Politik und Medizin - Skepsis und Kritik gegenüber der heutigen Medizin - Lösungsansätze


Seminararbeit, 2002

23 Seiten, Note: 2


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. Einleitung

2. Begriffsbestimmung
2.1 Biomedizin/ Biokybernetik
2.2 Medikalisierung der Gesellschaft
2.2.1 Unterschiede zwischen Medikalisierung und Biomedikalisierung
2.3 Gesundheitspolitik/ Public Health Policy
2.4 Gesundheit n Krankheit
2.5 Menschlicher Organismus/ Körper

3. Medizin im Wandel der Zeit

4. Gesundheitspolitik
4.1 Public Health Policy
4.2 In Europa
4.3 In den USA

5. Herausforderungen an eine Politik der Gesundheit
5.1 Euthanasie
5.2 Stammzellenforschung

6. Conclusio

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Die Medizin, wie sie an den Hochschulen gelehrt wird und im Gesundheitssystem integriert ist, hat ihre unhinterfragte gesellschaftliche Anerkennung und Monopolstellung verloren. Sie ist zu einer Variante neben anderen Heilverfahren geworden.“[1]

Dieses Zitat von Cornelius Borck drückt die derzeit herrschende Stimmung der Skepsis und Kritik gegenüber der heutigen Medizin und ihrer Methoden aus.

Wurde nach dem Zweiten Weltkrieg die Schulmedizin als Heiler allen Übels gesehen, so hat sich dieses Bild in den letzten Jahrzehnten grundlegend verändert. Das Gespenst der inhumanen, einseitig technisch orientierten Medizin, die über die Bedürfnisse der Menschen hinweggehe, steht der früher gehegten Hoffnung und des Glaubens an die Allwissenheit „Götter in Weiß“ gegenüber.

Cornelius Borck[2] zeigt anhand einer Reihe von Punkten, weshalb die Schulmedizin in einer Krise steckt:

- Steigende Ausgaben im Gesundheitsbereich führen zu einem immer stärkeren Druck, Gesundheitsgüter zu rationieren.
- Individualität und Personalität des Patienten werden aus der Medizin ausgeklammert; es kommt nicht mehr zu der für viele Menschen wichtigen, individuellen Begegnung zwischen Arzt und Patient.
- Der Patient fühlt sich bei der Entscheidungsfindung aufgrund der Flut an Therapieangeboten von den Ärzten im Stich gelassen.
- Alltägliche Beschwerden werden von den Medizinern nicht mehr Ernst genommen bzw. vorschnell als psychosomatisch klassifiziert, weil die Mittel für eine spezielle Untersuchung fehlen.

Diese Mischung aus Entwürdigung und Überforderung der Patienten führt dazu, dass immer mehr Menschen auf alternative, ganzheitliche und esoterische Therapieangebote ausweichen.

Bei diesem Konglomerat an scheinbar ausschließlich negativen Auswirkungen der Neuerungen im Bereich der Medizin sollte man dennoch die Errungenschaften der modernen Biomedizin und die enormen Fortschritte hinsichtlich neuer Heilverfahren aufgrund jahrelanger Forschung nicht außer Acht lassen. So stellen Erkenntnisse im Bereich der Gentechnik und der Stammzellenforschung ungeahnte Heilungs- und Überlebensmöglichkeiten dar. Viren, Bakterien, Keime, etc. ... , aufgrund derer noch vor einem Jahrhundert Tausende Menschen gestorben sind, werden heute durch Impfstoffe schon im Keim erstickt und haben nicht mehr die Möglichkeit, verheerende Auswirkungen auf die Bevölkerungszahl zu haben.

Im Zuge des Seminars wurde auf viele Fragen genauer Bezug genommen, und so wurden auch teilweise, so dies überhaupt bei einem derart komplexen Thema möglich ist, Lösungsansätze bzw. Antworten gefunden.

Welche sind die Gründe für die vielerorts als kritisch bezeichnete Entwicklung der Schulmedizin?

Wie gestalten sich die Möglichkeiten der Politik, auf diesen Umschwung positiv Einfluss zu nehmen und die heutige Technisierung der Medizin zu lenken?

Wo liegen die Grenzen der Forschung?

Welche Experimente sind zweckmäßig, und wie weit darf der Einfluss in den menschlichen Organismus Vorstoß nehmen hinsichtlich neuer Krankheitsbilder?

Wohin führen uns Gentechnik und Stammzellenforschung?

Um auf all diese Fragen genauer eingehen zu können, wurde in einem ersten Schritt eine Umschreibung der für das Thema Politik und Medizin essenziellen Begriffe versucht. Im Folgenden werden die wichtigsten Definitionen noch ein Mal hervorgehoben.

2. Begriffsbestimmung

2.1 Biomedizin/ Biokybernetik

Die Biokybernetik, wie die Biomedizin auch genannt wird, setzt bei der Behandlung von Krankheiten auf die Stimulation körpereigener Regulationsvorgänge und löst somit die Prothesenideologie der Nachkriegsmedizin ab. Oberstes Ziel der heutigen Medizin ist die Erzielung günstigster Effekte im physiologischen Geschehen unter Einsatz der geringst möglichen Mittel.

2.2 Medikalisierung der Gesellschaft

Unter der Medikalisierung der Gesellschaft versteht man die Ausweitung der medizinischen Kontrolle auf immer mehr Lebensbereiche. Die Medizin übt heutzutage nicht mehr nur auf die Bevölkerung Einfluss aus, sondern auch auf andere Gesellschaftsbereiche, den Staat, die Wirtschaft, die Industrie, die Forschung und Lehre. Insofern hat das Interesse an medizinischer Erkenntnis ungemein zugenommen.

2.2.1 Unterschiede zwischen Medikalisierung und Biomedikalisierung

Biomedikalisierung beschreibt den Schlüsselprozess auf dem Gebiet der Gesundheit, der Krankheit, der Medizin und der Körper[3].

Im Gegensatz zur Medikalisierung betreibt die Biomedikalisierung die Behandlung von Risiken und nicht mehr nur von Krankheiten. Auf dem „medizinischen Spielfeld“ erscheinen neue Akteure, wie zum Beispiel Pharmakonzerne oder Internet-Benützer. Auch haben sich im Laufe der Zeit neue medizinische Spezialfächer aufgrund ihres Ortes entwickelt, weswegen es nun auch die so genannte Notfall-Medizin oder auch Gefängnis – Medizin gibt. In der Ära der Medikalisierung haben sich hingegen die auf den Körper bezogenen Fachgebiete (Kardiologe, Gynäkologe,...) herausgebildet. Auch konnten wir uns bis vor einigen Jahren nichts unter einer computerisierten Patienten-Datenbank vorstellen, wohingegen diese in „managed care systems“ nicht unüblich ist. Wir sind noch eher die Karteikarten bei unserem Allgemeinmediziner gewöhnt, deren Patienteninformationen nicht seine Praxis verlassen.

2.3 Gesundheitspolitik/ Public Health Policy

Politische Entscheidungsträger bemühen sich, alle Mitglieder der Gesellschaft nach denselben Erkenntnissen und Prinzipien hinsichtlich der medizinischen Versorgung gleich zu behandeln. Bei der Gesundheitspolitik stehen der Mensch und sein Körper im Vordergrund.

Public health ist der Prozess, lokale, staatliche und internationale Ressourcen zu mobilisieren, um die Voraussetzungen, unter welchen Menschen gesund sein können, zu garantieren. Public Health Policy setzt an der Bevölkerung an und orientiert sich nicht am Einzelnen, sondern an der Gesellschaft. In das Gebiet der public health fließen auch andere Politikfelder, wie zum Beispiel die Umwelt- oder Sozialpolitik, mit ein.

2.4 Gesundheit n Krankheit

Das Verhältnis zwischen Gesundheit und Krankheit hat sich im Laufe der Zeit stark verändert. Aufgrund von HumanGenom-Projekten (Was sind gesunde Gene, welche sind krank?) gibt es immer mehr Erkenntnisse über Krankheiten und somit kaum mehr „gesunde“ Menschen im ursprünglichen Sinn. Gesunden-Untersuchungen, Präventivmedizin oder Fitness sind zu Begriffen unseres alltäglichen Lebens geworden.

Mittlerweile scheint die Medizin zu entscheiden, was als gesund oder krank definiert wird.

2.5 Menschlicher Organismus/ Körper

Die moderne Medizin verwandelt den menschlichen Körper in eine hochkomplexe Apparatur aus physikalischen und chemischen Vorgängen. Dabei hat jede Fachdisziplin einen anderen Zugang zum menschlichen Organismus. Dementsprechend sieht der Chirurg im Menschen nur die Summe seiner Organe, der Genetiker eine Anhäufung verschiedener DNA´s, RNA´s oder Verbindungen von Aminosäuren, Genen und Stammzellen.

3. Medizin im Wandel der Zeit

Von der Medikalisierung zur Biomedikalisierung

Wie kam es nun zu diesem Wandel einer „Prothesenideologie“ der Nachkriegsmedizin zur Biomedizin, von der Medikalisierung zur Biomedikalisierung der Gesellschaft?

In dem Text von Adele Clarke[4] werden einige mögliche Ansätze zur Beantwortung dieser Frage geboten.

„A fundamental premise of bio medicalization is that increasingly important sciences and technologies and new social forms are co- produced within biomedicin and related domains. We signal with the “bio” the transformations of both the human and nonhuman made possible by such innovations as molecular biology, biotechnologies, transplant medicine, and computer and information sciences.”[5]

Um den Prozess der Medikalisierung hin zur Biomedikalisierung plastischer und übersichtlicher zu gestalten, periodisierten Clarke u.a. diese Entwicklung in drei Ären:

1890 – 1945 ÆThe Rise of Medicine

1940 – 1990 ÆMedicalization

1985 – present ÆBiomedicalization

Zudem werden fünf Schlüsselprozesse – Thesen- isoliert, die im Zusammenhang mit diesem Wandel stehen und ihn begründen sollen:

uÖkonomie: „The Biomedical TechnoService Complex Inc.“

vRisiko und Überwachung

wWissenschaft und Technologie

xUmwandlung der Produktion und Verteilung von Wissen

yTransformation von Körpern und Identitäten[6]

Meiner Meinung nach stehen diese fünf Thesen in einem engen Zusammenhang miteinander und können nicht getrennt voneinander gesehen werden.

Die 80er Jahre sind durch das Auftreten von drei Innovationen bestimmt, die wiederum den Wandel der Medikalisierung hin zur Biomedikalisierung bewirken. Es ist dies zum einen die Beschäftigung mit der Molekularbiologie und der Gentechnik, die immer mehr an Bedeutung gewinnt. Plötzlich ist alles „ bio“. Zum anderen erlebt der Neoliberalismus einen Aufschwung, und zu guter Letzt sei an dieser Stelle auch noch die Informationstechnologie zu erwähnen. Begriffe wie Chipkarte oder Telechirurgie werden zur Realität in der Medizin.

Clarke u.a. beschreiben den Prozess der Biomedikalisierung meiner Meinung nach ein wenig überspitzt. So gehen sie zum Beispiel davon aus, dass neue technische, wissenschaftliche Identitäten gegenüber sozialen Kontakten- relationalen Identitäten- die Überhand gewinnen und diese somit in den Hintergrund drängen könnten.

Ich glaube nicht, dass man im Bereich der Medizin eine weitere Technisierung und Entfernung vom Individuum befürchten muss. Viel eher gehe ich von einer Annäherung der Schulmedizin an die Alternativmedizin aus.

4. Gesundheitspolitik

4.1 Public Health Policy

„Public health law, like public health, concerns the health of populations as contrasted with the health of individuals.“[7]

In der Gesundheitspolitik stehen der Mensch und sein Körper im Vordergrund, natürlich hat aber auch die Bevölkerung etwas mit dieser Thematik zu tun.[8]

Sie ist in vielerlei Hinsicht unabdingbar und in entwickelten Staaten von enormer Wichtigkeit. Nicht nur bietet public health einen Stabilitätsfaktor, sondern generiert mit ihrem Hauptziel, nämlich der Gesundheit, die Eindämmung von Epidemien und lebensbedrohlichen Seuchen.

Ihre Arbeitsbereiche korrespondieren mit ihren Problembereichen, die da wären:

- Verhinderung von Krankheiten
- Medizinische Versorgung (Problem der Finanzierbarkeit)
- Verhaltensbeeinflussung (Problem des Eingriffs in das private Leben/ Vereinbarkeit mit demokratischen Grenzen?)
- Umweltkontrolle

In Hinblick auf die Umweltkontrolle wäre das Problem vielleicht dadurch zu lösen, Firmen von der Zweckmäßigkeit des ökologischen Handelns zu überzeugen und ihnen, so sie sich an gewisse Regeln halten, steuerliche Anreize zu bieten.

Da es sich bei public health, bzw. der Gesundheitspolitik, um ein wichtiges Thema handelt, werden im Folgenden die unterschiedlichen Systeme in Europa und den USA behandelt.

[...]


[1] Vgl.: Borck, Cornelius in: „Anatomien medizinischer Erkenntnis“,1996, S.11.

[2] Siehe Borck, Cornelius: „Anatomien medizinischer Erkenntnis“, Frankfurt am Main, 1996.

[3] Vgl. Clarke, Adele et al.: „Biomedicalization: Theorizing Technoscientific Transformations of Health, Illness and U.S. Biomedicine”, unpublished paper.

[4] Vgl. Clarke, Adele et al.: „Biomedicalization: Theorizing Technoscientific Transformations of Health, Illness and U.S. Biomedicine”, unpublished paper.

[5] Zitiert nach Clarke, Adele in: “Biomedicalization: Theorizing Technoscientific Transformations of Health, Illness and U.S. Biomedicine”, unpublished paper, S.4.

[6] Siehe auch Punkt 2.4.

[7] Zit. Nach: Roemer, Ruth: „Comparative national public health legislation“, S.352.

[8] Vgl. auch Punkt 4.2.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Politik und Medizin - Skepsis und Kritik gegenüber der heutigen Medizin - Lösungsansätze
Hochschule
Universität Wien
Veranstaltung
Seminar aus vergleichender Politik
Note
2
Autor
Jahr
2002
Seiten
23
Katalognummer
V54605
ISBN (eBook)
9783638497671
ISBN (Buch)
9783638663373
Dateigröße
809 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Gesundheitspolitik health policy
Schlagworte
Politik, Medizin, Skepsis, Kritik, Lösungsansätze, Seminar
Arbeit zitieren
Barbara Murth (Autor), 2002, Politik und Medizin - Skepsis und Kritik gegenüber der heutigen Medizin - Lösungsansätze, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/54605

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