Symbol oder Zeichen - Eine Untersuchung zu Michael Meyer-Blancks Entwurf einer Symboldidaktik aus semiotischer Perspektive und der Versuch einer Anwendung auf das 'Symbol'/'Zeichen' Baum


Seminararbeit, 2003

22 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. Einleitung

1. Klassische Symbolhermeneutiken und semiotische Theorien
1.1. „Symbol” und „Zeichen” in der theologisch-phänomenologischen Symbolhermeneutik
1.2. „Symbol” und „Zeichen” in semiotischen Theorien
1.2.1. Die Polemik gegen jegliche Symbol-Zeichen-Dichotomie
1.2.2. Systematische Ergänzungen
1.2.3. „Semiotik” in der Rezeption Michael Meyer-Blancks
1.2.3.1. Charles Sanders Peirce
1.2.3.2. Charles William Morris
1.2.3.3. Umberto Eco
1.2.4. Bewertung der semiotischen Perspektive Michael Meyer-Blancks unter religionsdidaktischem Aspekt

2. Ein Anwendungsversuch der semiotischen Perspektive auf den Religionsunterricht am Beispiel Baum in Der Herr der Ringe
2. 1. Religionsunterricht als „kritische Semiose”
2. 2. Der Baum im Signifikationsprozess des Religionsunterricht
2. 2. 1. Der Baum in der Tolkienschen „Sekundärwelt"
2. 2. 2. Der Baum in der „Primärwelt"

3. Schluss

4. Verwendete Literatur

0. Einleitung

Gegenstand dieser Arbeit ist der Versuch des praktischen Theologen Michael Meyer-Blancks, in der (praktisch-) theologischen Diskussion um die sog. Symboldidaktik einen „zweiten Anlauf” (S. 7-9)[1] zu wagen. In Vom Symbol zum Zeichen expliziert er diesen Versuch. Zwar liegt inzwischen eine um ein Kapitel erweiterte Neuauflage dieser Schrift vor - da sich jedoch am theoretischen Ansatz nichts wesentliches geändert hat, werde ich die Erstauflage (1995) für meine Untersuchung zugrunde legen.

Da Meyer-Blanck sich für seinen symboldidaktischen Neuansatz einer der Didaktik im engeren Sinn eher fremden Wissenschaft – welche zudem ihr eigenes „Sprachspiel” (Wittgenstein) entwickelt hat – zugewandt hat, sind einige Bemerkungen über den eigentlichen Untersuchungsgegenstand hinaus notwendig. Fragliche Bezugswissenschaft ist die „Semiotik”. 1969 hat das Gründungskomitee der „International Association of Semiotic Studies” beschlossen, diesen Terminus als allgemeinen Begriff für ein Gebiet, welches zuvor von diversen Autoren unterschiedlich bezeichnet wurde, zu verwenden.[2] Das bedeutet, dass die Semiotik sich mit allen Phänomenen, die Zeichen sind resp. Zeichen sein können, beschäftigt. Dabei ist ihr Grundbegriff (Zeichen) selbst Gegenstand der Reflexion. M. a. W.: Semiotiker sind Wissenschaftler, die unter Zuhilfenahme von Zeichen über Zeichen als ihre Gegenstände – deren Funktionsweisen, Erscheinungsformen, etc. – nachdenken. Um sich bei ihren Zeichenanalysen nicht z. B. in semantische Paradoxien aufgrund dieser Selbstbezüglichkeit zu verstricken, hat sich in der Geschichte der Semiotik eine Art „Metasprache” oder besser - eine Notationskonvention, derer sich auch Meyer-Blanck bedient, etabliert. Da dies jedoch keine semiotische Arbeit ist, sondern der Versuch einer Analyse eines speziellen semiotischen Standpunktes (dem Meyer-Blancks), werde ich mich dieser Konvention, bis auf wenige ausgewiesene Ausnahmen, nicht bedienen. Gleichwohl werde ich, über die Standartkonventionen wie „” für Zitate, vage Begriffe, u. s. w. hinaus, die Gepflogenheiten der Sprachanalytik übernehmen und Anführungszeichen verwenden, um über sprachliche Ausdrücke zu sprechen.

Meyer-Blancks erklärtes Ziel seiner Rezeption der semiotischen Theorien C. S. Peirces, C. W. Morris` und U. Ecos mit Bezug zu den „klassischen Symbolhermeneutiken- und didaktiken” ist die Reformulierung der “Aufgaben für eine künftige semiotische Revision der Symboldidaktik” (S. 9). Diese Zielsetzung zerfällt in drei wesentliche Aspekte: (i) Die Revision beginnt bei den Grundbegriffen der Symboldidaktik – sie ist zunächst eine „terminologische Revision” (S. 100) (ii) Unter der semiotischen Perspektive müssen die Aufgaben der Religionsdidaktik neu formuliert resp. neu gestellt werden. (iii) Die Revision ist eine vorläufige – eine „Vorlage”, die noch „kein Treffer” (S. 9) ist.

Zu (i): „Symbol” qua Grundbegriff z. B. der Symboldidaktik hat in der praktischen Theologie v. a. nach der Rezeption der hermeneutischen Symboltheorien P. Tillichs und P. Ricoeurs Einzug gehalten. Inzwischen wurden diese Modelle von z. B. psychologischer oder auch kulturphilosophischer Seite ergänzt, erweitert oder revidiert.[3] Da Meyer-Blancks Kritik bei den klassischen Symbolhermeneutiken, deren Symbolverständnis weitestgehend in die Symboldidaktiken z. B. H. Halbfas` oder P. Biehls eingingen, ansetzt, soll in einem ersten Schritt diese Kritik dargestellt und untersucht werden (1.1.). Im folgenden wird Meyer-Blancks positiver Entwurf, welcher die Rezeption dreier semiotischer Theorien umfasst und die „terminologische Revision” rechtfertigen soll , verfolgt und befragt (1.2.).

Zu (ii): Dieser Aspekt betrifft die Formulierung neuer oder veränderter Aufgaben, an denen sich zukünftige Symboldidaktiken (d. h. solche mit einer semiotischen Grundlegung) Meyer-Blanck zufolge orientieren sollten. Die Darstellung und Kritik diese neuen Aufgaben ist Inhalt von 2.1.

Zu (iii): Ob eine „Vorlage trefferfähig” ist oder nicht, sollte in der praktischen Theologie m. E. die jeweilige Praxis zeigen, d. h. in der Religionsdidaktik der Religionsunterricht (RU). Trotzdem möchte ich versuchen, am Beispiel des Symbols oder Zeichens Baum den neuen Ansatz Meyer-Blancks „praktisch“ zu prüfen. Dabei wird das Baumsymbol/-zeichen im Kontext der literarischen „Sekundärwelt” Der Herr der Ringe (DHdR) dem der “Primärwelt” und der Bibel gegenübergestellt (2.2.).

Die grundlegende, allen Aspekten immanente, Frage ist: Was legitimiert den Schritt „Vom Symbol zum Zeichen”?

Obwohl ich bei dieser Untersuchung versuche so weit wie möglich am Text zu bleiben, ist es in diesem Rahmen unabdingbar, dass einige Themen, die der Autor anspricht, nicht eingehender untersucht werden können. So z. B. die Bestandsaufnahme der Rezeptionen von semiotischen Theorien in Homiletik (S. 39-43) und Liturgik (S. 43-48). Auch auf die, von Peirce entwickelte und von Meyer-Blanck als „wichtig” für den Schulunterricht befundene (S. 61), Schlussmethode der „Abduktion” kann ich nicht näher eingehen, da die Behandlung dieser Problematik (i) beim Autor sehr undetailliert und unkritisch stattfindet und (ii) m. E. eher in eine Diskussion der Wissenschaftstheorie oder Logik als in eine spezielle Semiotik gehört.

1. Klassische Symbolhermeneutiken und semiotische Theorien

1.1. „Symbol” und „Zeichen” in der theologisch-phänomenologischen Symbolhermeneutik

Bei seinem knappen Durchgang durch die symboltheoretischen Ansätze, welche auf die Theologie im Allgemeinen und die Religionsdidaktik im Besonderen Einfluss nahmen, versucht Meyer-Blanck gemeinsame Merkmale v. a. der Entwürfe P. Ricoeurs und P. Tillichs heraus zu arbeiten. Dem Autor zufolge sind es insbesondere zwei Thesen, welche für die semiotische Kritik an den Symbolhermeneutiken Ricoeurs und Tillichs ausschlaggebend sind. (i) Die „Teilhabemetapher”, die eine Differenzierung zwischen Symbol und Zeichen rechtfertigen soll und (ii) die sprachliche Setzung von „Symbol” qua singulären Terminus resp. logisches Subjekt von dem prädiziert werden kann (S. 14 f.).

Zu (i): Bei der Rezeption dieser zwei Charakteristika der ”phänomenologischen Symboltheorie” – die Rede von der „Anteilhabe” oder „Teilhabe” und die Zeichen-Symbol-Dichotomie – ist Meyer-Blanck R. Roosen verpflichtet, der sie bereits 1990 in seiner Arbeit zum Taufsakrament in Frage stellte. Was aber besagt „Teilhabe” hier? P. Tillich meint dazu: „Dies ist der fundamentale Unterschied [zwischen Symbol und Zeichen]: Zeichen haben keinen Anteil an der Wirklichkeit und Mächtigkeit dessen, was sie bezeichnen. Symbole – obwohl sie selbst nicht dasselbe sind, was sie symbolisieren – partizipieren an Sinn und Macht dessen, was sie symbolisieren.”1,während es P. Ricoeur um eine „Angleichung meines Seins an das Sein"2 geht.

Meyer-Blanck betont zurecht, dass „Teilhabe” zwar ein konstitutives Moment beider Theorien beschreibt – die Intentionen Ricoeurs und Tillichs jedoch nicht unbedingt identisch sind (S. 19), denn das, woran das Symbol teilhaben lässt, ist bei Ricoeur das sog. Sein, bei Tillich sind es „ tiefere Schichten der Wirklichkeit und der Seele”3, die an diversen Stellen seines Werkes auch „Unbedingt-Transzendentes” oder „Sein selbst” genannt werden. Wichtig für den Gang der Untersuchung ist, dass die klassischen Symbolhermeneutiken einen letzten Bezugspunkt4 des Symbols kennen – sei es die Partizipation des Symbols an einer immanenten Entität (am „Sein”) oder seine Teilhabe an einer transzendenten Wirklichkeit („Sein selbst”, etc.). Sie versuchten je nach Intention (ontologisch/theologisch) zu klären, was ein Symbol „ist” und fanden eine Antwort in der Idee der repräsentierenden Teilhabe des Symbols am Symbolisierten.

Zu (ii): Das zweite Merkmal stellt sich bei genauer Analyse als ein rein sprachlogisches Problem heraus. Nach der Betrachtung eines Ricoeurzitats zeigt sich für Meyer-Blanck, „daß die Sprache des Symbols gewissermaßen Subjektcharakter hat” (S. 14). Symbole werden nach der Abhebung vom Zeichen quasi substanziell gedacht und zu „geheimnisvollen Wesen” (S. 15), welche „zu denken geben” (Ricoeur), „Selbstmächtigkeit” (Tillich) besitzen oder „zu lernen geben” (Biehl). Wenn man solche Prädikate, die in der symbolhermeneutischen und symboldidaktischen Tradition vom Symbol ausgesagt wurden, buchstäblich ernst nimmt, muss ein entsprechender Symbolbegriff unter logischem Aspekt opak erscheinen. Ein menschliches Subjekt kann etwas geben, Macht besitzen, etc. – vom Symbol als irgendwie tätiges Wesen zu sprechen, scheint nur metaphorisch sinnvoll zu sein. Mögliche Folgen dieses unscheinbaren Prozesses sind die Dezentrierung des eigentlich handelnden Subjekts - dem Symbolinterpreten –, sowie die Setzung eines „ontologisch aufgeladenen Symbolbegriffs” (S. 15) ohne faktische Grundlage, welcher schwer intersubjektiv kommunizierbar ist und somit gerade in didaktischer Hinsicht fatale Konsequenzen haben kann.

Fazit: M. E. hat Meyer-Blanck, natürlich selektiv und bereits aus einer ihrerseits noch zu prüfenden semiotischen Perspektive, mit seiner kurzen Analyse des Symbol- und Zeichenbegriffs in den Symbolhermeneutiken einige der wichtigsten Kennzeichen dieser Theorien angeführt. Zeichen werden als konnotationsarme, formalisierbare Operatoren den wirkmächtigen, assoziationsreichen Symbolen gegenübergestellt, welche dann auf ihren substantiellen Gehalt hin „hermeneutisch” beleuchtet werden können.

Aus der „Fülle der Sprache”1 schöpfend wird der Frage nach dem „ontologischen Status” und

dem „Wirklichkeitsbezug” des Symbols begegnet und dabei jene umfassendere nach den allgemeinen Symbolfunktionen, z. B. dem interpretierenden Symbolbenutzer, vernachlässigt. Diesen Mangel versucht Meyer-Blanck mit seiner Lesart der semiotischen Theorien zu kompensieren.

[...]


[1] Die Seitenverweise nach den Zitaten aus: Michael Meyer-Blanck, Vom Symbol zum Zeichen; finden sich im

laufende Text in runden Klammern. Alle weiteren Schriften werden mit Kurztiteln in Fußnoten zitiert. Vollständige Literaturangaben sind unter 4. angeführt.

[2] Siehe U. Eco, Entwurf, S. 30.

[3] Für eine psychologische Grundlegung der Symboldidaktik siehe v. a.: Heribert Wahl, Glaube und symbolische Erfahrung; Basel – Wien 1994.

1 P. Tillich, GW V, S. 214.

2 P. Ricoeur, Die Interpretation, S. 45.

3 P. Tillich, GW V, S. 216. [Hervorhebung von mir]

4 Vgl. z. B. Tillichs symbolhermeneutische Analyse des Gottesbegriffs als einerseits „Letztgemeintes” (Bezeichnetes/Denotat) und „irgendwie gedachtes Objekt mit Eigenschaften und Handlungen” (Bedeutung/Konnotation), P. Tillich, GW V, S. 207. Allerdings scheint Tillich aufgrund seines theologischen Symbolbegriffs das Denotat nicht gegenständlich zu verstehen.

1 P. Ricoeur, Symbolik des Bösen, S. 397.

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Details

Titel
Symbol oder Zeichen - Eine Untersuchung zu Michael Meyer-Blancks Entwurf einer Symboldidaktik aus semiotischer Perspektive und der Versuch einer Anwendung auf das 'Symbol'/'Zeichen' Baum
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Veranstaltung
Fantasy im Religionsunterricht - am Beispiel von Tolkins 'Der Herr der Ringe'
Note
1,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
22
Katalognummer
V54419
ISBN (eBook)
9783638496346
Dateigröße
460 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Eine Untersuchung zu Michael Meyer-Blancks Entwurf einer Symboldidaktik aus semiotischer Perspektive und der Versuch einer Anwendung auf das 'Symbol'/'Zeichen' Baum.
Schlagworte
Zeichen, Meyer-Blancks, Symboldidaktik, Versuch, Fantasy, Religionsunterricht, Herr der Ringe
Arbeit zitieren
Sebastian Wengler (Autor), 2003, Symbol oder Zeichen - Eine Untersuchung zu Michael Meyer-Blancks Entwurf einer Symboldidaktik aus semiotischer Perspektive und der Versuch einer Anwendung auf das 'Symbol'/'Zeichen' Baum, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/54419

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