Die Rolle der Frauen im Aufstand - Ihre Darstellung und Funktion in Anna Seghers' Aufstand der Fischer von St. Barbara


Seminararbeit, 2001
17 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Frauenfiguren
2.1 Marie Kedennek
2.2 ‚Hure’ Marie
2.3 Katarina Nehr

3. Männerfiguren
3.1 Hull
3.2 Andreas
3.3 Kedennek
3.4 Männer und Aufstand

4. Aufstand
4.1 Frauen und Aufstand

5. Schlußbemerkung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Hausarbeit untersucht die Darstellung der Frauen in Anna Seghers’ Erzählung „Aufstand der Fischer von St. Barbara“. Dabei wird die Rolle der Frauen im Aufstand von besonderem Interesse sein.

Zuerst werden die Frauenfiguren Marie Kedennek, ‚Hure’ Marie und Katarina Nehr in ihrem Aussehen, ihrem Charakter, ihrem Handeln und ihrer Sexualität betrachtet. Hierbei erfolgen Auseinandersetzungen mit Thesen Irene Lorisikas, die die Autorin für ihre Frauendarstellung stark kritisierte. Lorisikas Hauptvorwürfe sind, daß Frauen passive Rollen hätten und hinter den Männern zurückträten. Sie seien nicht emanzipiert und wären asexuell und unerotisch. Lediglich Triebhaftigkeit äußere sich bei einer von ihnen.

Im Anschluß daran werden die Männer Hull, Andreas und Kedennek in ihrer Rolle im Aufstand und ihrer Einstellung zu Frauen kurz beleuchtet, was zu einer Zusammenfassung über das Verhalten und die Aufgaben der Männer im Aufstand führt.

Es folgt eine Darstellung des Aufstandes an sich, wie er von der Autorin gestaltet wurde, was Ziel und Funktion des Aufstandes war und wie er endete.

Nach dieser Darlegung wird nun speziell das Verhalten und die Rolle der Frauen im Aufstand gezeigt. Hierbei werden Abgrenzungen und Beziehungen zu der Rolle der Männer deutlich. Über die Rolle der Frauen im Aufstand ändert sich zugleich auch deren passiv scheinende Darstellung wesentlich.

In einer zusammenfassenden Schlußbemerkung werden die Ergebnisse der Hausarbeit noch einmal kurz dargelegt.

2. Frauenfiguren

2.1 Marie Kedennek

Die schwangere Marie Kedennek, deren „Bauch wegstand wie ein Knorz von einer dünnen Wurzel“[1], wird von ihrem Äußeren als häßlich und abgemagert beschrieben. Dieses Bild wird jedoch mehrmals unterbrochen. Ihr Körper hat sich erst durch die elende soziale Lage und die Entbehrung zu einem schmächtigen, kantig-spitzen Aussehen entwickelt, denn „es war gar nicht mal so lange her, da hatte auch sie einen Schoß und eine Brust gehabt.“[2] Trotz ihrer Schwangerschaft trägt sie schwere Fischkörbe aus, rationiert die spärlich vorhandenen Lebensmittel, zieht ihre Kinder groß, deren hungrige Gesichter ihr das Elend und den Zwang, auf die sparsame Essenseinteilung weiterhin zu bestehen, noch stärker vor Augen führen – sie muß also nicht nur für sich, sondern für die gesamte Familie mitdenken und Verantwortung übernehmen.

Marie Kedennek stellt „den Bereich des verelendeten Häuslichen und der überwältigenden Alltagssorgen“[3] dar, was sich in ihrem gesamten Habitus widerspiegelt. Besonders eindringlich wird dies deutlich, als Katarina Nehr ihr ein Tuch wiederbringt, das sie für ihre inzwischen verstorbene Schwiegermutter geliehen hatte. Doch Marie Kedennek empfindet nicht Mitleid oder Trauer bei dieser Nachricht, sie macht sich allein Sorgen um die Unversehrtheit des Tuches. Hier überlagern die eigenen Sorgen und Existenznöte die mitmenschlichen, sozialen Gefühle und Empfindungen.

Bei ihren alltäglichen Sorgen erfährt sie wenig Unterstützung von ihrem Mann, dem Fischer Kedennek, der an ihrer abgehärmten Erscheinung nicht unbeteiligt ist.[4] Sie muß sich seinen Wünschen und Bedürfnissen unterordnen, kann dies in gleicher Weise aber nicht einfordern. So geht er auf ihren leisen Wunsch, bei einer Jahrmarktsbude an einem Wurfspiel teilzunehmen, nicht ein, und dadurch wurde „ihr Gesicht [...] noch winziger und gelber“[5], ein Umstand, der ebenfalls zeigt, daß die sie umgebenden Verhältnisse sie um ihren einstigen Körper gebracht haben. Kedenneks Versagen seiner Frau gegenüber wird am deutlichsten bei der selbstmörderischen Aufopferung für den Aufstand.

Das Bild der asexuellen, unerotischen Marie Kedennek, die nach Lorisika mit ihrem Ehemann ein „partnerschaftliches Versorgungsverhältnis“[6] anstelle einer Liebesbeziehung unterhält, wird durch die Beschreibung ihres Haares, dessen „reich[en] und braun[en]“[7] Anblicks Hull unvermutet gewahr wird, unterbrochen und relativiert, wenn nicht sogar aufgehoben. Doch wird hierbei nicht nur die erotische Komponente betont, sondern auch die natürliche Schönheit Marie Kedenneks, die sie einst besaß und die noch nicht ganz verlorengegangen ist bzw. die nur vom sozialen Elend überdeckt ist.[8] Auch wird ihr teils schroffer, engherziger, von einem schweren Leben geprägter Charakter relativiert, wenn man sich ihre Liebe zu ihrem Pflegesohn Andreas anschaut, dem sie fast mehr mütterliche Liebe schenkt als ihren eigenen Kindern.

Als Marie Kedennek fast alles verloren hat, ihren Mann, Andreas und das Neugeborene, emanzipiert sie sich und macht aus dieser Notsituation heraus einen eigenen, selbstbewußten Schritt und geht - nun auf sich allein gestellt - in die Stadt. Sie ist eben im Grunde keine selbstlose, sich für die Männer und die Gemeinschaft aufopfernde Figur, wie Lorisika die Frauen sieht.

Die Namensgebung der Figur Marie Kedennek kann in Zusammenhang gesehen werden mit der Jungfrau Maria, der Mutter Jesu im Neuen Testament. Diese Kontrafaktur wird in Bezug zur Namensgebung der ‚Hure’ Marie gesetzt. Anna Seghers entwirft hier ein ‚Maria-Gegenbild’, das sich auf die biblische Figur der Maria Magdalena aus dem Neuen Testament bezieht.[9] Die Namensgleichheit der beiden Seghers-‚Marien’ ist ein Wortspiel, mit dem man sowohl die Gemeinsamkeiten als auch die Unterschiede der Frauen aufzeigen kann: ihnen ist ihr karges, abgehärmtes Aussehen und die „Entäußerung des Körpers“[10] gemein. Während die ‚Hure’ Marie ihren Körper verkauft, ist Marie Kedennek durch ihre armselige, soziale Lage um ihren Körper gebracht. Beide lösen sich von ihrer Bindung zu Andreas und verlassen nach dem Aufstand St. Barbara. Doch sind die Frauengestalten auch als Gegenbilder konzipiert: der mütterliche steht dem ‚gefallenen’ Frauentyp gegenüber.

[...]


[1] Seghers: Aufstand, S. 22.

[2] Ebd.

[3] Beicken: Erzählbegehren, S. 25.

[4] Siehe ebd. S. 27.

[5] Seghers: Aufstand, S. 50.

[6] Lorisika: Frauendarstellungen, S. 93.

[7] Seghers: Aufstand, S. 76.

[8] Siehe Beicken: Erzählbegehren, S. 26.

[9] Siehe Brown: Names, S. 12.

[10] Beicken: Erzählbegehren, S. 26.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Die Rolle der Frauen im Aufstand - Ihre Darstellung und Funktion in Anna Seghers' Aufstand der Fischer von St. Barbara
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Institut Deutsche und Niederländische Philologie)
Veranstaltung
Autorinnen der Weimarer Republik
Note
1,7
Autor
Jahr
2001
Seiten
17
Katalognummer
V54623
ISBN (eBook)
9783638497824
ISBN (Buch)
9783638751971
Dateigröße
435 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rolle, Frauen, Aufstand, Ihre, Darstellung, Funktion, Anna, Seghers, Fischer, Barbara, Autorinnen, Weimarer, Republik
Arbeit zitieren
Hanka Loos (Autor), 2001, Die Rolle der Frauen im Aufstand - Ihre Darstellung und Funktion in Anna Seghers' Aufstand der Fischer von St. Barbara, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/54623

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