Zwischen den Zeilen gelesen: Fontanes "Schach von Wuthenow"


Hausarbeit, 2004

16 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Telling Names im „Schach von Wuthenow
2.1. Tante Marguerite
2.2. Herr von Alvensleben
2.3. Josephine von Carayon
2.4. Victoire von Carayon
2.5. Schach von Wuthenow

3. Symbolik im „Schach von Wuthenow“
3.1. Hinweise auf die drohende Katastrophe
3.2. Der seelische Zustand des Schach
3.3. Der Niedergang Preußens
3.4. Schach’s Reisefantasie
3.5. Die Todessymbolik
3.5.1. Der Tempelritter
3.5.2. Das Kapitel „In Wuthenow am See“

4. Zusammenfassung

5. Literaturangaben

1. Einleitung

Sie […] spielt in der Zeit von 1805 auf 6 und schildert den schönsten Offizier der damaligen Berliner Garnison, der, in einem Anfall von Übermuth und Laune, die liebenswürdigste, aber häßlichste junge Dame der damaligen Hofgesellschaft becourt. So, dass der Skandal offenbar wird. Alles tritt auf die Seite der Dame, so dass sich v. Schach anscheinend freudig zur Hochzeit entschließt, nachdem er vorher durch allerlei Kämpfe gegangen. Die Kameradschaft vom Regiment Gensdarmes aber lacht und zeichnet Karikaturen, und weil er dies Lachen nicht ertragen kann, erschießt er sich unmittelbar nach dem Hochzeitsmahl, an dem er in heiterer Ruhe theilgenommen. Alles ein Produkt der Zeit, ihrer Anschauungen, Eitelkeiten und Vorurtheile.[1]

Mit diesen Worten beschrieb Fontane selbst den Inhalt seines bekannten Werkes "Schach von Wuthenow", der die Geschichte um den narzisstischen Offizier mit dem Niedergang des preußischen Reiches verzwirnt und der Figur des Schach dadurch durchaus einen Symbol-Charakter zuweist. Versteckte Symbolik, Motive, Telling Names und ähnliches lassen sich zudem in fast allen seiner Werke finden und ich möchte dieses in dieser Hausarbeit am Beispiel des Schach von Wuthenow etwas näher beleuchten. Es ist nämlich unbedingt notwendig zwischen den Zeilen zu lesen, um die wahre Aussagekraft Fontanes Werke zu erfahren. Nichts bei ihm wird ohne Grund, ohne einen Hintergedanken gesagt, Alles muss genau gelesen, genau beachtet werden, sonst erkennt man die Genialität kaum, mit der der große Meister vorgegangen ist. Setzt man sich mit derartigen Aspekten in Fontanes Werken auseinander muss man sich sicherlich des öfteren den Vorwurf gefallen lassen, man betreibe Haarspalterei oder höre das Gras wachsen, ist sie doch oftmals so versteckt enthalten, dass man sie fast übersehen kann. Und doch ist nichts Zufall. Ich möchte in dieser Arbeit zwischen den Zeilen lesen, das Versteckte zum Vorschein bringen und analysieren. Meiner Meinung nach sind es nämlich genau diese Kleinigkeiten, die Fontanes Bücher und somit auch den "Schach von Wuthenow" so einmalig machen. In dieser Arbeit möchte ich vor allem auf zwei Aspekte eingehen: Zunächst die Telling names, im Anschluss daran dann behandele ich die Symbole und die anderen Hinweise, die sich in der Geschichte verstecken. An dieser Stelle erscheint es mir sinnvoll, die Symbole thematisch zu untergliedern, je nachdem auf was sie sich beziehen. Meinen Schwerpunkt möchte ich an dieser Stelle auf die Todessymbolik legen, da ich diese für am bemerkenswertesten und aufschlussreichsten halte. Am Ende der Arbeit habe ich ein Literaturverzeichnis beigefügt, das die von mir verwendete Primär- und Sekundärliteratur aufzeigt.

2. Telling Names im „Schach von Wuthenow“

Schon in einigen seiner anderen Werken spielte Theodor Fontane mit den sogenannten "Telling names" – den sprechenden Namen, also Namen der agierenden Figuren in der Geschichte, die eine versteckte Aussagekraft haben und dadurch dem Leser Hinweise über die Person selbst, ihr Schicksal oder aber auch den weiteren Verlauf der Handlung geben. Schon in L'Adultera begegneten wir einem Herren "van der Straaten", im Stechlin stießen wir auf Melusine und auch dem Namen derer Schwester Armgard ist ein verweisender Charakter nicht abzusprechen. Auch im „Schach von Wuthenow“ scheinen einige der Namen nicht nur rein zufällig gewählt, sondern ganz bewusst ausgesucht und verwendet worden zu sein, da sie eine tiefere Bedeutung beinhalten.

2.1. Tante Marguerite

Wir beginnen zunächst mit einer eigentlichen Nebenfigur, nämlich der der Tante Marguerite, deren Namen von "Morgana" herrührt[2]. Und findet sich nicht das Bild der Fata Morgana im Zusammenhang mit der geplanten Hochzeitsreise in der Geschichte wieder? Schach ergeht sich in der Schilderung der Sirenen und Victoire ist zunächst davon begeistert "aber im selben Augenblick überkam es sie bang und düster, und in ihrer Seele rief eine Stimme: Fata Morgana." Auf den Aspekt der Fata Morgana werde ich an anderer Stelle näher eingehen, hier sei nur betont, dass am Namen der Tante dieses Bild die ganze Geschichte hindurch allgegenwärtig ist, obwohl namentlich doch nur an einer Stelle des Buches erwähnt.

2.2. Herr von Alvensleben

Neben der Tante Marguerite stoßen wir auf den Namen „Alvensleben“, einer der wenigen Verteidiger des Schachs. Auch dieser Name wurde ganz bewusst ausgewählt, wird er doch, vor allem in Berlin, mit Konstantin Reimar von Alvensleben in Verbindung gebracht. Dieser Adelige, der von 1809 bis 1892 lebte, machte eine große Karriere beim Militär und brachte es schließlich bis zum General der Infanterie, bevor er aus dem Militärdienst ausschied. Er erhielt diverse Auszeichnungen und überdies wurden ein Platz und eine Strasse nach ihm benannt, die in unmittelbarer Nähe des Tempelhofes liegen, ein Schauplatz in Fontanes Roman.[3] Mit diesen Hintergrundinformationen wird klar, dass der Name Alvensleben sinnbildlich für Ritterlichkeit und Aufrichtigkeit steht, Eigenschaften, die wir dann auch bei der Figur des Alvensleben wiederfinden, aber schon aufgrund des Namens hätten erwarten können. Fontane charakterisiert hier durch die Namensgebung die Figur.

2.3. Josephine von Carayon

Bei so vielen verschiedenen sprechenden Namen liegt es nahe, dass auch der der Josephine von Carayon ein solcher ist. Ich stellte in dieser Hinsicht Nachforschungen an und stieß auf Josephine de Beauharnais, die „Rosenkaiserin“, die von 1763-1814 lebte und mit Napoleon verheiratet war. Allerdings war dieser schon ihr zweiter Ehemann, vom ersten wurde sie geschieden und auch die Ehe mit dem legendären Feldherren scheiterte schließlich, nicht zuletzt aufgrund ihrer zahlreichen Affären[4]. Hat Theodor Fontane hier eine Parallele zwischen diesen zwei Frauen ziehen wollen, um von Anfang an zu zeigen, dass die offensichtliche Zuneigung zwischen Josephine und Schach nie in einer glücklichen Beziehung enden wird, da es auch die Kaiserin nicht geschafft hat, das ewige, immerwährende Glück zu finden und einen Mann länger „zu halten“.

2.4. Victoire von Carayon

Kommen wir nun aber zu einer weitaus zentraleren Figur nämlich Victoire. Nicht umsonst trägt sie den Namen der Siegesgöttin, obwohl sie doch rein äußerlich betrachtet nichts von der Schönheit einer Göttin hat. Vielmehr ist sie eine "Figur der Abweichung, ja der Entstellung;"[5] Dadurch wird sie zu einer ganz anderen Siegerin, nämlich eine ehemals schöne, jetzt von Narben gekennzeichnete andere Schönheit. All dies ein Verweis auf die unglaubliche Dekadenz des preußischen Volkes, das selbst in den Zeiten des Niedergangs die Augen nicht öffnen wollte und nicht wahrnehmen wollte, wie es um das ehemals glorreiche preußische Reich bestellt war. Vielmehr flüchtete man sich in einen nahezu grenzenlosen Zukunftsoptimismus. Victoire demnach nicht als Göttin, die die überholten Konventionen repräsentiert, sondern als eine Frau, "die nicht mehr dem Diskurs der standesgemäßen Ehe, der Ehre, der 'ästhetischen' Ökonomie der Gesellschaftspolitik gehorcht."[6]

2.5. Schach von Wuthenow

Auch beim Schach liegt natürlich der Verdacht nahe, der Name könne über eine besondere Aussagekraft verfügen und mit dem Schach-Spiel in Verbindung gebracht werden. Zumal ja das Schicksal des Schach auf einer wahren Begebenheit beruht, einem Vorfall in der preußischen Gesellschaft, in die ein gewisser Major von Schack verwickelt war. Die Frage ist nun, warum Fontane den Namen Schack in Schach änderte. Purer Zufall? Wohl kaum, stellten wir doch schon in der Einleitung fest, dass derartiges bei Fontane kein Zufall ist. Demnach gehe ich davon aus, dass hier ebenfalls ganz bewusst dieser sprechende Name gewählt wurde. Vor allem, da er es doch gewöhnlich ganz genau mit den Fakten nahm, auf denen seine Werke beruhten, seien es Orts- oder Zeitangaben. Warum nun sollte er ohne einen Hintergedanken einfach so den Namen verändern? Schach als Schach-Figur in einem Spiel, einem Spiel, dass er nicht kontrollieren kann, einem Spiel, das er verlieren wird – im Gegensatz zur "Siegerin" Victoire. Erneut Sinnbilder für die preußische Gesellschaft, das preußische Reich und dessen Niedergang.

Das Motiv des Schachspiels zieht sich durch die ganze Geschichte. Die Vorgehensweise des Schach ähnelt einem Schachspiel, die Taktik der Frau von Carayon ebenfalls. Der Rittmeister bewegt sich im ständigem Wechsel zwischen Mutter und Tochter. Bestätigt wird das von Kapitelüberschriften, wie zum Beispiel "Schach zieht sich zurück"[7]. Auch hier liegt die Assoziation zum Spiel nahe. Schach ist jedoch am Ende der Verlierer. Dieses wird schon in der Karikatur angedeutet, die ebenfalls mit der Doppeldeutigkeit des Namen Schach spielt:

Auf dem Tische stand ein Schachbrett, dessen Figuren, wie nach einem verloren gegangenen Spiel und wie um die Niederlage zu besiegeln, umgeworfen waren. Daneben saß Victoire, gut getroffen, und ihr zu Füssen kniete Schach […]. Und darunter stand: "Schach – matt."[8]

Schach selbst hat es nicht in der Hand, er ist nur die Figur in einem Spiel und seine Niederlage ist schon lange bevor sie letztendlich eintrifft abzusehen.

[...]


[1] Osborne: Schach von Wuthenow, S. 96 f.

[2] Vgl. Pfeiffer: Tod, Entstellung, Hässlichkeit, S.274.

[3] Vgl.: www.luise-berlin.de/Strassen/Bez11a/A307.htm-5k

[4] Vgl.: www.revolution.historicum.net

[5] Brandstetter/Neumann: Le laid c’est beau, S. 259.

[6] Brandstetter/Neumann: Le laid c’est beau, S. 259.

[7] Fontane: Schach von Wuthenow, S. 76.

[8] Fontane: Schach von Wuthenow, S. 101.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Zwischen den Zeilen gelesen: Fontanes "Schach von Wuthenow"
Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg  (Lehrstuhl für Neuere deutsche Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Fontanes Romankunst
Note
2
Autor
Jahr
2004
Seiten
16
Katalognummer
V54300
ISBN (eBook)
9783638495424
Dateigröße
588 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Zwischen, Zeilen, Fontanes, Schach, Wuthenow, Fontanes, Romankunst
Arbeit zitieren
S. Lauterbach (Autor), 2004, Zwischen den Zeilen gelesen: Fontanes "Schach von Wuthenow", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/54300

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