Rationalisierung nach Max Weber, Ursprünge und Auswirkungen


Seminararbeit, 2006
14 Seiten, Note: 2,0

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GLIEDERUNG

1. Einleitung
1.1Kurzbiographie
1.2 Definitionen

2. Max Weber und Karl Marx

3. Religion
3.1 Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus

4. Ökonomie

5. Bürokratie
5.1 Herrschaftsformen

6. Recht

7. Konsequenzen der Rationalisierung
7.1 Entmenschlichung durch die Bürokratie

8. Fazit

Literatur

1. Einleitung

1.1 Kurzbiographie

Max Weber (1864-1920) war kein Soziologe im gegenwärtigen Verständnis dieser wissenschaftlichen Disziplin. Er war vielmehr ein Universalgelehrter, der sich politisch beratend und publizistisch kommentierend engagierte. Um den soziologischen Klassiker Karl Emil Maximilian Weber besser interpretieren zu können, ist es von Bedeutung, sich seinen frühen Lebensweg kurz anzuschauen. Er studierte Rechtswissenschaften, Nationalökonomie, Agrargeschichte, Philosophie und Theologie an den Universitäten Heidelberg (1882/83), Berlin (1884/85) und Göttingen (1885/86). Examen (1886), Promotion (1889) und Habilitation (1891) schloss Weber als Jurist ab. Auch seine Zugehörigkeit zur studentischen „Burschenschaft Allemania zu Heidelberg“ und die freiwillige Ausbildung zum Reserveoffizier gehörten zu seinem Repertoire. Außerdem ist es von Bedeutung ihn sowohl biographisch als auch werkgeschichtlich im großen Kontext der kapitalistischen Weltwirtschaft im Verlauf des 19. Jahrhunderts zu sehen. (vgl. Kaesler 2003, S. 190ff)

Erst nachdem Max Weber am 3. Januar 1909 die „Deutsche Gesellschaft für Soziologie“ (DGS) in Berlin mitbegründete bezeichnete er sich gelegentlich selbst als „Soziologen“. Er schied jedoch bereits 1912 wegen Meinungsverschiedenheiten in der Frage der „Werturteilsfreiheit“ aus dem Vorstand der DGS aus. (vgl. Kaesler 1995, S. 29, vgl. Kaesler 2003, S. 204 )

Durch seine über Jahrzehnte dauernden Teilstudien über die Ursprünge und Wirkungen des Kapitalismus gelangt Weber nach und nach zur Vorstellung einer universalhistorisch wirksamen, übergreifenden Entwicklung: Der Rationalisierung. Bei seinen Untersuchungen über Vorraussetzungen und „Kulturbedeutung“ dieser Entwicklung verfolgt Weber deren Manifestationen – interkulturell und diachron – in allen nur denkbaren Ausschnitten gesellschaftlicher und historischer Wirklichkeit, wie Wissenschaft, Politik, Recht, Religion und Kultur. Rationalisierung, als das „Schicksal unserer Zeit“, war dabei die gemeinsame Formel Webers für jene zahlreichen und keineswegs immer identischen Teilprozesse, die er abwechselnd „Bürokratisierung“, „Industrialisierung“, „Intellektualisierung“, „Entwicklung des rationalen Betriebskapitalismus“, „Spezialisierung“, „Versachlichung“, „Methodisierung“, „Disziplinierung“, „Entzauberung“, „Säkularisierung“ oder „Entmenschlichung“ nannte. Durch die Vielfalt der von ihm verwendeten Bezeichnungen wird deutlich, dass er die höchst heterogenen Phänomene aus sehr unterschiedlichen Perspektiven unter die von ihm gewählte Kategorie „Rationalisierung“ zu ordnen versuchte. Wobei es wesentlich plausibler erscheint Webers „Theorie der Rationalisierung“ als ein ungewolltes, ihn selbst immer stärker beunruhigendes gedankliches Produkt seiner zahlreichen Einzelforschungen zu sehen. (vgl. Kaesler 2003, S. 198)

Allerdings stand das Konzept der Rationalisierung, zunächst okzidentale dann universale Rationalisierung (ich werde in meinen nun weiteren Ausführungen den Begriff Rationalisierung verwenden), keineswegs als Leitthema über dem größten Teil seines Werkes. (vgl. Kaesler 2003, S. 190)

1.2 Definitionen

Für das weitere Verständnis ist es von Interesse was Weber selbst unter dem Begriff der Rationalisierung verstand:

„Auf der allgemeinsten Ebene heißt „Rationalisierung“ für und bei Weber immer erst einmal Ordnung, Systematisierung. Eine unübersichtliche, chaotische Gruppe von Einheiten mit prinzipiell unendlich vielen Verbindungen untereinander wird geordnet nach Kriterien, die von Menschen gesetzt werden. Das Ergebnis solchen systematischen Ordnens führt zu jenem Prozeß, den Weber „Rationalisierung“ nennt. Das Setzen einer solchen Ordnung kann dabei einmal durch die Handelnden selbst geschehen, zum anderen jedoch durch den analysierenden Wissenschaftler.“ (Kaesler 2003, S.198f)

Zur weiteren Konkretisierung hilft ein Auszug von Anthony Giddens:

„Die Entwicklung von Wissenschaft, moderner Technologie und Bürokratie fasst Weber unter dem Ausdruck Rationalisierung zusammen. Rationalisierung bedeutet die Organisation des sozialen und wirtschaftlichen Lebens gemäß den Prinzipien der Effizienz und auf der Basis des technischen Wissens.“ (Giddens 1999, S. 622)

Für den Bereich Bürokratie, bzw. bürokratische Herrschaft, ist es von Bedeutung, was Weber unter dem Begriff Herrschaft verstand:

Bei dem Begriff „Herrschaft“ geht es um jene sozialen Beziehungen, in denen ein Individuum oder eine Gruppe seinen bzw. ihren Willen gegen ein anderes Individuum oder eine andere Gruppe durchsetzt und zwar derart, dass die Handlungspartner diesem Willen gehorchen. (vgl. Schluchter 1980, S. 86f)

2. Max Weber und Karl Marx

Von Max Webers Schriften wurde gesagt, sie brächten einen lebenslangen Kampf mit „dem Gespenst von Marx“, den von Marx hinterlassenen intellektuellen Überlieferungen, zum Ausdruck. (vgl. Giddens 1999, S. 621)

Weber selbst betrachtete hingegen sein Forschen im Bezug auf die Ursprünge des Kapitalismus nicht als Alternative oder gar als Gegenentwurf zu den wichtigen Arbeiten von Karl Marx. Ihm ging es um eine ergänzende Korrektur der zu seiner Zeit dominierenden „materialistischen“, „ökonomischen“ Erklärungen, sowie der ausschließlich historischen Erklärungen der Ursprünge des Kapitalismus. Es geht Weber mehr um die „ideellen Grundlagen der kapitalistischen Organisation“ der ökonomischen und gesellschaftlichen Ordnung. (vgl. Kaesler 2003, S. 195)

3. Religion

Deswegen beschäftigte sich Weber unter anderem sehr intensiv über Jahre mit den chinesischen Religionen (Konfuzianismus und Taoismus), den indischen Religionen (Hinduismus und Buddhismus) und dem Antiken Judentum, was dazu führte, dass sich seine Sichtweise im Bezug auf die Auswirkungen und Ursprünge des Kapitalismus veränderte. Er untersuchte die sozio-ökonomischen Konstellationen, darauf folgte die Analyse der dominanten „Trägerschichten“, die dann nach den jeweiligen Lebensorientierungen untersucht wurden, wobei Weber besonderen Wert auf die Orientierung des ökonomischen Handelns legte. Vom Motto geleitet: „Wo kein Protestantismus, kein Kapitalismus?“, begann Weber seine zunehmend weiter ausufernden und letzten Endes unvollendeten Untersuchung der universalhistorischen Prozesse der „Rationalisierung aller Lebensbereiche in allen Kulturen zu allen Zeiten“. Und das heißt für Weber vor allem die Rationalisierung der menschlichen Lebensführung. (vgl. Kaesler 2003, S. 197)

3.1 Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus

In seiner Schrift „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ geht Weber auf die Frage ein: Warum hat sich der Kapitalismus im Westen und sonst nirgends entwickelt? Weber war der Meinung, in Anbetracht der wirtschaftlichen Entwicklung im Westen, dass im westlichen Abendland eine Einstellung gegenüber der Anhäufung von Reichtum herrschte, wie sonst nirgends. Es geht hierbei um Überzeugungen und Werte, die von den ersten kapitalistischen Kaufleuten und Industriellen hochgehalten wurden:

- Starkes Verlangen persönlichen Reichtum anzuhäufen
- Verzicht auf Luxus. Bescheiden wurde gelebt.
- Reinvestition des Kapitals, damit einhergehende Expansion der Betriebe
- Menschen sind Gottes Werkzeug auf Erden und er verlangt von Ihnen zum Ruhme Gottes in einem Berufe, in einer „Berufung“, zu arbeiten
- Materieller Erfolg = Zeichen Göttlicher Gnade = Zeichen der „Erwähltheit“
- Prädestination: „Erwählte“ gehen nach ihrem irdischen Leben ins Himmelreich ein

Diese Einstellung bezeichnete Weber als den „Geist des Kapitalismus“. Die Kernaussage der Theorie Webers ist, dass die für den Geist des Kapitalismus ausschlaggebenden Verhaltensweisen religiöse Wurzeln haben, Puritanismus und Calvinismus. Es bestand für ihn ein Zusammenhang zwischen Religion und sozialem Wandel. Weber argumentierte, dass die Religion nicht unbedingt eine konservative Kraft ist, sondern, dass religiös inspirierte Bewegungen ganz im Gegenteil oft zu ganz dramatischen sozialen Wandlungsprozessen geführt hätten. (vgl. Giddens 1999, S. 481, 623f)

Die Religion war für Weber jedoch nur ein „konstitutiver Bestandteil“ im Bezug auf die Rationalisierung. Sie diente ihm als ideeller Unterbau. Weber war selbst davon überzeugt, dass sich aus der Religion alleine die Geschichte der Rationalisierung nicht rekonstruieren ließe. Man darf diese Entwicklung aus seiner Sicht keineswegs als eine parallel fortschreitende Entwicklung in den einzelnen Lebensgebieten auffassen. Weber erwähnte das Recht, das in den ökonomisch entwickelsten Ländern wie England rückständig geblieben und die Philosophie, die in ökonomisch eher rückständigen Ländern wie den romanisch-katholischen am rationalsten sei. (vgl. Schluchter 1988, S. 88f)

4. Ökonomie

Die Rationalisierung der Ökonomie, deren Entstehung Weber mitunter durch die „protestantische Ethik“ zu erklären versuchte, ist für Weber nur ein Element des komplexen Erklärungsschemas des modernen Kapitalismus. Wirtschaftliche Rahmenbedingungen, wie zum Beispiel:

- Ein stabiler Massenmarkt
- Die Freiheit des Arbeits-, Güter- und Geldmarktes
- Die Trennung von Haushalt und Betrieb
- Die formell rationale Ordnung des Geldsystems
- Die Freiheit der wirtschaftlichen Unternehmung
- Und die freie Aushandlung von Austauschbeziehungen

sind in diesem Zusammenhang genauso zu nennen wie technologische Veränderungen, zu welchen die Anhäufung technischer Kenntnisse auf wissenschaftlicher und ökonomischer Basis sowie die Entwicklung einer rationalen Buchführung. Des Weiteren sind nach Weber noch weitere konstitutive Bedingungen für eine umfassende Rationalisierung der Ökonomie von Bedeutung, nämlich: Politisch-institutionelle Strukturen, wie die Entwicklung und Stärkung der Nationalstaaten in der merkantilistischen Epoche und die daraus folgende Bildung eines Systems rationaler Regeln innerhalb der Institutionen des Rechts, der staatlichen Verwaltung und des Militärs, und gesellschaftliche Wandlungsprozesse, wie unter anderem der soziale Aufstieg des Handelsbürgertums. Außerdem betonte er noch zwei weitere für die ökonomische „Modernisierung“ relevante Phänomene: erstens die Berufsausübung fördernde religiöse Ethik und zweitens zufällige, im christlichen Abendland vorhandene Bedingungen, wie bspw. das rapide Bevölkerungswachstum im 18. und 19. Jahrhundert. (vgl. Haring 2000,S. 289f)

„Abschließend fasste Weber in der „Protestantischen Ethik“ die differenten Rahmenbedingungen des modernen Kapitalismus wie folgt zusammen: „Was letzten Endes den Kapitalismus geschaffen hat, ist die rationale Dauerunternehmung, rationale Buchführung, rationale Technik, das rationale Recht, aber auch nicht sie allein; es mußte ergänzend hinzutreten: die „rationale Gesinnung“, die „Rationalisierung der Lebensführung“, das „rationale Wirtschaftsethos“.““ (Haring 2000, S. 289f)

5. Bürokratie

Ein starkes Indiz für die zunehmende Rationalisierung sah Weber im immer stärkeren Vordringen bürokratischer Herrschaftsformen in alle Lebensräume. Für Weber bestand der entscheidende Grund für das Vordringen der bürokratischen Organisation in ihrer rein technischen Überlegenheit über jede andere Form von Organisation. (vgl. Kaesler 1972, S. 15)

Weber glaubte, dass der moderne Kapitalismus nicht Gegner, sondern Wegbereiter der Bürokratisierung der Wirtschaft ist und dass diese Bürokratisierung eines Tages den Kapitalismus zugrunde richten wird. Den Siegeszug bürokratischer Organisationsformen des sozialen Handelns, sowohl im privatwirtschaftlichen als auch im staatlichen Bereich, sah Weber als Grund für den Freiheitsverlust der Menschen. Außerdem erhält die Bürokratisierung einen dramatischen Zug dadurch dass, Weber ihr „Unentrinnbarkeit“ zuschreibt. Er gibt sich nicht viel Mühe den bürokratischen Rationalisierungsprozess seinerseits rational zu erklären. Aber es gibt Hinweise darauf, dass Webers Bürokratisierung auf einen technologischen Determinismus verweist, der wie nun im folgendem deduziert werden kann: Kennzeichen der Bürokratisierung ist die fabrikartige Organisation des sozialen Handelns. Somit ist auch der moderne Staat in dem Moment eine Fabrik, wenn er seine Angestellten, die Beamten, von ihren Betriebsmitteln trennt. Jedoch ist nicht der Staat der eigentliche Wegbereiter der Bürokratisierung, sondern der moderne Kapitalismus. Und der Wegbereiter des modernen Kapitalismus liegt, so Weber, offensichtlich in der Eigenart der modernen Technik, die den Kapitalismus unter dem Aspekt der „Trennung“ zwischen den Produzenten und den Produktionsmitteln betrachtet. Und so ergibt sich, dass die „Unentrinnbarkeit“ der Bürokratisierung schließlich auf der Unentrinnbarkeit der technologischen Entwicklung beruht. (vgl. Heins 1990, S. 84-96)

Die technische Überlegenheit der bürokratischen Organisation gegenüber anderen Organisationsformen steht für Weber „felsenfest“ sicher. Sie wird deshalb andere Organisationsformen in allen gesellschaftlichen Bereichen auf längere Sicht verdrängen. Nach Weber gilt es die Möglichkeiten der Bürokratie im Dienst menschlicher Sinnverwirklichung zu nutzen. Webers Charakter einer bürokratischen Herrschaft lässt sich nach Schluchter wie folgt zusammenfassen: Die bürokratische Herrschaft besitzt einen traditional, nicht gehemmten, formell-rationalen Organisationsaufbau, vollzieht die Mediatisierung der Herrengewalt durch Monopolisierung politisch-relevanten Wissens und formuliert eine Ideologie der Weltanpassung. Sie unterscheidet sich somit also gleichermaßen von legaler Herrschaft wie von traditionaler Herrschaft. Denn der traditionalen bürokratischen Herrschaft fehlt zumindest die formelle Rationalisierung, der legalen Herrschaft zu Teilen die Mediatisierung der Herrengewalt. (vgl. Schluchter 1980, S. 126f)

5.1 Herrschaftsformen

Um die Charakterisierung der bürokratischen Herrschaft, sowie sein Konzept von Herrschaft besser verstehen zu können ist es von Interesse dies hier kurz auszuführen:

Max Weber erschafft eine Typologie verschiedener Herrschaftsformen aufgrund unterschiedlicher Orientierungen sozialen Handelns und anhand der Beziehungen von verschiedenen legitimen Ordnungen. So unterscheiden sich seine drei Typen legitimer Herrschaft lediglich durch ihre „Legitimitätsgeltung“. Diese kann nämlich primär diese Charaktereigenschaften annehmen:

- Rational: Auf dem Glauben an die Legalität gesetzter Ordnungen und an das Anweisungsrecht der Ausübenden beruhend. (Legale Herrschaft)
- Traditional: Auf dem Alltagsglauben an die Heiligkeit von jeher geltenden Traditionen beruhend. Weil es schon immer so war. (Traditionale Herrschaft)
- Charismatisch: Auf dem Glauben an die Außeralltäglichkeit, Heiligkeit, Vorbildlichkeit oder die Heldenkraft einer Person und der durch sie offenbarten oder geschaffenen Ordnungen beruhend. (Charismatische Herrschaft)

So stellte für Weber die Bürokratie und deren Entwicklung eine Form von legaler Herrschaft dar. (vgl. Kaesler 1995, S. 210-214)

Er nannte Sie auch rationale Herrschaft. (vgl. Schluchter 1998, S. 184)

Somit ist die Einordnung der bürokratischen Herrschaft in sein Herrschaftskonzept gar nicht mal so eindeutig. Schluchter kam nämlich zu dem Ergebnis, dass bürokratische Herrschaft sich von legaler, wie auch traditioneller Herrschaft unterscheidet. Kaesler hingegen, dass Sie eine Form von legaler Herrschaft darstellt.

Weber glaubte persönlich jedoch nicht mehr an die Realisierbarkeit einer solchen Art von demokratischer Herrschaft. Er hielt den Sieg des „formalistischen juristischen Rationalismus“ im Okzident, welcher an die Stelle der „Legitimität der Herrschaft“ die „Legalität der generellen, zweckvoll erdachten, formell korrekt gesatzten und verkündeten Regel“ gesetzt habe für unwiderruflich. (vgl. Kaesler 1972, S. 216)

6. Recht

Die Rationalisierung des Rechts, wie auch der Bürokratisierung, findet man in solchem Ausmaße nur im Abendland. Als Vorraussetzung für die Ökonomie und als Grundlage für Sicherheit zeigt es seine Bedeutung. Die Rationalisierung des Rechts lässt sich in mehrere Bereiche aufteilen:

- Generalisierung und Systematisierung
- Konstruktion juristischer Begriffe
- Logische Problembezogene Anwendung

Weber verfolgt den Grundgegensatz von materieller Gerechtigkeit, die unmittelbar, über das menschliche Gerechtigkeitsempfinden, auf Einzelfälle angewendet werden kann und formeller Legalität, die nach Normen urteilt. Weber stellt bei seiner Untersuchung über die Ursachen der Rationalisierung des modernen Rechts fest, dass der besondere Einfluss des Juristenstandes, dessen Angehörige als Wissenschaftler und Praktiker an dieser Rationalisierung berufliches Interesse hatten, maßgeblich für deren Entwicklung war (außerdem analysierte Weber die Einflüsse des römischen Rechts, die Anforderungen der Wirtschaft, sowie politische Mächte). So kam Weber zu dem Schluss, dass die Rationalisierung des Rechts keineswegs eine direkte Folge der Wirtschaftsform war. Er war vielmehr der Meinung, dass die Rationalisierung des Rechts autonom vor sich ging. (vgl. Aron 1969, S. 129-145)

7. Konsequenzen der Rationalisierung

Durch die Rationalisierung ergab sich auch jener Prozess der Individualisierung, der sich in der Säkularisierung und Privatisierung von Religion manifestierte. Die Religion wurde nach und nach in die Irrationalität verdrängt. Die Homogenität der Welterklärung löst sich auf und individueller Heilsbesitz bleibt übrig. Und obwohl nicht zuletzt die Religion diese Entwicklung erst ermöglichte führte die Rationalisierung schließlich zu deren Auflösung und in letzter Konsequenz zur „Entzauberung“ der Welt durch zunehmende Bürokratisierung und Versachlichung der menschlichen Beziehungen. (vgl. Haring 2000, S. 291f)

Um sich die Konsequenzen der rationalen Lebensführung auf Grundlage einer Berufsidee, die aus dem „Geist des Kapitalismus“ entstanden war zu verdeutlichen sollte Max Weber auch direkt gelesen werden:

„Denn indem die Askese aus den Mönchszellen heraus in das Berufsleben übertragen wurde und die innerweltliche Sittlichkeit zu beherrschen begann, half sie an ihrem Teile mit daran, jenen mächtigen Kosmos der modernen, an die technischen und ökonomischen Voraussetzungen mechanisch-maschineller Produktion gebundenen, Wirtschaftsordnung erbauen, der heute den Lebensstil aller einzelnen, die in dies Triebwerk hineingeboren werden - nicht nur der direkt ökonomisch Erwerbstätigen -, mit überwältigendem Zwange bestimmt und vielleicht bestimmen wird, bis der letzte Zentner fossilen Brennstoffs verglüht ist. Nur wie „ein dünner Mantel, den man jederzeit abwerfen könnte“, sollte nach Baxters Ansicht die Sorge um die äußeren Güter um die Schultern seiner Heiligen liegen. Aber aus dem Mantel ließ das Verhängnis ein stahlhartes Gehäuse werden. Indem die Askese die Welt umzubauen und in der Welt sich auszuwirken unternahm, gewannen die äußeren Güter dieser Welt zunehmende und schließlich unentrinnbare Macht über den Menschen, wie niemals zuvor in der Geschichte. Heute ist ihr Geist - ob endgültig, wer weiß es? - aus diesem Gehäuse entwichen. Der siegreiche Kapitalismus jedenfalls bedarf, seit er auf mechanischer Grundlage ruht, dieser Stütze nicht mehr. […] Niemand weiß noch, wer künftig in jenem Gehäuse wohnen wird und ob am Ende dieser ungeheuren Entwicklung ganz neue Propheten oder eine mächtige Wiedergeburt alter Gedanken und Ideale stehen werden, oder aber - wenn keins von beiden - mechanisierte Versteinerung, mit einer Art von krampfhaftem Sich-wichtig-nehmen verbrämt. Dann allerdings könnte für die „letzten Menschen“ dieser Kulturentwicklung das Wort zur Wahrheit werden: „Fachmenschen ohne Geist, Genußmenschen ohne Herz: dies Nichts bildet sich ein, eine nie vorher erreichte Stufe des Menschentums erstiegen zu haben.““ (Max Weber: Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus, S. 193. Digitale Bibliothek Band 58: Max Weber, S. 5505 (vgl. Weber-RS Bd. 1, S. 203-204))

7.1 Entmenschlichung durch die Bürokratie

Die Bürokratisierung ist für Weber einerseits ein Ergebnis der Rationalisierung der Lebensführung und andererseits auch ein Zeichen dafür, dass der Frühkapitalismus in ein „eisernes Zeitalter“ übergeht, in dem die religiösen Wurzeln der Rationalisierung absterben und die rein formellen Aspekte des rationalen Wirtschaftens, sowie deren Disziplinierungsmechanismen, hervortreten. (vgl. Schluchter 1980, S. 81f)

Und des weiteren:

„der „freie“ Kapitalismus über eine „Durchstaatlichung“, eine „allgemeine Durchkartellierung, Standardisierung und Verbeamtung der Wirtschaft“, seine eigenen Voraussetzungen wie Gütermarktfreiheit, Unternehmungsfreiheit und Arbeitsmarktfreiheit zu zerstören beginnt.“ (Schluchter 1980, S. 82)

Wie man nun sah, ging Max Weber der Frage nach den Kosten der von ihm rekonstruierten Rationalisierung nach, die er skeptisch und pessimistisch beantwortete. Die Rationalisierung verlief nach Weber nicht nur positiv und erstrebenswert, denn seine tiefe Skepsis und seine Befürchtungen der von ihm wahrgenommenen irrationalen Entwicklungen, „Irrationalitäten“, ließen ihn scharfsichtig die mit den Effektivitätssteigerungen verbundene „Entmenschlichung“, „Versachlichung“, „Verunpersönlichung“ und „Entseelung“ der Menschen erkennen. (vgl. Kaesler 2003, S. 201)

„Es war Max Webers Angst, ob angesichts des unaufhaltsamen Vormarsches der Bürokratisierung „überhaupt noch [...], irgendwelche Reste einer in irgendeinem Sinn „individualistischen“ Bewegungsfreiheit zu retten“ sind und wie „Demokratie“ in der Zukunft überhaupt noch möglich sein wird. Darin artikuliert sich Webers Sorge um den Zustand der Kultur im Allgemeinen und insbesondere um die Chancen der Lebensführung freier Menschen. Und beides erfüllte ihn mit zunehmend pessimistischerem Skeptizismus.“ (Kaesler 2003, S. 203)

8. Fazit

Rationalisierung als das „Schicksal unserer Zeit“ war das Konzept zu dem der Universalgelehrte Max Weber bei seinen Untersuchungen über die Ursprünge und Wirkungen des Kapitalismus gelangte, wenn auch nicht auf direktem Wege. Es war für ihn eine Entwicklung, die sich in vielen gesellschaftlichen Bereichen vollzog. Wohin er auch griff, überall sah er die Indizien für diese unglaublich übergreifende Entwicklung der Rationalisierung, die sich nach Weber keineswegs parallel fortschreitend vollzog. Die moderne Welt ist durchrationalisiert, ihres Zaubers beraubt und der Gelehrte erklärt alle kosmischen Erscheinungen anhand von Zahlengesetzen und Logik. Rational ist:

- Die Religion, wenn sie Dogmen und Bedingungen des Heils in systematische Ordnung bringt und somit ihre Gläubiger beeinflusst
- Die Wirtschaft in ihrer: Rechenhaftigkeit, Suche nach dem Maximalprofit, Benutzung von Technik und positiver Wissenschaft
- Die Bürokratie, in der alles dem Gesetz und exakter Kenntnis untergeordnet wird
- Das Recht, das nach Regeln urteilt, die in Gesetzesbüchern auf Grund von Prinzipien formuliert werden

Und aufgrund all dieser Lebensbereiche läuft das Verhalten des Menschen selbst Gefahr, rationalisiert zu werden. Individualisierung führt zur Säkularisierung und Privatisierung von Religion. Individueller Heilsbesitz bleibt übrig. Es gibt keine Tradition mehr sondern nur noch Technik und Prognose. Anstatt Großmut und Ursprünglichkeit nun Eigensucht und Berechnung. Es gibt keine persönlichen Beziehungen untereinander mehr. Jegliche gesellschaftlichen Bereiche sind versachlicht. Zu Hause hat man genauso nach den gleichen Regeln der Effektivität zu handeln als auf der Arbeit. Der Mensch der moderne ist gefangen in einem „Stahlharten Gehäuse“ und wird letztlich zu einem Fachmenschen ohne Geist, einem Genussmenschen ohne Herz.

Max Weber hat bis heute seine Aktualität bewahrt. Seine Arbeiten werden - fast 86 Jahre nach seinem Tod – gelesen und zitiert. In Diskussionen um den sozialen Wandel fällt noch oft sein Name. Ich denke dies ist ein starkes Indiz für die Bedeutung des Weberschen Konzeptes der Rationalisierung.

Literatur

a) Monographien

Aron, Raymond (1969): Die Deutsche Soziologie der Gegenwart. Systematische Einführung in das soziologische Denken. [Aus d. Franz.]. Stuttgart.

Giddens, Anthony (1999): Soziologie. 2. überarbeitete Auflage. [Aus d. Amerik.]. Graz und Wien.

Haring, Sabine A. u.a. (2000): Modernisierungstheorien in der Soziologie gestern und heute. Max Weber und Ulrich Beck im Vergleich. Wien.

Heins, Volker (1990): Max Weber zur Einführung. 1. Auflage. Hamburg.

Kaesler, Dirk u.a. (1972): Max Weber. Sein Werk und seine Wirkung. München.

Kaesler, Dirk (1995): Max Weber. Eine Einführung in Leben, Werk und Wirkung. Frankfurt am Main und New York.

Kaesler, Dirk (Hrsg.) (2003): Klassiker der Soziologie. Band I von Auguste Comte bis Norbert Elias. 4. Auflage. München.

Schluchter, Wolfgang (1980): Rationalismus der Weltbeherrschung. Studien zu Max Weber. 1. Auflage. Frankfurt am Main.

Schluchter, Wolfgang (1988): Religion und Lebensführung. Band I Studien zu Max Webers Kultur- und Werttheorie. 1. Auflage. Frankfurt am Main.

Schluchter, Wolfgang (1998): Die Entstehung des modernen Rationalismus. Eine Analyse von Max Webers Entwicklungsgeschichte des Okzidents. 1. Auflage. Frankfurt am Main.

b) Elektronische/digitale Quellen

Mohr, Paul Siebeck (Hrsg.) (2001): Max Weber. Gesammelte Werke. In: Digitale Bibliothek Band 58. Directmedia Publishing GmbH. Berlin. (CD-Rom).

14 von 14 Seiten

Details

Titel
Rationalisierung nach Max Weber, Ursprünge und Auswirkungen
Hochschule
Universität Trier
Veranstaltung
Proseminar: Modernisierung und Globalisierung aus soziologischer Perspektive
Note
2,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
14
Katalognummer
V54326
Dateigröße
537 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rationalisierung, Weber, Ursprünge, Auswirkungen, Proseminar, Modernisierung, Globalisierung, Perspektive
Arbeit zitieren
Rene Maudet (Autor), 2006, Rationalisierung nach Max Weber, Ursprünge und Auswirkungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/54326

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