Innerhalb von nicht einmal drei Jahren hat sich die für die Bewältigung heutiger Problem-lagen wie wirtschaftliche Unterentwicklung oder kriegerische Auseinandersetzungen ungeeignete „Organisation für Afrikanische Einheit“ (OAU) in eine Organisation neuen Typs gewandelt, die sich ausdrücklich die europäische Einigung zum Vorbild nimmt.
Neben der „Afrikanischen Union“ (AU) sind weitere Initiativen und Organisationen entstanden, SO die „African Economic Community“ (AEC) oder die „New Partnership for African Development“ (NEPAD). Politische Einigung hat damit neue Dynamik erhalten.
Ein Ziel dieser Arbeit ist der Vergleich der bisherigen Einigungsbestrebungen mit denen im Rahmen der europäischen Einigung und die Bewertung, ob das Modell der europäischen Einigung auf Afrika und speziell die AU übertragbar ist. Zudem wird eine allgemeine Einschätzung der Erfolgsaussichten der Einigungsbestrebungen versucht.
Dabei werden die Erfolgsaussichten der afrikanischen Einigung nicht einzig an der europäischen gemessen, denn schließlich stellt diese nicht das einzig mögliche Modell dar. Es wird aber oft als Vorbild für die Einigungsbemühungen in Afrika herangezogen.
Beim Vergleich afrikanischer und europäischer Einigung ergibt sich, gerade bei neueren Einigungsinitiativen wie der AU, das methodische Problem, eine gerade erst entstandene mit einer sich schon über beinnahe 50 Jahre entwickelnden Integration abzugleichen.
Die AU steht erst am Anfang einer Entwicklung, ihre Organe sind gerade erst geschaffen worden. Konkrete Politiken fehlen größtenteils noch. Auf der anderen Seite stehen die EU und andere europäische Organisationen wie der Europarat und die OECD, in denen sich die Organe über einen langen Zeitraum entwickelt haben und die über sehr detaillierte Politiken und Instrumente verfügen. Dabei stellt sich dann die Frage, welches Integrationsstadium zum Vergleich herangezogen werden soll.
Aufgrund dieser methodischen Schwierigkeiten beschränkt sich der Vergleich sich auf die zugrundeliegenden Prinzipien, Rahmenbedingungen und Entwicklungen.
Für diese umfassende Fragestellung ist zunächst aber eine Bestandsaufnahme der Einigungstendenzen in Afrika nötig. Dabei werden nicht nur die neuen, sondern auch frühere Anläufe zu kontinentaler oder regionaler Einheit berücksichtigt. Gerade im Bereich der regionalen Wirtschaftsintegration gibt es zahlreiche Ansätze.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung und Fragestellung
2. Einigungstendenzen vor Schaffung der AU
2.1. Der ideelle Hintergrund afrikanischer Einigung
2.1.1. Der Panafrikanismus
2.1.2. Der afrikanische Nationalismus
2.2. Die Organisation für Afrikanische Einheit (OAU)
2.2.1. Entstehung und Geschichte
2.2.2. Organe und Ziele
2.2.3. Erfolg und Scheitern
2.3. Regionale Einigung
2.3.1. Westafrika
2.3.2. Zentralafrika
2.3.3. Ostafrika
2.3.4. Südliches Afrika
2.3.5. Nordafrika
2.4. Lagos-Plan und Afrikanische Wirtschaftsgemeinschaft
2.5. Veränderte Rahmenbedingungen seit Beginn der 1990er Jahre
2.6. Von der Afrikanischen Renaissance über die Neue Afrikanische Initiative zu NEPAD
2.7. Die Konferenz für Stabilität, Sicherheit, Entwicklung und Zusammenarbeit in Afrika
3. Die Afrikanische Union
3.1. Entstehungsgeschichte und Entwicklung
3.2. Grundsätze, Ziele und Politiken
3.3. Organe
3.3.1. Die Versammlung
3.3.2. Der ausführende Rat
3.3.3. Das Pan-Afrikanische Parlament
3.3.4. Der Afrikanische Gerichtshof
3.3.5. Die Kommission
3.3.6. Die ständige Vertretung
3.3.7. Die technischen Fachkommissionen
3.3.8. Der Wirtschafts-, Sozial- und Kulturrat
3.3.9. Die finanziellen Institutionen
3.3.10. Der Sicherheitsrat
3.4. Einbindung anderer Initiativen
3.4.1. AEC und RECs
3.4.2. NEPAD
3.4.3. CSSDCA
3.5. Probleme auf dem Weg zur Einheit und Entwicklungsperspektiven
4. Vergleich zu europäischer Einigung
4.1. Initiativen vor Schaffung der AU
4.1.1. Die OAU
4.1.1.1. und die EG/EU
4.2.1.2. und der Europarat
4.1.2. Regionale Einigung in Afrika und Europa
4.1.3. Die AEC und die europäische wirtschaftliche Einigung
4.1.4. NEPAD und die OEEC/OECD
4.1.5. CSSDCA und KSZE/OSZE
4.2. Die AU und die EG/EU
4.2.1. Entstehungsgeschichte und Entwicklung
4.2.2. Grundsätze, Ziele und Politiken
4.2.3. Organe
4.2.3.1. Die Versammlung und der Europäische Rat
4.2.3.2. Der ausführende und der Allgemeine Rat
4.2.3.3. Das Panafrikanische und das Europäische Parlament
4.2.3.4. Der Afrikanische Gerichtshof
4.2.3.4.1. und der Europäische Gerichtshof
4.2.3.4.2. und der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte
4.2.3.4. Die AU- und die Europäische Kommission
4.2.3.6. Die ständige Vertretung und der Ausschuß der Ständigen Vertreter
4.2.3.7. Die technischen Fachkommissionen und der Rat der EU
4.2.3.8. Der afrikanische ECOSOCC und der europäische ECOSOC
4.2.3.9. Die finanziellen Institutionen in der AU und der EU
4.2.3.10. Der PSC und die ESVP
5. Fazit und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Einigungsbestrebungen auf dem afrikanischen Kontinent unter besonderer Berücksichtigung der Afrikanischen Union (AU) und vergleicht diese mit den Integrationsprozessen der europäischen Einigung. Dabei wird analysiert, ob das europäische Modell als Vorbild für Afrika dienen kann und welche Erfolgsaussichten für die afrikanischen Bestrebungen bestehen.
- Historische Entwicklung des Panafrikanismus und der Organisation für Afrikanische Einheit (OAU)
- Struktur, Organe und Ziele der Afrikanischen Union im Vergleich zur EU
- Rolle regionaler Wirtschaftsgemeinschaften (RECs) und Initiativen wie NEPAD
- Methodische Herausforderungen beim Vergleich unterschiedlicher Integrationsstadien
- Analyse von Hindernissen, wie Ressourcenmangel und politischer Wille, im afrikanischen Einigungsprozess
Auszug aus dem Buch
2.1.1. Der Panafrikanismus
Der Panafrikanismus entstand als Bewegung zu Beginn der 20. Jahrhunderts, zunächst als Exilbewegung von Nachfahren von Sklaven, die der alltäglichen Diskriminierung der schwarzen Rasse durch die bewußte Besinnung auf ihre gemeinsamen kulturellen Wurzeln in Afrika begegnen wollten, um eine gegenseitige Solidarisierung zu erreichen und so gemeinsam für ihre Würde und Rechte als freie Menschen zu kämpfen. Dazu wurden in unregelmäßigen Abständen weltweit Kongresse abgehalten, so der erste 1900 in London. (Meyns: 2002, S. 52)
Nach dem 2. Weltkrieg richtete sich die Bewegung verstärkt politisch aus. Ihre Forderungen umfaßten nun auch die Freiheit und Unabhängigkeit von kolonialer Herrschaft in Afrika. Zum führenden Kopf der Bewegung wurde der Intellektuelle Kwame Nkrumah aus der damaligen britischen Kolonie Goldküste. (Meyns: 2002, S. 52)
Mit der Unabhängigkeitsbewegung hielt der Panafrikanismus auch in Afrika Einzug. Als Ghana als erster subsaharischer Staat 1957 unabhängig wurde, begann der neue Präsident Nkrumah sofort, Konferenzen in seinem „befreiten Territorium“ abzuhalten, um die Idee des Panafrikanismus zu verbreiten. Er befürwortete die sofortige politische Einheit. In seinem panafrikanischen Manifest „Africa must unite“ wandte er sich gegen Neokolonialismus und Balkanisierung des Afrikas. (Meyns: 2002, S. 53) Inspiriert war er vom Modell der USA mit begrenzter Souveränitätsabgabe bei gleichzeitig enormen Vorteilen. (Saxena: 2004, S. 167)
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung und Fragestellung: Das Kapitel führt in die Thematik der afrikanischen Einigung ein und benennt die methodischen Herausforderungen eines Vergleichs mit der europäischen Integration.
2. Einigungstendenzen vor Schaffung der AU: Hier werden die ideellen Hintergründe und frühen Initiativen wie die OAU und diverse regionale Zusammenschlüsse auf dem afrikanischen Kontinent analysiert.
3. Die Afrikanische Union: Dieses Kapitel detailliert die Entstehungsgeschichte, den institutionellen Aufbau, die Ziele sowie die Einbindung weiterer Initiativen in die AU.
4. Vergleich zu europäischer Einigung: Es erfolgt eine detaillierte Gegenüberstellung der Institutionen, Ziele und Funktionsweisen der AU beziehungsweise ihrer Vorläufer mit den europäischen Pendants.
5. Fazit und Ausblick: Das Fazit bewertet die Dynamik und die Erfolgsaussichten der afrikanischen Einigungsbemühungen vor dem Hintergrund der identifizierten Probleme und Herausforderungen.
Schlüsselwörter
Afrikanische Union, AU, Panafrikanismus, Organisation für Afrikanische Einheit, OAU, NEPAD, Integration, Wirtschaftsgemeinschaft, Vergleich, Europa, Europäische Union, Institutionen, Regionalorganisationen, Einigungsprozess, Entwicklung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit den aktuellen Einigungsbestrebungen in Afrika, insbesondere mit der Gründung und Entwicklung der Afrikanischen Union (AU), und untersucht diese vor dem Hintergrund historischer Ansätze.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit analysiert den ideellen Hintergrund wie den Panafrikanismus, die Struktur der AU, den Einfluss regionaler Wirtschaftsgemeinschaften sowie das Verhältnis zu globalen Initiativen wie NEPAD.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Hauptziel ist ein Vergleich der afrikanischen Einigungsbestrebungen mit dem Modell der europäischen Einigung, um die Übertragbarkeit und die Erfolgsaussichten für den afrikanischen Kontinent zu bewerten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es erfolgt eine deskriptive und vergleichende Analyse der Prinzipien, Rahmenbedingungen und Institutionen, wobei die methodische Problematik des Vergleichs von Integrationsstadien unterschiedlicher Reife reflektiert wird.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Bestandsaufnahme der afrikanischen Initiativen, eine detaillierte Beschreibung der AU-Strukturen und einen systematischen Vergleich mit den Institutionen und Wirkungsweisen der Europäischen Union.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Panafrikanismus, afrikanische Integration, institutionelle Struktur, regionale Wirtschaftsgemeinschaften (RECs) und der Vergleich zur EU-Integration.
Welche Rolle spielt Gaddafi in der Entstehungsgeschichte der AU?
Gaddafi initiierte 1999 auf einem Sondergipfel in Sirte die Prozesse, die zur Umwandlung der OAU in die AU führten, wobei seine persönlichen Führungsambitionen das Projekt von Beginn an begleiteten.
Wie werden die Aussichten auf eine erfolgreiche Einigung bewertet?
Der Autor äußert sich skeptisch, da die afrikanische Einigung stark unter einem Mangel an finanziellen Ressourcen und oft fehlendem politischen Willen leidet und zudem ein "Fundament" wirtschaftlicher Integration fehlt, das in Europa eine tragende Rolle spielte.
Welche Bedeutung hat das Panafrikanische Parlament (PAP)?
Das PAP wird als wichtiger Baustein für die zivilgesellschaftliche Einbindung gesehen, befindet sich aber in einer frühen konstituierenden Phase, in der es derzeit noch primär beratende Funktionen ausübt.
- Quote paper
- Georg Schwedt (Author), 2005, Einigungstendenzen in Afrika - die europäische Einigung als Modell?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/54532