Die Himmelfahrt der Lust oder die Höllenfahrt der kranken Seele. Zwei Versuche über Ottiliens Anorexie in Goethes "Wahlverwandschaften"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2002

18 Seiten, Note: 2,7


Leseprobe

Inhalt

Einleitung

I
I. Die Diskursanalyse.
2. Anorexia Nervosa (Magersucht)

II.
1. „Die Himmelfahrt der bösen Lust“ in Goethes „Wahlverwandtschaften“. Versuch über Ottiliens Anorexie
2. Ottilie als Beispiel einer Magersüchtigen – ein psychologischer Interpretationsversuch ihrer Anorexie

Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

Die folgende Arbeit beschäftigt sich mit zwei Interpretationsmöglichkeiten zu Ottiliens Anorexie in Goethes Roman „Die Wahlverwandtschaften“, der Diskursanalyse und einem psychologischen Interpretationsversuch.

Der ersten Teil dieser Arbeit ist als Theorieteil zu sehen. In ihm werde ich die Diskursanalyse nach Foucault und Lacanc erläutern und die Krankheit Anorexie, ihre Symptome und ihre Auslöser kurz beschreiben.

Den zweiten Teil dieser Arbeit nutze ich, um am Beispiel des Aufsatzes von Jochen Hörrisch „Die Himmelfahrt der bösen Lust“ einen diskursanalytischen Versuch über Ottiliens Krankheit zu zeigen und zu erläutern. Im Anschluss daran werde ich eine eigene psychologische Interpretation der Anorexie Ottiliens, auf der Basis neuerer psychologischer Forschung ,versuchen .

Ziel dieser Arbeit ist es zu zeigen, wie unterschiedlich Interpretationen sein können, betrachtet man das Problem aus verschiedenen Perspektiven.

I.

I. Die Diskursanalyse.

In diesem Kapitel werden die theoretischen Grundlagen der literaturwissenschaftlichen Diskursanalyse und ihre Übertragbarkeit auf die Literatur erklärt.

Ich beziehe mich dabei auf sekundärliterarische Texte von Norbert Bolz[1], Clemens Kammler[2], Hans Hiebel und Jürgen Fohrmann[3].

Die ursprüngliche Diskursanalyse ist

nicht in der Literaturwissenschaft entstanden. Die Begriffsbildung dieser Theorie geht auf den Franzosen Michel Foucault zurück. Foucaults methodisches Hauptwerk war die „Archäologie des

Wissens“[4] in dem er Methoden der Analyse historischer Wissensinformationen erklärte, nicht aber über die Literaturtheorie sprach. Zur Erläuterung seiner

Diskurstheorie ist sein Werk „ Die Ordnung des Diskurses“[5] das Bedeutsamste. Doch auch in diesem Werk konzipiert er seine Theorie nicht als Verfahren zur Beschreibung oder Deutung literarischer Texte.[6] Sah man in frühen Literaturtheorien die Interpretation als einzige Möglichkeit an, den Sinn eines Textes zu finden[7], so negiert Foucault dies völlig.[8] Er ist gegen einen kommentierenden Umgang mit Worten. Für Foucault hat die Interpretation ihren Ursprung in der biblischen Exegese. Sie setzt einen Überschuss des Signifikats (Gesagten) im Verhältnis zum Signifikanten (Zeichen) voraus.[9] Darauf basiert auch die Ansicht, das Werk als Gefüge aus Signifikanten, denen eindeutige Signifikate zugewiesen werden sollen, zu sehen. Der Sinn liegt nicht im So – Sein der Texte, sondern in deren Tiefenstruktur.[10] Der Kommentar stellt die Sprache als unlösbares Rätsel dar. „ Die Diskursanalyse verarmt den Sinn und verarmt es zum Ereignis des Sprechens.“[11] Um Foucaults Theorie zu verstehen, betrachtet man besten den Anfang seines Werkes „ Die Ordnung des Diskurses“.[12] Zu Beginn dessen äußert er den Wunsch, den Diskurs nicht selber beginnen zu müssen, sondern von der Stimme des Diskurses eingenommen zu werden, die den Diskurs beginnt. Er möchte demnach nicht mehr selber als Subjekt auftreten, sondern im Diskurs verschwinden.[13] Subjektives Sprechen, so sein Wunsch und seine Theorie, tritt hinter dem Diskurs zurück. Daran ist zu erkennen, dass er eine scharfe Unterscheidung zwischen Autor und Texte trifft. Für Ihn existiert der Text

unabhängig vom Autor. Er alleine ist der Ausgangspunkt für Interpretationen.[14] Foucault ist der Meinung, dass sich die sprachlichen Zeichen

(Signifikanten)verselbstständigen und dies den Diskurs ausmacht. Die Souveränität der Zeichen ist demnach der wesentliche Inhalt seiner Theorie. Die Eigendynamik der Signifikanten ist das Wesentliche des Textes. Der Autor ist Nebensache. Er ist nicht „geniales Schöpfer-Subjekt“ und alleiniger Urheber,[15] sondern lediglich „ ein Bündel von Funktionen zur Gruppierung von Texten“[16]. Als Subjekt ist er der Sprache unterworfen[17] Ausgehend vom lateinischen Begriff Diskursus, der vom Wort discurrere (hierhin und dorthin laufen)abgeleitet wird, definiert Foucault den eigentlichen Diskurs als eine strukturierte Menge von Äußerungen, die durch eine Diskursordnung geregelt ist. Der Diskurs hat den Willen zur Wahrheit, zur Moralität und zum Wissen, dies definiert die Menge der diskursfähigen Themen.[18] Er ist eine „ Rede, die sich nicht mehr vom Trugbild eines ursprünglichen wahren Wortes beirren lässt, die nur noch ist, was sie sagt“.[19] Der Diskurs ist eine Redeform, die zwischen Wissenschaft und Alltag anzusiedeln ist. An dieser Stelle zeigt sich schon die Schwierigkeit. diese Theorie auf die Literatur anzuwenden. Betrachtet man, dass Foucault vier Formen des Diskurses unterscheidet, zeigt sich diese Problematik um so deutlicher. Er charakterisiert den juristischen, den wissenschaftlichen, den politischen und den religiösen, nicht aber den literarischen Diskurs. Foucault selbst definierte, dass die Literatur eine Gegenposition zu den wissenschaftlichen und philosophischen Diskursen einnimmt. Erst Link sagte 1988, die Literatur sei ein Interdiskurs. Ein Diskurs, der mehrere Elemente anderer Diskurse gemeinsam hat.[20] Foucault erweiterte seine Theorie noch, indem er sagt, dass alle Diskurse das Epistem gemeinsam haben, eine übergreifende Regel, nach der sie alle funktionieren. Diese Episteme folgen im gesamten geschichtlichen Geschehen aufeinander. Gründe für das Abwechseln der Episteme liefert Foucault leider wenig. Die Aufgabe der diskursiven Praxis, ist es zu zeigen, dass die kommentierte Zuordnung von Bedeutung nicht Sache eines autonomen Subjekts, sondern der diskursiven Praktiken ist, die seine Rede ermöglichen.[21] In der heutigen literaturtheoretischen Praxis sieht man die Diskursanalyse nach Foucault, als eine Kritik die ohne den transzendentalen Bezug

auf eine Wahrheit[22] auskommt. Die Theoretiker suchen nicht mehr nach dem verborgenen Sinn, sondern lesen was da steht. Bekannt in der

literaturwissenschaftlichen Praxis sind aber auch noch andere Varianten der Diskursanalyse. Außer der historisch-genealogischen nach Foucault ist sicher auch noch die psychoanalytische nach Lacan zu nennen. Jacques Lacan war ein Interpret von Freuds Schriften. Er linguistisierte die Psychoanalyse. Lacan stellt die Sprache, von strukturalistischen Ansichten ausgehend ins Zentrum seiner Psychoanalyse .Er definiert den Menschen als ein sprechendes, symbolbildendes Tier.[23] Für Ihn tritt das Ausgesagte hinter den Aussagevorgang.[24] Zudem definierte er, dass das Unbewusste wie eine Sprache strukturiert sei.[25] Nur das unbewusst Gesagte, wie der Versprecher, verrät die Wahrheit, das bewusst Gesagte fällt in den Bereich des Wissens. Das Unbewusste wird während der Entwicklung mit Erlernen der Sprache geboren.[26] Lacanc überträgt Freuds Theorien ins Symbolhafte. Spricht Freud in seinen Abhandlungen über den Ödipuskomplex noch von der Angst des kleinen Jungen, von einer realen Kastration, die ihn weg von einem sexuellen Begehren seiner Mutter, zurück zum Vater treibt, so spricht Lacanc von einer symbolischen „Kastration“ , die durch das Nein oder den Namen des Vaters ausgelöst wird. Der Vater selbst ist das Symbol der Ordnung der Familie, er ist ein Signifikant.[27] Lacan meint, dass nur im Traum die Zuordnung von Signifikant und Signifikat[28] aufgelöst wird. Der Traum ist nicht nur Ausdrucksform unbewusster Bedeutung, wie bei Freud, sondern dies gilt für jede menschliche Artikulation.[29] An dieser Stelle zeigt sich die Übertragbarkeit der Theorie auf die Literatur , indem man versucht, das Gesetz eines gegebenen Zeichengefüges zu eruieren.

[...]


[1] Norbert W. Bolz: Goethes Wahlverwandtschaften: kritische Modelle und Diskursanalysen zum Mythos Literatur. Hildesheim: Gerstenberg 1981.

[2] Kammler, Clemens: Historische Diskursanalyse (Michel Foucault). In: Neue Literaturtheorien. Eine Einführung. 2., neubearbeitete Auflage. Hrsg. von Klaus – Michael Bogdal. Opladen: Westdeutscher Verlag 1997.

[3] Fohrmann, Jürgen; Harro Müller: Einleitung: Diskurstheorien und Literaturwissenschaft.

[4] Foucault, Michel: „Archäologie des Wissens“ Frankfurt a.M. 1975.

[5] Foucault, Michel: Die Ordnung des Diskurses. München: Carl Hanser Verlag 1974.

[6] Vgl. Kammler, Clemens: Historische Diskursanalyse (Michel Foucault). In: Neue Literaturtheorien. Eine Einführung. 2., neubearbeitete Auflage. Hrsg. von Klaus – Michael Bogdal. Opladen: Westdeutscher Verlag 1997,.S. 32 .

[7] Vgl. Fohrmann, Jürgen; Harro Müller: Diskurstheorien und Literaturwissenschaft Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1988,S.11.

[8] Vgl. Kammler, Clemens: Historische Diskursanalyse (Michel Foucault), S. 32.

[9] Vgl. Kammler, Clemens: Historische Diskursanalyse (Michel Foucault), S. S. 33.

[10] Vgl. Fohrmann, Jürgen; Harro Müller: Einleitung: Diskurstheorien und Literaturwissenschaft, S. 11.

[11] Norbert W. Bolz: Goethes Wahlverwandtschaften: kritische Modelle und Diskursanalysen zum Mythos Literatur. Hildesheim: Gerstenberg 1981, S.15.

[12] Foucault, Michel: Die Ordnung des Diskurses. München: Carl Hanser Verlag 1974.

[13] Vgl. Foucault, Michel: Die Ordnung des Diskurses, S. 5 ff.

[14] Vgl. Fohrmann, Jürgen; Harro Müller: Einleitung: Diskurstheorien und Literaturwissenschaft, S. 16.

[15] Kammler, Clemens: Historische Diskursanalyse (Michel Foucault), S. 45.

[16] Kammler, Clemens: Historische Diskursanalyse (Michel Foucault), S. 45.

[17] Vgl. Norbert W. Bolz: Goethes Wahlverwandtschaften: kritische Modelle und Diskursanalysen zum Mythos Literatur, S. 18.

[18] Vgl. Foucault, Michel: Die Ordnung des Diskurses. Carl Hanser Verlag, München 1974, S.11 f.

[19] Norbert W. Bolz: Goethes Wahlverwandtschaften: kritische Modelle und Diskursanalysen zum Mythos Literatur, S.12.

[20] Vgl. Kammler, Clemens: Historische Diskursanalyse (Michel Foucault), S. 47.

[21] Vgl. Kammler, Clemens: Historische Diskursanalyse (Michel Foucault), S.47.

[22] Vgl. Norbert W. Bolz: Goethes Wahlverwandtschaften: kritische Modelle und Diskursanalysen zum Mythos Literatur, S.13.

[23] Vgl. Hiebel, Hans H.: Strukturale Psychoanalyse und Literatur (Jacques Lacanc). In: Neue Literaturtheorien. Eine Einführung. 2., neubearbeitete Auflage. Hrsg. von Klaus – Michael Bogdal. Opladen: Westdeutscher Verlag 1997, S. 58.

[24] Vgl. Hiebel, Hans H.: Strukturale Psychoanalyse und Literatur (Jacques Lacanc). In: Neue Literaturtheorien. Eine Einführung, S. 57.

[25] Vgl. Hiebel, Hans H.: Strukturale Psychoanalyse und Literatur (Jacques Lacanc),S. 57.

[26] Vgl. ebd., S. 58.

[27] Vgl. ebd., S. 60.

[28] Vgl. ebd., S. 64.

[29] Vgl. ebd., S.64.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Die Himmelfahrt der Lust oder die Höllenfahrt der kranken Seele. Zwei Versuche über Ottiliens Anorexie in Goethes "Wahlverwandschaften"
Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen  (Germanistisches Institut der Rwth Aachen)
Veranstaltung
Goethes Wahlverwandschaften
Note
2,7
Autor
Jahr
2002
Seiten
18
Katalognummer
V54424
ISBN (eBook)
9783638496384
ISBN (Buch)
9783638747103
Dateigröße
536 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Himmelfahrt, Lust, Höllenfahrt, Seele, Zwei, Versuche, Ottiliens, Anorexie, Goethes, Wahlverwandschaften, Goethes, Wahlverwandschaften
Arbeit zitieren
Simone Meyer (Autor:in), 2002, Die Himmelfahrt der Lust oder die Höllenfahrt der kranken Seele. Zwei Versuche über Ottiliens Anorexie in Goethes "Wahlverwandschaften", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/54424

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