Das Nibelungenlied: Die Standesproblematik in der 14. Aventiure


Hausarbeit, 2004

15 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Die Senna
1.1 Das Mann - Motiv
1.2 Brünhild
1.3 Kriemhild

2 Der Streit der Königinnen
2.1 Der Streit unter vier Augen (814-830)
2.2 Kriemhilds Vorbereitungen für den Kirchgang (831-837)
2.3 Der Streit in der Öffentlichkeit (838-850)
2.4 Die Einschaltung Gunthers und die formelle Beilegung des Streits (851-862)
2.5 Hagens Eingreifen – der Mordplan (863-876)

3 Kriemhilds Wandlung

4 Zum Abschluss

Literaturverzeichnis

1 Die Senna

Die 14. Aventiure, auch Senna genannt, stellt einen entscheidenden Wendepunkt in der Geschichte um die Nibelungen und Burgunden dar. Wie Werner Hoffmann in seiner Interpretation bemerkt, treffen sich hier alle Handlungslinien des ersten Teils und werden mit den folgenden Geschehnissen verknüpft.[1] Somit rückt die 14. Aventiure Vorangegangenes wieder in die Gegenwart und bereitet gleichzeitig die Katastrophe – die Ermordung Siegfrieds und den damit verbundenen Untergang der Nibelungen - vor. Man kann deshalb von dieser Aventiure als Bindeglied zwischen Vergangenheit und Gegenwart sprechen.

Die Frage, aus der Streit zwischen den beiden Königinnen Kriemhild und Brünhild entflammt, dreht sich um die ständische Stellung von Siegfried. Ist Siegfried Gunther ebenbürtig oder ist er sein man, sein Vasall? Diese Frage quält Brünhild schon seit ihrer Hochzeit mit Gunther und ist auch der Grund dafür, dass sie sich ihm in der Hochzeitsnacht verweigert. Um die Ursache für den Streit eingehend zu beleuchten, muss man zunächst die vorhergehenden Aventiuren genauer betrachten.

1.1 Das Mann - Motiv

In der 6. Aventiure brechen Gunther, Siegfried und einige Gefolgsleute nach Isenstein auf, wo die schöne und starke Brünhild wohnt. Gunther möchte Brünhild zur Frau nehmen, doch Siegfried rät ihm von diesem Vorhaben ab, weil Brünhild nur denjenigen heiraten wird, der sie im Kampf besiegen kann. Doch auf die Bitte von Gunther erklärt sich Siegfried bereit, ihm bei seinem Vorhaben zu helfen. Allerdings nur unter der Bedingung, Kriemhild als Lohn für seine Dienste heiraten zu dürfen (388)[2]. Damit befindet sich Siegfried in einer Art Abhängigkeitsverhältnis: will er sein Ziel – die Hochzeit mit Kriemhild – erreichen, so kann er Gunther seine Bitten nicht abschlagen. Selbst zu einem erniedrigenden Botengang lässt er sich überreden (532).

Die Abmachung zwischen den beiden Königen – Siegfried sollte sich als Gunthers man ausgeben – teilt Siegfried auch den übrigen Gefährten mit. Gunther soll als der Starke erscheinen und mit dieser List Brünhild für sich gewinnen.

Zu der Frage, ob zwischen Gunther und Siegfried nun ein Dienstverhältnis gemäß dem Vasallitischen Vertrag besteht, äußert sich Wachinger wie folgt:

dienen kann

1. einerseits als höfische Aufwartung verstanden werden und somit eine ehrenvolle Unterordnung bedeuten
2. als entehrender Knechtdienst aufgefasst werden
3. allerdings auch die Bedeutung von „einen Gefallen tun“ annehmen. In diesem Fall handelt es sich lediglich um eine Höflichkeitsfloskel und es wird deutlich, dass auch Könige sich gegenseitig dienen können.[3]

Meines Erachtens handelt es sich im Fall von Siegfried und Gunther um die dritte der genannten Möglichkeiten, denn Siegfried soll für seine Mühe ausreichend belohnt werden. Und man sollte denken, dass Gunther seine Schwester nicht mit einem seiner Vasallen verheiraten würde. Darüber hinaus ist stets deutlich, dass Siegfried um Kriemhild dient. Sein Dienen ist also ein Mittel der Werbung.

1.2 Brünhild

Für Brünhild allerdings macht das Verhältnis zwischen ihrem Freier und Siegfried den Anschein eines Lehensverhältnisses. Vor allem der symbolische Bügeldienst (379) bestärkt sie in ihrer Überzeugung, dass es sich bei Siegfried um einen Lehnsmann Gunthers handelt. Somit ist es verständlich, dass sie sich über die unterlassenen Dienstleistungen von Seiten Siegfrieds wundert (724). Und als sie Gunther vorschlägt, seine Schwester und ihren Mann nach Worms einzuladen, dann ist es nicht wegen der schönen Zeit, die sie mit Kriemhild verbracht hat (729/730) – obwohl das abgesehen von ihrem Verweis auf die Gehorsamspflicht (728) eines ihrer Argumente ist -, sondern sie sieht darin vielmehr eine Möglichkeit, Antworten auf ihre Fragen zu bekommen. Ein Beweis dafür wären zum Beispiel die Erkundigen die sie über Kriemhild einholt:

Dô sprách ze dem márcgrâven des edelen küniges wîp:

„nu sagt mir, kumet uns Kriemhilt? hât noch ir schœner lîp

behalten iht der zühte, der si wol kunde pflegen?“

„si kumt iu sicherlîchen“, sô sprach dô Gêré der degen. (771)

In Kriemhilds Aussehen und ihrer höfischen Haltung versucht Brünhild Beweise für Siegfrieds Vasallenstatus zu finden. Hätte Kriemhild schœne und zuht verloren, so wäre Brünhild in ihrer Meinung bestätigt worden.[4]

Man kann also annehmen, dass Brünhild das Treffen mit ihrer Schwägerin absichtlich herbeigeführt hat, um sie mit den unterlassenen Dienstleistungen zu konfrontieren und sich über Siegfrieds Stellung Klarheit zu verschaffen.

Wie oben bereits erwähnt, beschäftigt Siegfrieds Rang Brünhild schon seit ihrer Hochzeit mit Gunther. Doch die Tatsache, dass sie beim Hochzeitsmahl wegen der ihres Erachtens unstandesgemäßen Hochzeit Kriemhilds weint (620,1), hat weniger mit Mitleid zu tun, als mit der Sorge um ihr eigenes Ansehen. Hätte Gunther seine Schwester tatsächlich mit einem Vasallen – wie reich er auch immer sein mag – verheiratet, so würde das auf seinen und damit auch auf Brünhilds Stand zurückfallen, denn der Rang der Ehefrau leitet sich stets von dem des Ehemannes ab. Gunther versucht zwar, seine Frau zu beruhigen und beteuert, dass Siegfried ein König wie er selbst ist (623,3), doch diese wird weiterhin von Zweifeln geplagt. Es lässt sich nicht mit Gewissheit sagen, ob Brünhild zu diesem Zeitpunkt schon etwas von dem Betrug, mit dessen Hilfe Gunther sie erobert hat, ahnt oder ob es Eifersucht ist, die aus ihr spricht, denn Brünhild hoffte einst, von Siegfried überwunden zu werden.

1.3 Kriemhild

Der Leser lernt Brünhild als standesbewusste und rangstolze Königin kennen, die sich der Macht ihres Mannes bewusst ist und Respekt für ihn fordert. Selbiges trifft auch auf Kriemhild zu. Ihr Verhalten ist ebenfalls durch machtpolitisches Denken geprägt (691,2-3) und es zeigt sich, dass sie Siegfried nicht nur als Mann liebt, sondern dass auch sein Ansehen eine Rolle für sie spielt (241). Darüber hinaus wird allerdings auch deutlich, dass Kriemhild Brünhild in Bezug auf Schönheit und Kultiviertheit überlegen ist. In ihr spiegelt sich das Ideal der höfischen Dichtung wider. Gleich zu Beginn des Werkes unterstreicht der Autor Kriemhilds äußeres Erscheinungsbild und damit gleichzeitig ihren Rang, denn Schönheit gilt allgemein als ein Zeichen für hohen Stand:

Es wuohs in Búrgónden ein vil édel magedîn,

daz in allen landen niht schœners mohte sîn,

(…). (2,1-2)

Es ist deswegen auch nicht verwunderlich, dass sie Siegfried heiratet, dann nach mittelalterlichem Verständnis musste die schönste Dame die des Helden sein.

Im ersten Teil der Dichtung wird Kriemhild als das höfische Ideal dargestellt, doch offenbart sich ihr anderes Wesen nicht erst im Streit mit Brünhild, sondern dem Leser wir schon kurz nach der Hochzeit bewusst, dass Kriemhild auf äußere Macht bedacht ist und selbstbewusst einfordert, was ich rechtlich zusteht (691, 2-3). Somit ist dem Autor nicht nur daran gelegen, ein möglichst genaues Bild von Kriemhild zu zeigen, sondern er will durch die Andeutung dieser Charaktereigenschaft das weitere Verhalten Kriemhilds vorbereiten (vgl. die 14. Aventiure und ihr Beharren auf der Ebenbürtigkeit Gunthers und Siegfrieds).

2 Der Streit der Königinnen

Hoffmann gliedert die 14. Aventiure in fünf Teile.[5] Dieser Gliederung möchte ich folgen, da sie meines Erachtens schon einen ersten Eindruck über den Ablauf des Streites ermöglicht.

2.1 Der Streit unter vier Augen (814-830)

Wie oben bereits erwähnt beschäftigt sich Brünhild schon seit der Doppelhochzeit (10. Aventiure) mit Siegfrieds ständischem Rang. In den folgenden Strophen bricht nun ein Streit zwischen den beiden Königinnen aus, der sich um die Frage dreht, welcher der Könige der mächtigere und ranghöhere ist.

Die Anfangsszene und somit die Frage, wer den Streit beginnt, ist in der Forschung kontrovers diskutiert worden. Ihlenburg liefert eine mögliche Interpretation der ersten Strophen. Er sagt, Kriemhild fordere den Streit heraus, weil sie sich als Gast am Wormser Hof nicht entsprechend verhalte und damit Gunthers Stellung als König missachte. Gleichzeitig verletze sie mit ihrem Benehmen Brünhilds Ehre (815, 3-4), die bekanntlich der Meinung ist, Siegfried ist Gunthers man. Mit ihrer Aussage über Siegfried wolle Kriemhild ihre eigene Machtposition betonen, die sich von Siegfrieds Rang ableiten lässt.

Im Gegensatz dazu stellt Schröder Brünhild als die Schuldige dar. Brünhild wolle die Machtverhältnisse nun endgültig klären und provoziere Kriemhild, die ihr aus Naivität die erhoffte Antwort gibt. Diese These wird gestützt durch das Argument, Brünhild habe die Situation gezielt arrangiert.[6]

Meines Erachtens trifft die Interpretation von Schröder am ehesten zu, denn es ist eindeutig abzulesen, dass Brünhild ihre Schwägerin nicht aus Freundschaft einlädt, sondern weil sie ihre Zweifel beseitigt sehen möchte. Die Frage ist nun, ob man Kriemhilds Verhalten als naiv bezeichnen kann. Zutreffender wäre die Bezeichnung unbedacht. Wenn Kriemhild sagt, Siegfried sollten alle diese Reiche untertan sein, dann spricht sie aus – vielleicht blinder – Liebe. Keinesfalls möchte sie daraus einen Herrschaftsanspruch ableiten, sondern es handelt sich für sie um eine objektive Tatsache, dass Siegfried alle anderen Männer übertrifft. Doch Brünhild missversteht sie (816). Für sie hört es sich so an, als beanspruche ihre Schwägerin Gunthers Macht für Siegfried, was für sie unverständlich klingen muss, da Gunther sie zwei Mal besiegt hat und somit der stärkere und mächtigere der beiden Männer ist. Kriemhild allerdings geht auf den Einwand Brünhilds nicht ein und fährt fort, von ihrem Mann zu schwärmen (817). Erst als Brünhild erneut den Rang Gunthers verteidigt (818), reagiert Kriemhild auf sie und betont die Ebenbürtigkeit der Männer (819,4). Doch Brünhild will sich damit nicht zufrieden geben und rechtfertigt ihre Meinung mit dem, was sie auf Isenstein gehört und gesehen hat und spricht ausdrücklich von einem Abhängigkeitsverhältnis (821, 2-3). Diese Einstellung ist nachvollziehbar, hat sie doch mit eigenen Augen gesehen, wie Siegfried Gunther in den Sattel half (397). In Kriemhild, die als standesbewusste Königin über eine derartige Herabsetzung empört sein muss, regen sich Zweifel, dass ihre Brüder einer Heirat mit einem Vasallen zugestimmt hätten und sie bittet Brünhild mit Verweis auf ihre Verwandtschaft, das Thema zu beenden (822). Doch als Brünhild sie mit den ausstehenden Lehndiensten konfrontiert (823, 2-3), wird Kriemhild zornig und erhebt Siegfried nun explizit über Gunther (824, 2-4). In ihren Augen verhält sich Brünhild hochmütig und anmaßend, was im Grunde der Wahrheit entspricht, Brünhild aber nicht wissen kann. Dieser Vorwurf der übermüete stellt für Brünhild eine Beleidigung dar. Die Diskussion hat nun ihren sachlichen Ton verloren und damit auch die Möglichkeit der friedlichen Beilegung. Brünhild, die nicht glauben kann, was sie hört, fordert einen Beweis für Siegfrieds und somit auch Kriemhilds Überlegenheit (826). Kriemhild reagiert selbstbewusst, betont ihre adelsfreie Abstammung (adelvrî) und die Überlegenheit ihres Mannes (tiwerr; 828, 1-2) und kündigt an, vor ihrer Schwägerin das Münster zu betreten (827). Mit den Begriffen adelvrî und tiwerr sind zwei wichtige Begriffe gefallen, die den Rang des Paares endgültig festlegen. Die Betonung von vrî ist aufschlussreich, weil auch Unfreie dem Adel angehören konnten und durch den Begriff tiwerr wird Siegfried davor bewahrt, für einen man gehalten zu werden, da es auch eine adelsfreie Vasallität gab.[7] Brünhild muss Kriemhild ihre adelsfreie Herkunft zugestehen, doch hätte sie diese, ebenso wie ihre Schönheit und zuht durch eine unstandesgemäße Hochzeit verloren. Die Folge dieser Auseinandersetzung ist die endgültige Trennung der beiden Königinnen (830).

[...]


[1] Hofmann, Werner, „Das Nibelungenlied.“. München: Oldenburg. 1974. S.24.

2 Die Strophenzahlen in Klammern beziehen sich auf: „Das Nibelungenlied“. Stuttgart: Reclam. 2002.

[3] Wachinger, Burghart, „Studien zum Nibelungenlied: Vorausdeutungen, Aufbau, Motivierung.“ Tübingen: Niemeyer. 1960. S.105-106.

[4] Ehrismann, Otfried, „Nibelungenlied. Epoche – Werk – Wirkung.“ München: Beck. 2002. S.92.

[5] Hoffmann, Werner. S. 24.

6 Ihlenburg, Karl Heinz, „Das Nibelungenlied. Problem und Gehalt.“ Berlin: Akademischer Verlag. 1969. S. 78-79.

[7] Ehrismann, Otfried. S. 96

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Das Nibelungenlied: Die Standesproblematik in der 14. Aventiure
Hochschule
Universität Regensburg
Note
2,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
15
Katalognummer
V54481
ISBN (eBook)
9783638496759
Dateigröße
466 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Nibelungenlied, Standesproblematik, Aventiure
Arbeit zitieren
Katharina Samaras (Autor), 2004, Das Nibelungenlied: Die Standesproblematik in der 14. Aventiure, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/54481

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