Chinas Ölbedarf und seine Auswirkungen auf die Außen- und Sicherheitspolitik


Diplomarbeit, 2006
68 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Umrechnungstabelle zur Berechnung von Ölmengen

1. EINLEITUNG

2. DATEN UND FAKTEN
2.1. Das schwarze Gold: Die Bedeutung des Öls im weltweiten Kontext
2.2. Energietrends in China
2.3. Chinas Ölreserven und Eigenproduktion
2.3.1. Onshore
2.3.2. Offshore
2.4. Chinas Paradigmenwechsel

3. ENERGIESICHERHEIT UND CHINAS ÖLPOLITIK
3.1. Drei Konzepte der Energiesicherheit
3.2. Bedrohungspotentiale für die Energiesicherheit
3.3. Die Lehren aus den Ölkrisen der 1970er Jahre
3.4. Welches Konzept verfolgt China?
3.5. Die Hauptakteure der Energiepolitik und Ihre Ziele
3.5.1. Die strategische Sicherheitskultur Chinas und das chinesische Souveränitätsverständnis
3.5.2. Der zunehmende Einfluss des chinesischen Militärs
3.6. Chinas Hauptinstrumente zur Verbesserung der Energiesicherheit
3.6.1. Maximierung der inländischen Rohölproduktion
3.6.2. Maximierung der Raffineriekapazität
3.6.3. Infrastuktur und Transport
3.6.4. Strategische Ölreserve
3.6.5. Alternative Treibstoffe
3.6.6. Diversifikation der Herkunft der Erdölimporte
3.6.7. Investitionen in Produktion und Exploration in Übersee
3.6.8. Öldiplomatie

4. DIE AUSWIRKUNGEN DER ÖLPOLITIK AUF DIE AUßEN- UND SICHERHEITSPOLITIK CHINAS
4.1. Geopolitik in Ostasien
4.2. Chinas Interessen in Zentralasien
4.3. Chinas strategisches Interesse am Nahen und Mittleren Osten

5. FAZIT UND AUSBLICK

Literaturverzeichnis

Anhangverzeichnis

Anhang

Eidesstattliche Erklärung

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Primärenergie in China 1995/ 2020

Abbildung 2: Transportenergiebedarf in Asien 2001-2025

Abbildung 3: Karte wichtiger Erdölvorkommen

Abbildung 4: Chinas Rohölproduktion und -bedarf bis 2030

Abbildung 5: Chinesische Öl- und Gas Pipelines

Abbildung 6: Südchinesisches Meer

Abbildung 7: Ostchinesisches Meer

Abbildung 8: Erdölimporte vom Persischen Golf nach Importregionen, 2002 und 2025

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Projections of the Peaking of World Oil Production

Tabelle 2: Die weltweit größten Erdölproduzenten 2004

Tabelle 3: Working Classification of "Energy Security" Events

Tabelle 4: Strategische Zielsetzungen der Rüstungsbeschaffungspolitik für die Seestreitkräfte Chinas im Zeitraum 1992-2040

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Umrechnungstabelle zur Berechnung von Ölmengen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Statoil (2005); Society of Petroleum Engineers (2001).

1. EINLEITUNG

Das beachtliche Wirtschaftswachstum Chinas seit Ende der Achtziger Jahre, verleiht dem chinesischen Streben nach der Wiedererlangung von alter Macht und Größe Aktualität. Der unbändige Wille aus privater und nationaler Armut aufzusteigen, sowie der historisch untermauerte Anspruch auf kulturelle Überlegenheit, finden in der wirtschaftlichen Öffnungspolitik den institutionellen Rahmen, um sich zu neuer Größe aufzuschwingen. In der Tat ist diese Politik verantwortlich für einen nie geahnten wirtschaftlichen Aufschwung. Seit 25 Jahren wächst die chinesische Wirtschaft pro Jahr durchschnittlich um mehr als neun Prozent[1], und es scheint kein Ende in Sicht.

Wie die Wirtschaft, so wächst auch der Energiebedarf in nie gekanntem Maße. Mit der Folge, dass China seit 1996 auf Rohölimporte angewiesen ist. Seit jeher nach Autarkie strebend, stellt der steigende Energieverbrauch eine zentrale Herausforderung für die chinesische Regierung dar. Es gilt das hohe Tempo des Wirtschaftwachstums beizubehalten, welches zu großen Teilen auf der Sicherstellung zweier Faktoren beruht: Erstens der stetigen Verbesserung der institutionellen Rahmenbedingungen und zweitens der Bereitstellung ausreichender Produktionsfaktoren – in erster Linie Energie.

China leidet keinesfalls unter zu geringen Energieressourcen. Es verfügt über die weltweit drittgrößten Kohlevorkommen, ist gleichzeitig der größte Kohlenutzer und der größte Kohleproduzent.[2] Zudem besitzt es das Potential, in einer zukünftigen, auf erneuerbaren Energiequellen und Wasserstoff beruhenden Gesellschaft sich selbst zu versorgen.[3] Momentan jedoch, wird die Erdölversorgung mehr und mehr zum Flaschenhals der wirtschaftlichen Entwicklung Chinas. Nach aktuellen Berechnungen wird der Erdölkonsum bis 2020 in ungeahnte Höhen steigen, wogegen die nationale chinesische Produktion ihren Zenit bereits jetzt überschritten hat. Der notwendige Erdölimport führt zu Abhängigkeiten und außenpolitischen Risiken, zudem führt die ungehemmte Nutzung fossiler Brennstoffe zu bedeutenden Umweltverschmutzungen.

Zur Sicherung des zukünftigen Erdölbedarfs Chinas, tritt die chinesische Politik nicht länger als neutraler Beobachter der weltweiten Energiepolitik auf. China agiert nun in den bedeutendsten energiereichen Weltregionen als potentieller Widersacher der anderen Weltmächte. Sei es in Russland, dem Persischen Golf, Zentralasien oder Afrika, überall müssen sich die etablierten Mächte an die veränderte Rolle Chinas anpassen. Dies führt zu weitreichenden Auswirkungen auf die globale Energieversorgung, die internationale Energiesicherheit, die globale Klimapolitik und die weltweiten außen- und sicherheitspolitischen Beziehungen Chinas zu anderen Staaten Asiens, den Vereinigten Staaten (USA) und Europa. Zu diesem Ergebnis kommt auch der US National Intelligence Council in seiner Studie über die Schlüsseltrends welche die Zukunft bis 2020 prägen werden.[4]

Die chinesische Regierung steht vor einem Dilemma enormer Größe: Der alleinige Machtanspruch der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh, zhonguo gongchandang, 中国共产党) ist eng verknüpft mit dem weiteren Wirtschaftswachstum des Landes. Dieses aufrechtzuerhalten führt wiederum zur rapiden Steigerung der chinesischen Energienachfrage, welche aus fossilen Brennstoffen gedeckt wird.

Das Ziel der vorliegenden Diplomarbeit ist es, ein aktuelles Bild der chinesischen Energiepolitik zu zeichnen und deren Erfolg kritisch zu beleuchten. Die sich aus der chinesischen Politik vielfältig ergebenden Probleme und Risiken, führen zu der Auseinandersetzung mit der Einführung eines neuen, auf den Prinzipien der Nachhaltigkeit beruhenden Energiemodells in China.

Die Arbeit gliedert sich in vier Teile. Der erste Teil (2.) verdeutlicht die Notwendigkeit einer chinesischen Energie(-sicherheits)politik. Dazu wird die Bedeutung des Erdöls im internationalen Kontext aufgezeigt, sowie die Daten und Fakten zur Entwicklung des chinesischen, wie auch des weltweiten Energieverbrauchs analysiert.

Der zweite Teil (3.) setzt sich mit dem Begriff Energiesicherheit und seiner Bedrohungspotentiale auseinander. Es werden die drei verschiedenen Konzepte der Energiesicherheit analysiert, um dann näher auf den chinesischen Ansatz einzugehen. Hierbei werden sowohl kulturelle und historische, als auch personelle, politische und wirtschaftliche Einflussfaktoren aufgezeigt, welche sich dann in den Hauptinstrumenten der chinesischen Energiepolitik auffinden lassen. Außerdem wird der zunehmende Einfluss des Militärs auf die Außen- und Sicherheitspolitik Pekings aufgezeigt (3.5.2).

Im dritten Teil (4.) werden die Auswirkungen der Entwicklung des chinesischen Ölbedarfs auf die Außen- und Sicherheitspolitik Chinas offen gelegt. Der steigende chinesische Erdölimportbedarf in Verbindung mit Chinas Ambitionen außenpolitisch eine bedeutendere Rolle zu übernehmen, führen zu Verschiebungen in den außenpolitischen Prioritäten Chinas. Die dadurch entstehenden Konfliktherde werden ebenso aufgezeigt, wie die Erhöhung der Intensität bestehender Konflikte, beispielsweise die Territorialstreits im Südchinesischen Meer.

Teil vier (5.) bildet ein abschließendes Fazit, in dem die Ergebnisse zusammengefasst werden. Daraus wird dann die Notwendigkeit der Einführung eines neuen, auf den Prinzipien der Nachhaltigkeit beruhenden Energiesystems in China abgeleitet.

Bei der Auswahl der Literatur sei darauf hingewiesen, dass es sich maßgeblich um aktuelle nicht-chinesische Quellen handelt. Die statistischen Daten stammen im Wesentlichen aus Studien der staatlich amerikanischen Energy Information Agency (EIA), der in Paris sitzenden Nichtstaatlichen Organisation (non-governmental Organisation) International Energy Agency (IEA) und des multinationale Konzerns British Petrol (BP). Für die Umschrift chinesischer Termini wird Pinyin benutzt.

2. DATEN UND FAKTEN

Alle wissenschaftlichen Prognosen zur zukünftigen regionalen und globalen Energienachfrage, welche jeder Energiepolitik zu Grunde liegen, sind abhängig von einer Vielzahl nur schwer zu bestimmender Bedingungen und Entwicklungen. Hierzu gehören insbesondere:

Die allgemeine Verfügbarkeit der weltweiten Energieressourcen,

Die weltweite Bevölkerungsentwicklung,

Der konkrete regionale und globale Energiebedarf,

Die energiepolitischen Auswirkungen des Kyoto-Protokolls zum Klimaschutz,

Die weltwirtschaftliche Entwicklungen und strukturellen Veränderungen vom Industrie- zum Informationszeitalter,

Technologische Innovationen zur Identifizierung und Ausbeutung von Energieressourcen, die mit den bisherigen technischen Mitteln nicht zugänglich und abbaubar waren, und ihr konkretes Einsatzspektrum,

Die politische und regionale Stabilität der Erdöl und Erdgas produzierenden Staaten sowie der jeweiligen Transitländer.[5]

Zudem beruhen die Verbrauchsszenarien auf Berechnungen der noch vorhandenen Erdölreserven. Diese werden in der Statistik in drei Kategorien unterteilt: Erstens die sicher bestätigten Reserven (proved reserves). Dies ist die Menge an fossilen Energieträgern, die mit der gegenwärtig zur Verfügung stehenden Technologie unter gegenwärtigen ökonomischen Bedingungen rentabel gefördert werden kann.[6] Das bedeutet, dass nur ein kleiner Teil der tatsächlich vorhandenen Erdölvorräte unter diese Definition fällt. Insbesondere das Definitionsmerkmal "rentabel förderbar" schränkt durch seine Abhängigkeit von weiteren wirtschaftlichen Größen den Bereich der sicheren Reserven stark ein. Hierbei handelt es sich um rein ökonomische Größen, die mit den geologischen Erkenntnissen nur bedingt zu tun haben. Schwankungen in den Angaben der Reserven einzelner Länder wie von einzelnen Unternehmen sagen also häufig weniger über die geologisch nachgewiesenen Vorräte aus, als viel mehr über die Kosten ihrer Produktion oder des Transports. Dennoch ist dies die am häufigsten genannte Kennzahl zur Bestimmung der Erdölvorräte.

Die zweite Kategorie ist die Zunahme der Reserven (reserve growth). Diese gibt die durch technischen Fortschritt verursachte Höhe der erwarteten Zunahme der Reserven an. Drittens die unentdeckten Reserven (undiscovered reserves), welche die Höhe der vermuteten Reserven wiedergibt.[7] Die Aussagekraft dieser beiden Kategorien in Bezug auf die Nutzbarkeit ist weitaus geringer. Beruhen sie doch auf Hochrechnungen und Analysen der sicheren Reserven und stellen somit lediglich eine Annahme dar. Bei den Berechnungen ist weiterhin anzumerken, dass die Höhe der unentdeckten Reserven in der Regel sehr viel größer ist als die der anderen beiden Kategorien (siehe hierzu Anhang 3).

2.1. Das schwarze Gold: Die Bedeutung des Öls im weltweiten Kontext

„Öl ist die treibende Kraft der Industriegesellschaft und das Lebensblut der Zivilisationen, zu deren Entstehung es so viel beigetragen hat“.[8] Dieses Zitat verdeutlicht den Stellenwert des nach Kohle zweitwichtigsten Energielieferanten der Welt.[9] Öl ist die strategische Größe zur Erhaltung und Ausweitung von Macht, denn einzig der Ölpreis ist so eng mit wirtschaftlichem Wachstum verknüpft. Angesichts eines stetig steigenden weltweiten Energiebedarfs, zu dessen Befriedigung mehr und mehr Öl nachgefragt wird, und einer zunehmend erschwerten Sicherung der benötigten Fördermengen, gewinnt diese Aussage zunehmend an Gewicht. Die EIA schätzt in ihrer aktuellen Studie[10], dass der weltweite Erdölverbrauch von 78 Millionen Barrel pro Tag (mbd) im Jahre 2002 sich auf 119 mbd im Jahre 2025 ausweiten wird. Dies ist gleichbedeutend mit einer Steigerung um 53 Prozent. Im Jahre 2025 müssen demnach täglich 42 Millionen Barrel zusätzlich gefördert werden. Anderthalb mal so viel wie die gesamte Förderquote der Organisation of Petroleum Exporting Countries (OPEC) des Jahres 2005.[11] Anzumerken ist hier, dass Dr. Sadad-Al Husseini (der kürzlich pensionierte Head of Exploration and Production, der staatlichen Saudi Arabischen Ölfirma Aramco) in einem Interview das absolute weltweite Produktionsmaximum technisch bedingt mit 95 mbd beziffert.[12] Demnach können in seinen Augen 119 mbd niemals realisiert werden.

Bei der Betrachtung der Entwicklung des weltweiten Erdölverbrauchs, stößt man unausweichlich auf die Frage, ob und wenn ja, wann die weltweiten Erdölreserven erschöpft sein werden. Den genauen Zeitpunkt, wann der Welt das Erdöl ausgeht, vermag niemand zu bestimmen. Der wesentlich wichtigere Zeitpunkt ist sowieso der, an dem die weltweite Erdölförderung ihren Zenit überschritten haben wird, also das Produktionswachstum erreicht ist (Peak Oil Production/ Mid Depletion Point). Dann sind zwar immer noch gewaltige Reserven vorhanden, doch die Zeit des billigen Öls wird vorbei sein.[13] Der Produktionsaufwand ist dann schlicht zu hoch. Als Folge werden die Preise angesichts des Unterangebots steigen, und die Welt wird noch stärker vom Öl und seinem Preis abhängig sein.

Nach der Meinung namhafter Geologen und Analysten steht diese historische Wende unmittelbar bevor (vgl. Tabelle 1).[14] Sogar der von Berufswegen stetige Optimist Dr. Sadad-Al Husseini, sieht das weltweite Produktionsmaximum um das Jahr 2015 erreicht.[15] Angesichts der Entwicklung des Ölpreises während der letzten 12 Monate, welcher von Rekord zu Rekord eilt (vgl. Anhang 1) gewinnen die Prognosen tagtäglich an Bedeutung.

Tabelle 1: Projections of the Peaking of World Oil Production

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Hirsch 2005

Der Treibstoff der Weltwirtschaft wird wichtiger denn je, und das Jahrhundert des Öls dauert einige Dekaden länger. Die Welt steht am Anfang einer äußerst komplexen und risikoreichen Entwicklung. Die anhaltende weltweite Bevölkerungszunahme, die Verschiebung des Zentrums des Energiekonsums aus der westlichen Hemisphäre in die bevölkerungsreichen Staaten Asiens, sowie der ebenfalls stetig wachsende Verbrauch in den tradierten Wirtschaftszentren, sind hier die wichtigsten Antriebskräfte. Außerdem verfügen nur wenige Staaten über große Erdölreserven, und die meisten sind als politisch instabil anzusehen. Ferner wachsen die Entfernungen zwischen den Förderungsstätten und den Verbrauchsregionen durch die weltweit ungleiche Verteilung der Erdöl- und Erdgasvorkommen, sowie durch die notwendige Erschließung immer unzugänglicherer Quellen. Dies erhöht das Transportrisiko, die Kosten und letztendlich auch das Ausfallrisiko.[16]

Die gegenseitige Abhängigkeit der Erdöl importierenden Staaten und der Erdöl produzierenden Staaten wird einerseits wegen des großen Ressourcenbedarfs und andererseits wegen des fehlenden Know-Hows und Finanzbedarfs weiter zunehmen. Diese Entwicklung trägt entweder zum Abbau politischer Konflikte bei und führt zu verstärkter Kooperation, oder es werden politische Rivalitäten um den Zugang von begrenzten Energieressourcen angeheizt. Dies lässt die Erdöl importierenden Staaten ein gewachsenes Bedrohungspotential wahrnehmen, wodurch ungewollt ein regionaler Rüstungswettlauf in Gang gesetzt werden kann.

2.2. Energietrends in China

Die chinesische Wirtschaft ist während der letzten 10 Jahre um mehr als neun Prozent pro Jahr gewachsen.[17] Das rasante Wirtschaftswachstum Chinas führt zu einem deutlichen Anstieg des Energieverbrauchs. Die Gesamtnachfrage nach Primärenergie in China wird sich laut einer Studie der EIA im Zeitraum 2000 bis 2010 durchschnittlich um vier Prozent pro Jahr erhöhen.[18] Abbildung 1 zeigt die Ergebnisse einer ähnlichen Studie der in Paris sitzenden IEA aus dem Jahre 1996. Diese geht im Zeitraum 1995 bis 2020 sogar von einer Steigerung in Höhe von 5,7 Prozent pro Jahr aus.

Die Steigerung des Erdölanteils an der Gesamtmenge der Primärenergie Chinas schätzt die IEA über den genannten Zeitraum auf fünf Prozent. In absoluten Zahlen ausgedrückt, stellt dies eine Verdreifachung der durch Erdöl bereit gestellten Primärenergie im Jahre 2015 dar. Dies schlägt sich auch in der Entwicklung der chinesischen Rohölnachfrage wieder, welche laut der IEA von 1995 bis 2020 um 1,6 Prozent jährlich wachsen soll. Die Studie der EIA aus dem Jahre 2004 schätzt das jährliche Wachstum im gleichen Zeitraum sogar auf vier Prozent.[19]

Der aus Abbildung 1 entnommene Anteil des Erdöls an der Primärenergie des Jahres 1996 in Höhe von 19 Prozent, ist im Vergleich mit allen wichtigen Volkswirtschaften gleichbedeutend mit einen der geringsten Anteile überhaupt.[20] Dies verdeutlicht, dass die Umstellung von Kohle auf andere Energieträger, bzw. Erdöl, ein Anpassungsprozess an die Strukturen industrialisierter Länder ist. Dennoch ist und bleibt Kohle der Energieträger erster Wahl in Chinas rapide wachsendem industriellem Sektor.[21]

Abbildung 1: Primärenergie in China 1995/ 2020

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: International Energy Agency (1996): 19.

Der Motor für den wirtschaftlichen Aufschwung, ist auf der Angebotsseite die drastische Ausweitung der Produktionskapazitäten, und auf der Nachfrageseite die immense Zunahme des privaten Konsums. Zum einen benötigt eine expandierende Volkswirtschaft zusätzliche Energie für Ihre Produktion. Andererseits führt die stärkere Wirtschaftskraft zu einem steigenden Wohlstand der Bevölkerung und einer Veränderung der Konsumbedürfnisse hin zu

einer stärker durch elektrische Haushaltshilfen, Unterhaltungselektronik und individueller Mobilität geprägten Gesellschaft, welche zusätzliche Energie benötigt.

Der wachsende Transportbedarf auf der Straße kommt allein für knapp zwei Drittel der erwarteten Zunahme der Erdölnachfrage Chinas bis zum Jahr 2025 auf.[22] Hierin spiegelt sich die, sich durch die Ausweitung des Sekundär- und Tertiärsektors verändernde Wirtschaftsstruktur wider. Bis zum Jahre 2010 sollen bis zu einer Million Autos pro Jahr in China verkauft werden können, so dass China bis zum Jahr 2025 zum drittgrößten Automarkt der Welt aufsteigen wird.[23] Abbildung 2 vergleicht die Entwicklung des Transportenergiebedarfs asiatischer Staaten. Die Ausweitung des chinesischen Bedarfs von 4,1 Billiarden British Thermal Units (Btu) im Jahre 2001, auf 14 Billiarden Btu im Jahre 2025 bedeuten eine Verdreifachung des chinesischen Bedarfs.

Abbildung 2: Transportenergiebedarf in Asien 2001-2025

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Energy Information Agency (2004): 45.

2.3. Chinas Ölreserven und Eigenproduktion

Die Angaben über Chinas Erdölvorkommen schwanken je nach Quelle beträchtlich. Die offizielle chinesische Statistik des Jahres 2003 beziffert die chinesischen Gesamtreserven auf 201,1 Milliarden Tonnen, wovon 28 Prozent (56,31 Milliarden Tonnen) als sicher gelten.[24] Westliche Schätzungen sind weitaus konservativer: Laut Andrews-Speed belief sich im Jahre 1997 die Gesamtheit der chinesischen Erdölvorkommen noch auf 61 bis 94 Milliarden Tonnen und seitdem sind keinen nennenswerten Funde hinzugekommen.[25] Die EIA schätzt die chinesischen Reserven im Jahre 2004 bloß auf 7,16 Milliarden Tonnen, wovon 2,5 Milliarden Tonnen als sicher gelten.[26] British Petrols Zahlen des Jahres 2004 sehen noch düsterer aus, mit sicheren Reserven in Höhe von 2,33 Tausend Millionen Tonnen.[27] Demnach rechnet BP mit sicheren chinesischen Reserven, welche um den FaktorAbbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten (!) geringer sind als die offizielle chinesische Statistik ausweist. Im Vergleich mit den Zahlen der EIA, verfügt China laut der chinesischen Statistik über die weltweit größten Ölreserven, welche in etwa der Höhe der gesamten Reserven der OPEC entsprechen (siehe hierzu Anhang 3).

Einig sind sich die Experten über die geographische Verteilung der chinesischen Ölreserven, welche wir aus Abbildung 3 entnehmen können. Von der Gesamtsumme befinden sich nahezu 90 Prozent auf dem Festland (onshore) und der kleinere Teil in den Küstengewässern (offshore). Ende des Jahres 2004 betrug die chinesische Gesamtförderleistung nahezu 3,5 Millionen Barrel Erdöl pro Tag. Aus Tabelle 2 entnehmen wir, dass dies in etwa 33 Prozent der täglichen Förderleistung des größten Erdölproduzenten Saudi Arabiens entspricht und China mit einem Anteil an der weltweiten Förderleistung von 4,5 Prozent, der sechstgrößte Produzent der Welt ist.[28] Trotz kühner Erwartungen sind aber keine weiteren bedeutenden Erdölvorkommen gefunden wurden, so dass das Produktionswachstum im ersten Halbjahr 2004 gerade ein Prozent betrug.[29] Zudem sind die nachweisbaren Ölreserven Chinas im internationalen Vergleich gering, belaufen sie sich doch nur auf 1,4 Prozent der weltweit nachweisbaren Ölreserven (siehe Anhang 3).[30]

Tabelle 2: Die weltweit größten Erdölproduzenten 2004

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: British Petrol (2005)

2.3.1. Onshore

Die wichtigsten chinesischen onshore Erdölvorkommen befinden sich im Norden und im Nordosten des Landes. Vor allen Dingen in den Provinzen Heilongjiang, Jilin und Liaoning, befinden sich die ertragreichsten chinesischen Erdölvorkommen. Hervorzuheben ist insbesondere das Daqing Feld in der Provinz Heilongjiang. Dieses wurde 1959 entdeckt und war über vier Jahrzehnte so ertragreich, dass es alleine Chinas unabhängige Ölversorgung garantieren konnte. Im Jahre 1996 stellte die Provinz Heilongjiang mit 37 Prozent der Gesamtförderleistung weiterhin den größten Erdölproduzenten Chinas dar, gefolgt von der Provinz Shandong mit einem Anteil von 20 Prozent.[31] Die Förderleistung der Ölfelder Daqing, Shengli ( Provinz Shandong ) und Liaohe ( Provinz Liaoning macht 70 Prozent der nationalen Förderleistung aus.[32] Die großen Ölfelder werden jedoch bereits seit den 1960er Jahren ausgebeutet und bieten keine Möglichkeiten zur Expansion. Durch die Ausweitung der Förderung im Westen Chinas und der bereits stark ausgebeuteten etablierten Vorkommen wird sich diese Monopolisierung in Zukunft deutlich abschwächen.

Abbildung 3: Karte wichtiger Erdölvorkommen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: entnommen: International Energy Administration, 2003

Die größten Hoffnungen in der Ausweitung der nationalen Erdölförderung liegen aber im geologischen Potential des äußersten Westen Chinas, nämlich im Tarimbecken (vgl. Abbildung 3). Es befindet sich im Uigurisch Autonomen Gebiet Xinjiang , grenzt an Kasachstan, Kirgisistan, Tadschikistan und besteht eigentlich aus drei kleineren Gebieten (Tarim, Junggar und Turpan-Hami). Nach ersten seismischen Untersuchungen und Probebohrungen nahmen die Experten an, das Gebiet verfüge voraussichtlich über größere Reserven als die für sicher befundenen Reserven des bedeutendsten Erdölproduzenten Saudi-Arabien. Diese Annahme stellte sich als nicht haltbar heraus, doch verbleiben die Schätzungen der chinesischen Seite auf hohem Niveau. Laut einer Studie der China National Petroleum Corporation (CNPC), einer der drei staatlichen Öl-Gesellschaften Chinas aus dem Jahr 1997, verfügt das Tarimbecken über 30 Prozent der gesamten chinesischen Erdölvorkommen und 34 Prozent der Erdgasvorkommen. Xinjiangs jährlicher Ausstoß belief sich 1998 auf 11 Prozent der landsweiten Produktion.[33] Das Dilemma der Erdölvorkommen im Tarimbecken liegt in der geringen Wirtschaftlichkeit der dortigen Reserven. Eine Förderung würde sich selbst bei einem Ölpreis in Höhe von 50 US Dollar nicht rentieren.[34]

2.3.2. Offshore

Die wichtigsten Erdöllagerstätten sind über große Teile der chinesischen Küstengewässer verteilt. Ihr Anteil an den gesamten chinesischen Ölreserven wird nur auf etwa 10 Prozent geschätzt, doch gibt es bereits weit über 100 Kooperationen zur Förderung chinesischen offshore Öls und es wird geschätzt, das 80 Prozent der offshore Vorkommen noch nicht gefunden wurden.[35] Im Jahre 2004 wurden 27 Millionen Tonnen Erdöl in den chinesischen Küstengewässern gefördert, was in etwa 15 Prozent der chinesischen Gesamtfördermenge entspricht.[36]

Das Südchinesische Meer (siehe Abbildung 3; 7) gilt als viel versprechendes offshore Gebiet. Seit 1990 ist aber deutlich zu erkennen, dass hier nur moderate Fördermengen zu erwarten sind und dass dies nicht das Gebiet für elephants (große bedeutende Ölfelder) ist. Als Folge stuften die multinationalen Ölkonzerne ihr Engagement zurück und überließen das Feld kleineren Firmen.[37] Dennoch hat das Potential der Region unzählige Male Anlass zu Kontroversen und Gebietsstreitigkeiten gegeben, wie in Gliederungspunkt 4.1. noch ausführlich geschildert wird.

Die chinesische Politik lässt sich dennoch von der Annahme riesiger Vorkommen in der Region leiten. Internationale Schätzungen schwanken zwischen 6 und 105 Milliarden Barrel Ölreserven für die Spratly- (chinesisch: nanshan qundao; 南沙群岛) und Paracel-Inseln zusammen (siehe Abbildung 7). Optimistische Prognosen schätzen die potentiellen Rohölmengen für das gesamte Südchinesische Meer auf 213 Milliarden Barrel. Die erwiesenen Reserven liegen jedoch lediglich bei 7,5 Milliarden Barrel.[38] Eine chinesische geologische Fachzeitschrift dagegen summierte die Erdölvorkommen nahe den Spratly-Inseln im Mai 1989 sogar auf 130 Milliarden Barrel. Damit würde die Region über größere Erdölreserven verfügen als Kuwait und damit weltweit den vierten Platz einnehmen.[39]

[...]


[1] Der Spiegel 2005a: 74; Umbach 2003: 46.

[2] Energy Information Agency 2004: 78; British Petrol 2005: 34.

[3] Constantin 2005: 24.

[4] US National Intelligence Council 2020 Project Summary, entnommen: Prestowitz 2005: 224.

[5] Vgl. Umbach 2003: 52.

[6] Exxonmobil 2004: 2.

[7] Vgl. Statoil 2005.

[8] So Daniel Yergin, Publizist, Ölfachmann und Pulitzer-Preis Gewinner, in: Yergin 1998: 34.

[9] Energy Information Agency 2005: 87.

[10] Energy Information Agency 2005: 33.

[11] Energy Information Agency 2005: 33.

[12] Association for the Study of Peak Oil & Gas-USA 2005.

[13] Vgl. u.a. Chevron Corporation 2005; Schindler 2004.

[14] Vgl. u.a. : Simmons 2005; Hirsch 2005; Financieele Dagblad 2005; Umbach 2003: 150-163: Campbell 2002.

[15] Association for the Study of Peak Oil & Gas-USA 2005.

[16] Vgl. u.a. Andrews-Speed 2002; Umbach 2002.

[17] China Statistical Yearbook 2003; Andrews-Speed 1999: 46.

[18] Energy Information Agency 2004: 237.

[19] Energy Information Agency 2004: 179.

[20] Andrews-Speed 1999: 47.

[21] International Energy Agency 2005: 12.

[22] Energy Information Agency 2004: 44.

[23] Vgl. Neue Zürcher Zeitung 2002: 11.

[24] China Petroleum and Gas Estimate Report 2002, entnommen: Li Dingxin 2003.

[25] Andrews-Speed 1999: Tabelle Nr. 72: 349.

[26] Energy Information Agency 2005: 38.

[27] British Petrol 2005: 6.

[28] Energy Information Agency, International Energy Agency, entnommen: Der Spiegel 2004: 109.

[29] Andrews-Speed 2003b: 1f.

[30] British Petrol 2005: 6.

[31] Andrews-Speed 1999: 46.

[32] Andrews-Speed 1999: 48.

[33] International Energy Agency 1996: 23.

[34] Forney 2005.

[35] China Daily 2004.

[36] China Daily 2004.

[37] Vgl. Andrews-Speed 1999: 134.

[38] Vgl. Yergin 1998: 46.

[39] Leifer, Michael 1995: 44, entnommen: Umbach 2002: 55.

Ende der Leseprobe aus 68 Seiten

Details

Titel
Chinas Ölbedarf und seine Auswirkungen auf die Außen- und Sicherheitspolitik
Hochschule
Hochschule Bremen
Note
1,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
68
Katalognummer
V54648
ISBN (eBook)
9783638498005
Dateigröße
1028 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Chinas, Auswirkungen, Außen-, Sicherheitspolitik
Arbeit zitieren
Dennis Hennings (Autor), 2006, Chinas Ölbedarf und seine Auswirkungen auf die Außen- und Sicherheitspolitik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/54648

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