In dieser Arbeit wird der Umgang der Enkelgeneration mit der Thematik des Zweiten Weltkriegs auf den Grund gegangen. In Hinblick auf die nähere Betrachtung von Tanja Dückers Roman "Himmelskörper" ergeben sich vorab einige Fragen: Wie werden Erinnerungen gebildet und weitergegeben? Was ist Gedächtnis? Was sind Generationen und wie sind sie an eigenen und gemeinsamen Erinnerungsprozessen, insbesondere innerhalb des sozialen Konstrukts Familie, beteiligt? Welche Rollen und Beziehungen haben sie? Die Klärung dieser Fragen soll der abschließenden Analyse von Dückers Roman dienen. Diese soll darstellen, wie Dückers die einzelnen Aspekte in ihrem Roman aufgenommen hat, wie diese im Verlauf der Handlung im Zusammenhang eines Familiengedächtnisses wirken und wie sie letztendlich zu der Aufdeckung eines Familiengeheimnisses führen können.
Wir befinden uns in einer Zeit, in der es immer weniger Zeitzeugen des 2. Weltkriegs gibt. Seit einigen Jahren rückt daher zunehmend die Auseinandersetzung und Aufarbeitung der Geschichte durch die sogenannte "Enkelgeneration" (3. Generation) in den Vordergrund. Insbesondere die eigene Familiengeschichte ist wichtiger Bestandteil für Prozesse der individuellen Aufarbeitung und Identitätsfindung.
In der literarischen Welt ist der Umgang der Enkelgeneration mit diesem Thema zum Gegenstand und Inhalt einiger Werke geworden. So taucht auch Tanja Dückers in ihrem Roman in die Geschichte einer Familie ein, in der sich vieles um die Ereignisse der Kriegszeit dreht. Dabei tauchen im Laufe der Zeit einige Ungereimtheiten auf, die es aus Sicht der Enkelin zu klären gibt. Die Behandlung von Erinnerungsprozessen und der intergenerationelle Austausch bilden dabei den Handlungsrahmen.
Inhaltsverzeichnis
1. Motivation der Arbeit
2. Generationen, Erinnerungskultur und Familiengedächtnis
2.1 Was sind Generationen?
2.1.1 Wie konstituieren sich soziale Generationen?
2.1.2 Wie gestalten sich Beziehungen zwischen sozialen Generationen?
2.2 Erinnerungskultur
2.2.1 Gedächtnisformen
2.2.1.1 Das kollektive Gedächtnis
2.2.1.2 Das kommunikative Gedächtnis
2.2.1.3 Das kulturelle Gedächtnis
2.2.1.4. Das Familiengedächtnis
2.2.2 Konstruktion von Erinnerungen
2.3 Tanja Dückers „Himmelskörper“: intergenerationeller Austausch und Familiengedächtnis
3. Schluss und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, wie Erinnerungsprozesse und der intergenerationelle Austausch innerhalb einer Familie dazu beitragen können, verdrängte Familiengeheimnisse aufzudecken. Am Beispiel von Tanja Dückers’ Roman „Himmelskörper“ wird analysiert, wie die „Enkelgeneration“ durch kritisches Nachfragen und die Auseinandersetzung mit der Geschichte das idealisierte Bild der Vorfahren hinterfragt und ein „wahres“ Familiengedächtnis konstruiert.
- Soziologische Grundlagen des Generationsbegriffs und der Generationenbeziehungen
- Differenzierung verschiedener Gedächtnisformen (kollektiv, kommunikativ, kulturell, familiär)
- Die konstruktive und selektive Natur menschlicher Erinnerung
- Intergenerationeller Austausch als Medium der Vergangenheitsbewältigung
- Analyse der Rolle der „Enkelgeneration“ bei der Aufarbeitung nationalsozialistischer Familiengeschichte
Auszug aus dem Buch
2.3 Tanja Dückers „Himmelskörper“: intergenerationeller Austausch und Familiengedächtnis
Der Generationenroman „Himmelskörper“ der Autorin Tanja Dückers aus dem Jahr 2003 reiht sich in eine Vielzahl von Veröffentlichungen zum Thema familiäre/intergenerationelle Erinnerungskultur und Verarbeitung der Nazizeit ein. Ein besonderes Augenmerk gilt dabei dem Interesse der Enkel- an der Großelterngeneration, die den 2. Weltkrieg selbst erlebt hat. Dückers Roman enthält zudem die Problematik um den in die Öffentlichkeit tretenden Diskurs zu Flucht und Vertreibung, welches eher ein Tabuthema in der Auseinandersetzung mit dem 2. Weltkrieg darstellt.
Der Roman, im Spannungsfeld von Fiktionalität und Referenzialität stehend, wird aus Sicht der Ich-Erzählerin Freia Sandmann erzählt. Ihre Erzählungen geschehen rückblickend in Form einer späteren Ich-Erzählinstanz und reichen aus ihrer Kindheit bis in die Gegenwart. Träger dieser Geschichten sind hauptsächlich ihr Zwillingsbruder Paul, die Eltern Renate und Peter, die Großeltern Jo und Mäxchen, sowie Verwandte mütterlicherseits und Freias erster Freund Wieland. Durch die Aufnahme einiger wörtlicher Redeanteile, in denen die Großeltern immer wieder aus ihrem Leben erzählen, wird schnell deutlich, dass im Familienleben ein Thema gleichermaßen sagenumwoben-tabuisiert wie dominant war: der Zweite Weltkrieg, in dem der Großvater sein rechtes Bein verlor und in dessen Folge die Großeltern mit der damals fünfjährigen Mutter aus dem heutigen polnischen Gdynia [...] fliehen mussten.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Motivation der Arbeit: Einführung in die Relevanz der Aufarbeitung nationalsozialistischer Familiengeschichte durch die „Enkelgeneration“ und Vorstellung der Fragestellung anhand von Dückers’ Roman.
2. Generationen, Erinnerungskultur und Familiengedächtnis: Theoretische Fundierung der Begriffe Generation und Erinnerung, unterteilt in soziologische Konzepte und verschiedene Gedächtnisformen.
3. Schluss und Ausblick: Zusammenfassung der Ergebnisse, wonach das Hinterfragen familiärer Mythen den Weg zu einem authentischen Bild der Vergangenheit ebnet und das Potenzial für weitere literaturwissenschaftliche Analysen aufzeigt.
Schlüsselwörter
Familiengedächtnis, Erinnerungskultur, Enkelgeneration, Generationenbeziehungen, Nationalsozialismus, Vergangenheitsbewältigung, Identitätsfindung, Tanja Dückers, Himmelskörper, kollektives Gedächtnis, kommunikatives Gedächtnis, intergenerationeller Austausch, Familiengeheimnis, Konstruktion von Erinnerung, Verdrängung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit innerhalb von Familien durch die nachfolgenden Generationen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind Erinnerungskultur, die soziologische Definition von Generationen, die Funktionsweise des Familiengedächtnisses sowie der Umgang mit verdrängten historischen Wahrheiten.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, den Zusammenhang zwischen intergenerationellem Austausch, dem Abbau von Familienmythen und der Aufdeckung von Familiengeheimnissen am Beispiel von Tanja Dückers’ „Himmelskörper“ aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse, die durch soziologische und kulturwissenschaftliche Theorien zum Gedächtnis (u.a. von Assmann und Welzer) gestützt wird.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil erörtert zunächst theoretische Konzepte zu Generationen und Gedächtnisformen, um diese anschließend auf die Romanfiguren und deren spezifische familiäre Dynamik anzuwenden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich primär über Begriffe wie Familiengedächtnis, Aufarbeitung, Enkelgeneration und intergenerationeller Austausch definieren.
Welche Rolle spielt das „conversational remembering“ im Roman?
Es beschreibt die ritualisierte Praxis der Großeltern, immer wieder dieselben Geschichten zu erzählen, die als „Legenden“ das Familiengedächtnis stabilisieren, aber auch zur Verdrängung der Wahrheit führen.
Wie löst die Protagonistin Freia den Konflikt mit ihrer Familiengeschichte?
Freia durchbricht die „Mauer des Schweigens“ durch kritisches Nachfragen und die Sichtung des Nachlasses, wodurch sie das idealisierte Bild der Großeltern durch ein wahrheitsgetreues ersetzt.
- Quote paper
- Philipp Kaiser (Author), 2015, Der Umgang der Enkelgeneration mit dem Zweiten Weltkrieg. Generationen, Erinnerungskultur und Familiengedächtnis in Tanja Dückers Roman "Himmelskörper", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/544616