Juda und Tamar - Zur Exegese von Genesis 38


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006
27 Seiten, Note: 15

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
Funktionen und Grenzen der historisch-kritischen
Exegese

2. Hauptteil
2.1 Gen 38 in der Einheitsübersetzung
2.2 Intertextualität
2.2.1 Parallelen
2.2.2 Abgrenzung
2.3 Formkritik
Exkurs: Die Institution der Schwagerehe – Das Levirat
2.3.1 Gliederung und Erläuterungen
2.3.2 Charakteristika der Personen
2.3.3 Zur Textgattung
2.4 Überlieferungskritik
2.4.1 Zur Tradition von Gen 38
2.4.2 Entstehungszeit und soziokultureller Hintergrund
2.5 Theologische Auswertung

3. Schluss
Zur Aussageabsicht der Erzählung

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die historisch-kritische Exegese, eine im ausgehenden 18. Jahrhundert entstandene Methode zur Auslegung biblischer Schriften, hat der Bezeichnung nach zugleich zwei Kernfunktionen: Die Bibel sollte historisch ausgelegt werden, das heißt, die Texte müssen als Zeugnisse in einer und für eine bestimmte Zeit betrachtet werden.

Zweitens sollte die Vorgehensweise bei der Bibelauslegung kritisch geprägt sein: Kritik nicht an dem literarischen Zeugnis oder Wahrheitsgehalt der Bibel an sich, sondern gegen eine Instrumentalisierung, gegen eine Vereinnahmung und zweckgerichtete, anachronistische Transformation derselben[1].

Somit zeigen sich auch die Grenzen der historisch-kritischen Exegese daran, dass nicht die unumstößliche, göttliche Wahrheit aufgedeckt werden, sondern die theologische Deutung nicht mehr als einen mittelbaren Anspruch auf dem Weg dahin erreichen kann[2].

Diesen Weg soll auch die vorliegende Arbeit zu beschreiten versuchen. Die biblische Geschichte von Juda und Tamar in Gen 38 handelt von einer Frau, die in einer patriarchalen Gesellschaft ihr Recht auf die Schwagerehe durchsetzt. Nicht zuletzt muss daher dieser Begriff der „Schwagerehe“ (Levirat), der grundsätzlich zum Verstehen der Geschichte notwendig erscheint, näher erläutert werden. Darüber hinaus ist es zunächst bedeutsam, eine Einordnung des Textes innerhalb der Josefsgeschichte vorzunehmen, bevor die eigentliche Geschichte mit einem Exkurs zum schon erwähnten Levirat, der Gliederung und Erläuterung des Textes, Charakteristika der auftauchenden Protagonisten sowie der Textsortenbestimmung untersucht wird. Abgeschlossen wird der Hauptteil dieser Arbeit mit der Überlieferungskritik und der theologischen Auswertung: Sowohl biblische, theologische als auch ethische Gesichtspunkte sind hier von nicht unerheblichem Gewicht.

Zum Schluss sollen, gleichsam als Fazit, die zentralen Gesichtspunkte nochmalig prägnant herausgestellt werden, um so auch die Frage nach der Aussageabsicht, der Intention beantworten zu können.

Als Textgrundlage zu Genesis 38 dient die deutsche Einheitsübersetzung der Bibel[3].

2. Hauptteil

2.1 Gen 38 in der Einheitsübersetzung

Die Familiengeschichte Judas, Gen 38, 1-30

1 Um jene Zeit verließ Juda seine Brüder und begab sich hinunter zu einem Mann aus Adullam, der Hira hieß.
2 Juda sah dort die Tochter eines Kanaaniters namens Schua. Er nahm sie zur Frau und wohnte ihr bei.
3 Sie wurde schwanger, gebar einen Sohn und gab ihm den Namen Er.
4 Sie wurde abermals schwanger, gebar einen Sohn und gab ihm den Namen Onan.
5 Und noch einmal gebar sie einen Sohn und gab ihm den Namen Schela. Juda war in Kesib, als sie ihn gebar.
6 Juda nahm für seinen Erstgeborenen Er eine Frau namens Tamar.
7 Aber Er, der Erstgeborene Judas, missfiel dem Herrn und so ließ ihn der Herr sterben.
8 Da sagte Juda zu Onan: Geh mit der Frau deines Bruders die Schwagerehe ein und verschaff deinem Bruder Nachkommen!
9 Onan wusste also, dass die Nachkommen nicht ihm gehören würden. Sooft er zur Frau seines Bruders ging, ließ er den Samen zur Erde fallen und verderben, um seinem Bruder Nachkommen vorzuenthalten.
10 Was er tat, missfiel dem Herrn und so ließ er auch ihn sterben.
11 Nun sagte Juda zu seiner Schwiegertochter Tamar: Bleib als Witwe im Haus deines Vaters, bis mein Sohn Schela groß ist. Denn er dachte: Er soll mir nicht auch noch sterben wie seine Brüder. Tamar ging und blieb im Haus ihres Vaters.
12 Viele Jahre vergingen. Die Tochter Schuas, die Frau Judas, war gestorben. Als die Trauer vorbei war, ging Juda mit seinem Freund Hira aus Adullam hinauf nach Timna zur Schafschur.
13 Man berichtete Tamar: Dein Schwiegervater geht gerade nach Timna hinauf zur Schafschur.
14 Da zog sie ihre Witwenkleider aus, legte einen Schleier über und verhüllte sich. Dann setzte sie sich an den Ortseingang von Enajim, der an der Straße nach Timna liegt. Sie hatte nämlich gemerkt, dass Schela groß geworden war, dass man sie ihm aber nicht zur Frau geben wollte.
15 Juda sah sie und hielt sie für eine Dirne; sie hatte nämlich ihr Gesicht verhüllt.
16 Da bog er vom Weg ab, ging zu ihr hin und sagte: Lass mich zu dir kommen! Er wusste ja nicht, dass es seine Schwiegertochter war. Sie antwortete: Was gibst du mir, wenn du zu mir kommen darfst?
17 Er sagte: Ich werde dir ein Ziegenböckchen von der Herde schicken. Sie entgegnete: Du musst mir aber ein Pfand dalassen, bis du es schickst.
18 Da fragte er: Was für ein Pfand soll ich dir dalassen? Deinen Siegelring mit der Schnur und den Stab in deiner Hand, antwortete sie. Er gab es ihr. Dann ging er zu ihr und sie wurde von ihm schwanger.
19 Sie stand auf, ging weg, legte ihren Schleier ab und zog wieder ihre Witwenkleider an.
20 Juda schickte seinen Freund aus Adullam mit dem Ziegenböckchen, um das Pfand aus der Hand der Frau zurückzuerhalten, er fand sie aber nicht.
21 Er fragte die Leute aus dem Ort: Wo ist die Dirne, die in Enajim an der Straße saß? Sie antworteten ihm: Hier gibt es keine Dirne.
22 Darauf kehrte er zu Juda zurück und sagte: Ich habe sie nicht gefunden und außerdem behaupten die Leute aus dem Ort, es gebe da keine Dirne.
23 Juda antwortete: Soll sie es behalten! Wenn man uns nur nicht auslacht! Ich habe ja dieses Böckchen geschickt, aber du hast sie nicht gefunden.
24 Nach etwa drei Monaten meldete man Juda: Deine Schwiegertochter Tamar hat Unzucht getrieben und ist davon schwanger. Da sagte Juda: Führt sie hinaus! Sie soll verbrannt werden.
25 Als man sie hinausführte, schickte sie zu ihrem Schwiegervater und ließ ihm sagen: Von dem Mann, dem das gehört, bin ich schwanger. Auch ließ sie sagen: Sieh genau hin: Wem gehören der Siegelring mit der Schnur und dieser Stab?
26 Juda schaute es sich genau an und gab zu: Sie ist mir gegenüber im Recht, weil ich sie meinem Sohn Schela nicht zur Frau gegeben habe. Später verkehrte er mit ihr nicht mehr.
27 Als sie niederkam, waren Zwillinge in ihrem Leib.
28 Bei der Geburt streckte einer die Hand heraus. Die Hebamme griff zu, band einen roten Faden um die Hand und sagte: Er ist zuerst herausgekommen.
29 Er zog aber seine Hand wieder zurück und heraus kam sein Bruder. Da sagte sie: Warum hast du dir den Durchbruch erzwungen? So nannte man ihn Perez (Durchbruch).
30 Dann erst kam sein Bruder zum Vorschein, an dessen Hand der rote Faden war. Ihn nannte man Serach (Rotglanz).

2.2 Intertextualität

Die Josefsgeschichte beginnt in Gen 37, 1-36 mit „Josef und seine Brüder“. Dort wird der Verkauf Josefs durch seine Brüder an die Ismaeliter, seine Verschleppung nach Ägypten und die Täuschung des Vaters über dessen Tod geschildert. Der Leser sollte nunmehr das weitere Schicksal Josefs erwarten, doch eingeschoben in den Zyklus folgt die „Familiengeschichte Judas“ in Gen 38. Auf den ersten Blick passt also diese Erzählung nicht so recht in den Kontext. Doch soll nachfolgend ein zweiter Blick auf etwaige Parallelen, aber auch Abgrenzungen geworfen werden.

2.2.1 Parallelen

Parallelen der Erzählung von Juda und Tamar zur Josefsgeschichte gibt es zwar, jedoch sind sie allenfalls indirekt. So kann ein Vergleich zwischen Jakob’s Verlust von Josef[4] zu dem Verlust der Söhne Judas[5], Onan und Er, gezogen werden. Auch die Angst Jakob’s um seinen Jüngsten Benjamin[6] hat eine Entsprechung in der Sorge Judas um seinen letzten Sohn Schela[7]. Eine Parallele findet sich auch in dem Motiv des Neides und der Eifersucht: Juda und mit ihm seine Brüder beneiden Josef, weil dieser offenbar von ihrem gemeinsamen Vater stärker geliebt wird als sie[8]. Onan, der Sohn Judas, verweigert der Tamar und damit seinem Bruder Er rechtmäßige Nachkommen, weil er wusste, dass sie ihm nicht gehören würden[9]. Das Thema „Erkennen - Nichterkennen“, das die ganze Josefsgeschichte durchläuft[10] und später noch genauer spezifiziert wird, läuft auch in Gen 37 und 38 analog. Jakob erkennt nicht, dass der blutgetränkte Ärmelrock, den ihm seine Söhne als vermeintliches Zeichen für den Tod Josefs übergeben[11], ihm den Verlust nur vortäuscht. Im gegenüberliegenden Kapitel 38 erkennt Juda nicht seine Schwiegertochter, die sich am Wegesrand wartend als Hure verkleidet hatte, um mit ihm zu verkehren[12].

Als Überleitung von Gen 37 zu 38 fungieren sowohl der Abstieg Judas von Sichem (oder Dotan) nach Adullam[13], als auch die Trennung von seinen übrigen Brüdern[14], die im vorhergehenden Kapitel noch gemeinsam versammelt waren[15].

2.2.2 Abgrenzung

Die Forschung ist sich weitestgehend darin einig, dass die Erzählung von Juda und Tamar in Gen 38 im Rahmen des Josefszyklus isoliert bleibt[16], wenn auch Beziehungen zu dem vorhergehenden Kapitel Gen 37 nicht zu übersehen sind. Die Geschichte kann ohne Vorwissen der Erzvätergeschichte verstanden werden und steht somit nicht nur eigenständig[17], sie weist daneben auch einen geschlossenen Handlungsbogen auf[18]. Auffallend ist, dass der Inhalt im weiteren Verlauf der Josefsgeschichte außer in Gen 46, 12, wo die Söhne Judas aufgeführt werden, keine Rolle mehr spielt. Westermann[19] sieht die Erzählung folglich nicht als Bestandteil des Josefszyklus, sondern als Einfügung bzw. Abschluss der Jakobserzählung. Interessanterweise weist auch der Kampf um das Erstgeburtsrecht bei der Geburt von Perez und Serach[20] Parallelen zu der Esaus und Jakobs[21] auf.

[...]


[1] Vgl. Uwe Becker: Exegese des Alten Testaments, Tübingen 2005, S. 4f..

[2] Ebd., S. 5f..

[3] Die Bibel, Einheitsübersetzung. Altes und Neues Testament, Stuttgart 1980

[4] Gen 37, 33f..

[5] Gen 38, 7.10

[6] Gen 42, 4.

[7] Gen 38, 11.

[8] Gen 37, 4.

[9] Gen 38, 9.

[10] Vgl. Eva Salm: Juda und Tamar. Eine exegetische Studie zu Gen 38, Würzburg 1996, S. 117.

[11] Gen 31ff..

[12] Gen 38, 15f..

[13] Gen 38, 1.

[14] Ebd..

[15] Vgl. Horst Seebass: Genesis III. Josephsgeschichte (37, 1 - 50, 26), Neukirchen 2000, S. 33.

[16] Ebd..

[17] Vgl. Claus Westermann: Genesis 37-50, Neukirchen 1982 (Biblischer Kommentar Altes Testament, Band I/3), S. 42.

[18] Erhard Blum: Die Komposition der Vätergeschichte, Neukirchen 1984, S. 224.

[19] Ebd..

[20] Gen 38, 27-30.

[21] Gen 25, 24.

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Juda und Tamar - Zur Exegese von Genesis 38
Hochschule
Universität des Saarlandes  (Institut für Katholische Theologie)
Veranstaltung
Das Buch Genesis
Note
15
Autor
Jahr
2006
Seiten
27
Katalognummer
V54342
ISBN (eBook)
9783638495721
ISBN (Buch)
9783638655125
Dateigröße
668 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Juda, Tamar, Exegese, Genesis, Buch
Arbeit zitieren
Martin Schnurr (Autor), 2006, Juda und Tamar - Zur Exegese von Genesis 38, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/54342

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