„Kurz vor Mitternacht. Ein Kino in den USA. Gespannt wartet das Publikum, darunter auch viele Kinder, auf die Premiere des neuen Batman-Films „The Dark Knight Rises“. Eine junge Frau twittert noch, dass der Film bereits 20 Minuten Verspätung habe. Dann geht es los. Etwa eine Viertelstunde später kommt ein schwarzgekleideter junger Mann mit Gasmaske, Helm und schusssicherer Weste in den Saal, wodurch er perfiderweise dem Böse-wicht im Batman-Film ähnelt. Später stellt sich heraus, dass er zudem seine Haare rot gefärbt hatte, so wie ein anderer mörderischer Schurke des Bat-man-Universums – der Joker. Der Mann zündet Tränengas und fängt an zu schießen, erst in die Decke, dann auf die Menschen. Wahllos. Diese halten es zunächst noch für einen Teil der Inszenierung. Doch nun merken sie, dass es tödlicher Ernst ist. Der 24-jährige Student ermordet zwölf Men-schen, darunter auch einen sechsjährigen Jungen und die Frau, die kurz vorher noch ihre Kurznachricht nach draußen gesandt hatte. Dazu kommen Dutzende Schwerverletzte. Später wird der Massenmörder festgenommen.“ (Thomas Hartmann: Gott im Himmel, das Böse auf Erden? Warum es Krankheit, Leid und Katastrophen gibt, Regensburg 2013, S. 11) Dies ist nur ein Beispiel der vielen Katastrophen, die in unserer Welt geschehen. Oft handelt es sich um Taten, die für uns unbegreiflich sind und aus moralischer Perspektive eigentlich nicht vorhanden sein sollten. Katastrophen ergeben sich aber nicht nur aus solchen Verbrechen beziehungsweise den Taten von Menschen, denn auch Naturkatastrophen wie Tsunamis oder Erdbeben können Leid in unserem Leben hervorrufen. Solche Übel in der Welt, welche keinem höheren Sinn nützen, stellen den Glauben an Gott in Frage. „Si deus est, unde malum? […] Wenn Gott existiert, woher kommt dann das Leid?“ Mit dieser Frage setzt sich das sogenannte Theodizee-Problem auseinander. Dieses Anliegen beschäftigt nicht nur Wissenschaftler, Theologen, Philosophen und Erwachsene. Auch Kinder im Grundschulalter und Jugendliche setzen sich bereits damit auseinander.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Theodizee-Problem
2.1 Theodizee: Was man darunter versteht
2.2 Voraussetzungen
3. Theodizee bei Kindern und Jugendlichen
3.1 Ausgangspunkt
3.2 Leiderfahrungen
3.3 Theodizee in Verbindung mit der Wahrnehmung der Religion und dem Gottesbild
3.4 Argumentationen als Lösungsansätze
4. Fazit
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die Positionen, die Kinder und Jugendliche zur Theodizee-Frage – also der Vereinbarkeit eines guten und allmächtigen Gottes mit dem Leid in der Welt – beziehen. Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Heranwachsende mit Leiderfahrungen umgehen, welche Rolle ihre Gottesbilder dabei spielen und welche spezifischen Argumentationsmuster sie entwickeln, um diesen Widerspruch für sich zu deuten oder aufzulösen.
- Theoretische Grundlagen und Voraussetzungen des Theodizee-Problems
- Empirische Einblicke in die Gedankenwelt von Kindern und Jugendlichen
- Der Zusammenhang von Leiderfahrungen und der Wahrnehmung der Religion
- Entwicklung und Kategorisierung von Lösungsansätzen und Argumentationsmodellen
- Die Rolle des Gottesbildes im Kontext der Leidbewältigung
Auszug aus dem Buch
3.4 Argumentationen als Lösungsansätze
Es wird die Meinung vertreten, dass man das Theodizee-Problem nicht mit Argumenten auflösen kann. Nichtsdestotrotz haben sich viele daran versucht, wie zum Bespiel der Philosoph Gottfried Wilhelm Leibniz, der noch heute für seine Theorie, dass Gott die beste aller möglichen Welten erschaffen hat, bekannt ist. Nicht nur bekannte Philosophen versuchen sich an einer Lösung, sondern auch Kinder und Jugendliche. Dies geschieht bei den Gruppen auf unterschiedliche Weise, wie Bucher in seiner Studie herausfand. Außerdem stellten sich bei seiner Untersuchung drei verschiedene Konzeptionen als Lösung des Problems heraus. Das erste Theodizeekonzept besagt, dass Kinder Gott als den Allmächtigen ansehen. Er kann somit Leid auf die Welt bringen, ohne, dass die Menschen Einfluss auf sein Vorgehen haben. Im Gegenzug ist Gott aber auch dazu fähig, Menschen zu helfen und sogar zu heilen. Gott kann in das Geschehen eingreifen und gute wie schlechte Dinge hervorbringen, somit erscheint er als „deus ex machina“. Manche Kinder befürworten hier auch ein dualistisches Gottesbild, das bedeutet, Gott ist für gute Taten verantwortlich, der Teufel für schlechte. Das Leiden wird in dem Fall also dadurch erklärt, dass Gott nicht dafür verantwortlich ist, sondern der Teufel.
Die zweite Konzeption steht unter der Aussage: „Wie der Mensch zu Gott, so Gott zum Menschen“. Kinder erkennen eine Beziehung zwischen menschlichem Handeln und der daraus resultierenden Handlung Gottes. Demzufolge könnte der Mensch durch sein Benehmen bewirken, dass Gott sich einmischt und den Menschen durch Taten würdigt, indem er zum Beispiel Leid abwehrt. Genauso kann der Mensch im Umkehrschluss durch schlechtes Verhalten Gott erzürnen und dadurch eine Bestrafung als Folge hervorrufen. Das Leid wird also als „Strafe Gottes für menschliches Versagen angesehen“. Leid hätte in diesem Fall eine Funktion, wenn man es aus pädagogischer Sicht betrachtet: es dient dem inneren Reifungsprozess. Der Mensch soll also aus seinen schlechten Taten lernen, in dem er von Gott dafür bestraft wird. Dieses Argument passt zu dem am Anfang erwähnten Fakt, dass Gott die Sintflut als Strafe hat geschehen lassen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt anhand eines aktuellen Katastrophenbeispiels in das Theodizee-Problem ein und verdeutlicht die Relevanz der Frage nach Gott und dem Leid für Kinder und Jugendliche.
2. Theodizee-Problem: Dieses Kapitel definiert den Begriff der Theodizee und erläutert die logischen Grundvoraussetzungen, wie die Existenz, Allmacht und Gutheit Gottes, die für das Entstehen dieser Fragestellung notwendig sind.
3. Theodizee bei Kindern und Jugendlichen: Hier werden die verschiedenen Perspektiven und Altersstufen untersucht, in denen sich Kinder und Jugendliche mit Leiderfahrungen und ihrem Gottesbild auseinandersetzen, wobei insbesondere die Argumentationsansätze und das Stufenmodell der Leidbewältigung beleuchtet werden.
4. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass es keine allgemeingültige Lösung für das Theodizee-Problem bei Heranwachsenden gibt, sondern vielfältige Ansätze, die eng mit der persönlichen Entwicklung und der Wahrnehmung Gottes verknüpft sind.
Schlüsselwörter
Theodizee, Leid, Gottesbild, Kinder, Jugendliche, Religion, Religionskritik, Allmacht, Gerechtigkeit, Leiderfahrung, pädagogische Sichtweise, freier Wille, Schöpfung, Gottvertrauen, Bewältigungsstrategien
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der Theodizee-Frage, also der theologischen und philosophischen Problematik, wie die Existenz eines allmächtigen und gütigen Gottes mit dem realen Leid in der Welt vereinbar ist.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Felder sind die Definition des Theodizee-Problems, die Bedeutung von Leiderfahrungen bei Kindern und Jugendlichen sowie die verschiedenen Gottesbilder und Argumentationsmuster, die junge Menschen zur Deutung von Leid verwenden.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu analysieren, welche Positionen Kinder und Jugendliche zur Frage nach Gott und dem Leiden einnehmen und wie sie diesen Widerspruch in ihrer Lebenswelt verarbeiten.
Welche wissenschaftliche Methode liegt der Arbeit zugrunde?
Die Arbeit basiert auf einer Literaturanalyse theologischer und pädagogischer Fachquellen sowie der Auswertung empirischer Studien zur religiösen Entwicklung und Weltbildern von Heranwachsenden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Voraussetzungen des Theodizee-Problems, die Arten der Leiderfahrung (z. B. malum morale), die Verbindung zum Gottesbild sowie die Entwicklung von Lösungsansätzen wie dem freien Willen oder pädagogischen Deutungen.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Wichtige Begriffe sind Theodizee, Leid, Gottesbild, Jugendliche, Religionskritik, Allmacht, Gerechtigkeit und Bewältigungsstrategien.
Wie unterscheiden sich jüngere Kinder und Jugendliche in ihren Lösungsansätzen?
Jüngere Kinder neigen dazu, Gott als „deus ex machina“ oder als strafende Instanz zu sehen, während Jugendliche eher den freien Willen des Menschen oder pädagogische Reifungsprozesse als Erklärung für das Leid anführen.
Welche Rolle spielen Medien bei der Wahrnehmung von Leid?
Medien konfrontieren Kinder und Jugendliche mit globalem Leid wie Kriegen oder Katastrophen, was oft Fragen nach der Rolle Gottes als Schöpfer hervorruft, der trotz Allmacht nicht eingreift.
- Arbeit zitieren
- Nina Hans (Autor:in), 2018, Theodizee-Frage. Welche Position beziehen Kinder zur Frage nach Gott und dem Leiden?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/544359