Blockpraktikum Montessori-Integrationsschule


Praktikumsbericht / -arbeit, 2003
122 Seiten, Note: sehr gut

Leseprobe

Inhalt

1. Praktikumsschule
1.1. Vorstellen der Montessori – Integrationsschule Erfurt
1.1.1. Wer war Maria Montessori?
1.1.2. Die Montessori – Integrationsschule Erfurt
1.2. Unterschiedliche Eingangsvorrausetzungen von Grundschülern
hinsichtlich ihrer intellektuellen, psychischen, sozialen und
körperlichen Entwicklung
1.3. Differenzierung

2. Die Praktikumsklasse
2.1. Vorgeschichte und Zusammensetzung der Klasse
2.2. Haltung und Arbeitsweise in der Klasse
2.3. Arbeitsbedingungen in der Klasse
2.4. Kommunikation, Interaktionsstrukturen, Regeln in der Klasse

3. Der Unterricht 19
3.1. Ethik (2. Klasse)
3.2. Gebundener Unterricht (4. Klasse)
3.2.1. Analyse des Protokolls „Gebundener Unterricht (4. Klasse)

4. Ausarbeitungen zu den fachdidaktischen Aufgaben
4.1. Unterrichtsversuch Ethik (2. Klasse)
4.1.1. Die Unterrichtseinheit
4.1.2. Die Unterrichtsstunde
4.1.3. Unmittelbare Unterrichtsvoraussetzungen
4.1.4. Sachanalyse
4.1.5. Didaktische Analyse
4.1.6. Methodische Möglichkeiten
4.1.7. Geplanter Unterrichtsverlauf
4.1.8. Tafelbilder, Folien, Arbeitsblätter, Texte
4.1.9. Literaturangaben
4.2. Unterrichtsversuch Werken (1. / 2. Klasse)
4.2.1. Die Unterrichtseinheit
4.2.2. Die Unterrichtsstunde
4.2.3. Unmittelbare Unterrichtsvoraussetzungen
4.2.4. Sachanalyse
4.2.5. Didaktische Analyse
4.2.6. Methodische Möglichkeiten
4.2.7. Geplanter Unterrichtsverlauf
4.2.8. Tafelbilder, Folien, Arbeitsblätter, Texte
4.2.9. Literaturangaben

5. Praktikumsreflexion und Gesamteindruck der Klasse
5.1. Gesamteindruck der Praktikumsklasse
5.2. Praktikumsreflexion

6. Literaturverzeichnis

1. Praktikumsschule

1.1. Vorstellen der Montessori – Integrationsschule Erfurt

1.1.1. Wer war Maria Montessori?

Maria Montessori (31.8.1870 - 6.5.1952) war eine italienische Kinderärztin, die eine neue, später nach ihr benannte, Pädagogik entwickelte, indem sie Kinder verschiedener Altersstufen eingehend beobachtete. Sie kam zu der Auffassung, dass das Kind in seiner Entwicklung einem inneren Bauplan folgt und die wichtigsten Aufgaben der Pädagogen darin besteht, diesen Selbstaufbau lediglich zu unterstützen.

„Hilf mir, es selbst zu tun!“

... wurde Montessori einmal von einem Kind gebeten und diese Bitte entwickelte sich zum Leitsatz ihrer Pädagogik! 1907 eröffnete sie ihr erstes Kinderhaus in einem Armenviertel von Rom. Mit dem damals von Montessori entwickelten didaktischen Material arbeiten Kinder bis zum heutigen Tag überall auf der Welt.

Sie wurde am 31. August 1870 in Chiaravalle bei Ancona geboren. Als behütetes Einzelkind wächst sie in einem liberalreligiösen Elternhaus auf. Ihr Vater, Alessandro Montessori, und ihre Mutter, Renide Stoppani, zählen zur politischen Elite Italiens. 1875 besucht Maria die öffentliche Volksschule und wechselt später auf eine technisch, naturwissenschaftliche Schule. Früh zeigt Maria einen für ein junges Mädchen in der damaligen Zeit revolutionären Geist. Maria möchte Medizin studieren, wird jedoch an der Universität abgewiesen. Gegen den Willen der Eltern studiert sie zunächst Ingenieurwesen und Mathematik. Nach Ablegen der Prüfungen erlangt sie die Berechtigung zur Aufnahme eines Medizinstudiums. In die Domäne der Männer einzudringen, scheint nicht nur unerhört, sondern geradezu unmöglich. Wie es ihr gelingt, ihre Einschreibung dennoch durchzusetzen und 1892 als erste Frau Italiens mit dem Studium der Medizin zu beginnen, ist nicht überliefert. Jedoch ist die Zeit ihres Studiums geprägt von großen Schwierigkeiten. Die Professoren versuchen die junge Frau zu übersehen, die Mitstudenten reagieren ablehnend, sogar boshaft. Um im Anatomiesaal arbeiten zu können, muss sie sich nachts darin einschließen lassen, weil ihr die Arbeit zusammen mit den Studenten nicht erlaubt wird. 1896 hat Maria Montessori ihr Ziel erreicht und schließt ihr Studium mit der Promotion ab. Sie ist die erste "Dottoressa" Italiens.

In den letzten beiden Jahren ihres Studiums arbeitet sie bereits als Assistentin an einer psychiatrischen Klinik. 1896 bis 1898 folgt eine Anstellung als Assistenzärztin in der römischen Universitätskinderklinik, Abteilung Kinderpsychiatrie. Im Umgang mit den geistig behinderten, kleinen Patienten erkennt sie den Tätigkeitsdrang und Eigenantrieb, der allen Kindern zugrunde liegt. Sie ist der Überzeugung: "Das Problem dieser Kinder ist in erster Linie ein pädagogisches, nicht ein medizinisches". Sie stößt auf die Werke von J.G.Itard und E.Seguin, die beide davon überzeugt waren, behinderte Kinder durch besondere Förderung anregen zu müssen. Unter Einbringung dieser Sinnesmaterialien, in Kombination mit medizinischen Erkenntnissen, entwickelt sie eine pädagogische Methode, mit der sie in ihrer Arbeit als Dozentin an der Lehrerbildungsanstalt und Direktorin eines heilpädagogischen Instituts in Rom (1898 - 1900) beachtliche Erfolge erzielt. Ihre Zöglinge leisten oft bereits nach zwei Jahren genauso viel wie gesunde Kinder und können die Regelschule besuchen. Maria Montessori beginnt sich zu fragen, was am "normalen" Schulsystem so falsch sein könne, dass geistig gesunde Kinder derartig schwache Leistungen erbringen.

Maria Montessori geht eine Beziehung mit dem angesehenen Arztkollegen Dr. Giuseppe Montesano ein und wird schwanger. Ihr einziges Kind, Sohn Mario, wird im März 1898 geboren. Da ein uneheliches Kind das Ende ihrer Karriere bedeuten würde, hält sie die Geburt geheim und gibt ihren Sohn außerhalb Roms in Pflege. Sie verlässt das Institut und studiert Anthropologie und Psychologie. 1904 wird sie zur Professorin für Anthropologie an der Universität Rom ernannt.

Maria Montessori folgert aus ihren Erkenntnissen heraus, dass mithilfe ihrer Unterrichtsmethode alle Kinder ungleich besser gefördert werden könnten, als es bisher der Fall war. Durch die Beobachtung eines vierjährigen Mädchens, das eine Übung mit Einsatzzylindern über 40mal wiederholt, entdeckt sie das Phänomen der "Polarisation der Aufmerksamkeit".

1907 wird sie von der italienischen Regierung damit beauftragt, das erste Kinderhaus in San Lorenzo (Casa dei Bambini), einem Vorort von Rom, zu "beaufsichtigen" und die Hygiene zu kontrollieren. Das Kinderhaus war in einem Elendsviertel angesiedelt. Maria Montessori macht sich bei ihrer Arbeit die Erfahrung zunutze, die sie vorher mit behinderten Kindern gemacht hat und verwendet für ihre Arbeit mit den Kindern das Material, das sie aus der Experimentalpsychologie kennt und weiterentwickelt hat, angeregt durch Impulse, die von den Kindern ausgehen. Sehr schnell spricht sich in Rom das Kinderhausmodell herum, da die Kinder nicht geahnte Fortschritte machen mit Erfolgen, die den "unterprivilegierten" Kindern vorher nicht zugetraut wurden.

In ihrer pädagogischen Auffassung orientiert sich Maria Montessori an bestimmten Prinzipien, die für die damalige Zeit geradezu revolutionär waren, und die sicherlich den Erfolg der Montessoripädagogik bis heute erklären. 1909 veröffentlicht sie ihr Hauptwerk "Il metodo", das sich auf drei Eckpfeiler stützt. Einer davon wird ein von Maria Montessori selbst entwickelter Satz von Bau- und einfachen Spielelementen, die die Kinder zu selbstständigem Forscherdrang animieren sollen. Den zweiten Pfeiler bilden die eingeführten "Stillezeiten" und gemeinsame Mahlzeiten der Zöglinge, die soziale Lernprozesse anregen und den Kindern vermitteln sollen, dass sie Teil einer großen Einheit sind. Dritter Grundsatz ist die eher beobachtende Distanz der Erzieher, die eine Störung des Lernprozesses durch den Einfluss der Erwachsenen verhindern soll.

Von 1913 an reist sie in viele Länder der Erde. In Europa, Amerika und Indien hält sie Vorträge. Sie verfasst ihr Buch "Selbsttätige Erziehung im frühen Kindesalter", das die Verbreitung ihrer Erkenntnisse rasch voranbringt. Im gleichen Jahr hält sie den ersten internationalen Lehrgang in der Ausbildung von Lehrkräften in ihrer Methode. Diese setzt sich immer mehr durch und fast überall in Europa und Amerika entstehen Montessorischulen nach ihrem Vorbild. 1922 wird sie zum Regierungsinspektor der Schulen Italiens ernannt.

Die Entwicklung der Montessoripädagogik wird immer wieder durch totalitäre Regime, wie in der Sowjetunion, Italien, Spanien und Deutschland gestoppt. In der Zeit des Nationalsozialismus werden in Deutschland alle Montessorieinrichtungen geschlossen. Wegen Behinderungen durch den Faschismus in Italien verlegt Maria Montessori ihren Wohnsitz 1934 erst nach Barcelona, 1936 wegen des spanischen Bürgerkrieges in die Niederlande, später nach Indien. Dort leitet sie in Adyar eine nach ihrer Methode der Selbsterziehung eingerichtete Schule. 1940 wird sie nach der Besetzung der Niederlande durch die Deutschen als Angehörige eines Feindstaates interniert. Nach ihrer Freilassung arbeitet sie dort und in den Nachbarländern an ihrem Lebenswerk weiter. 1947 kehrt Montessori nach Europa zurück. Bis zu ihrem Lebensende wohnt sie in Nordwijk aan Zee. Dort stirbt sie am 06. Mai 1952. (vgl. http://home.t-online.de/home/d.g.p.meinhard/frauen/montessori.html; Stand 26.09.2003)

1.1.2. Die Montessori – Integrationsschule Erfurt

I. Anliegen

Seinem Wortsinn nach bedeutet Integration: Mehre Teile zu einem ganzen Zusammenfügen. Montessori spricht in ihrem Konzept zur kosmischen Erziehung von der speziellen Lebensaufgabe, die jeder Mensch als Teil dieses großen Universums hat. Zugleich macht sie deutlich, dass die Menschen bei allem Suchen nach dem Sinn ihres Lebens nicht vergessen dürfen, dass sie sich nur im Miteinander begreifen können. Es sei die besondere Aufgabe des Menschen, in seinem Leben zur Existenz aller beizutragen.

Die Bemühungen der Lehrerinnen der Montessori – Integrationsschule erstrecken sich vom Ziel der Wiederherstellung der durch den Ausschluss zerstörten Lebensrealität bis hin zum Anspruch auf angemessene Bildung und Erziehung sowie Selbstständigkeit im Sinne von:

„Hilf mir, es selbst zu tun!“ (Montessori).

Täglich verfolgen die Pädagogen das Ziel, dass es normal ist, verschieden zu sein.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Aus: Infomaterial „Montessori Integrationsschule Erfurt“)

Wesentliches Anliegen dieser Schule ist die integrative Bildung und Erziehung, deren Umsetzung auf der Grundlage der Montessoripädagogik erfolgt. Behinderte Kinder lernen gemeinsam mit nicht behinderten Kindern und erfahren so eine erhebliche Verbesserung ihrer Lebenschancen.

Nicht weniger wichtig sind jedoch auch soziale Lernprozesse bei den nicht behinderten Kindern, deren Ergebnisse sich in größerer Bereitschaft zu gesellschaftlicher Mitverantwortung, in Toleranz und zielstrebigen Handeln zum Wohle der Gemeinschaft widerspiegeln.

Für die Kinder der Montessori – Integrationsschule bedeutet das:

- dass Kinder mit unterschiedlichen pädagogischen Bedürfnissen in diese Schule kommen können
- dass es für die Kinder der Schule normal wird, verschieden zu sein
- dass für alle Kinder folgende Rechte und Ziele gelten:

1. Jedes Kind hat ein Recht auf angemessene Bildung und Erziehung!
2. Jedes Kind lernt und arbeitet nach seinen Möglichkeiten!
3. Kein Kind darf beim Arbeiten gestört werden!
4. Jedes Kind hat das Recht auf differenzierte, individuelle Bewertung und auf das Sichtbarmachen von eigenen Fortschritten und Erfolgen!
5. Jedes Kind hat das Recht auf Unterstützung im Sinne von „Hilf mir, es selbst zu tun!“
6. Jedes Kind hat ein Recht auf Selbstständigkeit!
7. Jedes Kind hat die Pflicht, sich täglich in kameradschaftlichem Umgang, Achtung und Toleranz gegenüber andren Kindern zu üben!
8. Jedes Kind hat die gleichen Rechte bei der Partizipation am gesellschaftlichen Leben!
9. Jedes Kind hat die Chance und die nötige Zeit, sich auf ein selbstständiges Leben in der Gesellschaft vorzubereiten!

Für die Pädagogen der Schule bedeutet das:

- dass sie Vorbild sein wollen für:
- gegenseitige Achtung
- Wahrnehmung der Fähigkeiten und Besonderheiten des Anderen
- für die Bereitschaft, die Verschiedenheit zu tolerieren.
- dass sie eine Brücke bauen zwischen Kindern, die anders sind und solchen, die mit diesem Anderssein noch nicht klarkommen
- dass sie die aufgestellten Rechte und Pflichten für alle Kinder ermöglichen
- dass sie sich umfangreiches Wissen aneignen oder in Teamarbeit die besonderen pädagogischen Bedürfnisse der Kinder sichern
- dass sie sich täglich bemühen, ihre eigenen Schwächen und Endlichkeiten anzunehmen, um das Leben der Kinder mit ihren Schwächen und Zerbrechlichkeiten ein Stück teilen zu können

II. Stichworte zur Montessori - Grundschule

- Im Moment 136 Schülerinnen, 10 Lehrerinnen (davon 2 Förderschullehrerinnen), 1 Lehrer, 4 sonderpädagogische Fachkräfte, 4 Erzieherinnen und 4 Honorarkräfte
- Zurzeit sieben (Igel -, Bienen -, Füchse -, Bären -, Raupen -, Spatzen – und Mäuse - Klasse) altersgemischte Klassen mit jeweils ca. 20 Schülern, davon vier mit besonderem pädagogischem Bedarf
- Die Schule wird von der Aktion Sonnenschein Thüringen e. V. Hilfe für das mehrfachbehinderte Kind unterstützt
- Lernzieldifferenziertes Lernen mit einem großen Freiarbeitsanteil
- Im Rahmen der „vorbereiteten Umgebung“ spezifische Gestaltung des Schulalltags unter Berücksichtigung der Grundbedürfnisse von Kindern dieses Alters: Selbstständiges Finden von Regeln und Gesetzmäßigkeiten, Lernen „mit allen Sinnen“, Sammeln und Anwenden sozialer Erfahrungen wie gegenseitige Hilfe, Zielstrebigkeit und Beharrlichkeit, Experimentierfreude, Beobachten, Nachahmen, Bewegung und Entspannung …
- Gebundener Unterricht in den Fächern Deutsch und Heimat – und Sachkunde für Kinder im 4. Schuljahr
- Darstellung der erbrachten Leistungen in einem „Entwicklungsbuch“, das aber gegebenenfalls in Noten „übersetzt“ werden kann
- Die Situation des Kindes ist jederzeit transparent, sodass der Übergang in eine andere geeignete Schule problemlos möglich ist.

III. Unterricht

Den größten Raum nimmt die Freiarbeit ein. Zweieinhalb Stunden gibt es Gelegenheit, in individuellem Lerntempo unterschiedliche Lerninhalte zu bearbeiten und verschiedenen Interessen und Neigungen nachzugehen. Im Rahmen der „vorbereiteten Umgebung" gestalten die Kinder, begleitet von 2 Pädagoginnen pro Klasse, den Vormittag ganz im Sinne ihrer altersspezifischen Bedürfnisse. Ergänzt wird diese Lernform durch den Fachunterricht (Ethik, Religion, Sport, Werken, Englisch, gebundenen Unterricht).

In den Klassen lernen ca. 20 Kinder verschiedener Altersstufen. In jede Klasse sind ca. 4 Kinder mit besonderen pädagogischen Bedürfnissen integriert.

IV. Leistungsbewertung

Die Bewertungsform an der Montessori – Integrationsschule ist das Entwicklungsbuch. Diesem können detaillierte Informationen zum Sozial – und Lernverhalten (Kompetenzen), zu den Fortschritten, zur Entwicklung und zu den Lernergebnissen des Schülers / der Schülerin entnommen werden. Es basiert auf der Grundlage des Thüringer Lehrplanes für die Grundschule.

1.2. Unterschiedliche Eingangsvorrausetzungen von Grundschülern hinsichtlich ihrer intellektuellen, psychischen, sozialen und körperlichen Entwicklung

Wesentliches Anliegen der Grundschule ist die Umsetzung einer integrativen Bildung und Erziehung. Ziel ist es zunächst behinderte und von Behinderung bedrohte Kinder, die durch eine gemeinsame Beschulung mit nicht behinderten Kindern eine erhebliche Verbesserung ihrer Lebenschancen erfahren.

Nicht weniger wichtig sind jedoch auch soziale Lernprozesse bei den nicht behinderten Kindern, deren Ergebnisse sich in größerer Bereitschaft zu gesellschaftlicher Mitverantwortung, in Toleranz und in zielstrebigem Handeln zum Wohle der Gemeinschaft widerspiegeln.

Dieses Anliegen lässt sich in besonderer Weise durch die Montessori – Pädagogik umsetzen, dass sie das nötige Repertoire zur Verwirklichung einer integrativen Bildung und Erziehung bietet.

„Herzstück“ des Unterrichts ist die Freiarbeit. Täglich zweieinhalb Stunden haben die Kinder die Gelegenheit, in unterschiedlichem Lerntempo und auf verschiedenen Niveaus entsprechenden Interessen und Neigungen nachzugehen und vielfältige Lerninhalte zu bearbeiten.

Durch die unterschiedlichen Altersgruppen in einer Klasse sind die intellektuellen (geistigen), psychischen (emotionalen), sozialen und körperlichen Entwicklungsstände sehr unterschiedlich geprägt. Hinzu kommen die individuellen Unterschiede bei jedem einzelnen Schüler. Außerdem müssen die geistigen, emotionalen, gesellschaftlichen und körperlichen Entwicklungsstände der integrierten behinderten Kinder berücksichtigt werden. Dies bedeutet für die Lehrerin einer solchen Klasse enorm viel Geschick, die unterschiedlichen Entwicklungsstände bei der Aufgabenverteilung in der Freiarbeit immer im Blickfeld zu haben. Besonders anspruchsvoll gestaltet sich dieser Aufgabenbereich am Anfang eines neuen Schuljahres, wenn neue Kinder in den Klassenverband aufgenommen werden.

Um den unterschiedlichen Lern – und Bildungsstand der Kinder genau zu überblicken und das Lernmaterial optimal auf ihre individuellen Lernfortschritte abzustimmen, notieren sich die Lehrer die jeweiligen Aufgaben, die die Kinder in der Freiarbeit gelöst haben. Um so die bestmögliche Förderung für jeden einzelnen Schüler zu erreichen. Dabei werden die besonderen Fähig – und Fertigkeiten individuell berücksichtigt.

1.3. Differenzierung

Die unterschiedlichen individuellen Eingangsvorrausetzungen können nur berücksichtigt werden, indem die Prinzipien der inneren Differenzierung angewandt werden.

„Durch Maßnahmen der inneren Differenzierung werden die Schüler einer Klasse aufgrund ihrer unterschiedlichen Ausgangslage bzw. Lernmöglichkeiten in Lehr – und Lernprozessen (…) mit verschieden gestalteten Lernangeboten (…)“ (Köck, S. 265) versorgt.

Um sinnvoll zwischen den einzelnen Schülern zu differenzieren, muss an gegebenen Lernmöglichkeiten des Schülers angesetzt werden, um ihn optimal zu fördern. „Innere Differenzierung trägt insofern in hohem Maße dem Aufbau und Erhalt der grundlegenden Lernmotivation Rechnung, in dem sie jeden Schüler in seiner „Individuallage“ (Pestalozzi) ernst nimmt, den lernstärkeren Schüler vor frustrierender Langeweile bewahrt und dem lernschwächeren Schüler dauernde Frustration durch versagen und schließlich Misserfolgsängstlichkeit erspart.“ (Köck, S. 265)

An der Montessori – Integrationsschule werden verschiedene Differenzierungsmöglichkeiten angeboten:

- spezielle Förderstunden für einzelne Schüler oder in kleinen Gruppen
- individuelle Betreuung während der Freiarbeit und des Fachunterrichts durch sonderpädagogische Fachkräfte und Förderschullehrer
- individuelle Aufgabenverteilung in der Freiarbeit
- Schüler können Lern – und Arbeitstempo selbst wählen
- Schüler können die Unterrichtsmaterialien selbstständig auswählen
- Es stehen viele verschiedene Freizeitangebote am Nachmittag zur Auswahl.

Durch diese verschiedenen Möglichkeiten werden für die Schüler nötige Freiräume geschaffen, um sich individuell – ihren Ansprüchen entsprechend – zu entfalten.

2. Die Praktikumsklasse

2.1. Vorgeschichte und Zusammensetzung der Klasse

In meinem vierwöchigen Blockpraktikum war ich in der Igel – Klasse, welche aus 21 Schülern und Schülerinnen besteht. Anfang des Schuljahres sind sieben neue Erstklässler hinzugekommen, vier Schülerinnen sind in der zweiten Klasse und acht in der Dritten.

In dieser Klasse sind vier behinderte Schüler integriert Die Behinderungsarten sind sehr vielfältig und verschieden:

- Natascha (1. Klasse) kam mit dem Down- Syndrom auf die Welt. Sie spricht undeutlich und hat Probleme in der Feinmotorik.
- Benjamin, ebenfalls 1. Klasse leidet an zunehmenden Knochenschwund, dies wird deutlich durch geringe körperliche Belastbarkeit. Benjamin hat auch noch einen älteren Bruder (4. Klasse) an der Schule, welcher ebenfalls an dieser Krankheit leidet.
- Max (3. Klasse) ist sehr hyperaktiv und wird deswegen auch mit entsprechenden Medikamenten behandelt. Wenn er diese genommen hat, verhält er sich nicht sonderlich auffällig. Sollte er dies jedoch einmal vergessen haben, ist er sehr aktiv und stiftet sehr viel Unruhe in der Klasse.
- Hella, ebenfalls 3. Klasse hat einen angeborenen Herzfehler. Äußerlich oder am Verhalten sind jedoch keine Besonderheiten zu erkennen.

Die Igel – Klasse wird geleitet durch die Klassenlehrerin Frau L., welche Förderschullehrerin ist und durch die Erzieherin Frau G. .

2.2. Haltung und Arbeitsweise in der Klasse

Zur Arbeitsweise lassen sich sehr viel Besonderheiten und Unterschiede zu „normalen“ Grundschulen feststellen und herausarbeiten. Dies liegt natürlich am integrativen Montessoricharakter, den die Schule verfolgt.

Eigentlich müsste man an dieser Stelle die komplette Montessori - Pädagogik darstellen und erläutern, dies ist im Rahmen des Praktikumsberichts nicht möglich. Deswegen beschränke ich mich auf die für mich wichtigste Arbeitsweise, die ich in den vier Wochen kennen gelernt habe - die Freiarbeit.

Die Freiarbeit wird gekennzeichnet durch Selbstständigkeit und Selbststeuerung, durch fachspezifisches als fachübergreifendes Lernen. Das Kind steuert und bestimmt sein Handeln innerhalb der vorbereiteten Umgebung selbst und wird somit zum Vernunft – und wertbestimmten Gebrauch der Freiheit geführt.

Wichtigstes und entscheidendes Kriterium für die Freiarbeit und die Montessori – Pädagogik überhaupt ist die Haltung / Einstellung der Pädagoginnen. Sie ist geprägt von Selbstvorbereitung (sachlich / fachlich) und Selbstreflexion (Hinterfragen des Erziehungsverhaltens; Fehlersuche in sich selbst).

Zu den Hauptaufgaben der Pädagoginnen gehört die Gestaltung der vorbereiteten Umgebung (Kenntnis der Übungen und Materialien, Ordnung und Pflege).

Innerhalb der vorbereiteten Umgebung gewähren die Pädagoginnen dem Kind Entwicklungsfreiheit. Sie verstehen sich als Helfer bei der selbstständigen Entwicklung der Kinder, sie betrachten sie als aktiv – lernende Wesen. Das Kind benötigt eine Umgebung, die seiner Entwicklung förderlich ist, in der es selbstständig werden kann, sich frei entwickeln kann. Dies heißt aber nicht, dass das Kind vernachlässigt oder sich selbst überlassen wird.

So gehören zu den Aufgaben der Pädagoginnen innerhalb der vorbereiteten Umgebung, den genauen und exakten Gebrauch der Materialien zu lehren, das Kind mit der Umgebung in Beziehung zu bringen. Wenn dies jedoch geschehen ist, ziehen sie sich zurück, beobachten genau und helfen nur dann, wenn sie gebraucht oder gerufen werden. Sie respektieren das arbeitende Kind und unterbrechen es nicht. Sie helfen dem suchendem Kind und regieren und treten in Kontakt zum störenden Kind.

Die Pädagoginnen sind tätig in Form einer teilnehmenden Beobachtung, die geben Hilfe zur Selbsthilfe nach dem Grundsatz „Hilf mir, es selbst zu tun.“ (siehe auch Klein – Landeck, 1997)

Weiterer wesentlicher Bestandteil der vorbereiteten Umgebung ist das Montessori - Material.

Zur vorbereiteten Klasse gehört eine gemischte Klasse. Gemischt nach Alter, Bedürfnissen, Leistung, Geschlecht, … der Kinder. Durch eine gemischte Klasse vervielfachen sich die Möglichkeiten zur Kooperation der Kinder. Die Bedürfnisse und das Interesse der Kinder in und an der vorbereiteten Umgebung (Montessori - Material) sind differenziert und nicht gleichartig, eine innere Differenzierung wächst organisch. Die Kinder lernen von einander. Jüngere Kinder können ältere Kinder beim Arbeiten beobachten und so wird erstes Interesse für künftige Aufgaben geweckt und der Zugang zu neuen Bereichen vorbereitet. Ältere Kinder helfen jüngeren Kindern und können ihr Wissen darbieten, weitergeben, strukturieren. Die älteren Kinder erlangen ebenfalls einen Zuwachs und ihr Selbstbewusstsein stärkt sich. Auch im sozialen Bereich wirkt sich die Jahrgangsmischung positiv aus. Regeln werden von jüngeren Kindern schneller und besser verinnerlicht, da die Älteren sie vorleben. Ältere Kinder erfahren im Umgang mit jüngeren Kindern ihre gewachsene Kompetenz.

Kinder mit Reifevorsprung oder Retardierung haben die Chance sich in einer jahrgangsgemischten Klasse einer ihrem Entwicklungsstand entsprechenden Gruppe zuzuordnen.

Die Freiarbeit nimmt den größten Raum des Unterrichts ein. Täglich von 8.00 bis 10.30 Uhr haben die Kinder die Möglichkeit, auf der Grundlage ihres individuellen Lernniveaus und ihrer Lernrhythmen unterschiedliche Lerninhalte zu bearbeiten und verschiedenen Interessen und Neigungen nachzugehen. Innerhalb einer „vorbereiteten Umgebung", die mit Montessori entwickelten Materialien für kosmische Erziehung, Mathematik, Sinneserfahrung und Sprache ausgestattet ist, haben die Schülerinnen und Schüler die freie Wahl der Tätigkeit, des Lerngegenstandes, des Lernortes, des Lerntempos, der Lerndauer und bezüglich des Lernpartners oder des Lernens in einer Lerngruppe.

Das bedeutet faktisch für die Igel – Klasse: In den ersten drei Schulwochen trafen sich die Schülerinnen jeden Tag im Morgenkreis und legten (mehr oder weniger) konkret fest, was sie in der Freiarbeit bearbeiten wollen. Die selbst gewählten Aufgaben versuchten die Kinder dann innerhalb der vorgegeben Zeit von zweieinhalb Stunden, zu bewältigen. Am Ende der Freiarbeit würde dann für jedes Kind einzeln zusammengefasst, was es geschafft hat und was nicht.

Nach diesen drei „Einführungswochen" würde nicht mehr jeden Tag ein Morgenkreis gemacht, sondern nur noch am Montagmorgen. Das bedeutete nun für die Kinder (insbesondere für die Schulanfänger), dass sie sich nun völlig selbstständig ihre Aufgaben und Ziele für die kommende Freiarbeitszeit wählen durften. Natürlich standen die Pädagogen immer hilfsbereit zur Seite. Denn nicht immer wussten die Schüler genau, was sie als Nächstes machen könnten. Bei der Suche nach neuen Herausforderungen haben sich gerade die jüngeren Schüler oft von den Älteren inspirieren lassen, aber auch innerhalb einer Altersgruppe waren die Kinder nie auf der gleichen Entwicklungsstufe, sodass jeder von jedem immer etwas lernen konnte.

Wie die Freiarbeit auf mich gewirkt hat und wie sie meine Unterrichtsplanungen beeinflusst hat, werde ich später ausführlicher betrachten.

2.3. Arbeitsbedingungen in der Klasse

Jede Klasse hat Ihren eigenen Klassenraum, welcher individuell gestaltet ist. In jedem Raum herrscht ein Tier (variiert je nach Klassenname) vor. Dies wird deutlich durch verschiedene Poster, Wandtafeln, Plüschtiere etc.

An jedes Klassenzimmer ist ein Waschraum mit Toilette angeschlossen, so dass die Kinder nicht immer durch das ganze Schulhaus gehen müssen, um auf die Toilette zu gehen.

Des Weiteren besteht jeder Klassenraum mindestens aus zwei abgeteilten Räumen. Ein ‚Klassenraum' in dem die Stühle und Bänke der Schülerinnen stehen und ein zweiter Raum, in dem sich meist die Leseecke u. Ä. befindet.

In der Igelklasse befand sich in dem kleineren Raum die Leseecke und die Möglichkeit einen Sitzkreis zu bilden, außerdem stand der Lehrertisch dort (siehe Skizze).

Die Schülerinnen sitzen in 4 – 5er Gruppen an den Tischen zusammen, welche frei im Raum angeordnet sind. Außerdem gibt es keinen ‚Lehrertisch', an den die Lehrerin sitzt und unterricht. Da in der Freiarbeit so etwas nicht nötig ist. Aber auch im Fachunterricht gibt es keinen klassischen Frontalunterricht (außer Gebundener Unterricht), bei dem der Lehrer am Tisch sitzen würde.

Ein besonderes Merkmal aller Räume in der Montessori – Schule ist, dass die Klassenzimmer mit sehr vielen offen Regalen ausgestattet sind, in denen das Lehr – und Lernmaterial für alle Kinder offen zugänglich aufbewahrt wird, ganz im Sinne der Montessori – Pädagogik. Diese Materialien sind nach bestimmten Kriterien geordnet.

Weiterhin gibt es in der Schule einen Kunst – und einen Werkraum, eine Turnhalle, eine Kinderküche, einen Speisesaal und diverse Räume für die Einzelarbeit mit den Integrationskindern.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.4. Kommunikation, Interaktionsstrukturen, Regeln in der Klasse

Da die meiste Zeit des Tages der Freiarbeit gewidmet ist, gibt es natürlich spezielle Regel, die jedes Kind während der Freiarbeit zu beachten hat und die alle Kinder instinktiv berücksichtigen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Quelle: Schmutzler, Seite 16, 2000)

Des Weitern sollte jedes Kind selbstständig in der Lage sein, sein Klassenamt (Mülldienst, Tafeldienst, Blumendienst, …) gewissenhaft ausführen zu können, d. h. ohne ständig daran erinnert zu werden.

Beim Lernen erlernen die Kinder selbstständig und gewissenhaft, zu arbeiten und ihre Arbeiten selbstständig kontrollieren zu können. Außerdem lernen die Schülerinnen nach und nach alle Arbeitsmaterialien kennen und können somit sachgerecht mit Ihnen umgehen.

Am Ende einer jeden Woche wird gemeinsam das ganze Klassenzimmer gesäubert, d. h., jedes Kind wischt Staub auf „seinem" Regal, welches in seinem Verantwortungsbereich liegt. Auch die Tische werden gründlich gereinigt. Diese und andere Tätigkeiten gehören zu den ‚Tätigkeiten des praktischen Lebens', welche nach Montessori ebenfalls gefordert und gefördert werden müssen.

Nach jeder Freiarbeitszeit folgt täglich ein circa zehnminütiges Reflexionsgespräch, in dem die Kinder sehr selbstkritisch ihre eigenen Leistungen beurteilen und bewerten. Sie überlegen sich also:

Was habe ich heute gearbeitet?

Mit wem habe ich zusammengearbeitet?

Was habe ich heute nicht so gut / besonders gut gemacht?

Was hat mir heute besonders gut / schlecht gefallen?

u.v.m.

In dieser Reflexionsrunde sind die Schülerinnen sehr ehrlich zu sich selbst du auch gegenüber den anderen in der Klasse. Sie sagen kritisch Ihre Meinung und üben somit auch öffentlich Kritik an anderen, wenn Ihnen etwas nicht gefallen hat.

Weitere Regeln in der Klasse sind z.B. die Verteilung der Dienste am Montagmorgen. Es gibt u.a. den Tafel -, Müll -, Garderoben -, Blumen – und Tischdienst. Die meisten Dienste können zu zweit durchgeführt werden.

Außerdem ist immer am Anfang eines jeden Tages ein Morgenkreis, in dem wichtige Sachen besprochen werden. Am Montagmorgen dauert der Morgenkreis meist am längsten, denn hier werden die Erlebnisse des Wochenendes besprochen. Am Freitag, nach der Freiarbeit, wird dann nicht nur die Arbeitsleistung ausgewertet, sondern es wird auch das Klassentier (Igel) einem Schüler mit nach Hause gegeben. Dieser muss sich dann das ganze Wochenende um das Tier kümmern und am Montag berichten was sie alles gemacht haben. Ebenfalls am Freitag wir der Postkasten geleert und der Postdienst verteilt die ‚eingegangen' Briefe, die die Kinder sich Untereinader geschrieben haben.

3. Der Unterricht

3.1. Ethik (2. Klasse)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

[...]

Ende der Leseprobe aus 122 Seiten

Details

Titel
Blockpraktikum Montessori-Integrationsschule
Hochschule
Universität Erfurt
Note
sehr gut
Autor
Jahr
2003
Seiten
122
Katalognummer
V54692
ISBN (eBook)
9783638498302
Dateigröße
1024 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Montessori-Integrationsschule, Montessori, Praktikum
Arbeit zitieren
Silvana Lehmann (Autor), 2003, Blockpraktikum Montessori-Integrationsschule, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/54692

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