Ziele und Grundlagen der Entwicklungspsychopathologie


Hausarbeit, 2001
14 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Allgemeines zur Entwicklungspsychopathologie
1.1 Definition
1.2 Merkmale
1.3 Aufgaben und Ziele

2 Historischer Überblick
2.1 Der Beitrag der Entwicklungstheorie
2.2 Der Beitrag der Psychiatrie

3 Erkenntnis- und wissenschaftstheoretische Grundlagen

4 Das Menschenbild in der Entwicklungspsychopathologie
4.1 Die organismische Metapher
4.2 Die mechanistische Metapher
4.3 Die kontextualistische Metapher

5 Forschungsfelder und –methoden in der Entwicklungspsychopathologie
5.1 Forschungsstrategien
5.2 Forschungsdesigns

6 Intervention

7 Literaturverzeichnis

1 Allgemeines zur Entwicklungspsychopathologie

1.1 Definition

Um Entwicklungspsychopathologie zu definieren, ist es zunächst notwendig, den Begriff der Pathologie genauer zu spezifizieren: sie wird als „Störung, Verformung oder Degeneration normaler Funktionen“ (vgl. Petermann, 1998) gesehen. Aus dieser Begriffsbestimmung folgt, daß man auffälliges Verhalten nur dann definieren kann, wenn man das Normale versteht; man lernt also mehr über die Abweichung, wenn man die Normalität untersucht und umgekehrt.

Nach Ansicht von Sroufe und Rutter (1984) „beschäftigt sich die Entwicklungspsychopathologie mit den Ursachen und dem Verlauf individueller Muster fehlangepaßten Verhaltens, ungeachtet des Alters bei Störungsbeginn, der einzelnen Ursachen und der Veränderungen im beobachtbaren Verhalten, und ungeachtet der Komplexität der Faktoren, die an der Entwicklung beteiligt sind“ (Sroufe und Rutter, 1984 nach Petermann, 1998). Andere Forscher definieren Entwicklungspsychopathologie als „das auffällige Verhaltensrepertoire, kognitive und sprachliche Funktionen, soziale und emotionale Prozesse sowie Veränderungen der anatomischen Strukturen und physiologischen Gehirnprozesse während der gesamten Lebensspanne“ (vgl. Cicchetti, 1999). Übereinstimmung besteht jedoch darin, daß man „den psychischen Funktionsstatus auf der Basis der Bewertung ontogenetischer, biochemischer, genetischer, biologischer, physiologischer, kognitiver, sozialkognitiver, sozioemotionaler und kultureller Bedingungen sowie aufgrund der Einflüsse durch Umgebung und Gesellschaft auf das Verhalten untersuchen“ (vgl. Cicchetti, 1999) sollte.

1.2 Merkmale

Die Entwicklungspsychopathologie gilt als integrativer Ansatz und soll durch das Erforschen der normalen Entwicklung und ihren Abweichungen das Verständnis der dazwischen liegenden Beziehungen fördern. Als Grundlagen der Entwicklungspsychopathologie dienen daher die Klinische und die Entwicklungspsychologie. Ein weiterer Einfluß ist der Zusammenhang zwischen Individuum, sozialem Kontext und Gen- und Umweltfaktoren, den man nur mit Hilfe eines interdisziplinären Ansatzes untersuchen kann. Jede Pathologie besitzt einen Prozeßcharakter, weshalb bei beim Vergleich von Entwicklungsverläufen die zeitliche Komponente berücksichtigt wird, was gleichzeitig die Nähe zur Entwicklungspsychologie ausdrückt.

Ein hauptsächliches Interesse der entwicklungspsychopathologischen Forschung besteht an Risikogruppen oder Bevölkerungsgruppen, die psychopathologisch auffällig sind. Man stellt sich die Frage, warum einige Menschen eine Störung entwickeln, wohingegen es bei anderen trotz (scheinbar analoger) ungünstiger Einflüsse zu Kompetenz und Anpassung kommt. Verbunden mit dieser Frage ist das Interesse an „Mechanismen und Prozessen, die die schlimmsten Folgen von Risikofaktoren mildern (vgl. Cicchetti, 1999). Risikofaktoren sind all jene Kräfte, die das Risiko für eine Störung erhöhen können.

Als weiteres Merkmal der Entwicklungspsychopathologie ist die Betrachtung der gesamten Lebensspanne (um Kontinuitäten und Diskontinuitäten zu erklären) zu nennen. Diese Sichtweise ist wichtig, weil die Entwicklung an jedem Punkt des Lebens eine positive oder negative Wendung nehmen kann. Jeder Lebensabschnitt bringt neue Vulnerabilitäten (Anfälligkeit eines Individuums gegenüber pathologischen Störungen) und Anforderungen, sowie Resilienz (Widerstandsfähigkeit von Personen gegenüber pathologischen Auffälligkeiten) und neue Möglichkeiten mit sich. Für einen Menschen wird es umso schwieriger zur normalen Entwicklung zurückzukehren, je länger er sich auf einem fehlangepaßten Weg befindet. Am ehesten findet er jedoch dann in die Normalität zurück, „wenn die Organisationsebene vor dem Zusammenbruch kompetent und adaptiv funktionierte“ (vgl. Cicchetti, 1999).

Ein letztes Merkmal der Entwicklungspsychopathologie ist die Mehr-Generationen-Perspektive, da die Eltern ihre Gene an die Kinder übertragen und auch den Entwicklungskontext bereitstellen. So kann man beispielsweise an der Depression ein klares Mehr-Generationen-Muster sehen.

1.3 Aufgaben und Ziele

Aufgabe der Entwicklungspsychopathologie nach Achenbach (1990, nach Petermann, 1998) ist es herauszufinden, „welches Problem in der frühen Kindheit, wie und während welcher Entwicklungsperiode zu erheben ist und welches der Probleme in der Kindheit als Vorläufer später auftretender Beeinträchtigungen angesehen werden kann“ (vgl. Petermann, 1998). Mit dieser Auffassung sind Früherkennung und Diagnostik die primären Ziele der Entwicklungspsychopathologie, mit dem Ziel, Störungen zu verhindern, bevor sie entstehen.

Übergeordnetes Ziel der Entwicklungspsychopathologie ist das Erklären von psychischen Störungen und ihre Vorbeugung. Hierfür ist eine Analyse von Risiko- und Schutzfaktoren und von Prozessen, die zu Störungen führen, notwendig. Als Schutzfaktoren werden all jene Kräfte bezeichnet, die die Auftretenswahrscheinlichkeit von Störungen verringern, bzw. ihre negative Wirkung dämpfen, wobei diese Schutzfaktoren nicht unbedingt positive Erfahrungen sein müssen.

Es ist zu beachten, daß ähnliche Ereignisse von Menschen unterschiedlich erfahren werden können und unterschiedliche Reaktionen hervorrufen können, die sich auf dem Kontinuum zwischen Normalität und Pathologie bewegen. Folglich können Gruppen von Individuen auch trotz eines vorliegenden Risikos adaptive Leistungen zeigen.

Die Entwicklungspsychopathologie ist also mehr als eine reine Symptombeschreibung. Rutter (1988, nach Petermann, 1998) definiert als Ziele der Entwicklungspsychopathologie Risikofaktoren zu identifizieren und „Mechanismen und Prozesse zu erforschen, über die solche Faktoren eine psychische Störung herbeiführen“ und betont zudem die Erklärung von Zusammenhängen zwischen psychischen Funktionsweisen und Einflußfaktoren. Damit sind Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen der normalen und pathologischen Entwicklung, Veränderungen im Verhalten, Verhaltensreorganisation und Wechselwirkungen zwischen der normalen und pathologischen Entwicklung zu beachten. Mit dieser Perspektive werden innere und äußere Faktoren der Resilienz und Vulnerabilität eines Menschen betont und die Eckpfeiler der Entwicklungspsychopathologie formuliert. Nach Petermann (1998) sind diese „die Untersuchung des normalen und abweichenden Entwicklungsverlaufs und die Suche nach biologischen, psychischen und sozialen Ursachen, das Erkennen von Risiko- und Schutzfaktoren, Vulnerabilität und Resilienz, einschließlich der pathogen wirkenden Mechanismen und Prozesse sowie die prospektive Betrachtung abweichenden Verhaltens im Einzelfall.“ Um diesen Ansprüchen gerecht zu werden und eine neue, eigenständige Disziplin zu begründen, brauchte es diverse Fortschritte in Theorie, Konzeptbildung und Methodik. Bisher bestehende Theorien mußten beispielsweise dahingehend verbessert werden, daß man mit diesen differenziert Entwicklungsverläufe vorhersagen kann, so daß man nicht nur den Entwicklungsstand erklären, sondern auch angeben kann, wie es zu diesem gekommen ist. Neue Konzepte integrierten z.B. kontinuierliche und diskontinuierliche Entwicklungsverläufe und hielten nicht länger an der Annahme fest, daß psychische Faktoren ausschließlich durch biologische oder soziale Faktoren bestimmt werden, sondern es zwischen diesen Faktoren eine Wechselwirkung gibt. Methodisch wurden nun auch beispielsweise multimodale Ansätze berücksichtigt, um möglichst viele Ebenen der Entwicklung analysieren zu können.

2 Historischer Überblick

Historische Wurzeln der Entwicklungspsychopathologie finden sich in vielen Gebieten und Disziplinen, weswegen die Entwicklungspsychopathologie auch als „Folge der Integration verschiedener, bis dato getrennter Disziplinen“ (vgl. Cicchetti, 1999) betrachtet werden kann.

2.1 Der Beitrag der Entwicklungstheorie

Bereits Aristoteles (384-322 v. Chr.) stellte fest, daß der Mensch eine Zielorientierung hin zu einer reiferen Form aufweist und Comenius (1592-1670) beschrieb eine Wechselwirkung von Anlage und Umwelt, woraus letztendlich beispielsweise Goodness-of-fit-Modelle und das Konzept der sensiblen Phasen hervorgingen. Einflußreich war auch Spencers (1900) „Entwicklungs-Hypothese“, die Entwicklung als einen Prozeß sieht – geleitet durch universelle Gesetze und Prinzipien. Durch Untersuchungen in der Embryologie konnte diese Hypothese jedoch widerlegt werden: man verpflanzte zellulares Gewebe in ein anderes Gebiet und konnte zeigen, daß ursprüngliche Nervenzellen – verpflanzt in Muskelgewebe, die Funktionen einer Muskelzelle übernehmen, d.h. daß der Kontext die Entwicklung organisiert und es damit keinen vorgefertigten genetischen Plan gibt (Spemann, 1938 nach Petermann, 1998). Aus diesem Ergebnis ergab sich auch der Schluß, daß dieselben Regeln der Ontogenese nicht zwingend für alle Kinder und Jugendlichen gelten (Baldwin, Baldwin & Cole, 1990 nach Cicchetti, 1999).

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Details

Titel
Ziele und Grundlagen der Entwicklungspsychopathologie
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Institut für Psychologie)
Veranstaltung
Seminar zur Entwicklungspsychopathologie
Note
1,0
Autor
Jahr
2001
Seiten
14
Katalognummer
V5440
ISBN (eBook)
9783638133104
Dateigröße
482 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ziele, Grundlagen, Entwicklungspsychopathologie, Seminar
Arbeit zitieren
Dipl.-Psych. Susanne Sassenberg (Autor), 2001, Ziele und Grundlagen der Entwicklungspsychopathologie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/5440

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