Ist aktives Vergessen unmöglich? Die Unmöglichkeit der Ars Oblivionalis nach Umberto Eco


Hausarbeit, 2020

14 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. Einleitung

2. Die Unmöglichkeit der ars oblivionalis
2.1 Mnemotechnik als Semiotik
2.2 Semiotik als Vergegenwärtigungsmittel

3. Ecos Strategien für das gezielte Vergessen
3.1 Gedächtnisverwirrung
3.2 Steganographie

4. Ergänzung

5. Schluss

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

„Trink ihn aus, den Trank der Labe,

Und vergiß den großen Schmerz,

Wundervoll ist Bacchus' Gabe,

Balsam fürs zerrißne Herz !“

(Schiller 1992: 343–347)

„Vergiss es!“ So sagen wir nicht selten im Alltagsleben. Seien wir ehrlich, haben wir alle Dinge, die lieber vergessen werden. Wir wollen das vergessen, was wir nicht mehr brauchen oder nicht mehr für richtig halten. Wir wollen unseren Kopf von traumatischen Erlebnissen, peinlichen Situationen und Demütigungen entlasten. Gibt es dann eine Technik, die das schnelle und aktive Vergessen ermöglicht? Die Antwort nach Umberto Eco 1988 in seinem Aufsatz An ‚Ars Oblivionalis?‘ Forget it! lautet „Nein!“1. Der italienische Semiotiker meinte, das Vergessen aus Versehen ist möglich, während das aktive Vergessen und daher eine ars oblivionalis unausführbar bleibt. Wie lässt sich diese Schlussfolgerung begründen? Welche Ansätze für die Stützung seiner Argumente verfolgte Umberto Eco? Wie steht seine Behauptung im Zusammenhang mit anderen Ansichten zum Thema „Gedächtnis“ von dem Vergessen her?

Einher mit der Beantwortung der Forschungsfragen sollen nachfolgend zwei Thesen zur wissenschaftlichen Überprüfung abgeleitet werden: Mnemotechnik ist eine Semiotik und Semiotik dient sich als Vergegenwärtigungsmittel. Danach werden Ecos Vorschläge für das Erzeugen der Oblivion (des Vergessens oder der Vergesslichkeit) präsentiert. Abschließend wird die vorliegende Hausarbeit Bücher und Beiträge, die in den Rahmen der Debatte zum Thema „Gedächtnis“ gehören, unter die Lupe nehmen und sie mit einander sowie mit Ecos These vergleichen.

2. Die Unmöglichkeit der ars oblivionalis

Ars oblivionalis ist die Kunst des Vergessens, die uns mittels angewandter Techniken zum aktiven Vergessen befähigen soll (vgl. Eco 1988: 254). Während Mnemotechnik oder ars memorativa, ihr kontradiktorisches Analogon, eine konverse Funktion hat, das Erlebte willentlich in die Gegenwart abzurufen. Warum fing Eco seine Begründung mit Mnemotechnik an? Erinnern und Vergessen sind zwei dichotomisch gegensätzliche Phänomene, „die sich vielleicht am einfachsten an dem verwandten Phänomen des Aufwachens und Einschlafens klar machen läßt“ (Assmann 1998: 191). Erinnern und Vergessen stehen zu einander in einer Beziehung der Kontravalenz, d.h. entweder erinnert man sich oder vergisst. Allerdings existiert zwischen ihnen auch noch die logische Äquivalenz. Erinnern und Vergessen sind notwendige und hinreichende Bedingungen für einander. Ohne das Erinnern sprechen wir sicherlich nicht mehr vom Vergessen und umgekehrt. Ohne die Existenz des einen, existiert das andere auch nicht. Auf die gleiche logische Denkweise lässt sich ebenso die Relation zwischen der Erinnerungskunst und der Vergessenskunst darlegen. Aus diesen Gründen ist es besonders sinnvoll, bei der Beleuchtung der Unmöglichkeit einer ars oblivionalis die Aufmerksamkeit für sein Gegenstück, und zugleich seine existenzielle Bedingung, die Erinnerungskunst, zu schenken. Auch aus denselben Gründen entsteht ein Paradox. Trotz der Existenz der Gedächtniskunst, kann es nach Eco eine solche Vergessenskunst nicht geben. Es ist genauso unmöglich wie der Versuch zum Einschlafen mit irgendeinem Hilfsmittel, ein „Gegenwecker“, obwohl man sich zum Zweck plötzlichen Aufwachens eines Weckers bedienen kann (vgl. Assmann 1998: 191). Im Folgenden wird der Grund für dieses Paradox nach Eco erklärt.

2.1 Mnemotechnik als Semiotik

In dem Aufsatz An Ars Oblivionalis erklärte Eco, dass Mnemotechnik und folglich das Erinnern sowie das Vergessen nicht durch neurophysiologische oder psychologische Kategorien betrachtet werden sollten, sondern durch Semiotik. Denn gerade der interne Mechanismus eines neurophysiologischen Phänomens wie Aphasie musste mithilfe linguistisch – semiotischen Begriffen erklären lassen.2

Bei der Mnemotechnik wird ein Objekt x an ein Objekt y den Gedanken beruhend verknüpft,3 also eins steht für das andere, genau wie das Verhältnis zwischen dem Bezeichnenden und dem Bezeichneten in der Semiotik. Diese Funktionsweise der Mnemotechnik erfüllt dann die grundlegende Eigenschaft eines semiotischen Zeichens: „Stellvertreter-Funktion“ (Busch und Stenschke 2007: 18). Ein Unterschied besteht jedoch darin, dass der Bezeichnende in der Mnemotechnik nach Eco oft ein mentales Bild ist, während ein semiotischer Bezeichnender in der Regel „materiell“ und „messbar“ auftritt (Busch und Stenschke 2007: 21). Für diesen Kontrast erklärte Eco, seit Ockham bis zu Peirce akzeptierte man schon immer die Idee, dass ein mentales Ikon oder Konzept auch ein Zeichen (Zeichenträger oder Bezeichnender) sein kann (vgl. Eco 1988: 255).

Als ein weiteres Argument für die semiotische Beschaffenheit der Mnemotechnik verglich Eco ihre ausführliche Form mit der Struktur sprachlicher Zeichen, die auf de Saussure zurückgreift.4 Nach Eco verwendet die Mnemotechnik ein syntaktisches System von loci (Orten), das für die Aufbewahrung von Bildern eingerichtet wird. Jedes Bild dieses Systems hat die Funktion wie die Funktion einer lexikalischen Einheit, das eine sinngemäße Bedeutung in einem anderen System des „res memorandae“ (lat.: res = Sache, Ding; memorandae = Partizip von erwähnen, aus dem Gedächtnis hervorrufen;5 einem Inhaltssystem) trägt. Bilder und ihre Bedeutungen werden durch Assoziativität verknüpft. Assoziativität wurde von de Saussure als das psychologische Phänomen beschrieben, dass der Ausdruck und der Inhalt (in diesem Fall Bilder und ihre Bedeutungen) im Gedächtnis mit einander assoziiert sind. Aber sie sind doch getrennt im Gedächtnis gespeichert, d.h. falls eine Störung passiert, können beide der Ausdruck und der Inhalt nicht gleichzeitig abgerufen werden. Dies lässt sich gut durch Tip-of-the-tongue-Phänomen beweisen.6 Das ist das Phänomen, das ein Wort oder ein Begriff aus dem Gedächtnis nicht abgerufen werden kann. Wir wissen, dass wir das Wort oder den Begriff kennen und haben das Gefühl, als ob wir das Wort gleich aussprechen können. Weil der Ausdruck und der Inhalt getrennt im Gedächtnis aufbewahrt sind, wird ein drittes Element als Vermittlerin gebraucht. Diese Vermittlerin ist nichts anderes als der Gedanke. Der psychologische Prozess der Zuordnung von einem Ausdruck zu seinem Inhalt mit Hilfe des Gedankens heißt Semiose. (vgl. Busch und Stenschke 2007: 28 f.)

Die Bedeutungen der Bilder werden (aber nicht immer) homolog nach der Struktur des Systems von loci innerhalb des Inhaltssystems organisiert und geordnet. Deswegen existiert hier eine doppelte Relation: die Relation zwischen der Syntax des Ausdrucks, also dem System von loci, und der Syntax des Inhalts (homologe Relation) einerseits, und die Relation zwischen den Bildern und ihre Bedeutungen oder Vorstellungen (assoziative Relation) andererseits (vgl. Eco 1988: 255).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2.1: Mnemotechnische Struktur nach Umberto Eco. Quelle: eigene Darstellung

Wie ähnlich ist die mnemotechnische Struktur einer Struktur sprachlicher Zeichen? Eco meinte, Bilder in mnemotechnischer Struktur spielen die gleiche Rolle wie die von sprachlichen Zeichen, die in sich immer zwei Aspekte beinhalten: Ausdrucksseite und Inhaltsseite. Wenn den Bildern ihre korrespondierenden Bedeutungen innerhalb des Inhaltssystems zuweisen lassen, dann haben sie auch die Grundeigenschaft sprachlicher Zeichen.7 Die Ausdrucksseite eines Bildes in der Mnemotechnik, also das Bild selbst, sind im Gegensatz zur Ausdrucksseite eines sprachlichen Zeichens, oft mentale Elemente. Über diesen Unterschied wurde oben bereits diskutiert. Außerdem entspricht das System des res memorandae (des Inhaltssystems), in dem die Bilder mit ihren Bedeutungen in strukturierter und organisierter Beziehung zu einander stehen, einem weiteren wesentlichen Merkmal der natürlichen Sprache: die Linearität (syntagmatische Beziehung).8

In der traditionellen Semiotik gibt es drei wichtige Aspekte zwischen der Ausdrucksseite und der Inhaltsseite eines Zeichens, die enges Verhältnis zwischen ihnen bestimmen: Arbitrarität, Assoziativität und Konventionalität.9 Arbitrarität ist die bloß willkürliche Relation zwischen dem Ausdruck und dem Inhalt. Zum Beispiel kann es nicht logisch erklärt werden, warum wir eine Blume „Blume“ nennen, warum die Vietnamesen die Blume „hoa“ nennen während die Japaner 花 (hana) etc. Falls ein Kind danach fragt, müssen wir vielleicht antworten: „Weil es so ist.“ Weil eine Blume mit der Bezeichnung „Blume“ assoziiert ist. Was ist nun Assoziativität? Wenn jemand das Wort „Blume“ hört oder sieht und dann hat er sofort die Vorstellung einer Blume im Kopf, sind das sprachliche Zeichen „Blume“ und das Objekt (Blume) mit einander im Gedächtnis assoziiert. D.h. wenn das eine da ist, ist auch das andere. Schließlich ist die Konventionalität, wobei die Menschen übereinstimmen, dass sie Arbitrarität und Assoziativität der Zeichen akzeptieren und sich an die beiden halten.

Das System des res memorandae (des Inhaltssystems), wie schon erwähnt, orientiert sich homolog nach dem syntaktischen System von loci. Daher besteht zwischen ihnen eine homologe Beziehung. Viel komplizierter ist jedoch die Beziehung zwischen ausdrücklichen Bildern und ihren Bedeutungen oder Vorstellungen (vgl. Eco 1988: 256). Es ist schon klar, dass jedes Bild mit einem Inhalt assoziiert wird. Die Frage ist, auf welche Weise. Nach Eco ist diese Assoziation nicht mehr willkürlich wie die in der Semiotik, sondern basiert auf die Similarität. Dieses Similaritätskriterium verursacht dann ein großes Problem, denn alles in der Welt kann ähnlich sein wie jedes andere (vgl. Eco 1988: 256). Wenn wir zwei beliebige Dinge in verschiedenen Aspekten betrachten, erkennen wir eventuell immer irgendwelche Ähnlichkeiten zwischen ihnen. Nach Eco können unterschiedlichen Gegenstände ähnlich sein in Hinsicht auf morphologische Merkmale, Aktion, Ursache, Effekt, etc.10 Das bedeutet, sogar die Similarität ist ziemlich arbiträr. Wegen dieser Arbitrarität der Similarität kann alles für alles stehen, alles ein Zeichen für alles sein (vgl. Eco 1988: 257). Arbitrarität bedeutet Abwesenheit der Logik und Anwesenheit der Subjektivität und Individualität. Deswegen bietet Mnemotechnik seinen Benutzern sehr viel Freiheit für ihre Imagination an.

Sich auf Cosmas Rossellius beruhend lieferte Eco einen weiteren präzisen Beweis für Mnemotechnik als Semiotik. Um uns mithilfe der Mnemotechnik an etwas zu erinnern, müssen wir zuerst mit dem System von loci vertraut sein. Genauer gesagt, um uns an etwas erinnern zu können, müssen wir uns erstmal an das loci -System erinnern können (vgl. Eco 1988: 258). Das bedeutet, Mnemotechnik setzt ein bestimmtes Vorwissen voraus, das bereits im Gedächtnis gespeichert werden sollte. Ohne das Vorwissen eines loci-Systems kann die Bilder nicht genau interpretiert werden. Die Voraussetzung eines spezifischen Vor- oder Weltwissens ist ebenso eine wesentliche Eigenschaft verschiedener Zeichentypen.11

Eine Besonderheit der Mnemotechnik ist, dass eine syntaktische Einheit (locus oder Ort) auch eine lexikalische Einheit (Bild) sein kann. X kann für Y stehen und umgekehrt. Ein Gegenstand kann die Rolle eines Ausdrucks oder auch eines Inhalts spielen (vgl. Eco 1988: S. 258). Es mag sein, dass die Mnemotechnik eine ziemlich flexible semiotische Struktur ist.

[...]


1 Eco, Umberto; Migiel, Marilyn (1988): An Ars Oblivionalis? Forget It! In: PMLA: Publications of the Modern Language Association of America, 103 (3), S. 254–261. (Im Folgenden zitiert als Eco 1988.)

2 Eco 1988, S. 254 f.

3 Eco 1988, S. 255.

4 Busch, Albert; Stenschke, Oliver (2007): Germanistische Linguistik. Eine Einführung. Tübingen: Narr (bachelor-wissen). Im Folgenden zitiert als Busch und Stenschke 2007, S. 21 – 27.

5 Online Latein Wörterbuch (2020). Online verfügbar unter https://www.frag-caesar.de/, zuletzt aktualisiert am 11.03.2020, zuletzt geprüft am 11.03.2020.

6 Busch und Stenschke 2007, S. 22 f.

7 Busch und Stenschke 2007, S. 21.

8 Busch und Stenschke 2007, S. 25.

9 Ebd., S. 22 f.

10 Eco 1988, S. 256.

11 Busch und Stenschke 2007, S. 19 f.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Ist aktives Vergessen unmöglich? Die Unmöglichkeit der Ars Oblivionalis nach Umberto Eco
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn  (Institut für Germanistik, Vergleichende Literatur- und Kulturwissenschaften)
Veranstaltung
Gedächtnis, Erinnerung: Bild, Literatur und ihre intermedialen Beziehungen
Note
1,3
Autor
Jahr
2020
Seiten
14
Katalognummer
V544577
ISBN (eBook)
9783346184351
ISBN (Buch)
9783346184368
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Intermedialität, Gedächtnis, Erinnerung, Umberto Eco, ars oblivionalis, Gedächtniskunst, Erinnerungskunst, Mnemotechnik, Vergessenskunst
Arbeit zitieren
Thi Nam Phuong Chu (Autor), 2020, Ist aktives Vergessen unmöglich? Die Unmöglichkeit der Ars Oblivionalis nach Umberto Eco, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/544577

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