Die Falle des Subjektiven - Psychologisches Erzählen in Henry James' "Das Durchdrehen der Schraube"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003
30 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1) Quint und Jessel als reale Geister

2) Viktorianischer Zwiespalt und sexuelle Hysterie

3) Die Falle des Subjektiven

4) Die Geister als Projektionen des Selbst

5) Psychologische Erzählkunst – Erzähltechnik, Ambivalenz und moralische Aspekte

Zusammenfassung und Schlussgedanken

Einleitung

Henry James’ Erzählung Das Durchdrehen der Schraube gilt als eine der meistdiskutierten, umstrittensten Novellen der Literatur des 19. Jahrhunderts. Schon die kategoriale Einordnung erweist sich als schwierig; sicher handelt es sich einerseits um eine Geistergeschichte – aber ist es nicht auch eine psychologische Tiefenstudie einer möglicherweise sexuell hysterischen, einer von viktorianischer Moral besessenen Gouvernante?

Es stellt sich die Frage, ob die Geister wirklich sind, oder ob es sich um Wahnvorstellungen der Gouvernante handelt – und gerade dass dies zu entscheiden unmöglich erscheint, macht James’ Novelle zu einem Meisterstück psychologischer Erzählkunst.

Henry James wurde am 15. April 1843 in New York City geboren, studierte in New York, London, Paris und Genf, siedelte 1875 nach England über und wurde 1975 britischer Staatsbürger. Als er am 28. Februar 1916 in seinem Landhaus in Sussex starb, hinterließ der produktive Autor zwanzig Romane, hundertundzwölf Erzählungen – darunter Prosastücke, Dramen und auch Reiseberichte – und zwölf Theaterstücke[1]. Als der jüngere Bruder des renommierten Philosophen und Psychologen William James zeigte auch Henry James ein ausgeprägtes Gespür für das Psychologische, was sich vor allem in den in höchstem Maße psychologisierenden Erzählungen seines Spätwerks niederschlägt[2].

Aber auch durch die Beschäftigung mit dem Parapsychologischen

trägt James dem Geist seiner Zeit Rechnung. Die Bewegung des Spiritismus, die sich, ausgehend von Amerika[3] nach Europa, vorwiegend England, ausbreitete, erwuchs zunächst dem Interesse an übersinnlichen Phänomenen, nahm jedoch bald religiöse Züge an. Häufig waren Spiritisten Menschen, die in den Dogmen der Kirche keinen Trost mehr fanden und im

Spiritismus einen Ersatz für das Christentum suchten, eine

Glaubensvorstellung, die im Zeitalter der Aufklärung Aussagen über das Leben nach dem Tod machte. Der Spiritismus gilt auch als „Gegenreaktion auf die mechanistische Sicht des Kosmos, die sich, beginnend mit Descartes im 17. Jahrhundert, während der Aufklärung des 18. Jahrhunderts durchzusetzen begann“[4] doch spiegelt er gleichzeitig ebenjene Entwicklung dieser Epoche wider, indem er sich ebenfalls wissenschaftlicher Methoden, empirischer Beobachtungen, Experimenten und Messungen bedient, sich also nicht allein auf den Glauben stützt. In jedem Fall aber zeigt die sprunghafte Ausbreitung des Spiritismus, ebenso wie die Tatsache, dass die Wissenschaft sich mit ihm auseinander setzte, das große Interesse an, oder besser: die Sehnsucht nach dem Übernatürlichen, dem empirisch nicht erklärbaren, dem, was über das Gewöhnliche der Welt hinausgeht, und was doch, um es mit Goethes Faust zu sagen, „im Innersten die Welt zusammenhält“. Man suchte im Grunde nach dem, was Shakespeares Hamlet meinte, als er sagte, es gebe „mehr Dinge im Himmel und auf Erden [...], als eure Schulweisheit sich träumt.“

Diese geistige Strömung schlug sich auch in der Literatur nieder. Zwar gab es auch zuvor schon Geistergeschichten; vor allem die Mitte des 18. Jahrhunderts aufkommenden Schauerromane mochten Einfluss auf die spätere literarische Entwicklung dieses Genres haben. Zu nennen sind beispielsweise Horace Walpoles Die Burg von Otrano (1765, dt. 1768) oder Autoren wie Mary Shelly, Edgar Allen Poe, Sheridan Le Fam und E.T.A. Hoffmann, doch „ihre Geschichten konzentrierten sich in erster Linie auf das Entsetzen, das das Übernatürliche hervorruft.“[5]

Zu den ersten Autoren von Geistergeschichten im engeren Sinne, die aus spiritistischen Fragen erwuchsen und solche aufwarfen, gehörten unter anderem Charles Dickens (Weihnachtsgeschichte, 1843), Charlotte Brontes (Villette) und Wilkie Collins (The Haunted Hotel, 1879).

„Bis zum Ende des Jahrhunderts hatte sich die Geistergeschichte als literarische Form etabliert, [...] Henry James setzte der Sache mit seinem meisterhaften Das Durchdrehen der Schraube (1898) das I-Tüpfelchen auf. Selbst sagte er davon, es sei eine Falle für den Unvorsichtigen.“[6]

James wusste nicht nur, wovon er sprach – er besuchte unter anderem Vorlesungen seines Bruders William über Spiritismus, und überdies war sein Vater, Henry James Senior, Swedenborgianer, der selbst auch über Theologie und Philosophie schrieb[7], – er entwickelte auch eine Erzählkunst, die mehr im Dunkeln lässt, als sie offenbart, und die in besonderer Weise mit der Phantasie und der Psyche des Lesers spielt. Das Durchdrehen der Schraube vereint die drei wesentlichen Themengebiete des Autors, nämlich Parapsychologie, individuelle Psyche und soziale Aspekte.

Diese Arbeit wird sich, unter Berücksichtigung unterschiedlicher Interpretationsansätze, mit der Ambiguität der Erzählung auseinandersetzen, sowie mit der zugrundeliegenden Erzählstruktur und der exakten Psychologisierung, wobei deutlich werden wird, dass Psychologie des Erzählens und Psyche der Charaktere in Das Durchdrehen der Schraube eng miteinander verknüpft sind. Es wird die Frage nach der Realität gestellt werden und die ebenfalls umstrittene Frage nach der Beschaffenheit des Horrors innerhalb der Erzählung.

Quint und Jessel als reale Geister

Eine junge Frau, Tochter eines Pfarrers, nimmt eine Stelle als Gouvernante zweier verwaister Kinder an. Eingestellt wird sie vom Onkel der Kinder, dem Bruder deren verstorbenen Vaters, welcher offenbar vermögend ist, da er in London in der Harley Street wohnt, einer zur Zeit der Handlung vornehmen Wohngegend, und den beiden Kindern ein Landgut mit dem Namen Bly sowie mehrere Bedienstete zur Verfügung stellt. Doch gibt dieser Onkel der Gouvernante deutlich zu verstehen, dass er bezüglich der Kinder oder etwaiger Vorkommnisse auf Bly unter keinen Umständen behelligt werden möchte, aus welchen Gründen auch immer, dass sie „weder dringende Bitten an ihn richte noch sich beklage, noch wegen irgend etwas schreibe; dass sie mit sämtlichen Problemen ausschließlich selbst fertig werde.“[8] So ist die unerfahrene Gouvernante auf sich selbst gestellt, und wird auch angesichts ihrer neuen Pflichten und ungewohnten Verantwortung von Zweifeln geplagt; schon bevor sie die Stelle antritt sieht sie sich von „Zweifeln bedrängt und bekam tatsächlich das sichere Gefühl, einen Fehler gemacht zu haben“[9] und auch einen Tag nach ihrer Ankunft auf Bly empfindet sie „eine leichte Niedergeschlagenheit, die dadurch hervorgerufen wurde, dass mir das genauere Ausmaß meines neuen Aufgabenbereichs erst klar wurde, als ich ihn gründlich durchging, [...]. Er hatte in Wirklichkeit einen Umfang und eine Anhäufung von Verpflichtungen, auf die ich nicht vorbereitet war und denen gegenüber ich mir, unerfahren und ein wenig verängstigt wie ich war, doch etwas anmaßend vorkam.“[10]

Trost und Rückhalt findet sie, schon hier wie auch später in ihren Zweifeln die Geister betreffend, in der Haushälterin Mrs. Grose, einer einfachen Frau von geringem Bildungsstand, die weder lesen noch schreiben kann, aber zuverlässig, ehrlich, loyal und gutmütig ist; die Gouvernante selbst beschreibt sie als „beherzte, unkomplizierte, offene,

untadelige, kraftvolle Frau.“[11] Auch das einwandfreie Benehmen der beiden hübschen Kinder, des zehnjährigen Miles und der achtjährigen Flora, die sie mit zwei Cherubim vergleicht, ermutigt sie und lässt sie den Entschluss fassen, bei der Erziehung und Ausbildung der Kinder ihr bestes zu geben, sie nach besten Kräften zu „formen“.

Dies beschreibt im Wesentlichen die Situation, als die Gouvernante erstmals einer der beiden Geistererscheinungen ansichtig wird. Die Geister werden später durch die Haushälterin Mrs. Grose aufgrund der Beschreibung durch die Gouvernante als der ehemalige Bedienstete Peter Quint und als ihre Vorgängerin, die Gouvernante Miss Jessel, identifiziert, die beide auf mysteriöse Weise ums Leben gekommen sind. Die Gouvernante gelangt zu der Überzeugung, die beiden Geister verfolgen eine bestimmte Absicht, und zwar der Seelen der Kinder habhaft zu werden. Sie sieht ihre Aufgabe darin, die Kinder zu retten, und trotz Angst und Zweifel, die sie überkommen, beschließt sie, der Gefahr heroisch zu trotzen.

Da die Geschehnisse auf Bly nicht von einem auktorialen Erzähler, sondern von der Gouvernante selbst erzählt werden, beziehungsweise indem eine Figur der Rahmenhandlung aus dem Notizbuch der Gouvernante vorliest, zwanzig Jahre nachdem diese verstorben ist, und da niemand außer der Gouvernante Quint und Jessel sieht, auch nicht die eingeweihte Mrs. Grose, stellt sich für den Leser die Frage, ob die Geister objektiv existieren oder ob es sich um Wahnvorstellungen der Gouvernante handelt. Es wird sich zeigen, dass der Text Argumente sowohl für die eine als auch für die andere These liefert.

Was spricht nun zunächst für das tatsächliche Vorhandensein der Geister? Anzuführen sind hier zunächst allgemeine Attribute der beschriebenen Erscheinungen sowie Orte und Zeiten ihres Auftauchens. Es entspricht der allgemeinen Überzeugung der meisten Spiritisten, nur böse Menschen würden nach ihrem Tod zu Wiedergängern, dass auch Jessel und Quint, wie die Haushälterin Mrs. Grose sich erinnert, eine höchst unmoralische Vergangenheit haben, dass sie ein Verhältnis gehabt haben

sollen, welches wegen ihres unterschiedlichen Standes sündhaft gewesen sei, und dass Quint generell den Ruf eines Lüstlings hatte. Die Gouvernante schließt sogar, dass beide, Quint und Jessel, die Kinder zu Sünden verführt haben könnten, welche der Text allerdings nicht explizit nennt, sondern der Phantasie des Lesers überlässt. Bis heute besteht die Vorstellung vom boshaften und gefährlichen Poltergeist oder vom bösen Geist, der von einer Person Besitz ergreift und von einem Exorzisten ausgetrieben werden muss.

Platon schrieb in seinem Buch Phaidon:

„Du kennst die Geschichten von den Seelen, die [...] ruhelos über Gräber und Friedhöfe wandern, [...]; es handelt sich dabei um genau jene Art von Erscheinungen, wie Seelen sie hervorbringen, die im Momente der Entlassung nicht rein waren, sondern noch Teile der sichtbaren Substanz mit sich führten, was erklärt, warum man sie sehen kann [...]. Ganz eindeutig sind dies nicht die Seelen der Guten; es sind die Seelen der Bösen, die als Strafe für die schlechten Taten im früheren Erdenleben dazu verdammt sind, an jenen Orten umzugehen.“[12]

Andererseits besteht auch die Ansicht, dass Geister neutrale Wesen seien, und „dass die böse Absicht wahrscheinlich eher vom menschlichen Subjekt ausgeht“[13], dass also der Mensch Teile seines Selbst auf die ihm erscheinenden Geister projiziert; auch dieser Aspekt wird in Bezug auf die Gouvernante noch eine Rolle spielen.

Abgesehen von den charakterlichen Eigenschaften, die dem allgemeinen Bild vom Wiedergänger entsprechen, stimmen auch Orte und Zeiten des Auftretens im Wesentlichen mit der Allgemeinen Vorstellung überein; meist spielen Schauergeschichten „in Spukschlössern, auf Friedhöfen und an anderen malerisch-gruseligen Orten“[14], und die Geister erscheinen nachts oder, wie hier, im trügerischen Zwielicht der Dämmerung oder der ersten Morgenstunden – bei der ersten Begegnung mit Quint

erscheint dieser hoch oben auf einem von zwei alten Türmen, die „in der Abenddämmerung drohend aufragten.“[15] Dem Leser wird also durchaus der Eindruck vermittelt, es handle sich um innerhalb der Erzählung real existierende Geisterwesen.

Doch sind dies keine Beweise für die Existenz der Geister, eher Indizien, die ebenso gut das Unterbewusstsein der Gouvernante erzeugt haben könnte, deren Vorstellungen von Geistern eben durch die allgemeine Vorstellung ihrer Kultur, wie sie in Geistergeschichten zum Ausdruck kommt, geprägt sind. Überzeugendere Hinweise finden sich in Gesprächen zwischen der Gouvernante und Mrs. Grose oder der Gouvernante und den Kindern, wobei vor allem dem Beachtung zu schenken ist, was nicht ausgesprochen wird, der Botschaft zwischen den Zeilen – dem, was vage bleibt.

Als den meiner Meinung nach deutlichsten und explizitesten Hinweis auf die objektive Existenz der Geister möchte ich die Szene anführen, in welcher die Gouvernante der Haushälterin Mrs. Grose Peter Quint beschreibt, ohne ihn je lebendig gesehen zu haben, so genau, dass diese ihn als den früheren Bediensteten des Brotherrn aus der Harley Street identifizieren kann. Zu der Szene kommt es nach der zweiten Begegnung der Gouvernante mit Quint, bei welcher sie ihm Auge in Auge gegenübersteht, getrennt nur durch ein Fenster. Außer sich vor Schreck berichtet sie Mrs. Grose:

„Er hat rotes, sehr rotes Haar, dicht gelockt, und ein fahles, langes Gesicht mit klaren, vorteilhaften Zügen und einem kleinen, ziemlich ungewöhnlichen Backenbart, der so rot ist wie sein Haar. Seine Augenbrauen sind um einiges dunkler [...] Seine Augen sind stechend, eigentümlich , entsetzlich [...]Sein Mund ist breit, seine Lippen sind dünn, und bis auf seinen kleinen Backenbart ist er völlig glattrasiert. Er macht auf mich irgendwie den Eindruck eines Schauspielers.“[16] S. 53

[...]


[1] Vgl.: „Henry James – 1843-1916, Biographie“; Internet: http://www.besuche-oscar-wilde.de/biographie/james.htm S. 1

[2] Vgl. ebd., S. 1, bezugnehmend auf die fünfbändige Biographie von Leon Edel [1953-1972]

[3] Die moderne Bewegung des Spiritismus nahm mit den Schwestern Fox in Rochester im Bundesstaat New York 1849 ihren Anfang. Vgl. hierzu: Internet: http://www.futuretown.de/computerviertel/infohighway/1/geisterwelt.html , S. 1

[4] ebd., S. 1

[5] ebd., Kapitel: Erfundene Geister, S. 1

[6] ebd., S. 2

[7] vgl. hierzu auch: Barbara Hardy: Henry James – The Later Writing; Northcode House Publishers Ltd, Plymbridge House, Plymouth, England, 1996; Biographical Outline, S. 6

[8] Henry James: Das Durchdrehen der Schraube; Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG, München 2001; S. 15

[9] ebd., S. 17

[10] ebd., S. 22

[11] ebd., S. 19

[12] Vgl. Internet: Futuretown / Welt der Geister, s. o.; S. 2

[13] ebd., S. 2

[14] Internet: Futuretown / Erfundene Geister, s. o.; S. 1

[15] Henry James: Das Durchdrehen der Schraube; s. o.; S. 36

[16] Henry James: Das Durchdrehen der Schraube; s. o.; S. 53

Ende der Leseprobe aus 30 Seiten

Details

Titel
Die Falle des Subjektiven - Psychologisches Erzählen in Henry James' "Das Durchdrehen der Schraube"
Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen  (Germanistisches Institut der RWTH-Aachen)
Veranstaltung
Hauptseminar: Spiritismus, Okkultismus, Gnostizismus
Note
1,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
30
Katalognummer
V54459
ISBN (eBook)
9783638496636
ISBN (Buch)
9783638692472
Dateigröße
555 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Eine Analyse des erzählerischen Meisterwerks von Henry James, "das Psychologie und Metapsychologie zu einem Knoten verflechtet, den erst der Tod zu lösen vermag - 'Das Durchdrehen der Schraube' als Spiegel des Mysteriums Welt."
Schlagworte
Falle, Subjektiven, Psychologisches, Erzählen, Henry, James, Durchdrehen, Schraube, Hauptseminar, Spiritismus, Okkultismus, Gnostizismus
Arbeit zitieren
Marcel Schaefer (Autor), 2003, Die Falle des Subjektiven - Psychologisches Erzählen in Henry James' "Das Durchdrehen der Schraube", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/54459

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