Die Arzt-Patienten-Beziehung bei Parsons und Freidson.


Seminararbeit, 2005
15 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Rolle des Arztes bei Parsons
2.1 Universalismus
2.2 Funktionale Spezifität
2.3 Affektive Neutralität
2.4 Kollektivorientierung

3. Die Asymmetrie in der Arzt-Patienten-Beziehung bei Parsons
3.1 Patientenverfügungen
3.2 Patientenbeschwerden

4.1 Freidsons Ziel: Symmetrie zwischen Arzt und Patient
4.2 Ist professionelles Wissen tatsächlich „professionell“?
4.3 Von Freidson vorgeschlagene Maßnahmen

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In der Medizinsoziologie herrscht über die Rollen, die der Arzt und der Patient in der gemeinsamen Interaktion übernehmen sollen, keineswegs Einigkeit. Das früher dominierende Bild des Arztes als „Halbgott in Weiß“, der in jeder Lage weiß, was das Beste für seinen Patienten ist und dieses sofort umsetzt, mag zwar sich zwar noch nicht völlig aufgelöst haben, erscheint aber oftmals durch die immer stärkere Konzentration auf die Rolle eines aktiven Patienten in einem neuen Licht. Sieht Talcott Parsons es noch als selbstverständlich an, dass sich der Patient den Anordnungen des Arztes zu fügen und dessen Handeln nicht in Frage zu stellen hat – weil er es ohnehin nicht verstünde –, so stellt im Gegenzug Eliot Freidson nicht nur ärztliches Handeln, sondern den Aufbau der Arzt-Patienten-Beziehung, wie sie bei Parsons dargestellt wird, an sich in Frage. Einen wichtigen Aspekt stellt dabei die Frage dar, ob bzw. inwieweit die Stellung der medizinischen Experten diesen das Recht gibt, darüber, wie sie mit ihren Patienten – den Laien – verfahren sollen, allein zu entscheiden oder ob man als Patient trotz in der Regel nicht vorhandener Fachkenntnisse einen Teil dieser Entscheidungen selbst treffen kann.

Im vorliegenden Text soll zunächst die Rolle des Arztes und die Beschaffenheit seiner Beziehung zum Patienten aus parsonsianischer Sicht dargelegt werden, wobei auch auf zwei Beispiele aus der Praxis eingegangen werden soll: Ein Interview mit einer Ärztin, das im Rahmen des Forschungsprojektes „Ethik und Organisation“ (Institut für Soziologie der LMU München) durchgeführt wurde sowie die Ergebnisse mehrerer von Allsop und Mulcahy durchgeführter Studien über die Reaktionen von Ärzten auf Beschwerden ihrer Patienten. Danach wird die Arzt-Patienten-Beziehung aus der Sicht Freidsons beleuchtet und es werden dessen Kritik an der Sichtweise Parsons’ sowie einige seiner Verbesserungsvorschläge kurz dargestellt.

2. Die Rolle des Arztes bei Parsons

Mit Hilfe seiner Pattern Variables ordnet Parsons dem Arztberuf bestimmte Verhaltensmuster zu. Die Kategorien, in die der Arzt eingeordnet wird, sind Universalismus, funktionale Spezifität, affektive Neutralität und Kollektivorientierung. Im Folgenden sollen sie jeweils näher erläutert werden.

2.1 Universalismus

Universalismus bezieht sich Parsons zufolge vor allem auf eine verallgemeinerte Unpersönlichkeit (vgl. 1968, S. 412f). Gemeint ist damit, dass die Rolle des Arztes von diesem voraussetzt, alle Patienten gleich zu behandeln und weder einzelne von ihnen auf irgendeine Weise zu bevorzugen, noch zu benachteiligen oder auf irgendeine andere Art anders mit ihnen umzugehen als mit anderen Patienten. In der Arzt-Patienten-Beziehung haben alle Patienten gleich zu sein, unabhängig etwa von Statusunterschieden oder auch von möglichen privaten Beziehungen, die sie zum Arzt unterhalten.[1] Selbstverständlich muss ein Arzt bei der Behandlung verschiedener Patienten unterschiedliche Methoden anwenden, unterschiedliche Medikamente verschreiben usw., aber seine Handlungen dürfen sich dabei nur an der Krankheit des Patienten orientieren. Er muss sich seiner Aufgabe – der Heilung eines Kranken – widmen, ohne sich dabei von dessen Persönlichkeitsmerkmalen beeinflussen zu lassen. Allein die Krankheitssymptome dürfen die Leitlinie für ärztliches Handeln bilden.

2.2 Funktionale Spezifität

Durch funktionale Spezifität als weiteres Kennzeichen der Rolle des Arztes wird geregelt, was in der Beziehung zwischen Arzt und Patient überhaupt thematisiert werden kann. Lediglich „Angelegenheiten, die für die Gesundheit des Patienten relevant sind“ (Parsons 1968, S. 413) können dort behandelt werden. Im Gegensatz zu von Diffusität geprägten Beziehungen, in denen kaum etwas von vornherein vorstrukturiert ist, steht bei Interaktionen zwischen Arzt und Patient bereits von Anfang an in groben Zügen fest, über was gesprochen wird und wer welche Handlungen durchführt. Die Aufgabe des Arztes ist es, dem Patienten zur Heilung zu verhelfen und die des Patienten, dem Arzt alle dazu relevanten Informationen zu geben. Da diese für den Arzt unbedingt nötig sind, hat er einen Anspruch darauf, sie auch zu erhalten – aber eben nur diese, die Krankheit des Patienten betreffenden Informationen und keine anderen, die z.B. mit dem Privatleben des Patienten zu tun haben (es sei denn, darunter befinden sich wiederum Informationen, die in irgendeiner Weise mit der Krankheit in Verbindung stehen). Die aus der funktionalen Spezifität der Arztrolle resultierende Vorstrukturierung bewirkt aber nicht nur diesen „Informationsanspruch“ (ebd.), sondern einen für beide Seiten hohen Grad an Vorhersehbarkeit der Kommunikation. Dem Patienten ist, bevor er das Sprechzimmer betritt, klar, dass er vom Arzt untersucht werden wird und diesem dazu Zugang zu seinem Körper gewähren muss (vgl. Parsons 1951 S. 451f).[2] Man weiß, wie eine ärztliche Untersuchung in der Regel abläuft. Ebenso kann ein Arzt mit hoher Sicherheit davon ausgehen, dass die ihn aufsuchenden Personen zu ihm kommen, weil sie Anzeichen einer Krankheit an sich wahrgenommen haben und nun zu deren Heilung seine Hilfe benötigen. Diese Vorhersehbarkeit und die damit einhergehende Vorstrukturierung lässt sowohl für den Arzt als auch für den Patienten die Erwartbarkeit bestimmter Kommunikations- und Handlungsabläufe wahrscheinlich werden.

2.3 Affektive Neutralität

Affektive Neutralität ist ein weiteres wichtiges Merkmal, das Parsons zufolge die Beziehung des Arztes zum Patienten kennzeichnet (vgl. 1968 S. 414; 1951 S. 435). In Überschneidung mit den beiden bereits genannten Merkmalen bezeichnet diese die neutrale Haltung, die der Arzt „in dem Sinne, dass er verdrängt, was sonst ‚normale’ emotionale Reaktionen wären“ gegenüber dem Patienten einnehmen muss (Parsons 1968, S. 414). Persönliche Vorlieben oder Sympathien gegenüber bestimmten Patienten dürfen ärztliches Handeln ebenso wenig leiten, wie Gefühle der Abneigung oder des Ekels. Der Arzt behandelt den Patienten nicht in seiner Ganzheit, sondern reduziert auf dessen Krankheit. Alles andere bleibt ausgeschlossen, da es keine Relevanz besitzt und höchstens ablenkend oder störend wirken würde. Die affektiv neutrale Haltung hilft also, alle Elemente aus der Beziehung zwischen Arzt und Patient auszuschließen, die nichts mit der Aufgabe des Arztes – der Heilung des Patienten – zu tun haben.

[...]


[1] Natürlich stellt diese Darstellung ein Idealbild dar, welches in der Realität häufig nicht in dem hier beschriebenen Maße realisiert wird.

[2] Auch hinsichtlich des Körpers hat der Arzt einen Informationsanspruch – schließlich soll er diesen von einer Krankheit heilen. Hier gilt ebenfalls, dass dieser Anspruch sich nur auf die dafür relevanten Teile des Körpers bezieht. Es steht einem Arzt also in der Regel nicht zu, sofort von einem Patienten zu verlangen, sich aller Kleidungsstücke zu entledigen, wenn dieser ihn wegen Schmerzen im linken Fuß aufsucht.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Die Arzt-Patienten-Beziehung bei Parsons und Freidson.
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Seminar "Einführung in die Medizinsoziologie"
Note
1,3
Autor
Jahr
2005
Seiten
15
Katalognummer
V54633
ISBN (eBook)
9783638497909
Dateigröße
482 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Arzt-Patienten-Beziehung, Parsons, Freidson, Seminar, Einführung, Medizinsoziologie
Arbeit zitieren
Maximilian Schröter (Autor), 2005, Die Arzt-Patienten-Beziehung bei Parsons und Freidson., München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/54633

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