Frieden durch Freihandel? Eine theoriegeleitete Analyse der britischen Außenpolitik der Jahre 1846 - 1873


Hausarbeit, 2006

15 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Theoretische Grundlagen der Freihandelsbewegung
1.1 Der ökonomische Liberalismus
1.2 Utilitarismus
1.3 Die Freihandelsbewegung

2. Britische Politik zwischen Theorie und Praxis
2.1 Allgemeine Einführung in die Jahre 1846-1873
2.2 No Intervention oder die friedliche Politik
2.3 Handelspolitik
2.3 Der Cobden Vertrag

Schlussbetrachtungen

Bibliographie

Einleitung

Die Demokratie und die freie Marktwirtschaft scheinen im Kampf der Ideologien den Sieg davon getragen zu haben.[1] So klingt es seit den 1990er Jahren immer wieder an. Dabei scheinen die Theorien sehr einfach zu sein. Demokratien kämpfen nicht gegeneinander[2] und die freie Marktwirtschaft, mit ihrem Fortschrittsgedanken, verspricht, dass jeder vom Kuchen etwas abbekommen wird. Die Theorien sind sehr human und in sich kohärent. Jedoch gibt es glaubwürdige Zweifel, ob die Praxis den Theorien gerecht wird, ob handelnde Persönlichkeiten und Organisation wirklich von derartigen Theorien geleitet werden, oder ob nicht vielmehr Interessen und Realpolitik mehr Einfluss besitzen.[3]

Auch das viktorianische England wurde vom ähnlichen Fortschrittsglauben geleitet, auch wenn unbestritten bleibt, dass dieser sich letztlich im Zeitalter des Imperialismus auflöste.[4] Damals klang die Theorie sehr ähnlich, jedoch nicht Demokratie, sondern der Freihandel würde Menschen und Nationen näher zusammen schweißen und dafür Sorge tragen, dass Krieg sich nicht mehr lohne. Frieden durch Freihandel. Dabei beanspruchten die leitenden Politiker selbst eine Außenpolitik der „No-Intervention“. Es gab also durchaus Tendenzen, die nahe legen, dass England eine Normativgeleitete Politik verfolgte. Eine berechtigte Frage ist jedoch, ob diese vom Idealismus geleitet wurde, oder ob nicht andere Faktoren wesentlicher waren. In der Forschung gibt es triftige Gründe anzunehmen, dass die Theorie weit weniger Einfluss auf die praktische Politik hatte, als es zunächst scheint.[5] Die Diskrepanz zwischen den Ideen des Freihandels und der praktischen Politik soll Gegenstand dieser Arbeit sein. Dabei soll nicht untersucht werden, ob die Theorie sich vielleicht irre, vielmehr ob nicht eher günstige Bedingungen die Politik für den Freihandel öffnete, statt Postulate der Freihandelstheorie. Und die Politik letztlich mehr durch Interessen geleitet wurde, denn durch Moral. Besondere Berücksichtigung soll die Blütezeit des viktorianischen Englands erfahren, der Zeitraum zwischen 1846 und 1873. Des Weiteren sollen drei Bereiche einer Untersuchung unterzogen werden. Zum einen die Nichteinmischungspolitik dieser Jahre undzum anderen die Handelspolitik. Abschließend soll der Cobden-Vertrag näher beleuchtet werden. Da es um eine Analyse des Verhältnisses zwischen Theorie und Praxis geht, empfiehlt es sich zunächst die theoretischen Grundlagen der Freihandelsbewegung vorzustellen.

1. Theoretische Grundlagen für die Freihandelsbewegung

Zwei Theorien erlebten im 19. Jahrhundert eine Erfolgsgeschichte, beide haben ihre Wurzeln in Großbritannien und beide wurden wichtig für die Freihandelsbewegung; der Liberalismus und der Utilitarismus. Es sind sich in gewisser Hinsicht ähnliche Theorien. Beide haben die Freiheit des Individuums auf ihre Fahnen geschrieben. Wehrend jedoch der Liberalismus sich mehr auf wirtschaftliche Prozesse bezieht, legt der Utilitarismus mehr Wert auf Ethik.

1.1 Der ökonomische Liberalismus

Der Liberalismus als solcher ist nicht einfach zu definieren, einfach schon deshalb, weil es viele Ausprägungen desselben gibt. Für unsere Zwecke reicht es ihn mit dem Namen des britischen Moralphilosophen und Ökonomen Adam Smith (1723-1790) in Verbindung zu bringen. Smith kann als Begründer des ökonomischen Liberalismus bezeichnet werden und seine Theorien über den ‚Wohlstand der Nationen’ wurden zum Repertoire der Freihandelsanhänger. Dabei soll nur ein Aspekt erwähnt werden, den Smith geprägt hatte. Es ist die Annahme, dass das egoistische Wirtschaften des Einzelnen – sei es Unternehmer oder Arbeiter – letztlich der Gesellschaft zugute kommt.[6] Es kommt dem allgemeinen Wohl zugute, weil eine ‚unsichtbare Hand’ den Egoismus der Individuen zum Gemeinwohl leitet. Was auch immer Smith unter dieser unsichtbaren Hand verstand, er glaubte fest daran, dass Menschen immer ihren eigenen Vorteil suchen und ebenso fest glaubte er daran, dass die Natur einen Mechanismus eingerichtet hat, der den Egoismus letztlich zum Gemeinwohl dirigiert.

Aus dieser Prämisse folgerte er, dass Freihandel, also das laissez-faire Prinzip, der Gesellschaft mehr Wohlstand versprach. Er trat somit als erster für den Freihandel ein, auch wenn die Freihandelsbewegung, über 50 Jahre nach seinem Tod, erst wirkliche Erfolge verbuchen sollte.[7]

1.2 Utilitarismus

Kaum eine Theorie ist so treffend in einem Satz zu erklären, wie die utilitaristische. ‚Das größte Glück der größten Zahl’. Die Verwirklichung dieses Prinzips sollte Jeremy Bentham (1748-1832), den Begründer des Utilitarismus, ein ganzes Leben lang beschäftigen. Dabei entstamm dieser Satz nicht Benthams Feder. Er las ihn selbst einmal.[8]

Der Utilitarismus ist eine Ethik, die sich zum Ziele setzt Freude zu summieren und Leid zu verringern. Es handelt sich um eine Nützlichkeitsethik. Alles was Glück bzw. Freude vermehrt ist gut, alles was Leid bzw. Schmerz vermehrt ist schlecht.[9] Die Theorie ist auf den ersten Blick sehr klar, bei näherem Hinsehen ergeben sich jedoch vielfältige Probleme. Es sei nur eins erwähnt, nämlich die Frage, was denn Glück sei? Diese Probleme sollen uns hier jedoch nicht weiter stören. Was Bentham mit Smith gemeinsam hatte, war der Glaube, dass Individuen in Freiheit leben müssen, damit sie ihr eigenes Glück verwirklichen können. Der Staat soll sich also auch hier, so wenig wie möglich einmischen. So war Bentham nur in geringem Umfang ein Theoretiker, er setzte sich vielmehr für Gesetze ein die diesem Ziel dienten.[10] Politisch war er sehr aktiv und kann ebenso als ein Vorreiter der Freihandelsbewegung betrachtet werden, zumal er sich auch theoretisch mit völkerrechtlichen Themen befasste. Er trat für einen „dauernden Frieden“[11] zwischen den Völkern ein.

1.3 Die Freihandelsbewegung

Erst Männer wie Richard Cobden (1804-1865) und John Bright (1811-1889) sollten die Theorien eines Smith oder Bentham teilweise zum Erfolg führen. Beide gehörten der Anti Corn Law League an und setzten sich massiv für die Abschaffung der Kornzölle ein. Für beide ein anachronistisches Relikt der Herrschaft der Aristokratie. Beide glaubten fest an die guten Früchte des Freihandels. Freihandel würde nicht nur zum Wohlstand der Nation beitragen, sondern auch zum Weltfrieden, davon war Cobden zutiefst überzeugt.[12] Zumindest was den Wohlstand der Nation anbelangt, sollte er Recht behalten. Wenige Jahre nach Abschaffung der Kornzölle erlebte England eine wirtschaftliche Blüte ohnegleichen. Was den Weltfrieden anbelangt, muss hervorgehoben werden, dass Cobden die britische Außenpolitik vielfach kritisierte, wie noch genauer zu zeigen sein wird. Cobden und Bright lehnten den ‚aristocratic militarism’[13] ab, wie er den Konservativen unterstellt wurde. Beide traten in dieser Hinsicht für „non-intervention and international arbitration“[14] ein. Dabei waren beide in erster Linie Geschäftsmänner, die an der Politik nur teilweise partizipierten. Dass sie für niedrige Militärausgaben eintraten, ergab sich aus der Überzeugung, dass nur so eine Nation zum Wohlstand gelangen kann.[15] An dieser Stelle muss erwähnt werden, dass die Freihandelsbewegung und die Vorangestellten Theoretiker aufrichtig davon überzeugt waren, dass Freihandel Frieden bringen würde und in vielfacher Hinsicht waren sie mit der Politik unzufrieden. Bentham selbst sprach sich z.B. ganz gegen die britischen Kolonien aus.[16] Es wird noch zu zeigen sein, wie wenig Einfluss sie auf die eigentliche Politik des Staates ausüben konnten. Allein schon deshalb, weil ihre Idee der „Ökonomisierung der Politik“ sich in erster Linie gegen die Herrschaft der Aristokratie richtete und diese war nicht gewillt ihre Macht einfach abzutreten.[17] Der Freihandelsbewegung ging es nie nur um ein wirtschaftliches Prinzip, sie wollten die Politik revolutionieren.

[...]


[1] Fukuyama argumentiert 1989, dass die Demokratie sich als die letzte Ideologie darstelle, weil nur sie dem Menschen das geben kann, was er braucht: gegenseitige Anerkennung. Und Demokratie und Kapitalismus gehören für ihn zusammen. Der letzte Konkurrent ist mit dem Zusammenbruch des Sowjetreichs von der Bildfläche verschwunden. Siehe Fukuyama, Francis: The End of History?, in: The National Interest, No. 16, Summer 1989, S. 3-18.

[2] Czempiel ist der populärste Vertreter dieser Kantschen Theorie, der zufolge Demokratien sich friedlich gegeneinander verhalten, jedoch nicht gegen Diktaturen oder andere politische Systeme. Siehe Czempiel, Ernst-Otto: Kants Theorem oder: Warum sind die Demokratien (noch immer) nicht friedlich?, in: Zeitschrift für Internationale Beziehungen, Vol.3, No.1/ 1996, S. 79-101.

[3] Layne untersucht das Konfliktverhalten zwischen Demokratien in 4 Krisen und konstatiert, dass es nicht zu einer militärischen Auseinandersetzung kam, weil Interessen auf dem Spiel standen, nicht Prinzipien. Er glaubt, dass man Konflikte besser mit realistischen Prämissen erklären kann, denn mit normativen Theorien. Siehe Layne, Christopher: Kant or Cant. The Myth of the Democratic Peace, in: Michael E. Brown/ Sean M. Lynn-Jones/ Steven E. Miller (Hrsg.): The Perils of Anarchy. Contemporary Realism and International Security, Cambridge/ Mass 1995, S. 287-331.

[4] Siehe Hildebrand, Klaus: Die viktorianische Illusion. Zivilisationsniveau und Kriegsprophylaxe im 19. Jahrhundert, in: Peter R. Weilemann/ Hanns Jürgen Küsters/ Günter Buchstab (Hrsg.): Macht und Zeitkritik. Festschrift für Hans-Peter Schwarz zum 65. Geburtstag, Paderborn/ München u.a., S.19-21. oder Hildebrand, Klaus: No Intervention- die Pax Britannica und Preussen 1856/66-1869/70: eine Untersuchung zur englischen Weltpolitik im 19. Jahrhundert, München 1997, S. 35 o. S. 47.

[5] Siehe Metzler, Gabriele: Großbritannien – Weltmacht in Europa: Handelspolitik im Wandel des europäischen Staatensystems 1856 bis 1871, Berlin 1997, S. 141f. oder Röder, Andreas: Die radikale Herausforderung. Die politische Kultur der englischen Konservativen zwischen ländlicher Tradition und industrieller Moderne (1846 – 1868), München 2002, S. 458.

[6] Siehe Somervell, D.C.: Geistige Strömungen in England des 19. Jahrhundert, Bern 1946, S.84f.

[7] Siehe Somervell, D.C., S. 85.

[8] Siehe Ebd., S. 68.

[9] Siehe Kraus, Oskar: Bentham, Kant und Wundt. Eine Einleitung zu Jeremy Benthams „Principles of international law“, in Jeremy Bentham: Grundsätze für ein künftiges Völkerrecht und einen dauernden Frieden, Halle a.S., S. 8.

[10] Siehe Somervell, D.C., S. 72.

[11] Siehe Bentham, Jeremy: Grundsätze für ein künftiges Völkerrecht und einen dauernden Frieden, Halle a.S. 1915, S.

[12] Siehe Sykes, Alan: The Rise and Fall of British Liberalism 1776 – 1988, London/ New York 1997, S. 63.

[13] Siehe Sykes, Alan, S. 60. oder Röder, Adreas, S. 464f.

[14] Siehe Sykes, Alan, S. 60.

[15] Siehe Searle, G.R.: Morality and the Market in Victorian Britain, Oxford 1998, S. 202. oder Metzler, Gabriele, S. 142.

[16] Diese Aussage ist strittig, da es Historiker gibt die aufzeigen, dass selbst Bentham für Kolonien eintrat, erst recht der radikale Flügel von Benthamschülern. Siehe: Semmel, Bernard: Die Philosophischen Radikalen und die Kolonien, in: Hans-Ulrich Wehler: Imperialismus, Köln/ Berlin 1970, S. 170 u. 174f. Für die These Bentham gegen Kolonien siehe Wende, Peter: Geschichte Englands, Stuttgart/ Berlin u.a. 1985, S. 264. oder Kennedy, Paul: Aufstieg und Fall der großen Mächte. Ökonomischer Wandel und militärischer Konflikt von 1500-2000, 4.Aufl., Frankfurt a.M. 2003, S. 246.

[17] Siehe Metzler, Gabriele, S.142f.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Frieden durch Freihandel? Eine theoriegeleitete Analyse der britischen Außenpolitik der Jahre 1846 - 1873
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn  (Historisches Seminar)
Veranstaltung
England im Viktorianischem Zeitalter
Note
2,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
15
Katalognummer
V54391
ISBN (eBook)
9783638496117
ISBN (Buch)
9783638747172
Dateigröße
504 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Frieden, Freihandel, Eine, Analyse, Außenpolitik, Jahre, England, Viktorianischem, Zeitalter
Arbeit zitieren
Damian Münzer (Autor), 2006, Frieden durch Freihandel? Eine theoriegeleitete Analyse der britischen Außenpolitik der Jahre 1846 - 1873 , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/54391

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Frieden durch Freihandel? Eine theoriegeleitete Analyse der britischen Außenpolitik der  Jahre 1846 - 1873



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden