Das Ostjudentum und seine Beeinflussung durch die westliche Aufklärung - dargestellt in Pauline Wengeroffs Rememberings - The World of a Russian-Jewish Woman in the Nineteenth Century


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004
28 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I . Aufbau und Zielsetzung der Arbeit

II. Das Ostjudentum und die Beeinflussung durch die westliche Aufklärung
1. Die Herausbildung des Ostjudentums
2. Sepharden und Aschkenasen – der Unterschied zwischen
West- und Ostjuden
2.1 Die Strenge der Religionsausübung
2.2 Die unterschiedliche Weltanschauung
3. Assimilation und Akkulturation
4. Die Elterngeneration
4.1 Der Vater Yehudo Epstein
4.2 Die Mutter Zelda Epstein
5. Die Kinder
5.1 Die schulische Erziehung der Mädchen
5.2 Die schulische Erziehung der Jungen
5.3 Die Vorbereitung auf das spätere Leben als Ehefrau
5.4 Die Ausbruchsversuche der jungen Männer
5.4.1 Lilienthal
5.4.2 Die Haskalah
6. Ostjüdische Gemeinschaft, Tradition und Religion
6.1 Die ostjüdischen Bräuche im Alltag
6.1.1 Der koschere Haushalt bei Zelda Epstein
6.1.2 Pauline Wengeroffs Haushalt
6.2 Die ostjüdische Eheschließung
6.2.1 Chavehs Hochzeit
6.2.2 Paulines Hochzeit
7. Die Generation der Kinder Pauline Wengeroffs
8. Die traditionelle Kleidung
8.1 Das männliche und das weibliche Schönheitsideal
8.2 Die Trachten
8.2.1 Das Hemd
8.2.2 Die Fußbekleidung
8.2.3 Der Schmuck
8.2.4 Das Kleid

III. Die Frage nach der objektiven Wiedergabe der Geschehnisse

Literaturverzeichnis

I. Aufbau und Zielsetzung der Arbeit

Bei Rememberings. The world of a Russian-Jewish woman of the nineteenth century[1] handelt es sich auf den ersten Blick – wie schon der deutsche Titel nahe legt – um die Memoiren Pauline Wengeroffs. Doch auf den zweiten Blick entpuppt sich das Buch als eine detaillierte Beschreibung einer typisch ostjüdischen Familie und ihrer Beeinflussung durch aufklärerisches Gedankengut. Über drei Generationen hinweg wird die Gratwanderung zwischen Tradition und Assimilation bzw. Akkulturation eingehend beleuchtet.

Schnell spürt der aufmerksame Leser, dass der Verlust der Religion und die kulturelle Krise, in der sich die Autorin befindet, Motivation für die Darstellung sind. Doch was führte zu dieser Leere in dem einst ausgefüllten Leben Pauline Wengeroffs? Für sie steht fest, dass die Haskalah und der Assimilationsdruck die entscheidenden Faktoren waren.

Bevor in dieser Arbeit herausgearbeitet werden soll, inwieweit das Ostjudentum durch die westliche Aufklärung beeinflusst worden ist, ist es zunächst wichtig, auf die Charakteristika der ostjüdischen Tradition einzugehen. Dieses Kapitel bezieht sich einerseits auf die Herausbildung des Ostjudentums, andererseits auf die Unterschiede zum Westjudentum.

Der Hauptteil der Arbeit richtet sich im Aufbau nach der Primärliteratur. Die Veränderung der ostjüdischen Lebensweise soll anschaulich durch den Vergleich der drei bereits erwähnten Generationen geschildert werden.

Abschließend soll versucht werden, die Frage nach der Objektivität des Geschilderten zu beantworten. Dazu wird die Einstellung der Autorin zu ihrer eigenen Tradition untersucht und es soll geklärt werden, ob Pauline Wengeroff versucht, die positiven UND negativen Aspekte der Geschehnisse unabhängig von ihrem persönlichen Empfinden wiederzugeben.

II. Das Ostjudentum und die Beeinflussung durch die westliche Aufklärung

1. Die Herausbildung des Ostjudentums

Aufgrund der ungastlichen Lebensbedingungen der Juden in Osteuropa bildete sich ein besonderer Typus des Judentums heraus: das Ostjudentum. Nach Heiko Haumann entstand das Ostjudentum im 18. Jahrhundert in der „religiösen Sinnsuche zwischen messianischer Endzeiterwartung und frommer, lebensbejahender Einrichtung in der nun einmal so gegebenen Welt, in dieser Gratwanderung zwischen Bewahren der Lebenswelt bei gleichzeitiger Befreiung von sinnlos gewordenen Normen und einer oftmals dumpfen Flucht in die Mystik, […]“[2]. Der Begriff „Ostjudentum“ oder „Ostjude“ bezog sich dabei nicht nur auf einen geographischen Raum, sondern beinhaltete auch kulturelle Aspekte. Der Ostjude war besonders geprägt durch die Tradition und Erinnerung, wenngleich das nicht zwangsläufig bedeutete, dass er konservativ war. Wie Corinna Fishman-Levy schreibt, hatte gerade der Chassidismus, der von der Orthodoxie lange Zeit als jüdische Sekte angesehen wurde, die Herausbildung des typischen „Ostjuden“ zur Folge.[3] Der Chassidismus auf der einen Seite und der Typus des „Ostjuden“, der seine jüdische Tradition um keinen Preis aufgeben mochte, auf der anderen, machen den Konflikt deutlich, in dem sich viele Juden der damaligen Zeit befanden: die Assimilierung versprach ihnen zwar eine Erleichterung der Lebensbedingungen, doch sie waren sich gleichzeitig bewusst, dass die Einheit des Judentums langfristig an ihr zerbrechen würde, da die jüdische Religion und Tradition die Grundlage des Zusammenhaltes darstellten.

Eine Möglichkeit, die jüdische Religion und Kultur zu einer untrennbaren Einheit zu verbinden bot sich den Ostjuden in der Form des „Schtetl“. Dabei handelte es sich ursprünglich nicht um eine freiwillige Abschottung; vielmehr wurden die Juden von der ihnen feindlich gesinnten christlichen Umwelt immer stärker – sozial und räumlich – ins Abseits gedrängt. Andererseits erlaubte ihnen das „Schtetl“, sich abzuschotten und so ihre Kultur und Tradition ungestört zu entfalten.[4]

2. Sepharden und Aschkenasen – der Unterschied zwischen West- und Ostjuden

Nach der Zerstörung des Tempels und der rapiden Verschlechterung der Lebensbedingungen unter der Römerherrschaft, suchten viele Juden ihr Heil in der Diaspora. Zunächst führte sie ihre Flucht nach Babylonien und Mesopotamien, doch bald schon wandten sich die ersten Gruppen gen Europa. Die eine Gruppierung zog aus Mesopotamien und Ägypten kommend über Nordafrika nach Spanien, genauer gesagt nach Sepharad. Die zweite Wanderungswelle wählte den Weg über die Türkei, Griechenland und Italien nach Mitteleuropa. Dabei bildeten sich zwei neue kulturelle Zentren heraus: gemäß ihrer Wanderungsziele bezeichnet man diese beiden Gruppen als Sepharden und Ashkenasen (mit Ashkenas wird in der rabbinischen Literatur des Mittelalters Deutschland bezeichnet).[5]

2.1 Die Strenge der Religionsausübung

Durch diese Aufspaltung und bedingt durch die unterschiedliche kulturelle Umgebung wurde der Weg für die teilweise Differenzierung des jüdischen Glaubens geebnet. Dabei handelt es sich jedoch nicht um fundamentale Unterschiede, sondern eher um striktere bzw. weniger strikte Ausübung der Religion.

So kann im Allgemeinen gesagt werden, dass die Aschkenasen als strenger bezeichnet werden können als die Sepharden. Dies ist das Ergebnis einer sich über einen langen Zeitraum erstreckenden Entwicklung, die auf ökonomisch-historischen Bedingungen basiert. Beispiele für diese Strenge sind das Fasten und der Sabbat. Anders als die Sepharden fasten die Aschkenasen bei Neumond, am Montag, Donnerstag, und wiederum am Montag nach Pessach und Sukkoth. Auch fastet der Bräutigam am Tag der Hochzeit, was einem eindeutig deutschen Ursprung zu Grunde liegt. Bei der Einhaltung der religiösen Vorschriften weitet sich die Strenge der Aschkenasen auch auf die Nicht-Juden ihrer Umgebung aus: so dürfen deutsche Haushaltshilfen nicht einmal ihre eigene Kleidung am Sabbat nähen.

Da jegliche Arbeit am Sabbat verboten ist, hat sich bei den Aschkenasen eine besondere Art von Kleidung durchgesetzt: man trägt an diesem Tag prinzipiell keine Kleider mit Taschen, um zu vermeiden, Dinge, die in den Taschen vergessen wurden mit sich zu tragen.

2.2 Die unterschiedliche Weltanschauung

Verschiedenen Auffassungen in Bezug auf die Weltanschauung haben ihre Wurzeln im kulturellen Umfeld. Während die Sepharden positiv durch den Kontakt mit Arabern beeinflusst wurden, befanden sich die Aschkenasen stets in einer prekären Situation und lebten in großer Unsicherheit. Dies wirkte sich nachhaltig auf ihren Charakter aus und sie fühlten sich sündig und schuldig, was in die Tendenz zur Askese und zum Aberglauben mündete.

Findet man bei den Sepharden eine durchaus romantische Vorstellung für die Begründung der Leiden des jüdischen Volkes – Israel entspricht dem Herz des menschlichen Körpers, das weitaus empfindlicher als die übrigen Organe ist und Veränderungen demnach besonders stark spürt -, so erklären die Aschkenasen dieses Phänomen ausschließlich durch die begangenen Sünden, wie die Anbetung des Goldenen Kalbs.

Die bereits erwähnte prekäre Situation, in de sich die Aschkenasen befanden, äußerte sich in kontinuierlichen Verfolgungen. Die daraus resultierende ungewisse Zukunft und die sich ausbreitende Mystik hatten großen Einfluss auf das leben der Aschkenasen. Während die Verfolgungen sie an ihre Sünden erinnerte und sie ermahnte, diese wiedergutzumachen, so zeigte ihnen die Mystik, wie diese Wiedergutmachung gelingen konnte. Ein Beispiel für das durch Askese geprägte Leben ist die Tatsache, dass Aschkenasen kein Haus aus Stein bauen durften, da dies implizierte, dass sie die Hoffnung auf eine Rückkehr nach Israel aufgegeben haben.

Betrachtet man nun das Phänomen des Aberglaubens, der unter den Sepharden wesentlich weniger verbreitet war, so gibt es auch hierfür eine durchaus rationale Erklärung. Während die Sepharden in einer vergleichsweise aufgeklärten Umwelt lebten, war die Umgebung der Aschkenasen im Allgemeinen unkultiviert und durchtränkt von Aberglauben. So war es nur eine Frage der Zeit, bis dies auf sie abfärbte. So wurden die Juden in Deutschland beispielsweise in der Medizin beeinflusst. Auch in Pauline Wengeroffs Werk finden sich oftmals Verweise auf - aus heutiger Sicht – abergläubische Heilungsmethoden.[6]

3. Assimilation und Akkulturation

Die Tatsache, dass die Ostjuden in ihrem „Schtetl“ lebten, bedeutete nicht, dass sie vor antijüdischen Übergriffen geschützt waren. Aufgrund dieser Judenfeindlichkeit sahen vor allem die jungen Leute in einer Assimilation oder sogar Akkulturation eine Möglichkeit, ihre Lebensbedingungen zu verbessern. Der Eingriff Nicholas I. in das jüdische Schulsystem mit Hilfe von Max Lilienthal bedeutete einen ersten großen Einschnitt in die jüdische Kultur.

4. Die Elterngeneration

4.1 Der Vater Yehudo Epstein

„My parents were strictly religious, intelligent, spiritually advanced people.“[7] Mit dieser Charakterisierung beschreibt Pauline nicht nur die Religiosität und Gelehrsamkeit ihrer Eltern, sondern gleichzeitig macht sie deutlich, wie wichtig die Gelehrsamkeit für die Juden war. Hierbei ist anzumerken, dass sich der Begriff „Gelehrsamkeit“ ausschließlich auf die Theologie bezieht.[8] Wer sich als besonders begabt im Studium der religiösen Texte zeigte, war ein geachtetes Mitglied der jüdischen Gesellschaft. Die Jungen lernten im so genannten „Cheder“ den Umgang mit religiösen Texten. Darüber hinaus sah sich jeder männliche Jude verpflichtet, sein Wissen durch Selbststudium stetig zu erweitern.

Dem Vater – Yehudo Epstein – gelang es, die Gelehrsamkeit mit seinem Beruf zu verbinden, was zur damaligen Zeit nicht die Regel war. Viele Gelehrte widmeten sich ausschließlich ihren Studien und überließen ihren Frauen die Rolle der Ernährerin. Dennoch ist klar, dass die Religion für Yehudo Epstein stets an erster Stelle stand: erst nachdem er vom morgendlichen Gottesdienst aus der Synagoge heimgekehrt war, begann sein Arbeitstag.[9] Er gehörte, wie schon sein Vater zu der Klasse der „prodiadchiki“[10] – den hoch geachteten und einflussreichen Unternehmern. Dennoch fand er täglich die Zeit, sich um die Belange seiner Familie zu kümmern. Die Zeit nach dem Abendessen war für den familiären Austausch reserviert. Dabei fungierte Yehudo als Bindeglied zwischen Haus und Synagoge. Diese Art von Nachrichtenübermittlung – „gazeta pantoflowa“ - war zur damaligen sehr verbreitet, da nur wenige Zeitungen gedruckt wurden und die Exemplare nicht allen zur Verfügung standen.[11]

Wenn Pauline von ihrer Kindheit berichtet, dann befällt sie Nostalgie. Sie verlebte die ersten Jahre ihres Lebens in einer Familie, deren Zusammenleben von Stabilität und Wärme geprägt war. Sicherlich gab es auch bei den Epsteins Phasen der Disharmonie. Allerdings weiß die Autorin – bewusst oder unbewusst – die Schwächen ihrer Familie hinter ihrer liebenvollen Beschreibung zurücktreten zu lassen.

4.2 Die Mutter Zelda Epstein

Erinnert sich Pauline an ihren Vater vor allem wegen dessen Frömmigkeit, aber auch wegen der Geschichten, die er der Familie beispielsweise nach dem Abendessen erzählt, so denkt sie, wenn sie von ihrer Mutter spricht, hauptsächlich an eine Frau, die emsig bestrebt war, jedes Gebot und jeden religiösen Brauch zu beachten. Eine Situation, an die sie sich hierbei erinnert ist die Vorbereitung des Sauerkrautes. Zelda Epstein achtete peinlichst genau darauf, dass jeder Wurm von den Blättern des Krautes entfernt wurde – in Übereinstimmung mit dem jüdischen Gesetz – und belohnt jeden gefundenen Wurm.[12] Darüber hinaus erzählt sie auch von Zeldas inbrünstiger Leidenschaft bei ihren Gebeten und ihrem starken Glauben. Doch kein einziges Mal erwähnt sie, dass ihre Mutter sie in den Arm nahm oder ihr zärtlich über das Haar strich. Die Einschätzung der Mutter fällt dem Leser um einiges schwerer als die des Vaters, denn trotz dieser Strenge und beinahe Unnahbarkeit, ist es zum größten Teil Zelda Epsteins Verdienst, dass sich ihre Tochter so gerne an ihre Kindheitstage zurückerinnert.

[...]


[1] Wengeroff, Pauline: Rememberings. The World of a Russian-Jewish Woman in the Nineteenth Century. Hg. von Bernhard Dov Coopermann. Maryland: University Press of Maryland, 2000.

[2] Haumann, Heiko: Die Geschichte der Ostjuden. München: Deutscher Taschenbuchverlag. 1999.

S. 51.

[3] Fishman-Levy: Gemeinsame Wurzeln, verschiedene Wege. Kulturanthropologisch vergleichende Studie jüdische-aschkenazischen Lebens heute in der BRD und in Israel. o. A., 1996. S. 14.

[4] Fishman-Levy, S. 15/16.

[5] Haumann, S. 13.

[6] die Kapitel 2.1 und 2.2 beziehen sich auf: Simmels, Sebi J.: Ashkenazim and Sephardim: their relations, differences, and problems as reflected in Rabbinical reponsa. London: Oxford University Press, 1958. S. 187-267.

[7] Wengeroff, S. xiv.

[8] Haumann, S. 31.

[9] Wengeroff, S. 3.

[10] Wengeroff, S. 8.

[11] Wengeroff, S. 4.

[12] Wengeroff, S. 7.

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Das Ostjudentum und seine Beeinflussung durch die westliche Aufklärung - dargestellt in Pauline Wengeroffs Rememberings - The World of a Russian-Jewish Woman in the Nineteenth Century
Hochschule
Universität Regensburg  (Institut für Germanistik - Lehrstuhl für Neuere deutsche Literatur)
Veranstaltung
„Tewjes Töchter – Lebensentwürfe west- und ostjüdischer Frauen“
Note
1,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
28
Katalognummer
V54483
ISBN (eBook)
9783638496766
Dateigröße
586 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ostjudentum, Beeinflussung, Aufklärung, Pauline, Wengeroffs, Rememberings, World, Russian-Jewish, Woman, Nineteenth, Century, Töchter, Lebensentwürfe, Frauen“
Arbeit zitieren
Katharina Samaras (Autor), 2004, Das Ostjudentum und seine Beeinflussung durch die westliche Aufklärung - dargestellt in Pauline Wengeroffs Rememberings - The World of a Russian-Jewish Woman in the Nineteenth Century, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/54483

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