In der folgenden Arbeit soll es darum gehen, die bemerkenswerte Rolle des Wächters im mittelhochdeutschen Tagelied eingehend zu betrachten.
Die Person des Wächters ist vor allem deswegen so interessant, weil der Ursprung dieser Figur bis heute umstritten geblieben ist: „Die Figur des Wächters – nach ihrem literarischen Ursprung wie nach ihrer tatsächlichen Bedeutung innerhalb der Tageliedsituation – ist die crux aller Forschungen über das Tagelied.“ Als allgemeiner Orientierungszeitpunkt, ab dem in der deutschen Literatur die Wächterfigur gefunden werden kann, gilt 1200, wobei dieses Datum beispielsweise von Ulrich Knoop angezweifelt wird. Knoop führt verschiedene Zeugnisse aus der germanischen Heldenepik, sowie als ältestes datierbares Zeugnis, in dem das Wächteramt erwähnt wird, ‚Capitulare de villis’ aus der Verwaltung Karls des Großen an. Der Wächter dürfte also im deutschsprachigen Raum nicht unbekannt gewesen sein, zumal es im damaligen realen Leben auf einer Burg selbstverständlich war, dass es eine Person gab, die das Amt innehatte, die Festung zu bewachen. Im Grimmschen Deutschen Wörterbuch findet man unter anderem folgenden Eintrag unter Wächter: „mhd. wahtaere ist namentlich der Burgwächter, der von der Zinne oder vom Thurm der Ritterburg aus Ausschau hält und das Nahen von Feinden meldet.“ Es ist allerdings sehr wahrscheinlich, dass das literarische Vorbild für den Wächter des mittelhochdeutschen Tagelieds aus der provenzalischen Alba stammt. Die unübersehbaren Gemeinsamkeiten werden im nachfolgenden Kapitel erörtert.
Das Hauptaugenmerk wird dann auf Wolfram von Eschenbach gelegt. In den fünf Tageliedern, die er verfasst hat, variiert er das Wächtermotiv äußerst kunstvoll. In der Forschung wird Wolfram von Eschenbach eine herausragende Rolle bei der Verbreitung des deutschen Tageliedes zugeschrieben. Er wird mitunter gar als „Schöpfer des deutschen Tageliedes“ angesehen. Darüber hinaus gelten seine Tagelieder als zeitlich erste Belege für das Auftreten eines Wächters im deutschen Tagelied. Thesen, die dem widersprechen und beispielsweise dem Markgrafen von Hohenburg oder Otto von Botenlauben diese Rolle zusprechen, konnten sich nicht durchsetzen.
Schließlich wird die Wächterfigur Wolfram von Eschenbachs der Otto von Botenlaubens gegenübergestellt. Dieser Vergleich weist grundlegende Gemeinsamkeiten, darüber hinaus aber auch interessante Unterschiede auf.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Die Rolle des Wächters im mittelhochdeutschen Tagelied
2.1 Der Wächter in der provenzalischen Alba und deren Einfluss auf das mittelhochdeutsche Tagelied
2.2 Die Wächterfigur bei Wolfram von Eschenbach
2.3 Die Wächterfigur bei Otto von Botenlauben
3 Fazit
4 Bibliographie
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die differenzierte Rolle der Wächterfigur im mittelhochdeutschen Tagelied, wobei insbesondere die literarischen Einflüsse, die Funktion der Figur als moralische Instanz sowie die spezifische Ausgestaltung bei den Dichtern Wolfram von Eschenbach und Otto von Botenlauben im Zentrum der Analyse stehen.
- Literarischer Ursprung der Wächterfigur aus der provenzalischen Alba.
- Untersuchung der Wächterfunktion als vertrauter Freund und Mahner.
- Analyse der Wächtermotive in den Werken von Wolfram von Eschenbach.
- Vergleichende Betrachtung der Wächterkonzeption bei Otto von Botenlauben.
- Reflektion über die soziale Stellung und den moralischen Status des Wächters.
Auszug aus dem Buch
Die Rolle des Wächters im mittelhochdeutschen Tagelied
Der Wächter, la gaita, ist neben der Dame, eine der wichtigen handlungstragenden Figuren der Alba. Der oft ruhige Liebhaber steht meistens im Hintergrund, ebenso wie der am Rande auftretende eifersüchtige Ehemann, li gilos. „The main active characters of most erotic albas are the watchman and the lady; in a majority of the albas the lover plays a more passive, and frequently a silent, role.” Von allen Albas, die der Forschung vorliegen, fehlt der Wächter nur in einer einzigen. Mit der Individualität der einzelnen Albas geht die Variation der Wächterrolle einher. So kommt es beispielsweise vor, dass der Wächter lediglich erwähnt wird. Tritt der Wächter aktiv auf, reicht seine Funktion vom bloßen Wecker bis hin zum helfenden Freund und Vertrauten: „Als Rufender apostrophiert wird er schon in dem Tagelied, das allgemein als das älteste der Gattung in der Provence gilt: ‚En un vergier sotz fuella d’albespi’. Oder es wird dem Wächter gedroht, - in der gleichfalls anonymen Alba ‚Ab la gensor que sia’. Die fragmentarische Strophe ‚Drutc qui vol dreitament amar’ liefert bereits eine Wächterlehre, und ganz im Zeichen der Wächterfigur steht die Alba ‚Eras diray co que us dey dir’ – in der wie in Wolframs viertem Liede drei Strophen das Gedicht ausmachen und der Wächter die drei Strophen ausmacht.“ Es ist die Rolle des vertrauten Freundes, die Wolframs Wächter in ‚Sine klawen’ ebenso wie in ‚Von der zinnen’ einnimmt.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung führt in die Thematik der Wächterfigur im mittelhochdeutschen Tagelied ein, erörtert deren umstrittenen literarischen Ursprung und definiert den Fokus auf die Werke von Wolfram von Eschenbach.
2 Die Rolle des Wächters im mittelhochdeutschen Tagelied: Dieses Hauptkapitel analysiert die Funktionen des Wächters, dessen Einfluss aus der provenzalischen Alba sowie die spezifische Ausprägung der Figur als Freund oder moralische Instanz.
2.1 Der Wächter in der provenzalischen Alba und deren Einfluss auf das mittelhochdeutsche Tagelied: Der Abschnitt beleuchtet die Wurzeln der Wächterfigur in der provenzalischen Tradition und deren Adaption sowie den Übergang der Motivik in den mittelhochdeutschen Kontext.
2.2 Die Wächterfigur bei Wolfram von Eschenbach: Hier werden die fünf Tagelieder Wolframs untersucht, wobei der Wächter insbesondere als loyaler Freund und kunstvoll variiertes Motiv im Zentrum steht.
2.3 Die Wächterfigur bei Otto von Botenlauben: Dieser Teil vergleicht die Wächterkonzeption bei Botenlauben, bei dem die Figur variabler auftritt, teils als Ankläger oder einfacher Wächter, was eine Abgrenzung zu Wolfram ermöglicht.
3 Fazit: Das Fazit fasst die Erkenntnisse zusammen, wonach der Wächter je nach Autor unterschiedliche Rollen und Stellenwerte einnimmt, jedoch als konstitutives Element des mittelhochdeutschen Tagelieds unverzichtbar bleibt.
4 Bibliographie: Das Verzeichnis enthält die gesamte im Werk verwendete Primär- und Sekundärliteratur.
Schlüsselwörter
Tagelied, Wächterfigur, Wolfram von Eschenbach, Otto von Botenlauben, Alba, Provenzalische Dichtung, Minnesang, Literaturwissenschaft, Triuwe, Äre, Mittelalterliche Literatur, Gattungsgeschichte, Motivforschung, Freundesrolle, Moralische Instanz.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit untersucht die Bedeutung und den literarischen Ursprung der Wächterfigur innerhalb des mittelhochdeutschen Tagelieds, insbesondere unter Berücksichtigung ihrer Funktion und Wandlung.
Welche Themenfelder werden zentral behandelt?
Zentrale Themen sind der Einfluss der provenzalischen Alba, die Rolle des Wächters als Vermittler, Freund oder moralische Instanz sowie die Rezeption dieser Figur bei verschiedenen Dichtern.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die bemerkenswerte Rolle des Wächters zu analysieren und aufzuzeigen, wie Wolfram von Eschenbach und Otto von Botenlauben dieses Motiv individuell und kunstvoll gestaltet haben.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse und Interpretation der überlieferten Texte unter Einbeziehung relevanter Forschungsmeinungen zur Gattungsgeschichte.
Was umfasst der Hauptteil der Arbeit?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Untersuchung des provenzalischen Einflusses, eine detaillierte Analyse der Wächterfigur bei Wolfram von Eschenbach sowie einen Vergleich mit den Werken von Otto von Botenlauben.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren diese Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Wächterfigur, Tagelied, Triuwe, Minne und die literarische Tradition der Alba.
Wie unterscheidet sich der Wächter bei Wolfram von dem bei Botenlauben?
Während Wolfram den Wächter primär als vertrauten, loyalen Freund des Ritters zeichnet, zeigt sich der Wächter bei Botenlauben in einer größeren Rollenvielfalt, etwa als Ankläger oder bloße Torwache.
Welche Rolle spielt die "Treue" (triuwe) in der Argumentation des Autors?
Die Treue wird als zentrales soziales und moralisches Motiv interpretiert, das die Handlungen des Wächters leitet, wobei dieser versucht, Ehre und Leben des Ritters zu schützen.
Warum wird die Realitätsnähe der Wächterreden in der Forschung hinterfragt?
Kritiker hinterfragen, ob es glaubwürdig sei, dass ein Wächter von der Zinne aus laute Unterhaltungen führt, ohne entdeckt zu werden, was zu Diskussionen über den fiktiven Charakter der Tageliedsituation führt.
- Quote paper
- Ilona Gaul (Author), 2005, Die Rolle des Wächters im mittelhochdeutschen Tagelied, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/54279