Thomas von Aquin und seine geistesgeschichtliche Bedeutung


Hausarbeit, 1996

17 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

A Allgemeiner Überblick

B Thomas von Aquin

1. Hintergrund Thomas von Aquins
1.1 Zu seiner Person
1.2 Historischer Hintergrund
1.3 Gedankliche Strömungen seiner Zeit

2. Geistesgeschichtliche Bedeutung

3. Ontologie

4. Der Staat
4.1 Legitimierung des Staates
4.2 Ziele des Staatswesens
4.3 Staatsverfassung
4.4 Staatsformen
4.4.1 Die beste Staatsform: Die Monarchie
4.4.2 Die schlechteste Staatsform: Die Tyrannis
4.4.3 Verhinderung und Widerstandsrecht gegen den Tyrann
4.4 Die relativ beste Form der Herrschaft: Die gemischte Verfassung

5. Verhältnis von Kirche und Staat

6. Verhältnis von Staat und Gesellschaft zum Menschen

C Resümee

D Literaturverzeichnis

A Allgemeiner Überblick

Eine der aktuellen politiktheoretischen Debatten ist die zwischen kommunitaristischen und individualistischen Denkweisen.

Die heutige Kritik des Kommunitarismus setzt am dominierenden liberalistischen Bild unserer Zeit an. Die freie Entfaltung des Individuums die über alles gestellt wird, läßt eine Auflösung der gemeinschaftlichen Strukturen befürchten, die zum Untergang der Gesellschaft führen könnte und letztendlich die Demokratie gefährden könnte. “Zunächst erinnert der Kommunitarismus als Theorie gesellschaftlicher Balance an das notwendige Gleichgewicht zwischen Individuen und Gruppen, Rechten und Verantwortlichkeit und auch zwischen den Institutionen von Staat, Markt und Gesellschaft” (Vorländer 1995:23)1. Jede Gemeinschaft muß einen Teil ihrer Interessen auf gemeinsame Vorhaben lenken, sonst wird sie nicht überleben können.

Eine gelungene Auflösung des Konflikts der beiden gegensätzlichen Theorien wäre, den Kommunitarismus nicht als Ersatz, sondern als Ergänzung der grundlegenden liberalistischen Werte zu betrachten (Vgl. Gutmann 1994:81).

Die unterschiedlichen Positionen, die die beiden Politiktheorien Individuum, Gesellschaft und Staat zuweisen, lassen sich auf unterschiedliche Denktraditionen zurückführen.

Die Idee des Individualismus beginnt in der Renaissance. Das autonome, freie Individuum wird entdeckt. Der Mensch als vernunftbegabtes Wesen kann über sich selbst bestimmen, sein Handeln ist auf die persönliche Nutzenmaximierung ausgelegt. Der Staat ist ein freiwilliger Zusammenschluß der Individuen, durch die Verfassung wird der Einzelne vor dem Staat geschützt. Die Ökonomie regelt sich selbst durch die Gesetzmäßigkeit von Markt und Wettbewerb. (Vgl. Druwe 1993:176-180)

Vordenkern der kommunitaristischen Idee ist gemein, daß sie vom Mensch als von Natur aus sozialem und staatlichem Wesen (griech. zóon politicón) ausgehen. Bei allen Vertretern ist eine Erziehung oder Hin leitung des Menschen zum guten Leben im Sinne des Allgemeinwohls notwendig. Die Entelechie, der Prozeß der Vervollkommnung der von Natur aus im Menschen angelegten Fähigkeiten, wird von allen angestrebt. Sie gestehen dem Menschen eine positive Freiheit zu. Diese enthält Freiwilligkeit, ein kollektives Element, die Möglichkeit einer Bindung (Pflicht) und die Realisierung der Freiheit.

Historisch läßt sich Aristoteles als Ahnvater der Kommunitaristen bezeichnen.

Nach seiner Konstruktion ist der Mensch ein zóon politicón: nur in der Gemeinschaft kann sich das Individuum vervollkommnen. Die Gemeinschaft und der Staat stellen die letzte Sinn- und Zweckerfüllung und somit sowohl Weg als auch Ziel dar. Für ihn muß die oberste Gewalt des Staates das Gesetz sein. Eine aktive Beteilung des Volkes bei der beratenden und richterlichen Gewalt wird gefordert. (Vgl. Aristoteles 1968)

Thomas von Aquin verschiebt das Ziel auf Gott hin, der die höchste Glückseligkeit bedeutet. Dabei ist Staat aber der Weg zum Ziel. Als absolut beste Herrschaftsform bezeichnet er die Monarchie. (Vgl. Aquin 1994)

Auch bei Jean Bodin ist der Mensch ein soziales Wesen, der, da mit Vernunft begabt, frei auf sich gestellt ist. Die Grundeinheit des sozialen Lebens bildet die Familie, der Staat ist ein Abbild dieses Prinzips. Die Staatsformen können monarchisch, aristokratisch oder demokratisch sein. (Vgl. Bodin 1981)

Mit Jean-Jacques Rousseau beginnt die historische Auseinandersetzung mit dem Liberalismus, da zu seiner Zeit die ersten individualistischen Denker, wie Adam Smith mit seiner Idee der freien Marktwirtschaft (Vgl. Smith 1974), ihre Schriften veröffentlichten.

Bei Rousseau hat der Mensch keine natürliche Sozialität. Dadurch fällt er auf den ersten Blick aus der Reihe der Kommunitaristen heraus. Erst durch den Lebenserhaltungstrieb bilden sich Gesellschaften. Die Erziehung macht einen guten Menschen möglich. Ziel und Zweck des Gesellschaftsvertrages ist die Umsetzung des Allgemeinwohls, das sich im Allgemeinwillen konkretisiert. (Vgl. Rousseau 1988)

Erst dadurch wird der freie Mensch zum zóon politicón. Mit disem Gedankengang wird Rousseau zu einem Vertreter der Kommunitaristen. Das Volk kann den allgemeinen Willen erkennen und auf der Volksversammlung als Gesetz aussprechen. Da es einen “wahren” Volkswillen gibt, ist die Identität zwischen Herrschern und Beherrschten möglich. Die beste Staatsform ist als die Republik, die idealste Regierungsform ist die Aristokratie.

Edmund Burke greift wieder stark auf Aristoteles zurück. Für ihn ist der Mensch ein soziales Wesen, dem Vernunft gegeben ist, und das sich nur in der Gemeinschaft und im Staat vervollkommnen kann. Er fügt noch hinzu, daß der Mensch historisch sei, also stark geprägt durch geschichtliche Erfahrungen und Ereignisse. Die ideale Regierungsform ist die gemischte britische Verfassung. (Vgl. Ballestrem 1987)

Nach Georg Friedrich Wilhelm Hegel ist der Mensch mit Vernunft begabt, der Staat basiert auf dem freien Willen seiner Bürger. Der Staat ist die Verwirklichung der sittlichen Idee. Bei ihm kommt die Vorstellung hinzu, daß die Weltgeschichte ein notwendig fortschreitender Prozeß eines absoluten Weltgeistes sei. Die Verwirklichung des Absoluten vollzieht sich im Prinzip der Dialektik in These, Antithese und Synthese. Die beste Regierungsform ist die konstitutionelle Monarchie. (Vgl. Fetscher 1986)

Nach Karl Marx bildet die Basis der Gesellschaft die Arbeit, durch die sich der Mensch selbst verwirklicht. Die kommunistische Endgesellschaft, auf die die Geschichte deterministisch hinausläuft, ist klassenlos, es gibt nur noch Allgemeinbesitz. Der Staat ist nicht mehr nötig. (Vgl. Fetscher 1983 und 1959)

Carl Schmitt postuliert, daß ein Volk einen Willen zur politischen Existenz hat und - falls es ein homogenes und mit sich selbst identisches Volk ist - einen klaren Volkswillen entwickeln kann. Ein Diktator kann somit als reinste Ausdrucksform demokratischer Herrschaft am besten ein Volk führen, da ein Allgemeinwillen existiert und er diesen verkörpert. Das zentrale Prinzip des Politischen ist das Freund-Feind-Bild. Dies ist der essentielle Konflikt, in dem keine Kompromisse möglich sind. (Vgl. Saage 1983)

Jürgen Habermas verweist vor allem auf die normative Grundlegung gesellschaftlicher Prozesse in der Sprache. Er erklärt die Gesellschaft aus Arbeit und symbolisch vermittelter Interaktion. Als Regierungsform verteidigt er die westliche Demokratie. (Vgl. Horster 1988)

Diese Denker lassen sich grob in die kommunitaristische Richtung einordnen, obwohl manche in gewissen Punkten aus dem Schema fallen.

Nach dieser kurzen Einführung in die Kommunitarismusdebatte und in verschiedene Vordenker komme ich nun zur Einleitung meines eigenen Themas.

Als Vertreter der politischen Theorie habe ich Thomas von Aquin ausgewählt. In der Arbeit möchte ich zeigen, inwiefern er sich als Vorläufer des Kommunitarismus erweist und wie er das Spannungsverhältnis zwischen Gesellschaft, Staat und Individuum löst.

Dabei werde ich zuerst einige Aussagen über seine Person, den historischen Hintergrund und die gedanklichen Strömungen seiner Zeit treffen, um den Hintergrund seiner Gedankengänge etwas offener zu legen.

Diesem wird eine kurze Bemerkung über die geistesgeschichtliche Bedeutung Thomas von Aquins folgen. Im weiteren wird, um das Verhältnis zwischen Gesellschaft, Staat und Individuum auszuleuchten, eine Darstellung seiner Ontologie und seiner Staatskonstruktion folgen. Seinen Grundüberzeugungen als Dominikanermönch und Theologe, der Gott über alles stellt, wird im vorletzten Kapitel Rechnung getragen, indem das Verhältnis zwischen Staat und Kirche aufgeschlüsselt wird.

Zum Schluß möchte ich noch die Modernität einiger thomistischer Gedanken aufzeigen.

B Thomas von Aquin

1. Hintergrund Thomas von Aquins

1.1 Zu seiner Person

Thomas von Aquin wurde 1225 in Sizilien als Sohn des Grafen Landulf von Aquin geboren, besuchte eine Klosterschule und studierte ab 1239 die sieben freien Künste (vor allem Logik und Naturphilosophie) in Neapel. 1244 trat er in den Dominikanerorden ein. Es folgten sowohl Studien in Paris und Köln als auch Lehrtätigkeiten in Paris, Rom und Neapel. 1274 starb er im Alter von 49 Jahren. Seine Hauptwerke sind die unvollendete “summa theologica”, “summa contra gentiles”, sowie die Kommentare zur Ethik und Politik des Aristoteles.

Seine politisch bedeutenste Schrift ist “de regimen principe” (dt. Über die Herrschaft des Fürsten). (Vgl. Mensching 1995:177-1274)

1.2 Historischer Hintergrund

Um die Gedanken Thomas von Aquins besser zu verstehen, soll ein kurzer Abriß über die historische Rahmensituation vorangestellt werden.

Seine Lebensspanne (1225-1274) fällt in eine bewegte Zeit. Die Macht der Staufer war am Schwinden. Friedrich II. (1196-1250), Kaiser des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation, hatte 1213 und 1230/31 den kirchlichen und weltlichen Fürsten des Reiches weitgehende Unabhängigkeit zugestanden und sich in sein Königreich Sizilien zurückgezogen. Dort errichtete er einen säkularisierten Beamtenstaat. Seine gesamte Regierungszeit durchzogen heftige Machtkämpfe mit den jeweiligen Päpsten (Honorius III., Gregor IX. und Innozenz IV.). Schwache Nachfolger konnten den Thron jeweils nur sehr kurz innehalten. In der Zeit des Interregnums (1256-1273) gab es überhaupt keinen weltlichen Herrscher. Genau in diesem Zeitraum schrieb und veröffentlichte Thomas von Aquin seine Werke. Es ist aus diesem Grund nicht verwunderlich, daß die Begriffe “Imperium” und “Imperator” keine Erwähnung finden.

Diese Phase der politischen Unsicherheit war ein Grund dafür, daß sich Raum für neue, moderne Ideen öffnete, da das Denken nicht so sehr auf die herrschenden Machtstrukturen und der Kritik daran konzentriert war.

In längerer historischer Sicht wird deutlich, daß die andauernden Machtkämpfe zwischen Päpsten und weltlichen Herrschern die Idee von einem großen Reich christlicher Prägung überdeckten. (Vgl. Vocke 1988, Mensching 1995 S.21-23)

1.3 Gedankliche Strömungen seiner Zeit

Thomas von Aquin wird als einer der bedeutendsten Vertreter der Scholastik bezeichnet. Die Scholastik ist eine theologisch-philosophische Strömung des Mittelalters, die vom 9. bis 15. Jahrhundert die gesamte Wissenschaft der christlichen Welt beeinflußte. Sie versuchte, die Widersprüche zwischen den philosophischen Schulen der alten Griechen und Römer (vor allem Aristoteles) und den dogmatischen Lehrsätzen der Kirchenväter (wie Augustinus) zu beseitigen.

Dies versuchte man mit der scholastischen Methode der Dialektik. Durch Frage (quaestio), Erörterung (disputatio) und Schlußfolgerung (resultio) suchte man eine Synthese zu schaffen. Dabei wurden alle gültigen Lehrmeinungen und verfügbaren Argumente zusammengetragen und einander gegenübergestellt, um dann bestätigend in der Schlußfolgerung auf die Glaubenswahrheit zurückzuführen.

Die wichtigen Gedankenströmungen dieser Zeit waren die stark neuplatonisch geprägte Theologie Augustinus und die Aristoteles-Rezeption des arabischen Averroes.

Die Averroisten hatten eine Interpretation des Aristoteles entwickelt, die mit christlichen Vorstellungen unvereinbar war. Sie glaubten, daß die Welt schon immer existierte und das alle Menschen Teil einer einzigen Seele sind (Monopsychismus).

Für Augustinus gab es keine Philosophie, sondern nur Theologie. Die Welt galt “nur als Träger und Zeichen einer höheren Wirklichkeit” (Matz 1987:117). Allein durch den Glauben könne man zur Erkenntnis kommen, der Verstand allein macht nicht einmal einen Schritt dazu hin möglich. (Vgl. Matz 1987:114-119, Deichsel 1988:113)

2. Geistesgeschichtliche Bedeutung

Die herausragende Leistung Thomas von Aquins war, genau im Sinne der Scholastik, die Synthese der klassischen und zeitgenössischen Theorien, die bis dahin in Widerspruch standen. Er “christianisierte” Aristoteles und verband mit diesen Vorstellungen Teile der neuplatonisch geprägten augustinischen Denkweise.

Er geht nicht mehr, wie Augustinus, ausschließlich vom Glauben aus, sondern setzt an der natürlichen Vernunft des Menschen an. Die Welt kann durch Beobachtung und Vernunft erkannt werden. Dies geschieht in der Philosophie. Die Vollendung wird jedoch erst durch die Offenbarungen Gottes in der Bibel erreicht. Diese Erkenntnisse formuliert vor allem die Theologie. Zusammengenommen bedeutet dies die Freisetzung der menschlichen Vernunft in Philosophie und Wissenschaft und zugleich eine wissenschaftliche Wiederentdeckung des politischen Menschen und der Politik. Der Weg ist frei für Forschung und Naturwissenschaften in Einklang mit dem christlichen Glauben Untersuchungen zu machen.

Nach seiner Heiligsprechung 1322 wurde von Aquin 1567 zum Lehrer der Kirche erhoben und bildete damit einen wesentlichen Pfeiler in der Lehre der katholischen Kirche. Diese Bedeutung zieht sich in gewisser Form bis in die Moderne. 1879 empfahl Papst Leo XIII.2 seine Schriften zu studieren und auch das heutige Hochschulrecht fordert in der Theologie eine Auseinandersetzung mit Thomas von Aquin. Bis heute ist eine der wichtigsten philosophischen Schulen der Thomismus.

Die um 1860 aufgekommene Richtung der Neuscholastik versucht seine Philosophie auf heute aktuelle Probleme zu übertragen und sie durch sie zu lösen. “Die Debatten über eine realistische Ontologie, eine christlich bestimmt Anthropologie und Pädagogik, sowie die Auseinandersetzung über das Naturrecht in den fünfziger Jahren und der bis heute nicht beendete Disput über die moralische Bestimmung von Ehe, Familie und Sexualität wurden in wesentlichen Teilen unter Berufung auf Thomas geführt.” (Mensching 1995:11-12).

[...]


1 Genaue Angaben siehe Literaturverzeichnis

2 Originaltext siehe Schilling 1930 Deckblatt

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Thomas von Aquin und seine geistesgeschichtliche Bedeutung
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Institut für politische Wissenschaft)
Veranstaltung
Proseminar: Einführung in die politische Theorie II
Note
1,0
Autor
Jahr
1996
Seiten
17
Katalognummer
V542865
ISBN (eBook)
9783346162090
ISBN (Buch)
9783346162106
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Thomas von Aquin, Kommunitarismus, Person, Staat, Philosophie, Einordnung von Aristoteles-Bodin-Rousseau-Burke-Hegel-Marx-Habermas-Schmitt, Verhältnis, kommunitaristische
Arbeit zitieren
Nicole Matthe (Autor), 1996, Thomas von Aquin und seine geistesgeschichtliche Bedeutung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/542865

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