Sexualpädagogische Angebote für Menschen mit geistiger Behinderung


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005
29 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhalt

Einleitungsgedanken

1. Zur Sexualität von Menschen mit geistiger Behinderung
1.1 Allgemeine Überlegungen zur Sexualität
1.2 Sexuelle Entwicklung von Menschen mit geistiger Behinderung
1.3 Bedeutung von Sexualität für Menschen mit geistiger Behinderung

2. Sexualpädagogik für Menschen mit geistiger Behinderung
2.1 Ausgangsüberlegungen zur Sexualpädagogik Geistigbehinderte
2.2 Sexualpädagogische Bildungsangebote für Erwachsene mit geistiger Behinderung
2.3 Methodische Gestaltung von sexualpädagogischen Bildungsangeboten

3. Sexualpädagogische Materialien für Menschen mit geistiger Behinderung – ausgewählte Themen
3.1 Körperwahrnehmung
3.2 Pubertät und körperliche Entwicklung
3.3 Freundschaft, Liebe, Partnerschaft
3.4 Erotik, Sex und Verhütung

4. Schlussgedanken

5. Literatur

6. Anhang: Elemente zu Gestaltung sexualpädagogischer Bildungsangebote für Menschen mit geistiger Behinderung

Einleitungsgedanken

In den letzten Jahren rückte der Begriff der Sexualität im Zusammenhang mit Menschen mit geistiger Behinderung immer mehr ins Blickfeld der sonderpädagogischen Fachkräfte. Gerade in Hinblick auf die Förderung von mehr Selbstständigkeit und dem damit verbundenen Zugeständnis von mehr Lebensqualität für Menschen mit geistiger Behinderung ist auch die Berücksichtigung der Sexualität Geistigbehinderter von großer Bedeutung.

Für einen möglichst selbstständigen und „normalen“ Umgang mit Sexualität müssen Pädagogen vor allem im Bereich der Erwachsenenbildung von Menschen mit geistiger Behinderung umfassend auf die verschiedenen Aspekte von Sexualität eingehen und in ihren Bildungsangeboten die besonderen Bedürfnisse und Anforderungen geistig behinderter Menschen eingehen.

In meiner Arbeit werde ich unter anderem die besonderen Aspekte der Sexualität von Menschen mit geistiger Behinderung aufzeigen sowie verschiedene Materialien zu ausgewählten Themenbereichen im Zusammenhang mit Sexualität vorstellen.

Zu Beginn kurz gehe ich kurz auf den Begriff der Sexualität ein und stelle ein für Menschen mit geistiger Behinderung sinnvolles Verständnis von Sexualität dar. Anschließend erläutere ich die sexuelle Entwicklung von geistig behinderten Menschen und beschreibe dann die besondere Bedeutung von Sexualität für Geistigbehinderte. Zusätzlich schildere ich besondere Aspekte der Sexualität von Menschen mit geistiger Behinderung und damit verbundene Schwierigkeiten aus Sicht ihrer Eltern.

Nach diesen grundsätzlichen Überlegungen zur Sexualität Geistigbehinderter befasse ich mich mit dem zentralen Thema dieser Arbeit: der Sexualpädagogik für Menschen mit geistiger Behinderung. Ausgehend von allgemeinen Gedanken zur Sexualpädagogik erläutere ich mich Didaktik und Methodik sexualpädagogischer Bildungsangebote für Menschen mit geistiger Behinderung. Anschließend gehe ich auf wichtige Aspekte zur Sexualpädagogik von Geistigbehinderten ein, wie z. B. sexuellen Missbrauch, Kinderwunsch und Elternschaft bei Menschen mit geistiger Behinderung oder auch AIDS im Zusammenhang mit geistiger Behinderung.

Nach den theoretischen Ausführungen zur Sexualpädagogik für Menschen mit geistiger Behinderung stelle ich anhand von mir ausgewählter Themen einige Möglichkeiten zur Umsetzung sexualpädagogischer Bildungsmaßnahmen vor, wie sie von der BUNDESVEREINIGUNG LEBENSHILFE (1999) vorgeschlagen werden.

1. Zur Sexualität von Menschen mit geistiger Behinderung

1.1 Allgemeine Überlegungen zur Sexualität

Bevor ich näher auf die Sexualität von Menschen mit geistiger Behinderung eingehe, ist es nötig, den Begriff der „Sexualität“ allgemein zu bestimmen.

Seit FREUDs Überlegungen zur „Libido“ als allgemeinen Lebenstrieb wurde der Begriff der Sexualität über die reine Genitalsexualität hinausgehend nicht mehr als biologische Form der Fortpflanzung gesehen, sondern auch als „die entscheidende Dimension zwischenmenschlicher Kommunikation und persönlicher Selbstentfaltung. (vgl. WALTER 1996, 34) Somit umfasst der Begriff der Sexualität alle Aspekte zwischenmenschlicher Beziehungen; diese teilt SPORKEN in ein Drei-Stufen-Schema ein, wonach Sexualität „das ganze Gebiet von Verhaltensweisen in den allgemeinmenschlichen Beziehungen (so genannter koedukativer Alltag), im Mittelbereich von Zärtlichkeit, Sensualität und Erotik und in der Genitalsexualität“ meint. (vgl. WALTER 1994, 13)

Diese große Bandbreite des Begriffs „Sexualität“ macht die amerikanische Sexualtherapeutin OFFIT noch einmal ganz besonders deutlich:

„Sexualität ist, was wir daraus machen. Eine teure oder billige Ware, Mittel zur Fortpflanzung, Abwehr gegen Einsamkeit, eine Form der Kommunikation, ein Werkzeug der Aggression (der Herrschaft, der Macht, der Strafe und der Unterdrückung), ein kurzweiliger Zeitvertreib, Liebe, Luxus, Kunst, Schönheit, ein idealer Zustand, das Böse oder das Gute, Luxus oder Entspannung, Belohnung, Flucht, ein Grund der Selbstachtung, eine Form der Zärtlichkeit, eine Art der Rebellion, eine Quelle der Freiheit, Pflicht, Vergnügen, Vereinigung mit dem Universum, mystische Ekstase, Todeswunsch oder Todeserleben, ein Weg zum Frieden, eine juristische Streitsache, eine Form, Neugier und Forschungsdrang zu befriedigen, eine Technik, eine biologische Funktion, Ausdruck psychischer Gesundheit oder Krankheit oder einfach eine sinnliche Erfahrung.“ (zit. n. WALTER 1996, 34f.)

Aus diesem Verständnis von Sexualität folgert WALTER (vgl. 1996, 35), dass es keine besondere Sexualität geistig behinderter Menschen geben kann, sondern Sexualität sei bei Behinderten nicht anders als bei Nicht-Behinderten auch, nämlich eine Energie, die Beziehungen aufnehmen, Zärtlichkeit und Liebe erfahren lässt. Sexualität als Ausdruck der Individualität des einzelnen Menschen erhält bei Menschen mit geistiger Behinderung durch ihre Behinderung lediglich eine „weitere Facette an individueller Eigenart“. (ebenda)

„Sexualität ist mit dem Mensch-Sein untrennbar verbunden. Sie umfasst alle Aspekte des Mann- oder Frauseins und ist bereits Teil der kindlichen Persönlichkeit. In der zwischenmenschlichen Beziehung ist Sexualität von großer Bedeutung für Werte wie Liebe, Nähe und Wärme, Zärtlichkeit, Sinnlichkeit und Erotik. Sie ist damit Ausdruck des Grundbedürfnisses nicht allein sein zu wollen.“ (Hervorhebung von mir; zit. n. PRO FAMILIA 2000, 4f.) Somit lässt sich Sexualität allgemein als ein individuell geartetes Grundbedürfnis aller Menschen beschreiben, ob sie nun behindert sind oder nicht.

1.2 Sexuelle Entwicklung von Menschen mit geistiger Behinderung

Die sexuelle Entwicklung verläuft bei geistig behinderten Jugendlichen überwiegend ähnlich wie bei Gleichaltrigen ohne Behinderung. Daraus ergibt sich jedoch, dass das sexuelle Reifestadium eine Menschen mit geistiger Behinderung meist seinem Lebensalter entspricht und sich nicht mit seinem Intelligenzniveau deckt, d.h. bei einem Erwachsenen mit geistiger Behinderung sind die Geschlechtsorgane in der Regel normal entwickelt und auch in Fällen schwerer geistiger Behinderung liegt meist eine dem Lebensalter entsprechende sexuelle Reife vor. (vgl. WALTER 1994, 14f.)

Nur bei ganz wenigen Behinderungsformen findet sich eine unterentwickelte Genitalsexualität, die im Fachterminus als „sexueller Infantilismus“ bezeichnet wird. Kennzeichen hierfür sind u. a. fehlende Fruchtbarkeit, Minderwuchs der Genitale, Ausbleiben von Regelblutung oder Samenerguss oder die verringerte Ausprägung sexueller Geschlechtsmerkmale wie z. B.: fehlende Schambehaarung. Sexueller Infantilismus findet sich z. B. beim Turner-Syndrom oder vereinzelt auch beim Klinefelter-Syndrom. (vgl. WALTER 1994, 17)

Während die körperliche Entwicklung also überwiegend altersgemäß verläuft, stellt die Diskrepanz zwischen retardiertem Intelligenzalter und dem Lebensalter entsprechender sexueller Reifung das Zentralproblem der Sexualität Geistigbehinderter dar, so WALTER, „denn daraus entsteht zwangsläufig ein zuweilen enormes Spannungspotential, das der Geistigbehinderte nicht einmal zu erfassen, geschweige denn zu verarbeiten vermag. (1994, 14)

„Sieht man die Hauptaufgabe der Pubertätszeit im Erwerb einer Ich-Identität und in der integrierenden Bewältigung der Sexualität, so ist für den Geistigbehinderten eine beeinträchtigte psycho-sexuelle Entwicklung und eine entsprechend schwach ausgeprägte Ich-Identität vorhersagbar.“ (WALTER 1994, 14)

Während nichtbehinderte Jugendliche ihre Identität im Vergleich mit Gleichaltrigen entwickeln, ist dies bei Jugendlichen mit geistiger Behinderung meist nur sehr eingeschränkt oder auch gar nicht möglich, da sie sowohl in der Schule als auch in ihrer Freizeit häufig isoliert von Nicht-Behinderten, unter sich sind. (ebenda)

Nicht nur die Jugendlichen mit geistiger Behinderung selbst haben Schwierigkeiten mit ihrer sexuellen Entwicklung, sondern auch deren Eltern sehen sich dadurch mit Problemen konfrontiert. Sie bemerken oft voll Sorge, dass der kindliche Körper sich verändert (Schamhaare und Brüste wachsen, der Penis wird größer etc.) und dass ihr Kind unerwartet sexuelle Bedürfnisse und Aktivitäten entwickelt. (vgl. LEBENSHILFE 1999, 13)

Die Eltern geraten durch die Veränderungen ihres Kindes in einen seelischen Zwiespalt:

„Einerseits wünschen sie, dass sich ihr Kind zu einem glücklichen Menschen entwickelt, der auch sexuelle Befriedigung erfährt. Andererseits ist die sexuelle Entwicklung und das Verhalten ihrer Tochter oder ihres Sohnes oft von tiefgreifenden Ängsten, aber auch von handfesten Schwierigkeiten begleitet, deren Bewältigung nicht einfach ist und Eltern überfordern kann […] (LEBENSHILFE 1999, 13)

Während sich bei nichtbehinderten Jugendlichen in der Pubertät der Ablösungsprozess vom Elternhaus vollzieht, wird dies bei Menschen mit geistiger Behinderung oft durch das Verhalten ihrer Eltern erschwert: „Einerseits drängen sie darauf, dass ihr Sohn oder ihre Tochter erwachsen wird (z. B. bei einfachen Arbeiten oder im Zusammenhang mit angepasstem disziplinierten Verhalten in der Öffentlichkeit), auf der anderen Seite werden die heranwachsenden Behinderten in Abhängigkeit gehalten und weiterhin an ihre Eltern emotional gebunden (so z. B. im Zusammenhang mit dem Freizeitverhalten und Fragen der Sexualität).“ (WALTER 1994, 15)

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die körperliche Sexualentwicklung von Menschen mit geistiger Behinderung weitgehend altersgemäß verläuft und Probleme im Zusammenhang mit ihrer Sexualität zum einen aus der retardierten geistigen Entwicklung und zum anderen aus dem Verhalten der Menschen in ihrem Umfeld resultieren.

1.3 Bedeutung von Sexualität für Menschen mit geistiger Behinderung

Betrachtet man die Bedeutung von Sexualität für Menschen mit geistiger Behinderung auf Basis des umfassenden Sexualitätsbegriffs nach SPORKEN (vgl. Kap. 1.1), so wird deutlich, dass Sexualität für sie weit mehr ist als die bloße Befriedigung genitalsexueller Bedürfnisse. „Aufgrund der behinderungsspezifischen Grenzen der Ausdrucksmöglichkeiten der Sexualität wird für den Geistigbehinderten die Bedeutung der Sexualität eine mehr oder weniger starke Nuancierung und Veränderung erfahren, so wird z. B. Sexualität in der Bedeutung von Fortpflanzung kaum zu realisieren sein.“ (WALTER 1994, 20)

Aufgrund der starken Einschränkung ihrer verbalen Ausdrucksmöglichkeiten ist die nonverbale Kommunikation bzw. die Körpersprache zur Äußerung von Gefühlen und Bedürfnissen von besonderer Bedeutung. Die nonverbale Kommunikation als womöglich sinnvollste Äußerungsform Geistigbehinderter ist bisweilen viel zu wenig beachtet worden. Eine Beschneidung dieser Äußerungsform auf der Ebene des SPORKEN’schen Mittelbereiches kommt deshalb für Geistigbehinderte einer grundsätzlichen Einschränkung zwischenmenschlicher Kommunikation durch nonverbale Körpersprache gleich. (vgl. WALTER 1994, 20).

Aus dieser Erkenntnis ergibt sich für den Erzieher die Aufgabe über sozial-akzeptable Gesten und Körperhaltungen nachzudenken, die es dem Menschen mit geistiger Behinderung ermöglichen, bestimmte Empfindungen differenziert verständlich zu machen. Im Zusammenhang mit Sexualität im weitesten Sinne (vgl. Kap. 1.1) steht für den Geistigbehinderten also nicht die genital-sexuelle Betätigung im Mittelpunkt, sondern vielmehr die Möglichkeit, eine auf Zuneigung und Zärtlichkeit begründete Beziehung zu anderen Menschen aufzubauen. (vgl. WALTER 1994, 32f.

Durch das Gewähren partnerschaftlicher Beziehungen wird der Geistigbehinderte sich seiner selbst und seiner Bedeutung für andere Menschen bewusster. Er erkennt, dass der Mensch, der sich um ihn kümmert und ihm Zuwendung schenkt, dies nicht aufgrund seines Berufes tut, sondern aus Interesse an seiner ganz bestimmten, nicht austauschbaren Person. Aufgrund dieser Erfahrung wird es ihm ermöglicht, mehr Ich-Identität zu erlangen, denn zu persönlicher Identität gehört immer auch die Identität der Geschlechterrolle als Mann oder Frau. (vgl. WALTER 1994, 23)

Demnach hat die Möglichkeit, partnerschaftliche Beziehungen zu anderen Menschen einzugehen, für Menschen mit geistiger Behinderung mehr noch als für nichtbehinderte Menschen, die Bedeutung sich seiner selbst und seiner Wirkung auf andere bewusst zu werden. „Durch die Akzeptanz von Nichtbehinderten sowie in der Interaktion mit anderen Behinderten gewinnt der Behinderte seine Geschlechterrollen-Identität und erfährt durch seine Sexualität die Selbstbestätigung ein ‚normaler Mann’ bzw. eine ‚normale Frau’ zu sein und so von anderen als ‚vollwertig’ akzeptiert zu werden. (LEBENSHILFE 1999, 10f.)

[...]

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Sexualpädagogische Angebote für Menschen mit geistiger Behinderung
Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg  (Philosophische Fakultät III / Institut für Sonderpädagogik)
Veranstaltung
'Freie Zeit gestalten und sich Bilden im Erwachsenenalter: Angebote und Einschränkungen für Menschen mit geistiger Behinderung'
Note
2,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
29
Katalognummer
V54380
ISBN (eBook)
9783638496025
ISBN (Buch)
9783638653534
Dateigröße
2075 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sexualpädagogische, Angebote, Menschen, Behinderung, Zeit, Bilden, Erwachsenenalter, Einschränkungen, Behinderung“
Arbeit zitieren
Nina Friedlein (Autor), 2005, Sexualpädagogische Angebote für Menschen mit geistiger Behinderung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/54380

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