Kommunikation mit Hilfe von Festnetz- und Mobiltelefonen: Ein Vergleich


Seminararbeit, 2005

14 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

1. Zu den Auswirkungen neuer Kommunikatiostechnologien

2. Das „klassische“ Festnetztelefon
2.1. Die Unmöglichkeit nicht-auditiver Telefonkommunikation
2.2. Die Unkenntnis über die Identität des Anrufers

3. Das Mobiltelefon
3.1. Ständige Erreichbarkeit
3.2. Die Enthüllung der Identität des Anrufers und ihre Konsequenzen
3.3. Nichterreichbarkeit und die Notwendigkeit ihrer Legitimation

4. Mobiles Telefonieren als Teilersatz für Face-to-face-Interaktionen

5. Literaturverzeichnis

1. Zu den Auswirkungen neuer Kommunikationstechnologien

Der Einfluss neuer Technologien auf das alltägliche Zusammenleben von Menschen und auf persönliche Beziehungen ist selten vorherzusehen. Das elektrische Licht und das Auto sind zwei Beispiele für technische Entwicklungen, die uns schon seit langem als so selbstverständlich erscheinen, dass es unmöglich ist, sich die moderne Welt ohne sie vorzustellen. Ein weiteres Beispiel ist das Telefon. Seine Erfindung und Verbreitung hat die Welt, in der wir heute leben auf eine Weise geprägt, wie nur wenige andere – man kann sogar behaupten: wie keine andere. Neuerungen wie etwa das Auto haben das Leben nahezu aller Menschen zweifellos ebenfalls grundlegend verändert und eine große Zahl an sowohl positiven als auch negativen Konsequenzen inklusive der unvermeidlichen Diskussionen darüber mit sich gebracht. Die Folgen der Einführung des Telefons waren nicht weniger revolutionär und betrafen aber zusätzlich direkt einen der wichtigsten Aspekte der menschlichen Gesellschaft: Die menschliche, sprachlich vermittelte Kommunikation, die ein die Menschen von allen anderen Lebewesen auf der Erde unterscheidendes Merkmal darstellt und so einen Grundpfeiler der menschlichen Gesellschaft bildet. Damit dürfte offensichtlich sein, dass die Verbreitung des Telefons über die gesamte Welt für die Soziologie eine besondere Relevanz hat; dennoch wurde die Existenz dieses Apparates, der die Art und Weise, in der wir heute zusammen leben, geprägt hat, wie nur sehr wenige andere technische Erfindungen, von den meisten Soziologen fast völlig ignoriert. Nur wenige Texte lassen sich finden, die aus soziologischer Perspektive die Veränderungen beschreiben, die sich durch die Einführung des Telefons am Ende des 19. Jahrhunderts in den darauffolgenden Jahrzehnten bis heute vollzogen haben.[1] Doch nicht nur sozialwissenschaftliche Publikationen sind auf diesem Gebiet dünn gesät, auch die allgemeine gesellschaftliche Diskussion, die mit der zunehmenden Ausbreitung des Telefons über die Haushalte überall auf dem Globus aufkam, ebbte schnell wieder ab.[2] Das Telefon als Automat, der das menschliche Grundbedürfnis nach Kommunikation bediente und gleichzeitig grundlegend veränderte, wurde schnell zu einer Gewohnheit, zu einer Selbstverständlichkeit: „The telephone became an ‚anonymous object‘ in social life (...). [It] became more than commonplace, however; it became a virtual necessity.“ (Fischer: 188)

Am Ende des 20. Jahrhunderts trat schließlich ein weiteres technisches Wunderwerk seinen Siegeszug an, das inzwischen ebenfalls den Weg von der von allen bestaunten Neuheit über die allgegenwärtige Selbstverständlichkeit hin zur Notwendigkeit genommen hat: Das Mobiltelefon oder „Handy“. Obgleich man es aufgrund seiner Größe als „kleinen Bruder“ des Festnetztelefons bezeichnen könnte, sind die Wirkungen, die das Mobiltelefon in der Gesellschaft entfaltet, denen des Telefons mindestens ebenbürtig. Es weist eine große Zahl an Funktionen und Eigenschaften auf, die es mit dem klassischen Telefon gemeinsam hat – wie etwa die Beschränkung der Kommunikation auf auditive Signale mit den daraus entstehenden Konsequenzen – und fügt ihnen eine Reihe weiterer Merkmale hinzu. Die sich ergebenden Möglichkeiten und Probleme sind denen, die nach der Einführung des Telefons den Alltag der Menschen veränderten oft ähnlich; ein entscheidendes Charakteristikum des Mobiltelefons ist, wie ich im weiteren Verlauf dieses Aufsatzes noch zeigen werde, die Steigerung eben jener Eigenschaften, mit denen das Telefon auf die Leben der es benutzenden Menschen einwirkt. Dazu kommen neue Möglichkeiten, die das Telefon nicht bietet und von denen einige für den Erfolg des Mobiltelefons mitverantwortlich sind. Zu ihnen zählen natürlich die neu gewonnene Freiheit zu telefonieren, wo immer man möchte (die, wie ich noch erläutern werde, keinesfalls eine Freiheit ohne Grenzen darstellt) oder das Versenden von schriftlichen Kurzmitteilungen.

Auf den folgenden Seiten werde ich die wichtigsten Charakteristika des Telefons und des Mobiltelefons mit ihren Konsequenzen auf menschliches Zusammenleben jeweils erläutern und einander gegenüberstellen. Dabei werde ich auf Gemeinsamkeiten der beiden technischen Geräte verweisen, doch mehr noch auf die Veränderungen, die sich im Zuge der rasanten Verbreitung des Mobiltelefons im Alltag der Menschen teils abrupt und kontrovers diskutiert, teils schleichend und von vielen seiner Benutzer gar nicht bewusst wahrgenommen vollzogen haben.

2. Das „klassische“ Festnetztelefon

Ein Telefonanruf ist natürlich längst keine große Sache mehr. Die Kinokartenreservierung für den nächsten Freitagabend, der allmonatliche Anruf bei der in Frankreich lebenden Schwester oder die täglichen Kundengespräche im Büro sind nur einige Beispiele dafür, dass das Telefonieren für uns ein Teil unseres Alltages ist, so selbstverständlich und unhinterfragt wie die regelmäßige Nahrungsaufnahme. Nichts Außergewöhnliches oder Aufregendes haftet der Tätigkeit an, eine Ziffernfolge in die in den Hörer integrierten Tasten zu tippen (nachdem die von mir als Kind geliebte Wählscheibe schon seit langem ausgemustert worden ist) oder eben jenen abzunehmen, um ein Gespräch zu empfangen.[3] Das Telefon stellt in der modernen Gesellschaft einen Gebrauchsgegenstand dar, dessen Nutzen unbestritten ist und auch durch all die Einschränkungen, die das Telefonieren mit sich bringt, kaum geschmälert werden kann. Die Unmöglichkeit, den Gesprächspartner anders als über auditive Signale wahrzunehmen, die fehlende Mobilität und die daraus resultierende Einschränkung, nur von Orten aus telefonieren zu können, wo sich ein Telefonanschluss befindet (etwa in Wohnzimmern, Büros oder Telefonzellen) oder die umgekehrt daraus folgende Voraussetzung, dass eine zu Hause angerufene Person eben auch zu Hause sein muss, um telefonisch erreichbar zu sein, zählen zu diesen Mängeln, die erst mit der Entwicklung des Mobiltelefons teilweise aufgehoben wurden.

2.1. Die Unmöglichkeit nicht-auditver Telefonkommunikation

Die Beschränkung auf das rein Auditive, wodurch Kommunikation nur über gesprochene Sprache erfolgen kann, ist wohl eines der wichtigsten Charakteristika von Telefongesprächen. Zwar ermöglicht das Telefon einen Kommunikationsprozess zwischen den Teilnehmern, der wie in der direkten Face-to-face Kommunikation synchron verläuft, es also dem Gegenüber (der beim Telefonieren eigentlich ein solcher gerade nicht ist) ermöglicht, auf das eben Gesagte ohne Zeitverzögerung zu reagieren und zu wissen, dass diese Reaktion vom Gesprächspartner ebenfalls ohne Verzögerung registriert wird. Doch ist es bei Telefongesprächen unmöglich, auf etwas Anderes zu reagieren, als das, was gesagt wird. Allenfalls andere auditiv wahrnehmbare Signale wie Lachen, verächtliches Schnauben oder ähnliches erreichen den Gesprächspartner noch, doch alles, was er nicht hören kann, kann er über das Telefon nicht wahrnehmen. Er weiß nicht, ob die Person, die ihn angerufen hat, sich gerade im Büro aufhält, oder daheim – es sei denn, er kann diese Information entweder dem Gespräch oder über das Telefon wahrnehmbaren Hintergrundgeräuschen wie etwa den Stimmen der spielenden Kinder des Gesprächspartners entnehmen. Viel wichtiger noch aber sind all die vom Anderen über dessen Mimik und Gestik ausgesandten Informationen, die man im Falle eines face-to-face Gespräches visuell aufnehmen würde, die einem am Telefon jedoch verborgen bleiben. Natürlich kann dieses Handicap von Telefonaten, das Ball dazu veranlasst, das Telefonieren als „interaction in the dark“ zu bezeichnen (Ball: 71), auch von Vorteil sein: Zum Beispiel dann, wenn man aufgrund einer Äußerung des Gesprächspartners voller Unverständnis das Gesicht verzieht, um es gleich darauf wieder zu bereuen. Da man sich sicher sein kann, dass der Andere nichts davon mitbekommen hat, muss dieser mimische Ausrutscher auch nicht in der Kommunikation thematisiert werden, sodass diese ohne Störung fortgesetzt werden kann.[4]

[...]


[1] Darunter befinden sich etwa die von mir für diesen Aufsatz herangezogenen Texte von Ball (1968) und Fischer (1992).

[2] Fischer beschreibt in seinem Buch die vor allem zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Amerika regelmäßig in Zeitungen abgedruckten „Telefon-Benimmregeln“, die sich z.B. mit der Frage beschäftigten, ob es in höheren Gesellschaftsschichten angebracht ist, Einladungen (nur) telefonisch auszusprechen (vgl. Fischer: 183ff). Davon abgesehen war die dem Telefon entgegengebrachte Aufmerksamkeit in der öffentlichen Diskussion jedoch bereits zu dessen Anfangszeit gering. (s. auch Fischer: 142f)

[3] Genau genommen wird der Hörer schon lange nicht mehr „abgenommen“, ebenso wenig wie er „aufgelegt“ wird. Mit der Einführung des drahtlosen Telefons wurden diese Tätigkeiten ebenso wie bereits das Wählen von Telefonnummern durch schlichtes Drücken von Knöpfen ersetzt, womit die Tätigkeit des Telefonierens noch mehr zur unscheinbaren Alltagsroutine wurde. Die gewohnten Bezeichnungen in dieser eigenen „Telefon-Terminologie“ blieben jedoch erhalten. Weitere Beispiele für solche eigentlich überholten Ausdrücke sind Wörter wie „Sprechmuschel“ (vgl. Burkart 2000: 225) oder auch das „Klingeln“, welches heute nur noch selten ein solches darstellt und vor allem bei Handys „häufig an Geräusche von Spielautomaten oder Computerspielgeräten“ erinnert (Burkart 2002: 159).

[4] Ein anderes Beispiel wäre die sicherlich jedem so oder ähnlich bekannte Situation, einen Anruf zu erhalten, wenn man gerade erst aufgestanden, aber noch nicht den Weg ins Badezimmer gefunden hat. Egal, wer in diesem Moment anruft – der Chef, die Mutter oder ein Mitarbeiter der Süddeutschen Zeitung, der einen überzeugen möchte, das 14tägige Probeabonnement zu verlängern – wie (un)präsentabel man gerade aussieht, ist egal. Aufgrund der Beschränkung von Telefongesprächen auf Hörbares kann man sich allein auf die Gesprächsführung konzentrieren (vgl. Ball: 71).

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Kommunikation mit Hilfe von Festnetz- und Mobiltelefonen: Ein Vergleich
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Seminar: "Persönliche und unpersönliche Beziehungen."
Note
1,3
Autor
Jahr
2005
Seiten
14
Katalognummer
V54632
ISBN (eBook)
9783638497893
Dateigröße
479 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Einer der wenigen Kritikpunkte des Dozenten war, dass der im Titel der Arbeit angekündigte Vergleich letztendlich zu kurz kam.
Schlagworte
Kommunikation, Hilfe, Festnetz-, Mobiltelefonen, Vergleich, Seminar, Persönliche, Beziehungen
Arbeit zitieren
Maximilian Schröter (Autor), 2005, Kommunikation mit Hilfe von Festnetz- und Mobiltelefonen: Ein Vergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/54632

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