Die Termini Jakobsweg und Pilgerfahrt wurden bereits im Mittelalter mit bestimmten Vorstellungen verbunden und gewannen später mehr und mehr an Gewicht. Eine große Anzahl an Pilgern aus dem Spätmittelalter zielten darauf hin, ihre Eindrücke und Erlebnisse in schriftlicher Form festzuhalten. Aus diesem Grund machten sie sich Notizen, mit denen sie dann nach ihrer Rückkehr in die Heimat einen Reise- oder auch Pilgerbericht anfertigen konnten. Die Vielzahl an vorliegenden Berichten lassen nur erahnen, wie populär das Thema rund um das Pilgern im Mittelalter war.
Die Pilgerwege von heute, vor allem der Jakobsweg, sind immer noch sehr bekannt und beliebt. Von der UNESCO wurde der Jakobsweg sogar zum Weltkulturerbe ernannt. Der guten Infrastruktur, die viele Pilgerherbergen und gute ausgeschilderte Strecken und Wege vorzuzeigen hat, ist es zu verdanken, dass sich Hunderttausende aus der ganzen Welt jährlich in das Abenteuer des Mittelalters stürzen. So auch Hape Kerkeling, der bekannte Komiker aus Deutschland. Über seine Reise auf dem Jakobsweg verfasste er, wie viele Pilger aus dem Mittelalter, ebenfalls einen Reisebericht mit dem Titel „Ich bin dann mal weg“. Hier stellt sich die Frage, ob er sich dabei an mittelalterlichen Vorbildern orientiert hat oder ob er einfach nur irgendetwas Unüberlegtes niedergeschrieben hat. Die nachfolgende Arbeit soll diese Frage beantworten, indem sie aufzeigt, in welchen Zügen Kerkelings Werk mit Pilgerberichten aus dem Mittelalter übereinstimmt.
Ehe wir die deutschen Pilger mithilfe auserwählter Exempel auf ihre Pilgerreise begleiten, sollen die Begriffe Pilgern und Pilger erklärt werden, indem eine kleine Definition an das Thema heranführt und Motivationen und Ausstattung der Pilger aufgezeigt werden. Anschließend wird ein kurzer Abriss über Santiago de Compostela gegeben, damit man nachvollziehen kann, wo die Reise bei den ausgewählten Beispielberichten hinführte. Danach werden mehrere Pilgerberichte aus dem Mittelalter herangezogen, um einen Merkmalskatalog der Gattung zu erstellen. Daraufhin wird die Aufmerksamkeit auf den Bericht von Kerkeling gelenkt. Hierzu wird zunächst eine inhaltliche Zusammenfassung erstellt, die einen groben Überblick über das Werk gibt. Zuletzt werden die literarischen Muster an Kerkelings Bericht angelehnt und der erstellte Merkmalskatalog an dem Text überprüft, ehe die Ergebnisse in einem Fazit zusammengefasst werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Pilgern und Pilger
2.1 Pilgern und Pilger, was ist das?
2.2 Motivationen der Pilger
2.3 Ausstattung
3. Santiago de Compostela
4. Ein klassischer Pilgerbericht: Merkmale
5. Ein moderner Pilgerbericht: „Ich bin dann mal weg“ von Hape Kerkeling
5.1 Inhaltliche Zusammenfassung
5.2 Abgrenzung zum klassischen Pilgerbericht
6. Fazit
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die Gattung des Pilgerberichts, indem sie Merkmale mittelalterlicher Reiseaufzeichnungen definiert und diese dem modernen Bestseller „Ich bin dann mal weg“ von Hape Kerkeling gegenüberstellt, um Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der Erzählstruktur herauszuarbeiten.
- Definition und historische Entwicklung des Pilgerwesens.
- Analyse der zentralen Charakteristika klassischer Pilgerberichte anhand ausgewählter mittelalterlicher Beispiele.
- Inhaltliche und formale Untersuchung des Reiseberichts von Hape Kerkeling.
- Kritische Abgrenzung moderner Reiseerfahrungen von traditionellen Pilgerkonzepten.
- Vergleich von Beobachtungsgabe, Sprache und Individualität in den Werken.
Auszug aus dem Buch
5.2 Abgrenzung zum klassischen Pilgerbericht
Anhand dem oben erstellten Merkmalskatalog soll dieser moderne Bericht nun vom klassischen abgegrenzt werden.
Einen Prolog gibt es bei Kerkeling nicht, anders als bei von Harff. Der Komiker startet seinen Bericht direkt am ersten Tag seiner Reise, ohne dass es eine Vorgeschichte gibt. Er leitet zwar mit „Ich bin dann mal weg! Viel mehr habe ich meinen Freunden eigentlich nicht gesagt, bevor ich gestartet bin. Ich wandere halt mal eben durch Spanien […]“30 in sein Buch ein, jedoch kann man dies nicht als Prolog zählen. Dieses Kriterium wird hier also schon mal nicht erfüllt.
Anders sieht es da bei der Art der Aufzeichnungen aus. Denn Kerkeling führt, wie von Harff, während seiner Reise Tagebuch, auf dessen Grundlage auch das zu untersuchende Werk entstanden ist. Den Beweis hierfür findet man direkt zu Beginn der Lektüre:
Vor mir liegt ein fast leeres Tagebuch […]. Eigentlich hatte ich bisher noch nie das Bedürfnis, mein Leben festzuhalten – aber seit heute Morgen verspüre ich den Drang, jedes Detail meines beginnenden Abenteuers in meiner kleinen orangefarbenen Kladde aufzuzeichnen.31
Die Einträge beginnen stets mit dem zutreffenden Datum und dem Ort, an dem sich der Autor gerade befindet. Am Ende jeder Aufzeichnung steht die Erkenntnis des Tages. Dadurch ist eine gewisse Ordnung und Konsequenz wiederzufinden. Die Länge der Texte fallen sehr unterschiedlich aus, sie reichen von einer halben Seite bis hin zu mehr als 15 Seiten pro Tag. Dies ist immer abhängig davon, was Kerkeling an diesem Tag erlebt und gesehen hat. Zu jedem Tag gibt es einen Vermerk – außer zum 23. Juni. Die Begründung hierfür war Müdigkeit, weshalb er sich nicht aufraffen konnte, nach dem harten Tag noch Wörter zu Papier zu bringen.32 Da dies die einzige Ausnahme bleibt, lässt sich sagen, dass Kerkeling es mit seinem Tagebuch sehr ernst nahm und es akribisch führte. In diesem Punkt lässt sich eine Gemeinsamkeit mit den klassischen Berichten feststellen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Thematik der Pilgerberichte ein und formuliert die Forschungsfrage, ob Hape Kerkelings Werk als moderner Pilgerbericht in der Tradition mittelalterlicher Vorbilder betrachtet werden kann.
2. Pilgern und Pilger: Dieses Kapitel definiert den Begriff des Pilgers, beleuchtet die unterschiedlichen religiösen und persönlichen Motivationen und beschreibt die typische mittelalterliche Ausrüstung.
3. Santiago de Compostela: Hier wird die historische Bedeutung des Wallfahrtsortes und die Legende des Apostels Jakobus kurz umrissen.
4. Ein klassischer Pilgerbericht: Merkmale: Anhand dreier mittelalterlicher Beispiele wird ein Merkmalskatalog erstellt, der typische formale und inhaltliche Aspekte von Pilgerberichten festhält.
5. Ein moderner Pilgerbericht: „Ich bin dann mal weg“ von Hape Kerkeling: Dieses Hauptkapitel fasst das Werk von Kerkeling zusammen und setzt es in direkten Vergleich zum erstellten Merkmalskatalog, um Übereinstimmungen und Abweichungen aufzuzeigen.
6. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und stellt fest, dass Kerkelings Bericht zwar viele Merkmale der Tradition aufgreift, aber auch deutliche moderne Unterschiede aufweist.
Schlüsselwörter
Jakobsweg, Pilgerbericht, Hape Kerkeling, Mittelalter, Santiago de Compostela, Pilgerfahrt, Reisebericht, Tagebuch, Religiosität, Individuelle Erfahrung, Arnold von Harff, Sebastian Ilsung, Wallfahrt, Merkmalskatalog, Moderne Literatur.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der literarischen Gattung des Pilgerberichts und untersucht, inwieweit moderne Reiseberichte wie der von Hape Kerkeling an mittelalterliche Traditionen anknüpfen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Felder sind die historische Definition des Pilgerns, die Analyse mittelalterlicher Gattungsmerkmale und die literaturwissenschaftliche Prüfung moderner Reiseaufzeichnungen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist die Beantwortung der Frage, inwiefern Hape Kerkelings Werk „Ich bin dann mal weg“ Merkmale eines klassischen Pilgerberichts aufweist oder ob es sich davon unterscheidet.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Verfasserin nutzt eine komparative Methode: Zunächst wird ein Merkmalskatalog aus mittelalterlichen Texten erstellt, der anschließend als Maßstab für die Analyse von Kerkelings modernem Text dient.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Herleitung der Merkmale des klassischen Pilgerberichts sowie die konkrete, detaillierte Abgrenzung des Kerkeling-Berichts von diesen Kriterien.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Jakobsweg, Pilgerberichte, Mittelalter, Hape Kerkeling und literarische Gattungsmerkmale charakterisiert.
Inwiefern unterscheidet sich Kerkelings Motivation von mittelalterlichen Pilgern?
Während mittelalterliche Pilger oft aus Buße, Gelübde oder Sündenvergebung reisten, basiert Kerkelings Entschluss primär auf dem Wunsch nach einer gesundheitlich notwendigen Auszeit nach einer Operation.
Wie bewertet die Autorin die Verwendung von Bildelementen im modernen Bericht?
Die Autorin sieht in den Fotos bei Kerkeling eine moderne Entsprechung zu den mittelalterlichen Illustrationen, die der Veranschaulichung dienen und den Leser näher an die Gedankenwelt des Autors heranführen.
Welche Rolle spielt die Sprache bei der Einordnung des Werkes?
Die Autorin stellt fest, dass Kerkeling trotz umgangssprachlicher Elemente primär in der Hochsprache schreibt, was einen deutlichen Kontrast zur oft einfacheren und bildarmen Sprache mittelalterlicher Autoren darstellt.
Zu welchem Schluss kommt die Autorin hinsichtlich der Gattungszugehörigkeit?
Das Fazit zeigt auf, dass Kerkeling zwar viele formale Gemeinsamkeiten mit klassischen Berichten teilt (z.B. das Führen eines Tagebuchs), aber aufgrund der abweichenden Sprache und Motivation nicht alle klassischen Kriterien erfüllt.
- Arbeit zitieren
- Nina Hans (Autor:in), 2018, Pilgerberichte nach Santiago de Compostela, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/544360