Die Einordnung Thomas von Aquins in die Vordenker des Kommunitarismus erweist sich also als begründet. Er geht vom Menschen als zóon politicón aus und hält eine Hinführung zum tugendgemäßen Leben durch den Staat notwendig. Ein Prozess der Vervollkommnung wird angestrebt. Auch sein Menschenbild lässt sich unter dem Begriff positive Freiheit einordnen.
Die Spannung zwischen Staat, Gesellschaft und Individuum löst er in dem Sinne, dass das Ziel aller drei Einheiten das Allgemeinwohl ist, also keine Diskrepanz entstehen sollte. Dabei gesteht er dem Individuum eine angemessene Freiheit zu, die aber nicht so weit geht, dass er zum Individualisten würde.
Was bei Thomas von Aquin auffällt, ist die Modernität seiner Gedanken für seine Zeit. Auch Grundelemente unseres heutigen Grundgesetzes können auf ihn zurückgeführt werden. Dem Individuum wird sowohl Freiheit als auch Privatbesitz zugestanden, wobei der Staat an die Einhaltung dieser Rechte gebunden ist. Als Parallelen kann man dazu die in den Grundrechten verankerte Freiheit der Person (Artikel 2 GG) und die Gewährleistung des Eigentums (Artikel 14 GG) sehen.
Inhaltsverzeichnis
A Allgemeiner Überblick
B Thomas von Aquin
1. Hintergrund Thomas von Aquins
1.1 Zu seiner Person
1.2 Historischer Hintergrund
1.3 Gedankliche Strömungen seiner Zeit
2. Geistesgeschichtliche Bedeutung
3. Ontologie
4. Der Staat
4.1 Legitimierung des Staates
4.2 Ziele des Staatswesens
4.3 Staatsverfassung
4.4 Staatsformen
4.4.1 Die beste Staatsform: Die Monarchie
4.4.2 Die schlechteste Staatsform: Die Tyrannis
4.4.3 Verhinderung und Widerstandsrecht gegen den Tyrann
4.4 Die relativ beste Form der Herrschaft: Die gemischte Verfassung
5. Verhältnis von Kirche und Staat
6. Verhältnis von Staat und Gesellschaft zum Menschen
C Resümee
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die politische Theorie von Thomas von Aquin, um ihn als historischen Vorläufer des modernen Kommunitarismus zu identifizieren und die von ihm entwickelte Lösung für das Spannungsverhältnis zwischen Staat, Gesellschaft und dem Individuum zu analysieren.
- Einordnung von Thomas von Aquin in die kommunitaristische Denktradition.
- Untersuchung der ontologischen Grundlagen und des Menschenbildes bei Thomas von Aquin.
- Analyse der Staatskonstruktion, der Legitimation und der verschiedenen Staatsformen.
- Reflektion über die Modernität thomistischer Gedanken hinsichtlich heutiger staatlicher Strukturen.
Auszug aus dem Buch
4.4.3 Verhinderung und Widerstandsrecht gegen den Tyrannen
Um eine Tyrannis zu verhindern schlägt Thomas von Aquin vor, erstens nur einen gerechten und tugendhaften Mann zum König zu machen, der somit wahrscheinlich nicht zum Tyrann wird. Zweitens soll bereits die Verfassung so formuliert werden, daß eine Willkürherrschaft unmöglich gemacht wird. Explizite Ausführungen über die Beschaffenheit einer derartigen Verfassung macht er allerdings nicht.
Wenn ein Herrscher bereits zum Tyrann geworden ist, empfiehlt er, dies im Fall von nicht übermäßiger Härte eine Zeitlang zu ertragen, da ein nicht geglückter Aufstand alles nur verschlimmere, bürgerkriegsähnliche Zustände ausbrechen oder der Führer des Aufstandes selbst zum Tyrann werden könnte.
Wenn die Tyrannis jedoch unerträglich wird, kann nur nach allgemeinem Beschluß dagegen vorgegangen werden. “Denn wenn es erstens zum Recht des Volkes gehört, sich seinen König selbst zu bestimmen, so kann mit vollem Rechte der eingesetzte König von ebendemselben Volke von seinem Platz entfernt oder seine Macht eingeschränkt werden.” (Aquin 1994:24). Die Mehrheit des Volkes kann sich also wehren. Allerdings spricht er sich sowohl gegen das Vorgehen eines Einzelnen als auch gegen die Ermordung des Tyrannen aus, da ein Mord gegen die Zehn Gebote5 verstoßen würde, die Teile des Naturrechts sind.
Wenn es zur Macht eines Oberherrn gehört den König einzusetzen, muß er darum gebeten werden. Hilft keine legitime Maßnahme, so kann sich das Volk nur an Gott wenden und auf seine Hilfe hoffen. (Vgl. Aquin 1994:21-27)
Zusammenfassung der Kapitel
A Allgemeiner Überblick: Einführung in die Debatte zwischen Kommunitarismus und Individualismus und Darstellung verschiedener Vordenker.
B Thomas von Aquin: Biografische Eckdaten und historischer Kontext, in dem die Werke von Thomas von Aquin entstanden sind.
1. Hintergrund Thomas von Aquins: Detaillierte Betrachtung seiner Person, des historischen Umfelds und der geistigen Strömungen der Scholastik.
2. Geistesgeschichtliche Bedeutung: Analyse der Synthese von klassischer Philosophie und christlicher Theologie durch Thomas von Aquin.
3. Ontologie: Erörterung der Auffassung vom Menschen als soziales Wesen und der Ausrichtung auf das höchste Gut, Gott.
4. Der Staat: Darlegung der staatsphilosophischen Grundannahmen, von der Legitimierung bis zur praktischen Staatsgestaltung.
4.1 Legitimierung des Staates: Begründung des Staates durch die menschliche Natur und das Naturgesetz.
4.2 Ziele des Staatswesens: Beschreibung der staatlichen Aufgaben im Hinblick auf das irdische und überirdische Wohl.
4.3 Staatsverfassung: Ausführung zur gerechten Ordnung und der Beteiligung tugendhafter Bürger.
4.4 Staatsformen: Einteilung und Bewertung der Verfassungsformen nach Aristoteles und Thomas von Aquin.
4.4.1 Die beste Staatsform: Die Monarchie: Argumentation für die Monarchie als Einheits- und Friedensgarant.
4.4.2 Die schlechteste Staatsform: Die Tyrannis: Abgrenzung der Tyrannis als Verfall der monarchischen Ordnung.
4.4.3 Verhinderung und Widerstandsrecht gegen den Tyrannen: Strategien zur Prävention und zum Umgang mit tyrannischer Herrschaft.
4.4.4 Die relativ beste Form der Herrschaft: Die gemischte Verfassung: Vorstellung des Modells einer gemischten Verfassung als pragmatische Lösung.
5. Verhältnis von Kirche und Staat: Untersuchung der Zwei-Schwerter-Lehre und der Überordnung Gottes im Denken von Thomas von Aquin.
6. Verhältnis von Staat und Gesellschaft zum Menschen: Analyse des Vorrangs des Gemeinwohls vor dem Privatwohl und der Freiheit des Einzelnen.
C Resümee: Fazit über die Bedeutung von Thomas von Aquin als Kommunitarist und die Aktualität seiner Ansätze für heutige Rechtssysteme.
Schlüsselwörter
Thomas von Aquin, Kommunitarismus, Scholastik, Politische Theorie, Gemeinwohl, Naturrecht, Staatsform, Monarchie, Tyrannis, Zweischwerterlehre, Ontologie, Mittelalter, Politik, Tugend, Aristoteles
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der politischen Philosophie des mittelalterlichen Theologen Thomas von Aquin und setzt diese in den Kontext der modernen Debatte zwischen Kommunitarismus und Individualismus.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Im Fokus stehen das Menschenbild, die Entstehung und Legitimierung des Staates, das Verhältnis von Kirche und Staat sowie die Frage nach den idealen Regierungsformen.
Welches primäre Ziel verfolgt der Autor?
Das Ziel ist es aufzuzeigen, dass Thomas von Aquin als Vorläufer kommunitaristischer Ideen betrachtet werden kann, indem er das Spannungsfeld zwischen Individuum, Gesellschaft und Staat über das Prinzip des Gemeinwohls auflöst.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewendet?
Die Arbeit nutzt die scholastische Methode der Untersuchung, indem sie klassische und zeitgenössische Theorien gegenüberstellt und eine Synthese auf Basis des Werkes von Thomas von Aquin vornimmt.
Welche inhaltlichen Schwerpunkte werden im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die ontologischen Grundlagen des Menschen, die rechtliche Legitimierung des Staates durch das Naturgesetz, die verschiedenen Staatsformen und die klare Trennung, aber dennoch notwendige Verbindung, von geistlicher und weltlicher Macht.
Welche Keywords charakterisieren die Arbeit am besten?
Wichtige Begriffe sind Thomas von Aquin, Kommunitarismus, Gemeinwohl, Naturrecht, Monarchie, Zweischwerterlehre und Scholastik.
Wie bewertet Thomas von Aquin die Monarchie im Vergleich zur Tyrannis?
Während die Monarchie für ihn die ideale Herrschaftsform zur Wahrung von Einheit und Frieden darstellt, betrachtet er die Tyrannis als deren entartete Form, die den Eigennutz über das Allgemeinwohl stellt.
Welche Rolle spielt das Naturgesetz in der politischen Theorie von Thomas von Aquin?
Das Naturgesetz bildet das Fundament, auf dem menschliche Gesetze aufbauen müssen. Es ist ein Ausdruck göttlicher Ordnung, das dem Menschen eine vernunftgemäße Orientierung für ein tugendhaftes Leben bietet.
Gibt es bei Thomas von Aquin ein Recht auf Widerstand gegen Herrscher?
Ja, Thomas von Aquin gesteht der Mehrheit des Volkes unter bestimmten Bedingungen ein Widerstandsrecht gegen Tyrannen zu, lehnt jedoch individuelle Gewaltakte wie Mord ab, da diese gegen das Naturrecht verstoßen.
Inwiefern sieht der Autor Bezüge zum heutigen deutschen Grundgesetz?
Der Autor argumentiert, dass grundlegende Konzepte wie die Freiheit der Person, der Schutz des Privateigentums und die klare Trennung von Kirche und Staat sowie Ansätze zur demokratischen Beteiligung bereits in den Gedanken von Thomas von Aquin angelegt waren.
- Arbeit zitieren
- Nicole Matthe (Autor:in), 1996, Thomas von Aquin und seine geistesgeschichtliche Bedeutung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/542865