Rahel Levin Varnhagen - eine Autobiographie in Briefen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004
26 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Rahel Levin Varnhagen und der Privatbrief
1.1. Literarischer Privatbrief und literarisierter Brief
1.1.1 Der literarische Brief
1.1.2 Der literarisierte Brief

2. Selbstaufklärung und Selbstwiderspruch - Barbara Breysach über Rahel Varnhagen
2.1 Der wahre Brief - Rahel als Briefschreiberin der Romantik
2.2 Emanzipation durch Geselligkeit und Widerspruch als System
2.3 Erlösung des Einzelnen durch Selbsttherapie

3. Ein unentwegtes Selbstgespräch – Rahel E. Steiner über Rahel Varnhagen
3.1 Dem öffentlichen Leben fern geblieben
3.2 Der höchste Schmerz des Herzens
3.3 Zeugnisse des nie endenden inneren Selbstgespräches

4. „Aus dem Judentum herauskommen“ - Hannah Arendt über Rahel Varnhagen
4.1 Ein Beitrag zur Geschichte der deutschen Juden
4.2 Mit allen über alles sprechen
4.3 Wichtigkeit der Gefühle und Korrespondenz als eigentliche Freundschaft

5. Suche alle meine Briefe - Barbara Hahn über Rahel Varnhagen
5.1 Schreiben ohne Ordnung und Regeln
5.2 Rahels Handschriften als oberste Instanz
5.3 Das „Buch des Andenkens“ als Autobiographie

6. Rahel Varnhagen - Mehr als die Summe der einzelnen Teile
6.1. Der Brief als literarisches Kunstwerk
6.2 Eine Auswahl denkwürdiger Zeugnisse für Rahels Freunde
6.3. Die Seele spazieren gehen lassen: Rahels Art zu schreiben
6.4 Auf dem Terrain einer „ausgerotteten“ Geschichte

Quellenangabe

1. Rahel Levin Varnhagen und der Privatbrief

Von "poetische[n] Passagen, philosophische[n] und gesellschaftliche[n] Einsichten, Aphorismen, Literaturkritiken, Abhandlungen über Schauspielkunst, Tanz, Malerei und Musik, sogar Tagebucheintragungen“[1] ist die Rede, wenn Dieter Wunderlich in seinem Kurzporträt über Rahel Varnhagen ihre Briefe anspricht. Im Exzerpt seines im Regensburger Pustet Verlag erschienenen Buches „Eigen Sinnige Frauen. Zehn Porträts“[2] geht er unter der Überschrift „Eine schöne Seele“- angelehnt an eine Aussage Johann Wolfgang von Goethes über Rahel Varnhagen - auf die 1771 in Berlin als Rahel Levin geborene Jüdin ein, die in ihrem Leben über zehntausend Briefe an etwa 300 Adressaten schrieb.

Obwohl die meisten ihrer Briefe privater, ja fast schon intimer Natur sind, gibt Rahels Ehemann Karl August Varnhagen von Ense nach ihrem Tod die gesammelte Korrespondenz seiner Frau 1833 in gebundener Form als „Rahel. Ein Buch des Andenkens für ihre Freunde“ heraus. Noch zu Lebzeiten Rahels erarbeiten sie und Varnhagen das Editionsprinzip des Buches. Sie „findet […] nichts dabei, wenn die Briefe anderen Menschen zum Lesen weitergereicht werden“[3], und fordert ihre Adressaten dazu auf, ihre Korrespondenzen zu sammeln und aufzubewahren. Aus dem schriftlichen Verkehr mit zahlreichen Freunden, Bekannten und Verwandten bezieht sie eine geistige Unabhängigkeit, die ihre hilft, sich nicht als Opfer von Schicksal und äußeren Umständen aufzugeben, sondern ihre Vorstellung von einer humanistischen Gesellschaft im Kleinen zu verwirklichen und zu leben.

Dennoch sehen sich sowohl Rahel, als auch andere “romantische Jüdinnen“[4], die sich der Briefform bedienten, mit dem Vorwurf konfrontiert, der Brief zähle nicht zur Literatur als solche, und diene höchstens als biographisches oder historisches Dokument[5]. Nicht nur selbständige literarische Kreativität wird den Verfasserinnen von Briefen abgesprochen. Vielmehr seien die Schreibenden „beim ‚Räsonnement’ über das ihnen zur Verfügung stehende ‚Bildungsmaterial’ stehengeblieben“[6], wie es die von August Lewald herausgegebene Zeitschrift „Europa“ 1861 andeutet[7]. Dabei wird jedoch eine Differenzierung zwischen dem Brief in seiner eigentlichen Funktion (Privatbrief) und dem literarisierten Brief als uneigentliche Verwendungsform der schriftlichen Korrespondenz – und somit sicher nicht als dilletantisches „Hin- und Herschreiben“ anzusehen - nicht berücksichtigt. Diese Unterscheidung ist jedoch unerlässlich, wenn es darum geht, die Literarizität eines Briefes offen zu legen.

1.1 Literarischer Privatbrief und literarisierter Brief

Laut Sprachforscher und Dichter Caspar Stieler (1632-1707) „sey [ein Brief] eine Unterred oder Wechselung zwischen Abwesenden, in der Schrift bestehend“[8], während sich der Brief nach Angaben des Netlexikons „Wikipedia“ als eine zu Papier gebrachte Mitteilung definiert. Seine Geschichte lasse sich zurückverfolgen bis zu den Babyloniern, die „Nachrichten in Tontafeln ritzten“[9]. Dabei habe sich der Sinn und Zweck des Briefes seit den ersten Verfassern einer solchen Mitteilung im Wesentlichen nicht geändert: Er sei nach wie vor ein Medium zur „öffentlichen Meinungsäußerung (z.B. Leserbriefe […]), eine literarische Form (z.B. Goethes Briefroman ‚Die Leiden des jungen Werther’ […]) sowie ein Instrument zur Verbreitung amtlicher Nachrichten (z.B. kultusministerielle Schreiben)“[10].

Der Privatbrief ist somit eine der möglichen Verwendungsweisen der schriftlichen Korrespondenz. Er zeichnet sich insbesondere durch „Inoffizialität und Spontaneität“[11] aus, ist meist an einen einzelnen Empfänger gerichtet und nicht zur Veröffentlichung gedacht. Auch kennzeichnen ihn „Individualität, […] Vertraulichkeit sowie […] nicht Reproduzierbarkeit“[12]. Diese Auslegung basiert allerdings auf der Intimität der persönlichen Korrespondenz und sieht keine Publikation derselben vor.

Werden private Korrespondenz oder Briefsammlungen jedoch der Öffentlichkeit zugänglich gemacht oder bereits mit Blick auf spätere Veröffentlichung verfasst, so ist die eigentliche Verwendung der Briefform unter Umständen nicht mehr gewährleistet.

1.1.1 Der literarische Brief

Eine der Erscheinungsformen des Privatbriefes ist der literarische Brief, der beispielsweise in der Korrespondenz von Schriftstellern, Poeten und Künstlern anzusiedeln ist, die auch beim Schreiben privater Briefe „von Berufs wegen […] ihrem ästhetischen Sinn, ihrem Sinn für Form und Stil eher folgen und Geltung verschaffen“[13] als ein nicht-poetischer Verfasser. Kommt zu Rhetorik und Ästhetik jedoch eine uneigentliche Verwendungsweise, beispielsweise das Adressieren an eine nicht-private, begrenzte oder uneingeschränkt öffentliche Leserschaft, hinzu, so zeigt sich eine Zugehörigkeit des Briefes zur Literatur auch im engeren Sinne. Die Verwendung des Briefes ist somit nicht mehr als „eigentliche“ zu bezeichnen, und das Schreiben wird zum literarisierten Brief.

Die Grenze zwischen eigentlicher und uneigentlicher Verwendung der Textgattung Brief wird laut Nikisch dann überschritten, wenn die Korrespondenz einer nicht-pragmatischen Absicht unterworfen wird, wenn es sich also nicht mehr um eine schriftlich fixierte Interaktion zwischen räumlich getrennten Parteien, verbunden und motiviert durch eine individuelle reale Beziehung handelt[14]. Die eigentliche Verwendung wird zur uneigentlichen, der Privatbrief zum literarisierten Brief.

1.1.2 Der literarisierte Brief

„Der veröffentlichte Brief ist immer ein Paradoxon“[15]. Dabei kommt es nach Nickisch nicht darauf an, ob die Publikation mit oder ohne Einverständnis des Schreibenden erfolgt. Die Literarizität eines Briefes ist gewährleistet, sobald zum stilästhetischen und publiken Moment noch ein fiktives hinzukommt: Den Absender, den Empfänger oder die Briefsituation zu fingieren wurde vorwiegend im 18. Jahrhundert dazu verwendet, die Briefform geschickt als Mittel einzusetzen, um „öffentlichkeitsrelevante Themen und Anliegen ins Gespräch zu bringen, [wie beispielsweise in den] Sendebriefe[n] Luthers aus der Hochzeit der Reformation“[16].

Als Epistel bezeichnet wurde der literarisierte Brief im Zeitalter der Aufklärung genutzt, um sich zu geschichtlichen, gesellschaftspolitischen, literarischen, theologisch- religiösen und philosophischen Themen zu äußern. Besonders im 18. Jahrhundert wurde dabei selbst auf die Fingierung der gesamten Briefsituation zurückgegriffen, um satirische oder kritische Absichten umzusetzen, oder sich im Rahmen einer konstruierten Vertraulichkeit zu einer Thematik äußern zu können.

Unabhängig von den Beweggründen, die zur Veröffentlichung eines Briefes führen, gilt nach Nickisch jedoch, dass auch ursprünglich literarische Privatbriefe nicht mehr der eigentlichen Verwendung der Briefform zuzuordnen sind, sobald sie „von Dritten eingesehen werden können“[17]. Dass, wie Wunderlich anmerkt, Rahel Varnhagen nichts dabei findet, wenn ihre Briefe an Freunde der eigentlichen Adressaten weitergereicht werden, ist allerdings nicht als Streben nach Bekanntheit und Ruhm oder übermäßige Offenheit im Umgang mit ihrem zu Papier gebrachten Privatleben zu werten: Vielmehr ist es im 18. Jahrhundert „Mode“, private Korrespondenz der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, sie herumzureichen und auszutauschen. Neben dem nicht zu leugnenden wirtschaftlichen Aspekt sind für die Briefpublikation darüber hinaus der Wert als biographische und historische Quelle, die soziale, politische, religiöse etc. Wichtigkeit des Briefschreibers, der „sachliche oder gedankliche Wert – […] aber auch die Faszination ihrer Sprachgestalt“[18] ausschlaggebend. Zudem geht es bisweilen auch schlicht um „Heiterkeit und Amüsement“[19].

Des Weiteren nimmt das Privatleben im Weltbild des Romantikers einen so hohen Stellenwert ein, dass – so paradox es erscheinen mag – es der Öffentlichkeit nicht vorenthalten werden soll, oder wie Nickisch formuliert: Der zeittypische „Freundschaftskult“ bezeugt, „wie wichtig das sich seines Wertes bewusst werdende Bürgertum das ‚Private’ nahm – so wichtig, dass es dieses ‚öffentlich’ machen musste“[20]. Darüber hinaus dient die Publikation von intimer Korrespondenz dazu, einer – meist namhaften – Person „Pietät zu erweisen und zugleich eine Art geistiges Denkmal“ zu setzen[21]. In diesem Zusammenhang ist auch „Rahel. Ein Buch des Andenkens für ihre Freunde“ zu nennen, das Karl August Varnhagen von Ense nach dem Tod seiner Frau veröffentlichte.

Dass, wie Nickisch hervorhebt, eine Publikation gegen den Willen, ohne das Wissen oder nach dem Tod des Briefschreibers auch als uneigentliche Verwendung der Briefform zu werten ist, lässt sich nicht ohne Weiteres bejahen. Wird ein Brief in dem Bewusstsein geschrieben, er würde ausschließlich von dem einen Adressaten gelesen, für den er bestimmt ist, und eine Veröffentlichung sei weder geplant noch in Erwägung gezogen, so kann eine spätere Veröffentlichung durch Dritte dem Brief den eigentlichen Verwendungszweck wohl nicht rückwirkend absprechen. Jedoch verhält es sich mit Rahels Briefen ähnlich wie mit denen anderer schreibender Zeitgenossen: Vor eine eventuelle Publikation der Korrespondenz tritt bereits das in ihrer Zeit übliche Austauschen und Vorlesen der Briefe, was wiederum nahe legt, dass die Briefschreiber „die (ihnen selbstredend bekannte) ‚sekundäre’ Verwendung ihrer Briefe a priori mit ins Auge fassten und diese dementsprechend stilisierten“[22].

Dabei drängt sich die Frage auf, ob und wie Rahels Briefe, die möglicherweise mit dem Gedanken an eine spätere Veröffentlichung verfasst wurden, als Schlüssel zu ihrer Persönlichkeit Verwendung finden können, oder ob ein natürliches, unbefangenes Schreiben unter diesen Umständen nicht gegeben ist.

2. Selbstaufklärung und Selbstwiderspruch - B. Breysach über Rahel Varnhagen

Dieser Thematik, und somit weniger dem eigentlichen oder uneigentlichen Verwendungszweck als vielmehr den Gründen, aus denen Rahel Varnhagen sich für den Brief als „Arbeitsmittel“ entschied, und wie sich ihre Persönlichkeit vor dem Hintergrund ihrer vielschichtigen, verzweigten Korrespondenzen mit etwa 300 Briefpartnern zu nähern sei, widmet sich Barbara Breysach in ihrem 1989 erschienenen Buch „Die Persönlichkeit ist uns nur geliehen. Zu Briefwechseln Rahel Levin Varnhagens“[23]. Gerade in Rahels Fall stellt sich besonders deutlich die Frage danach, ob ein möglicherweise zur Veröffentlichung geschriebener Brief als (auto-) biographisches Zeugnis Wert hat, da der größte Teil der Informationen zu ihrem Leben und ihrer Person aus Korrespondenzen hervorgeht.

2.1 Der wahre Brief - Rahel als Briefschreiberin der Romantik

Wenn der bei Breysach zitierte Novalis erkennt, dass „der wahre Brief […] seiner Natur nach poetisch“ sei, so ist diese Aussage im Kontext seiner Epoche so zu werten, dass der wahre Brief „romantisch“ sei[24]. Das in dieser Zeit verbreitete Ideal der stände-, religions- und kulturübergreifenden Freundschaft bringt den Gedanken des Briefschreibens als den Ort hervor, an dem eine Umsetzung und Auslebung dieses Gedankens möglich erscheint. Der Optimalfall wäre hierbei eine Symbiose aus Philosophie und Poesie, Literaturgesprächen und Gesellschaftskritik, und eine Poetisierung der Freundschaft.

Da zu Rahels Lebzeiten einer Frau der universitäre Bildungsweg nicht offen steht, treten an dessen Stelle Familie und Gesellschaft als Räume für gesellschaftliche Erfahrungen. Diese intensive Prägung durch die familiären Strukturen überträgt sich in Rahels späterem Leben als Salonnière auf ihren Freundeskreis, und zeichnet die Treffen im Hause Levin aus. Der von Breysach zitierte Literaturwissenschaftler und Professor für Neuere Deutsche Literatur an der Ludwig-Maximilians-Universität München Konrad Feilchenfeldt weist darauf hin, dass

[...]


[1] Auf http://www.powercat.de/portraits/varnhagen.html (12.1.2005)

[2] Ebd.

[3] Ebd.

[4] Vgl. Breysach, Barbara: Die Persönlichkeit ist uns nur geliehen. S. 141

[5] Vgl. ebd.

[6] Vgl. ebd.

[7] Vgl ebd., S. 139 ff.

[8] Stieler, Caspar: Teutsche Sekretariat-Kunst, S. 399

[9] http://www.lexikon-definition.de/Brief.html (10.01.2005)

[10] Ebd.

[11] http://www.wissenschaftsforschung.de/JB02_47-59.pdf#search='der%20brief%20definition' (11.01.2005)

[12] Ebd.

[13] Nickisch, Reinhard: Brief, S. 101

[14] Vgl. Nickisch, Reinhard: Brief, S. 107

[15] Ebd.

[16] Ebd., S. 101

[17] Ebd., S.107

[18] Ebd., S. 108

[19] Ebd., S. 111

[20] Ebd., S. 108

[21] Ebd.

[22] Ebd., S. 113

[23] siehe Anhang

[24] Breysach, Barbara: Die Persönlichkeit ist uns nur geliehen, S. 30

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Rahel Levin Varnhagen - eine Autobiographie in Briefen
Hochschule
Universität Regensburg  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
Hauptseminar :Tewjes Töchter - Lebensentwürfe west- und ostjüdischer Frauen
Note
1,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
26
Katalognummer
V54487
ISBN (eBook)
9783638496803
ISBN (Buch)
9783638663281
Dateigröße
587 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rahel, Levin, Varnhagen, Autobiographie, Briefen, Hauptseminar, Tewjes, Töchter, Lebensentwürfe, Frauen
Arbeit zitieren
Christiane Abspacher (Autor), 2004, Rahel Levin Varnhagen - eine Autobiographie in Briefen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/54487

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