wachsam, einfühlsam. Er tut alles in seiner Macht stehende, um die wahre Liebe zu unterstützen. Seine Ergebenheit geht sogar soweit, dass er bekundet, er schätze die langen, kalten und dunklen Winternächte, die das Treffen der Liebenden begünstigen. Diese überaus positive Einstellung zur Nacht und die damit angedeutete Abwendung vom Tag ist für einen Wächter höchst ungewöhnlich und kommt auch in keiner anderen Alba vor. Saville charakterisiert Cadenets Wächter so: „He is perfectly corteza and leials; he has perfect sympathy with the lovers; he is perfectly attentive to the time of night; he is a perfect upholder of leials amors and a perfect condemner of falsa drudaria. In short, he is all that an alba could ask for.”[11] Eine herausragende Stellung nimmt auch Giraut de Bornelhs Wächter in der Alba ‘Reis glorios, verais lums e clartatz’ ein. Hier fungiert der Wächter nicht als untergebener Diener, sondern vielmehr als mitfühlender Freund. In dieser Funktion setzt wie schon erwähnt auch Wolfram den Wächter ein. Wapnewski bemerkt hierzu: „Der Wächter ist aus dem Bereich der fragwürdigen (weil korrumpierenden) Dienstleistung herausgenommen. Die Beziehung der Freundschaft schließt die Entstehung jenes komplizierten, mehrsträngigen und fragwürdigen Arbeitsverhältnisses aus, das aus Herrn und Diener Complicen macht. Der Liebende wird wieder frei. Der Diener-Wächter bewachte; der Freund-Wächter beschützt. In ähnlichem Sinne will auch, scheint es uns, Wolfram die Liebenden wieder frei machen.“[12]

Mit der Figur des Wächters bekommt das mittelhochdeutsche Tagelied ein entscheidendes Element, das es von den Minneliedern absetzt. Es bleibt bis heute umstritten, ob die provenzalischen Albas wirklich die Voraussetzung für den Einzug des Wächters in die deutsche Lyrik geliefert haben. Während Borck die Wächterfigur beispielsweise mit Sicherheit als „provenzalischen Import“[13] ansieht, schreibt Lachmann den provenzalischen Albas erheblich wenig Einfluss zu. De Gruyter weist jeglichen Einfluss der Albas auf das deutsche Tagelied zurück, widerspricht sich aber selbst, wenn er feststellt „Wolfram dichtete seine Tagelieder nach französischem Vorbild“[14]. Eine weit verbreitete und durchaus wahrscheinliche Meinung ist, dass der Wächter von der provenzalischen und nordfranzösischen Dichtung in die deutsche Literatur „einwanderte“, aber dort durchaus schon bekannt war. „Der mittelhochdeutsche Minnesang aber, so die einhellige Meinung, steht in Abhängigkeit zur Lyrik der provenzalischen und nordfranzösischen Troubadours. Da beide romanischen Literaturen auch über die Gattung Tagelied verfügen (prov. alba, afrz. aubade), mittelhochdeutsches Tagelied und alba bzw. aubade gewisse Ähnlichkeiten aufweisen, wurde die mittelhochdeutsche Lyrik als nehmender, die romanische als gebender Teil angesehen.“[15] Der kunstvolle Umgang mit dem Wächtermotiv, insbesondere bei Wolfram von Eschenbach, lässt darauf schließen, dass diese Figur nicht völlig neu war. Wie in der Einleitung bereits erwähnt, taucht auch in altgermanischen Heldenepen ein Wächter auf. Bemerkenswert ist, dass sich sprachgeschichtlich betrachtet das provenzalische gaita vom germanischen wahta ableitet.[16]

Die Frage, ob Wolfram von Eschenbachs Wächter nach provenzalischem Vorbild entworfen worden ist, kann auch hier nicht beantwortet werden. In jedem Falle nehmen seine Wächterlieder eine Pionierstellung ein: „Mit Wolframs von Eschenbach Liedern ist für uns das höfische deutsche Tagelied zum ersten Mal voll ausgebildet zu greifen. ...Man führt die Höfisierung auf die okzitanischen Tagelieder zurück, weil man glaubt, dass eine solche Wirkung nur von der früh ausgebildeten Adelskultur der Provence hat ausgehen können…Allerdings sind im Vergleich zu den deutschen Liedern verhältnismäßig wenige Albas erhalten und von diesen nur einzelne sicher ins 12. Jahrhundert zu datieren, eindeutige Abhängigkeiten konnten bisher nicht nachgewiesen werden.“[17]

[...]


[1] Jaehrling, S. 168.

[2] vgl. Knoop, S. 184f.

[3] Grimm, S. 184.

[4] vgl. Knoop, S. 13.

[5] vgl. Wapnewski, S. 246.

[6] Nicklas, S. 11.

[7] Wolf, S. 129.

[8] vgl. Nicklas S. 18.

[9] Saville, S.113

[10] Wapnewski, S. 247.

[11] Saville, S.119.

[12] Wapnewski, S. 252.

[13] vgl. Wapnewski, S. 246.

[14] Knoop, S. 8.

[15] Knoop, S. 7.

[16] Nicklas, S.29f.

[17] Speckenbach, S.229.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Die Rolle des Wächters im mittelhochdeutschen Tagelied
Hochschule
Philipps-Universität Marburg  (Institut für Ältere Deutsche Literatur)
Veranstaltung
Hauptseminar: Tagelieder
Note
2
Autor
Jahr
2005
Seiten
23
Katalognummer
V54279
ISBN (eBook)
9783638495240
ISBN (Buch)
9783638661805
Dateigröße
530 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rolle, Wächters, Tagelied, Hauptseminar, Tagelieder, mittelhochdeutsch
Arbeit zitieren
Ilona Gaul (Autor), 2005, Die Rolle des Wächters im mittelhochdeutschen Tagelied, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/54279

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