Die Wolgadeutschen von der Einwanderung bis zur Aufhebung des Kolonistenkontors


Diplomarbeit, 2006
172 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Einleitung: Frühere Versuche Ausländer ins Land zu holen

Die Manifeste von 1762 und 1763

Gründe für die Auswanderung aus Deutschland

Auswanderungsverbote in den Ländern Europas

Soziale Zusammensetzung und

Herkunftsgebiete der deutschen Auswanderer

Die Anwerbung der Kolonisten
a.) Die staatliche Anwerbung
b) Die Persönlichkeit und Tätigkeit der privaten Werber

Die Sammelplätze und Überfuhr

Schiffsreise, Ankunft und Weiterreise nach Saratov

Ankunft an der Wolga und erste Einrichtungsarbeiten

Die Planung der Kolonien

Die Architektur
a) Das Haus
b) Die öffentlichen Gebäude

Der Sonderfall Sarepta
a) Vorausgehende Verhandlungen zur Gründung Sareptas
b) Erste Verhandlungen in Herrnhut

Namensgebung der Kolonien

Die Namenslisten

Der Räuberbanden Pugatschjows in den Kolonien

Die Kirgisen in den Kolonien

Das Schulsystem und die Geistlichkeit

Die wirtschaftliche Lage der Kolonien
a) Die Landwirtschaft
b) Das Handwerk
c) Die Finanzierung

Das sittliche Leben und die Willkür der Beamten

Das Verwaltungssystem und die zu bewältigenden Aufgaben

Schluss und Ausblick

Literatur

Anhang mit Karten

Vorwort

Im russischen Reich gab es deutsche Siedlungen in der Ukraine, in Wolhynien, Bessarabien und im Sankt Petersburger Gubernium. Ein wenig später haben sich deutsche Kolonisten aufgrund des bald auftretenden Mangels an Siedlungsland im nördlichen Kaukasus, in Baschkirien, im Gebiet Orenburg und seit 1802 in den Territorien am Schwarzen Meer niedergelassen, seit dem Ende des

19. Jhdts. auch in Turkestan, Sibirien und Kasachstan. Die Besiedlung vieler dieser Gebiete stand in engem Zusammenhang mit dem Bevölkerungsüberschuss, der schon bald bei der ersten großen Gruppe von Einwanderern, den Wolgadeutschen, zu Tage trat.

Während das Phänomen „Russlanddeutsche“ von der – nicht nur deutschen – Geschichtsschreibung schon oftmals als eine Einheit aufgegriffen wurde, wurden die Wolgadeutschen eher stiefmütterlich behandelt, obwohl sie im Zarenreich bzw. in der Sowjetunion mit Abstand die größte Gruppe der deutschen Minderheit gestellt haben. Die wenigen über sie erschienen deutschsprachigen historischen Bücher sind fast ausnahmslos Gesamtdarstellungen, wobei die letzte vor nun bereits 13 Jahren erschienen ist (es handelt sich um das in dieser Arbeit verwendete Buch von Michael Schippan und Sonja Striegnitz).

Zwar ist seit einigen Jahren für den interessierten Leserkreis glücklicherweise auch das Lebenswerk von Pastor Johannes Kufeld, welcher selbst ein Wolgadeutscher war, erhältlich, dieses ist aber leider nur im Eigenverlag erschienen. Wann genau Kufeld die Notizen für sein Werk verfasst hat, ist unklar. Vieles spricht aber dafür, dass dies zwischen 1897 und 1908 während seiner pastoralen Tätigkeit in der Kolonie Reinhardt (Ossinovka) geschehen sein muss. 1911 jedenfalls hat er sein Manuskript niedergeschrieben. Ob nun geschichtliche Ereignisse das Erscheinen seines Werkes verhindert haben oder ob es aus zensorischen oder finanziellen Gründen nicht gedruckt wurde, entzieht sich unserer Kenntnis. Wie auch immer, Kufelds Manuskript galt über 70 Jahre hinweg als verschollen, nachdem eine Kopie von Kufelds Witwe 1919 nach Deutschland gebracht worden war. Erst zu Anfang der 1990er Jahre tauchte es in einem Privatbesitz in Deutschland wieder auf, und erst seit dem Jahr 2000 liegt es in Buchform vor. Kufelds Werk stellt in ungeschminkter Weise die Entwicklung der Wolgakolonien dar und bildet für den Interessierten insofern eine Fundgrube, als der Autor wie kein anderer nicht nur Lebens- und Arbeitsweise, Sitten und Bräuche, Familienleben und Landwirtschaft kritisch beleuchtete, sondern auch das Wirken der Obrigkeit anprangerte. Einen großen Raum widmete Kufeld verständlicherweise auch dem religiösen und sozialen Leben, wobei ihm das Schulwesen besonders am Herzen lag. Dafür aber werden der Pugatschjowsche Aufstand und die Überfälle der Kirigisen völlig übergangen.

Bei den anderen Darstellungen handelt es sich um die Werke dreier wolgadeutscher Autoren, welche jedoch heute fast nicht mehr erhältlich sind. Von ihnen verdient laut Pastor Kufeld das Werk des wolgadeutschen katholischen Priesters Beratz Gottlieb besondere Beachtung, weshalb er es auch als das erste wirklich historische Werk über die Wolgadeutschen bezeichnet.[1] Hingegen lässt er an den Büchern seiner beiden Kollegen Klaus und Bauer kein gutes Haar, sei es, dass sie angeblich mehr Vermutungen aufstellten als Beweise anführten, sei es, dass sie sich aus persönlichem Eigennutz von den gemeinsten Ausfällen gegen ihnen unliebsame Personen leiten ließen oder eben nur das schrieben, was ihnen „in ihren Kram“ passte (Klaus war Beamter des Kolonistenkontors, Bauer ein Freund der Kolonisten).[2] Nichtsdestotrotz beruft sich Kufeld nicht selten auf die Bücher dieser Autoren, nicht jedoch ohne die übernommenen Stellen einer kritischen Prüfung zu unterziehen. Insofern gehen auch kleine Teile dieser Werke sozusagen indirekt in die vorliegende Arbeit ein.

Da bis zur Gegenwart keine aktuelle deutschsprachige Arbeit über das erste Jahrhundert der Ansiedlung vorlag, habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, den Zeitabschnitt vom Erlass der Einwanderungsmanifeste (1762/1763) bis zur Unterstellung der Kolonisten unter die russische Reichsverwaltung (1871) zu untersuchen. Dieses Vorhaben wurde im Wesentlichen erst durch die Heranziehung der entsprechenden jüngeren russischen Literatur ermöglicht. Während in der Sowjetzeit im Großen und Ganzen ein Mantel des Schweigens über das Kapitel „Russlanddeutsche“ gelegt wurde, so fing man glücklicherweise nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion damit an, sich auch mit diesem Teil der eigenen Geschichte auf wissenschaftlicher Basis intensiv auseinanderzusetzen. Ein sehr erfreulicher Lichtblick war die Abhaltung einer Historikerkonferenz über die Russlanddeutschen im Jahr 1995 in Anapa. Erst durch die Glasnost wurden diesbezügliche Aktivitäten ermöglicht, denn bis dahin waren viele Quellen in den verschiedensten Archiven des Landes verborgen. Den größten Verdienst in ihrer Sichtung und „Verarbeitung“ hat sich der Saratover Historiker Igor Plewe gemacht, fast sein ganzes Buch basiert auf Archivalien. Aber auch der Wolgadeutsche Jakob Dietz hat viele bis dahin noch unbekannte Materialien veröffentlicht.

Bekannt ist die Tatsache, dass man – falls man über sein Land etwas wissen möchte – oft gut daran tut, einen Fremden zu fragen. Denn dieser wird auch mit einer oft spärlichen Kenntnis imstande sein, sich ein von lokalen Vorurteilen freies Urteil zu bilden. Deshalb werden in dieser Arbeit an geeigneter Stelle immer wieder Textstellen eines mitreißenden Buches zitiert werden, welches einer der ersten Kolonisten selbst verfasst hat. Bei diesem Werk handelt es sich um die Lebensbeschreibung des am 23. Februar 1746 in Gera als Sohn eines Zeugmachers geborenen Christian Gottlob Züge. Nachdem ihm die Flucht aus seiner Kolonie gelungen war, kehrte er auf abenteuerlichen Wegen über Kasan, Moskau und Polen wieder in seine Heimatstadt zurück. Als es in Gera zu einem großen Brand kam, ging auch sein Manuskript in Flammen auf. Glücklicherweise entschloss er sich dazu, seine Lebenserinnerungen nochmals niederzuschreiben und dem breiten Publikum zugänglich zu machen.

Einleitung: Frühere Versuche Ausländer ins Land zu holen

Die historische Entwicklung Russlands hing seit dem Ende des Mittelalters vor allem davon ab, ob es gelingen würde, aus einem Staat mit asiatischen Zügen einen europäischen zu machen. Denn sowohl der frühere Einfluss Byzanz´ als auch das jahrhundertelang auf der russischen Erde lastende tatarische Joch, welches zu einer Verrohung der Menschen und Sitten geführt hat, entfremdeten Russland immer mehr vom Westen. Die Tatsache, dass vom 12. bis 15. Jahrhundert Lübecker oder Danziger Hansekaufleute mit Russland einen schwunghaften Handel trieben, tut hier nicht viel zur Sache.

Die wichtigste Bedingung für eine erfolgreichere Entwicklung Russlands nach der Eroberung Kasans im Jahre 1551 und der Zerschlagung der Goldenen Horde im Jahre 1557 musste also in der Wende zum Westen, in der Annäherung an Europa, dessen Völker bereits auf einer höheren Entwicklungsstufe standen und von denen man vor allem auf den Gebieten Handwerk und Technik vieles lernen konnte, bestehen. Denn auch zu dieser Zeit hatte der Spruch „Unser Land ist riesig und ergiebig, aber es gibt keine Ordnung in ihm.“, mit welchem die Normannenfürsten nach Russland eingeladen worden waren, durchaus noch Gültigkeit.

Dies wurde bereits von Zar Iwan III. (1462-1505) erkannt: Er rief, hauptsächlich aus Italien, Spezialisten wie Kanonen- und Glockengießer, Architekten, Baumeister, Ingenieure, Hüttenmeister und Ärzte, wenig später auch Bergleute aus Ungarn ins Land.[3] Diese Politik wurde auch von seinem Sohn Iwan IV., genannt der Schreckliche (1533-1584), als auch von Zar Boris Godunow (1598-1605) fortgesetzt. Letzterer hatte hierbei freilich wenig Glück: Scharenweise schickte er junge Männer nach Europa um sich dort neues Wissen anzueignen, zurück kehrte aber angeblich kein einziger. Sofort wurde in Moskau behauptet, die jungen Männer seien an den Teufel übers Meer verkauft worden.[4]

Die unglückliche Figur des „falschen Dmitrij“, welcher sich aus Polen kommend als Sohn der verwitweten Zarin Maria ausgab und auf diese Weise den russischen Zarenthron für ein Jahr bestieg, führte in Moskau zu einem enormen Hass gegen alle „Lateiner“. Auf diesen geht auch die Zerstörung der Vorstadt, in welcher damals die meisten Ausländer in Moskau wohnten und welche seit 1652 als „Njemezkaja sloboda“ („Deutsche Sloboda“) bekannt ist, zurück.[5]

Nun war dem Eindringen der Ausländer ins Reich für erste einmal ein Riegel vorgeschoben, wofür nicht zuletzt auch die Wahl des ersten Zaren aus dem Hause Romanow, Michail Fjodorowitsch (1613-1645), kennzeichnend ist. Unter seiner Herrschaft wurden 1643 die lutheranischen Kirchen in der Hauptstadt zerstört und die Deutschen, welche in der Stadt wohnten, ins Ausländerviertel umgesiedelt.

Unter Zar Alexej Michajlowitsch (1645-1676) erging es den Deutschen um einiges besser, da sie unter der Schutzherrschaft des einflussreichen und gebildeten Bojaren Matwejew standen. Von seinem Sohn Fjodor III. (1676- 1682) wurden ihnen dann zwar alle finanziellen Zuwendungen gestrichen, trotzdem aber vergrößerte sich die „Njemzkaja Sloboda“ in Moskau zusehends.

Adam Schleising (?), ein Beamter der schlesischen Botschaft, besuchte in den 80-er Jahren des 17. Jhdts. Moskau und berichtete Folgendes:

„Ein großer Teil Europäer ist in Russland, und dabei vornehme Deutsche, weshalb die Russen alle Ausländer Deutsche nennen, obwohl es unter ihnen Holländer, Engländer, Franzosen, Polen und andere gibt. Die Deutschen sind hauptsächlich Offiziere, andere Leibärzte, Kaufleute, Apotheker, Künstler, Handwerker. Mit Ausnahme der Kaufleute und Handwerker stehen alle im Dienste des Zaren. […]“[6]

Das eben Zitierte kann auch für die Zeit Peters des Großen behauptet werden, jedoch mit der Einschränkung, dass nun auch immer mehr Holländer in Russland zu finden waren. Die meisten dieser Spezialisten weilten oft nur einige Jahre in Russland und kehrten danach meistens mit ihrem erworbenen „kleinen Vermögen“ in ihr Vaterland zurück.

Die bereits um die Mitte des 16. Jhdts. beginnende Ausdehnung des Russischen Reiches nach Süden und Osten hat sich auch während der Regierungszeit des großen Reformators allmählich fortgesetzt, obwohl dieser, wie allgemein bekannt, mit dem 1703 gegründeten Sankt Petersburg für Russland das „Fenster nach Europa“ öffnete und den Schwerpunkt seiner Politik deshalb konsequenterweise auch auf den Westen setzte. Mit der Ausdehnung des Landes ging auch die Verlagerung des unfreien Teils der Bevölkerung nach Osten Hand in Hand, und als Resultat blieben oft nicht nur wenige Menschen, sondern oft auch solche zurück, die für den Staat wenig brauchbar waren bzw. für ihn sogar ein gefährliches Element darstellten.

Dieses Problem trat nun vor allem auch am unteren und mittleren Lauf der Wolga zu Tage. Im Jahr 1731 erlaubte die Regierung Anna Ioanownas all jenen, die den Wunsch hatten, sich in diesen Einöden anzusiedeln, dies auch zu tun. Hierfür stellte sie auch Geld und Brot zur Verfügung. Dass dieser Aufruf aber nicht auf großen Widerhall stieß, wird wohl kaum verwundern. Wie gefährlich das Leben weitab der Städte oder befestigten Siedlungen sein konnte, macht schon allein jenes erschreckende Beispiel von den drei Bataillonen, die ihren Dienst an den Ufern der unteren Wolga versahen und dort von „Gesetzlosen“ oder nomadisierenden Kalmücken oder Kirgisen niedergemetzelt wurden, deutlich.

Auch die Augenzeugenberichte von Holländern, welche im 17. Jhdt. die Steppengebiete an der Wolga durchquerten und hierbei zu ihrem Schrecken eine Vielzahl von Kreuzen, die für die im Kampf mit den Räubern Gefallenen aufgestellt worden waren, zu Gesicht bekamen, sind in dieser Hinsicht erwähnenswert. An dieser Stelle möchte ich eine Strophe eines alten Kosakenliedes anführen, deren Inhalt nicht einmal im Geringsten mit Vorstellungen von einer etwaigen Romantik der wilden Steppe in Verbindung gebracht werden kann:

„Ich spazieren-spazieren in der wilden Steppe,

In der wilden Steppe, in der Saratover;

Sind wir über ein seltsames Ding hergefallen:

Liegt ein weißer Körper, jugendlicher,

Nicht getötet liegt er, nicht schwer verwundet,

Mit einem spitzen Speer ist er völlig durchlöchert…“[7]

Aufgrund dieser gefährlichen Verhältnisse ging man bereits im folgenden Jahr für die Errichtung einer neuen Verteidigungslinie zur Zwangsumsiedlung in diese Region über: Entlang den Ufern der Wolga von Zarizyn bis Kamyschin wurden 1057 Familien, welche sich aus Kleinrussen (also Ukrainern) und Donkosaken zusammensetzten, angesiedelt. Dieses Wolgaer-Kosakenheer – so wurde es offiziell genannt – war aber weder in der Lage die Grenzen erfolgreich zu verteidigen noch die Ländereien urbar zu machen. Dem nicht genug verübte auch es selbst Plünderungen und Morde.[8]

Auch die in den vierziger Jahren in dieser Angelegenheit von dem Gubernator von Astrachan bzw. einem Fabrikanten aus Simbirsk geschaffene Pläne konnten aufgrund des Mangels an potentiellen Siedlern nicht verwirklicht werden. Denn die Hauptmasse der Bevölkerung war an die Scholle gebunden (ca. 75% der russischen Bauern) und die großen Gutsherrn ließen sich wohl nur sehr ungern zur Neuansiedlung in einer unruhigen Region bewegen. Und darüber, dass zu dieser Zeit nicht einmal im Traum an eine Lockerung der Leibeigenschaft gedacht werden konnte, braucht wohl kein Wort verloren zu werden.

All diese Umstände haben Gedanken an die Anwerbung von Ausländern zur Besiedelung dieser „Problemgegenden“ ins Leben gerufen. Gerüchte über diesbezüglich positive Erfahrungen in Österreich, Preußen und Amerika und den Nutzen, den ausgewanderte französische Hugenotten der Industrie Hollands und Englands gebracht haben, haben sicherlich das Ihrige beigetragen.

Und so verwundert es nicht, dass die Zarin Jelisaweta Petrowna am 29. Dezember 1751 ihrem Generalmajor Horvath die Anwerbung von aus Serben bestehenden Regimentern befahl. Und bald darauf wurden auch schon zwei Regimenter aus Serben, Griechen, Ungarn, Montenegrinern, Bulgaren, Moldawiern und Walachen jenseits des Dnjeprs, entlang der damaligen Grenze zu Polen, angesiedelt. Dieser Ukas der Herrscherin kann als erste „Masseneinladung“ von Ausländern nach Russland angesehen werden.

Im folgenden Jahr ließ die Zarin aufgrund des Vorschlags eines französischen Beamten Pläne zur Ansiedlung französischer Protestanten prüfen. Und nach einigen Verhandlungen wurde dann auch ein Entwurf für ein Manifest ausgearbeitet, welcher hinsichtlich des Spektrums der in Frage kommenden Privilegien zu dieser Zeit in ganz Europa seinesgleichen suchte. Aber zu der Verwirklichung des Vorhabens kam es deshalb nicht, da die Einreisewilligen auf einer Ansiedlung in der Südukraine beharrten, die Regierung aber nur die Gebiete entlang den Flüssen Terek und Wolga zur Verfügung stellen wollte und konnte (auf das so genannte „Wilde Feld“ nahe der türkischen Grenze erhob nämlich damals auch das Osmanische Reich Anspruch). Eine aktive Ansiedlungspolitik in der Südukraine wurde erst nach den russisch-türkischen Kriegen der Jahre 1768-1774 und 1787-1791 möglich.[9]

Ungeachtet dieses Rückschlages beauftrage die Zarin am 27. April 1754 den Senat, sich nicht nur mit der Möglichkeit einer Einladung von französischen Protestanten, sondern „aller über Europa verstreuten freien Leute“ zu befassen. Im Zuge dieses Arbeitsprozesses sollten nicht nur die eigenen Erfahrungen berücksichtigt werden, sondern auch die europäischen miteinfließen, sodass man sich eines überaus verlockenden und anziehenden Manifests sicher sein konnte.

Besondere Aufmerksamkeit wurde hierbei auf die Erfahrungen, die man in Belgien mit der Einladung von Franzosen gemacht hatte, auf die vom Königreich Preußen in Aussicht gestellten Vergünstigungen und nicht zuletzt auf das am großzügigsten gestaltete Manifest des dänischen Königs Friedrich V. gelegt. Der Veröffentlichung des Endproduktes in den Zeitungen Europas kam aber der 1756 ausgebrochene Siebenjährige Krieg dazwischen, welcher den Beginn des „großen Rennens nach Russland“ um ein gutes Jahrzehnt hinausgezögert hat.[10]

Jedoch wurden auch während des Krieges zwei weitere Projekte, welche in der Regel in der einschlägigen Literatur wie so manches Andere keine Erwähnung finden, an die russische Regierung herangetragen. Der Kern des ersten war jener, dass ein sächsischer General namens Weisbach dem russischen Hof die Umsiedlung von preußischen Untertanen in die südlichen Randgebiete Russlands schmackhaft machen wollte, wodurch man dem preußischen Militärstaat eine bedeutende Schwächung zufügen wollte. Jedoch wurde dieses Angebot bzw. dieser Vorschlag in Petersburg aus unverständlichen Gründen vermutlich nie ernsthaft ins Auge gefasst, denn ob es zu einer Antwort gekommen ist, scheint nicht bekannt zu sein. Falls sich aber die russische Regierung für dieses Projekt erwärmen hätte können, dann kann man sich auch im Nachhinein ungefähr ausmalen – bedenkt man, dass die Massenflucht der völlig ruinierten und unterdrückten preußischen Staatsangehörigen nach Polen bereits in vollem Gange war – welche Folgen dies für Preußen und vielleicht auch für den Ausgang des Krieges nach sich ziehen hätte können.

Das zweite Projekt ging von einem in russischen Diensten stehenden Abgesandten namens de la Vivera aus. Dieser wurde in den Jahren 1756/1757 für den Großeinkauf von Pferden nach Deutschland geschickt. Hier soll er angeblich von dem Wunsch vieler tausender deutscher Familien erfahren haben im Russischen Reich Kolonien anzulegen.[11] Dies meldete er dann auch pflichtbewusst dem russischen Botschafter Keiserling in Wien.[12]

Vielleicht war es gerade dies, was am Ende der Regierungszeit Elisabeth Petrownas zur Ausarbeitung allgemeingültiger Punkte für die Einladung von Ausländern führte. Denn in der an den eben erwähnten Botschafter gerichteten Regierungsresolution vom 2. Mai 1759 heißt es, dass, falls an ihn von jemandem der Wunsch nach Russland umzusiedeln herangetragen werde, darauf Folgendes geantwortet werden solle: „alle Ausländer – jeder in der Bekenntnis seiner Religion – besitzen völlige Freiheit und werden in allem Übrigen favorisiert, so, natürlich, werden auch gegenwärtig alle mit allerlei Wohlwollen angenommen werden, welche den Eifer haben hierher zu fahren, sich anzusiedeln und zu wohnen,…“[13]

Durch diesen Schritt wurden die Weichen für die Kolonialisierungspolitik bereits durch die Vorgängerin Katharinas der Großen gestellt, und es musste nur mehr das Ende des verheerenden Kriegs in Europa abgewartet werden, ehe nächste, eventuell noch konkretere Schritte gesetzt werden konnten.

Noch war es aber nicht so weit, und daher ging nun die Regierung ihrerseits dazu über Menschen für die Ansieldung im Osten zu gewinnen. Unter Berücksichtigung dessen, dass sich regelmäßig Vertreter von asiatischen Stämmen oder Völkern – hauptsächlich Kalmücken – in den an der südlichen Grenze gelegenen Gubernien niederließen, wollte man diese für die eigene Sache heranziehen. Zwischen Oktober und Juni 1761 wurden 521 Menschen zur Ansiedlung und Urbarmachung in die zentralen Regionen des Landes verpflanzt. Jedoch sind viele aus ihren neuen Dörfern wieder weggelaufen und von den übrigen wurden immer Beschwerden darüber vernommen, dass sie zum Ackerbau nicht fähig seien und auch nicht in solchen Bauernhäusern leben könnten. Daher wurde die Verwendung von Nomaden für Kolonisationszwecke auch endlich im Jahr 1765 eingestellt.[14] In der Zwischenzeit hat sich der Krieg in Europa aber schon seinem Endstadium genähert, was die neue und junge Zarin Katharina die Große die bereits eingeschlagene Stoßrichtung nun wieder aufnehmen ließ.[15]

Die Manifeste von 1762 und 1763

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Auch die kluge und umsichtige Zarin deutschen Blutes konnte die Gefährlichkeit, die von dieser unruhigen Region ausging, nicht übersehen, zumal schon kurz nach ihrem Regierungsantritt erste kleinere Aufstände von leibeigenen Bauern an der mittleren und unteren Wolga zu verzeichnen waren. Hierbei kam ihr sicherlich auch der Umstand zugute, dass sie schon „von Haus aus“ eine begeisterte Anhängerin der auch bereits von anderen europäischen Mächten erfolgreich betriebenen Kolonisationspolitik (=„Peuplierungspolitik“[16] ) war, was in ihren berühmten „Anwendungen“ auch deutlich zum Ausdruck kommt: „Russland hat nicht nur nicht genügend Bewohner, sondern verfügt noch über unermessliche Landstrecken, welche weder bevölkert noch bearbeitet sind. Man könnte nicht genügend Gründe geltend machen, um zur Volksvermehrung im Staate aufzumuntern.“ [17]

Bevor wir aber auf die beiden erlassenen Manifeste zu sprechen kommen, scheint es mir angebracht zu sein, kurz bei Thesen und wichtigsten Vertretern der Peuplierungspolitik zu verweilen. Der Hauptvertreter dieser Theorie, Johann Heinrich Gottlob Justi (1720-1771), vertrat die These, dass der Staat dafür zu sorgen habe, „ daß zuförderst die, zu der Republik gehörigen, Länder recht cultiviret und angebauet werden müssen. “ Die Nutzung der „unbeweglichen Güther“ vergrößere den Nutzen des Staates, dessen „Glückseligkeit“ auf seiner Macht und Stärke beruhe. Wesentlichste Voraussetzung dafür war nach Justi eine ausreichend hohe Bevölkerungszahl.[18]

Ähnlich wie Justi sah auch Joseph von Sonnenfels in der Vermehrung der Bevölkerung ein Hauptziel staatlichen Handelns. Jedoch gab es auch Stimmen, die vor dieser Art der Bevölkerungspolitik warnten.[19]

In Russland stellte der Universalgelehrte Michail Wassiljewitsch Lomonossow (1711-1765), der wohl bedeutendste Vertreter der Aufklärung in Russland, diesbezügliche Überlegungen an, er schrieb in einem Brief an seinen Gönner Iwan Iwanowitsch Schuwalow vom 1. November 1761 unter anderem:

„Den Platz der ins Ausland Geflohenen könnte man bequem durch die Aufnahme von Ausländern ausfüllen, wenn entsprechende Maßnahmen getroffen werden. Die gegenwärtigen unheilvollen Kriegszeiten in Europa zwingen nicht nur einzelne Menschen, sondern auch ganze ruinierte Familien, ihr Vaterland zu verlassen und Orte aufzusuchen, die weit entfernt vom Kriegsschauplatz und seinen Greueltaten liegen. Das weite Reich unserer großen Monarchin ist in der Lage, ganze Völker in seinen sicheren Schoß aufzunehmen und mit allem Nötigen zu versehen; es erwartet für sein Gedeihen nicht mehr als eine den menschlichen Kräften angemessene Arbeit. Die Bedingungen, unter denen man die Ausländer für eine Ansieldung in Russland gewinnen könnte, führe ich nicht an, da mir die freundschaftlichen Beziehungen zwischen den kriegführenden und nichtkriegführenden Ländern nicht genügend bekannt sind.“[20]

Angemerkt sei hier noch der Vollständigkeit halber, dass der Universalgelehrte zweifelsohne über die propreußischen Sympathien des Thronfolgers Großfürst Peter informiert war. Und als dieser bereits einige Wochen darauf als Peter III. zum neuen Zar gekrönt wurde, ordnete dieser auch tatsächlich an, dass die russischen Truppen von nun an nicht mehr gegen die preußischen kämpfen werden. Ob diese Gedanken Lomonossows der Zarin Katharina II. bekannt waren und inwieweit sie ihre Entscheidungen beeinflusst haben, ist nicht bekannt.

Bereits gut fünf Monate nach der Machtübernahme entschied sich die 1744 nach Russland gereiste Katharina zur planmäßigen Besiedlung der neu eroberten und noch unerschlossenen Gebiete im Süden des Reiches mit ruhigen und zuverlässigen Kolonisten, welche gleichzeitig auch etwas (westliche) Kultur in das noch relativ „wilde“ Land bringen würden.[21] Am 14. Oktober 1762 folgte dann auch eine entsprechende Instruktion an den Senat:

„Da in Rußland viele unbevölkerte Landstriche sind und viele Ausländer uns um Erlaubnis bitten, sich in diesen öden Gegenden anzusiedeln, so geben wir durch diesen Ukas Unserem Senat ein für allemal die Erlaubnis, den Gesetzen gemäß und nach Vereinbarung mit dem Kollegium der auswärtigen Angelegenheiten – denn dies ist eine politische Angelegenheit – in Zukunft alle aufzunehmen, die sich in Rußland niederlassen wollen, ausgenommen Juden. Wir hoffen dadurch den Ruhm Gottes und seiner rechtgläubigen Kirche sowie die Wohlfahrt des Reiches zu mehren.“[22]

Und da schon viele russische Bauern aus dem Reich geflohen sind, vor allem nach Polen, fügte sie hinzu: „ Dasselbe gilt für alle russischen Uebersiedle r.“[23]

Am 4. Dezember 1762 unterschreibt sie dann auch das Manifest „Über die Erlaubnis für Ausländer, außer Juden, hinauszugehen und in Russland zu siedeln und über die freie Rückkehr von russischen ins Ausland gelaufenen Menschen in ihr Vaterland“[24]

Auf einen beigefügten Zettel an den Generalprokuror Alexander Iwanowitsch Gljebow wies Katharina an:

Dieses Manifest soll in allen Sprachen veröffentlicht und in allen ausländischen Zeitungen abgedruckt werden .“[25]

Es wurde dann tatsächlich auch zu je hundert Exemplaren nicht nur in der russischen, deutschen, französischen und englischen Sprache abgedruckt, sondern auch – was weniger bekannt ist – in der polnischen, tschechischen und arabischen.[26] Jedoch – trotz einer entsprechenden Weisung des Innenministeriums an den russischen Diplomatenchor im Ausland – scheint dieses Schriftstück in vielen der ausländischen Zeitungen nicht veröffentlicht worden zu sein, zumal die Regierung auf einer unbedingten Veröffentlichung auch noch nicht bestand.[27] Laut den Mitteilungen der Diplomaten sei es gelungen, beide Manifeste in periodischen Auflagen in deutscher, englischer und französischer Sprache in Holland, den freien Städten Deutschlands, in Dänemark, England und einigen anderen Staaten zu veröffentlichen. Laut Schippan wurde es aber in den österreichischen und schwedischen Zeitungen abgedruckt. Aber wenn das Manifest vom 4. Dezember 1762 fast ungehindert in Europa verbreitet wurde, so sind mit der Publikation des zweiten Manifests vom 22. Juli 1763, welches auch in Schottland und Irland veröffentlicht worden sein soll, in einigen Staaten Schwierigkeiten aufgetreten.[28]

Außerdem ist uns bekannt, dass der russische Gesandte in Kurland Abschriften des Manifests im ganzen Herzogtum verteilen ließ und dass dessen Inhalt jeden Sonntag sogar von den Kirchenkanzeln verlesen worden ist.[29]

Aber noch ein zweiter und entscheidender Umstand war für das Scheitern – sofern von einem überhaupt gesprochen werden kann – dieses ersten Manifests ausschlaggebend: Dieses Manifest war hinsichtlich seines Inhalts äußerst kurz gehalten und trug ausschließlich deklarativen Charakter, weshalb Igor Plewe als Hauptaufgabe in Bezug auf die Einladung von Ausländern nicht mehr als eine Art Programmauftrag an die Regierung und öffentliches Bekenntnis zur einer Peuplierungspolitik sah.

Wie auch immer, jedenfalls wurde aber bald klar, dass die russische Regierung die Anziehungskraft ihres Landes für die durch den Krieg fast zugrunde gerichteten und hungrigen Bewohner Westeuropas eindeutig überschätzt hatte. Nach Meinung des russischen Diplomatenchors war es unbedingt notwendig, genau formulierte Privilegien und bestimmte finanzielle Mittel in Aussicht zu stellen.[30] Deshalb erließ die Zarin wegen der geringen Resonanz auf dieses Manifest im Ausland am 22. Juli 1763 ein weiteres, welches folgenden Titel trug:

„Über die Erlaubnis allen Ausländern, den nach Russland fahrenden, in den Gubernien zu siedeln in denen sie es wünschen und über die ihnen geschenkten Rechte“[31]

Dem Manifest beigefügt war ein aus zwei Punkten bestehendes Register „der sich in Russland befindlichen freien und günstigen Ansiedlungsorte.“[32]

Während im ersten Punkt lapidar von Plätzen „in Sibirien, Orenburger und Worone ž er Gubernium“, ohne jedoch diese auch aufzuzählen, die Rede ist, so werden sie für das Astrachaner Gubernium, welches damals zur Saratover Wojewodschaft gehört hat, von Saratov stromaufwärts der Wolga einzeln aufgezählt. Somit hat die Regierung bereits im Vorhinein den weitaus meisten Kolonisten die Entscheidung abgenommen. Eine „Zerrstreuung“ der Kolonisten hätte für die Regierung nämlich bedeutet, weitere Verwaltungsstellen einrichten zu müssen, was wiederum Ausgaben verursacht hätte.

Die Angaben der genauen Flächenausmaße der sich dort jeweils befindenden Wälder und Heuwiesen zeugen von umfangreichen Vorbereitungsarbeiten (siehe dazu das Kapitel: „Die Planung der Kolonien“) und davon, in welchem Maße man sich schon auf dieses Gebiet „eingeschossen“ hatte. Insgesamt standen im Gubernium 70.000 Desjatinen Land zur Ansiedlung zur Verfügung.[33]

Außerdem geht aus dieser Liste auch hervor, dass anfangs ausschließlich am linken Wolgaufer gelegene Territorien – aufgrund der dortigen geographischen Gegebenheit als „Wiesenseite“ bezeichnet – vorgesehen waren.[34]

Zeitgleich mit dem Manifest wurde auch ein Ukas „Über die Gründung einer Treuekanzlei für ausländische Kolonisten“ erlassen, bei dessen Zustandekommen Graf Orlow, Katharinas „schöner Mann aus dem Norden“, sicherlich nicht die letzte Rolle gespielt haben wird.[35]

Dieser wurde dann auch zum ersten Präsidenten des Kontors bestimmt, ihm standen neben einem Vizepräsidenten 16 Bedienstete zur Erfüllung der Aufgaben bei. Das jährliche Budget wurde für den Anfang mit 200.000 Rubel festgelegt, konnte aber in der Folgezeit je nach Bedarf erhöht oder reduziert werden.[36] Die Aufgaben und Verpflichtungen wurden in einer speziellen aus neun Punkten bestehenden Instruktion aufgezählt. Als die zwei weitaus wichtigsten kann die Verpflichtung, den in Russland ankommenden Aussiedlern Wohnmöglichkeiten zur Verfügung zu stellen, und jene, sie „besonders, aber ohne Zwang, zur Ansiedlung an freien Plätzen zu überreden“, genannt werden.[37]

Das Kontor hatte das Recht, mit Vertretern ausländischer Staaten direkte Gespräche in Bezug auf die Kolonisationsmaßnahmen zu führen. Es war mit Ausnahme von Finanzfragen, in welchen es dem „Revisionskollegium“ Rechenschaftsberichte zukommen lassen musste, ausschließlich der Zarin selbst zur Rechenschaft verpflichtet. Falls die bisher erlassenen Bestimmungen nicht ausreichend seien und zu ihnen irgendwelche Ergänzungen nötig sein sollten oder „Hilfe“ in einer anderen Angelegenheit von Nöten sein sollte, so musste sich das Kontor an den Senat wenden, welcher umgehend schnellstmöglich und zu Gunsten des Kontors aktiv zu werden hatte. Falls es jedoch in der Zusammenarbeit mit dem Senat zu Problemen kommen würde, so gab es die Möglichkeit, sich direkt an die Herrscherin zu wenden. Indem die Zarin das Kontor und seinen Präsidenten mit solchen bedeutenden Rechten ausstattete, ermöglichte sie ihm bereits von Anfang an ein ungehindertes, von bürokratischen Hürden freies Arbeiten.[38]

Diese beiden Gesetzesakte bildeten das Fundament der ganzen Siedlungspolitik und machten gemeinsam in ihrem Zusammenwirken die Ansiedlung von Ausländern im großen Stil erst möglich.

Um sich selbst darüber ein Bild machen zu können, welche goldenen Berge den Kolonisten vorgespielt wurden, jedoch in der Folge nur zum Teil gehalten wurden, habe ich das Manifest im Anhang auf den Seiten 155-159 angefügt. Nichtsdestotrotz kann ich nicht umhin, bereits an dieser Stelle einige Worte über den Inhalt des Manifests zu verlieren. Während in den ersten fünf Punkten des Schriftstücks das Organisatorische und die Ablaufmechanismen für die Einwanderer geregelt wurden (siehe Anhang), wurden in den Punkten 6-10 – mit Ausnahme von Punkt 8 – die von der Zarin verliehenen Privilegien und Vergünstigungen genauer erläutert (Punkt 10 nimmt jedoch eine Zwischenstellung ein).

Eines der wichtigsten von allen Privilegien war sicherlich die Zusicherung der Glaubensfreiheit (Punkt 6.1). Sie stand jedoch unter einem Gesetzesvorbehalt, denn die Errichtung von Kirchen und die Unterhaltung der notwendigen Patres und Pastoren wurde nur für diejenigen Plätze erlaubt, wo die Ausländer in Kolonien siedelten. Falls sie jedoch versuchen sollten, Anhänger des orthodoxen Glaubens „bekehren“ zu wollen, so mussten sie darauf gefasst sein, die volle Strenge des Gesetzes zu spüren zu bekommen. Jedoch war es erlaubt und sogar erwünscht Muslime zu „bekehren“; darüber hinaus durfte man sie sogar zu Leibeigenen machen.

Auch die Befreiung von „jeglichen Steuern und Erschwerungen“ auf dreißig Jahre musste auf die meisten Untertanen (deutscher) Territorialfürsten, die sich in der Regel in persönlicher Abhängigkeit vom Gutsherrn befanden, äußerst verlockend wirken (Punkt 6.2). An dieser Stelle sei bemerkt, dass das bereits erwähnte, vorbildliche Manifest des Dänenkönigs Friedrich V. eine Abgabenbefreiung für lediglich 20 Jahre vorsah.[39] In den Genuss dieser dreißig Freijahre kamen aber nur jene samt ihren Nachkommen, welche sich auch in den im speziellen Register angeführten Gegenden niedergelassen hatten. Jene, welche Moskau, St. Petersburg bzw. die Städte Livlands, Finnlands, Estlands, Ingermanlands oder Kareliens bevorzugten, sollten sie sogar nur auf fünf Jahre genießen.[40]

Aber auch die in Aussicht gestellte Befreiung vom Militärdienst war für viele aus den deutschen Fürstentümern und Grafschaften kommenden Siedler angesichts des "Hungers" ihrer Landesväter nach immer neuen Soldaten ein entscheidender Punkt (Punkt 6.7).[41] Erinnert sei hier nur an die Tatsache, dass die hessischen Landgrafen in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts zehntausende ihrer "Landeskinder" an die Seemächte England und Niederlande verkauften, um dann für ihre neuen Herrn als Soldaten in Nordamerika kämpfen zu müssen.[42]

Nicht zuletzt wird auch das für die gesamte Dauer der Reise ausbezahlte Tagegeld (Punkt 6.8) (siehe dazu S. 42) viele dazu veranlasst haben, sich in Deutschland als Kolonisten einschreiben zu lassen, um sich dann gegebenenfalls noch im letzten Augenblick heimlich davonzustehlen (dass das aber meist bereits schon nicht mehr so leicht war, werden wir noch sehen).

Weitere wichtige Punkte waren:

- Zusicherung einer allseitigen Hilfe (Punkt 6.3)
- Möglichkeit der Aufnahme eines zinslosen Darlehens für die Dauer von 10 Jahren zum Bau von Häusern, für Verpflegung bis zur ersten Ernte, Vieh und landwirtschaftlichen oder handwerklichen Geräts; (Punkt 6.4)
- Jurisdiktion im eigenen Wirkungsbereich (jedoch mussten sie sich in besonderen Fällen dem russischen Zivilrecht unterwerfen) (Punkt 6.5)
- zollfreie Einfuhr ihres Vermögens (Punkt 6.6)
- Abhaltung von Markttagen oder Jahrmärkten nach eigenem Gutdünken, ohne sich jedoch dadurch mit Zöllen, Abgaben oder Maßnahmen gleicher Wirkung belasten zu müssen (Punkt 6.11)

Das – was uns so oft die ältere Literatur weismachen möchte – „nicht im Geringsten auch nur der leiseste Zweifel darüber aufkommen“ kann, „dass die Zarenregierungen eine nach der anderen die Versprechungen der Manifeste nicht gehalten haben“, kann in dieser uneingeschränkten Form nicht stehengelassen werden.[43] Viele der den Kolonisten zuerkannten Privilegien hatten über 100 Jahre, bis zur Auflösung des Kontors (1871) Gültigkeit. Schwer und unheilvoll wog für die Kolonisten jedoch der Umstand, dass ihnen von der Regierung bereits nach kurzer Zeit eine innere Verwaltungsbehörde, das Kolonistenkontor, aufgezwungen wurde.

Dieses zweite Manifest erschien laut Schippan nun auch tatsächlich in den deutschen und französischen Zeitungen, vor allem aber kam es zu seiner Verbreitung in den freien Reichsstädten Deutschlands, in England, Dänemark, Schottland und Irland.[44] Es sind unter den ersten Siedlern auch tatsächlich ganz vereinzelt einige Dänen, aber auch Finnen und Schweden zu finden. Erwähnenswert ist auch, dass sich unter den ersten Siedlern auch welche orthodoxen Glaubens befanden. So stellten sie in der Kolonie Husaren ein Drittel der Bevölkerung, von ihnen stammten vier Familien aus Polen, drei aus Konstantinopel, zwei aus dem Habsburgerreich und je eine aus der Ukraine bzw. aus Russland.[45]

Sehr interessant ist auch, dass die Zarin laut Pastor Kufeld daran dachte, „eine Anzahl von den Russen im Glauben verwandten Griechen nach Südrussland zu berufen“. Dieser angebliche Wunsch der Zarin konnte aber schon deshalb nicht im erwünschtem Ausmaß in Erfüllung gehen, da die Pforte die Ansiedlungsaktivitäten in Südrussland schon seit langem mit Misstrauen beobachtete, da sie um ihre Hoheitsstellung im Schwarzen Meer fürchtete. Und zum Zweiten musste Punkt 6.1 des Manifests, welcher den südrussischen Kolonisten das Recht auf Missionsarbeit an den dem moslemischen Glauben zugetanen Steppenvölkern gestattete, um sie dadurch leichter „untertänig“ machen zu können, auf einen Muslimen wie ein Schlag ins Gesicht wirken. Deshalb war an eine Veröffentlichung des Manifests im Osmanischen Reich nicht einmal zu denken, und dem Residenten zu Konstantinopel wurde lediglich aufgetragen, „das Manifest möglichst heimlich und in Stille“ zur allgemeinen Kenntnis zu bringen, und zwar nur jenen, welche auch wirklich auszusiedeln geneigt waren. Wie es auch nicht anders sein konnte, sollen die Erfolge in der Türkei sehr gering gewesen sein, ich möchte überhaupt in Frage stellen, ob man von solchen überhaupt sprechen kann.[46]

Gründe für die Auswanderung aus Deutschland

Gerne oder aus purer Auswanderungslust sind sicherlich nur die Wenigsten ausgewandert. Wie schwer der Abschied von der Heimat sein konnte, zeigt eine Stelle aus dem Reisetagebuch von Friedrich Schwartz, der mit seiner Familie 1817 aus Württemberg ins Schwarzmeergebiet auswanderte:

„Donnerstag. Juni 26 neuen Stils war es, als ich mit meiner Frau und neun Kindern von Kupferzell abreiste und den allerbittersten Trennungsschmerz schmecken mußte. Beim Landthurn, wo wir Kupferzell noch sehen konnten, nahm ich unter heißen Tränen nochmals knieend von meinem lieben Geburtsort, dankend – indem ich die Erde küßte, Abschied. Meine lieben Brüder begleiteten uns bis über Hall hinaus, wo wir uns unter tausend Tränen das letzte Lebewohl sagten.“[47]

Aber auch für unser Thema liegen ähnliche Zeilen vor. Im Jahr 1766 ließ sich in Lübeck Bernhard von Platen, ein ehemals in preußischen Diensten stehender Offizier, anwerben. Vielleicht ging er nur deshalb nach Russland mit, weil er sich aufgrund seines Adelstitels eine Anstellung als Offizier in der kaiserlichen Armee erhofft hatte. Stattdessen aber sollte auch er wie all die anderen ein Ackerbauer werden. Da er sich aber weigerte, blieb ihm nur mehr übrig, als Dorfschulmeister sein Brot zu verdienen.[48] Ihm haben wir eine aus Knittelversen bestehende 67-strophige Reisebeschreibung zu verdanken, von denen drei an dieser Stelle wiedergegeben werden:[49]

W as ist das vor ein Schmerz Mundirung Geld und Gut

Daß ich muß Deutschland meiden Thät mir nun gänzlich fehlen

Und nun als Kolonist Kurz meine ganze Sach

Viel Plag und Kummer leiden War herzlich schlecht bestellt

Betrübniß viel Verdruß Ich kann es ohne Klag

Zu Wasser und zu Land Vor Leute so verhehlen

Drum bin ich ärgerlich Ich mußte Barfuß gehen

In diesem neuen Stand. Kein Schnapps war nicht zu wählen.

D rauf resolvirt ich mich

Auch mit dahin zu gehen

Ob ich mein Glück nicht könnt

In Rußland blühen sehen

Ging also eilings hin

Zum Werbungs-Kamisanden

Sagt daß ich ein Offizier

Auch gut von Adel wär.

Als unmittelbarer Anstoß für viele, der Heimat den Rücken zuzukehren, sind natürlich die Folgen des Siebenjährigen Kriegs zu nennen. Dieser verursachte nicht nur hohe Kriegssteuern, sondern löste auch eine immense Preissteigerungswelle aus. Kriegsbedingte Ernteausfälle und Missernten ließen vor allem die Lebensmittelpreise sprunghaft ansteigen, wobei jene für Getreide und Brot die höchsten waren. Dieser Trend, begünstigt durch eine Reihe anderer Faktoren, setzte sich auch noch lange nach dem Siebenjährigen Krieg fort. So musste um 1800 eine fünfköpfige Maurerfamilie in Berlin ca. 73% der Gesamtausgaben für Nahrungsmittel aufwenden, ca. 42% alleine für Brot.[50]

Die Situation der unteren Bevölkerungsschichten verschärfte sich noch dadurch, dass auch in solchen Zeiten die Landesfürsten auf ihre zumeist prunkvolle Hofführung nicht verzichten wollten.

Wie drückend die wirtschaftliche Not und Verschuldung gewesen war, kommt immer wieder in den Gründen für das Auswanderungsgesuch und den Verhören zum Ausdruck. Fast amüsant klingt die Aussage eines Ludwig Köhlers, er habe seit acht Tagen kein Brot mehr zuhause gehabt und aus Hunger den Rock seiner Frau versetzen müssen. In der Aussicht auf die in Aussicht gestellten Tagegelder habe er die einzige Möglichkeit gesehen, seine Familie vor dem Hungertod zu retten.[51]

Aber allein den Siebenjährigen Krieg für die große und sich hartnäckig haltende Armut und die regelmäßig wiederkehrenden Hungerjahre verantwortlich machen zu wollen, wäre nicht genug. Denn vor allem in der Frühen Neuzeit waren neben Naturereignissen (starke Regenfälle und Überschwemmung, Stürme, Hagel, Heuschreckenschwärme, Dürre) auch konjunkturelle und demographische Faktoren für die Entstehung von Hungersnöten und Armut verantwortlich, welche im Folgenden betrachtet werden sollen.

Bereits nach dem Dreißigjährigen Krieg wurde das Produktionssystem auf eine harte Probe gestellt, denn die europäischen Bevölkerung wuchs mit rasanter Geschwindigkeit weiter, allein im 18. Jhdt war sie um schätzungsweise unglaubliche 70 Millionen Menschen auf 195 Millionen angewachsen. In dieser Zeit traten deshalb die meisten Hungerperioden auf (vielleicht mit Ausnahme des 11. Jhdts.), fast jedes vierte Jahr war ein Hungerjahr – jedoch forderten diese – nach Montanari – weniger Menschenleben als in der Vergangenheit. Kennzeichnend dafür ist auch der Umstand, dass nach 1750 in Europa der Fleischkonsum stark zurückging. Beispielsweise wurden in dem ca. 400.000 Einwohner zählenden Neapel 1770 ungefähr 21.800 Rinder geschlachtet, 200 Jahre zuvor aber ca. 30.000, obwohl die Bevölkerung um die Hälfte kleiner war.[52] In Deutschland soll die Anzahl der Kühe vor allem an der Nordseeküste zwischen 1745 und 1770 katastrophal eingebrochen sein, erst danach trat eine leichte Erholung ein. Der Grund hiefür war eine erhöhte Mortalität der Tiere, welche auf die ab der zweiten Hälfte der 1750er Jahre einsetzende Klimaverschlechterung zurückzuführen ist (plötzlich gab es weniger Weideflächen).[53] Ähnlich wie auf das Graswachstum wirkte sich die Klimaänderung auch auf das Getreidewachstum aus.

Ein Umstand, auf den im Zusammenhang mit der rasch voranschreitenden Verarmung hingewiesen werden sollte – wenn er auch nur sehr bedingt als eine Mitursache geltend gemacht werden kann – ist die Rechtsform, nach welcher der Hof vererbt wurde. In den norddeutschen Gebieten dominierte das Anerbrecht. Bei ihm erhielt ein Erbe den gesamten Hof, alle anderen Erben wurden abgefunden. Ihnen blieb nichts anderes übrig, als im Handwerk eine Erwerbstätigkeit zu finden bzw. als Knecht oder Magd ein Absinken in die Schicht der landlosen dörflichen Bevölkerung hinzunehmen. Der Versuch, durch die Binnenkolonisation zusätzliches Ackerland zu schaffen, brachte wegen der schlechten Bodenqualität keine besonderen Resultate.[54]

Bei der Realteilung, die vor allem in Süddeutschland praktiziert wurde, erhielt jedes Kind einen gleich großen Landanteil. Die daraus resultierende Zersplitterung des Bodens führte zu immer kleineren bäuerlichen Wirtschaften, deren Größe ab einem bestimmten Punkt nicht mehr ausreichte, um eine Familie von den Erträgen zu ernähren. Diese Situation trat spätestens am Ende des 18. Jahrhundert ein. Darüber hinaus wurden kleinere Bauernhöfe im Vergleich zu größeren noch stärker belastet.[55]

Sowohl das starke Bevölkerungswachstum als auch die schlechten Erträge in der Land- und Viehwirtschaft riefen eine allgemeine Teuerung von Waren hervor, welche nicht zuletzt auch auf die Inflation des Geldes, welche durch den spanischen Import von Edelmetallen ausgelöst wurde, zurückzuführen ist. Verschärft wurde die durch den Reallohnverfall ausgelöste Krise durch Beschäftigungseinbrüche im Gewerbe. Muss nämlich ein größerer Teil des Vermögens für Lebensmittel aufgewendet werden, dann kommt auch die Nachfrage nach Produkten des längerfristigen Bedarfs oder nach Dienstleistungen ins Stocken. So wurden die großen Hungersnöte der Jahre 1770/71 und 1816/17, die vor allem Gebiete mit protoindustrieller Beschäftigungsstruktur (z.B. Oberhessen) betrafen, durch Konjunktureinbrüche in der Textilindustrie verursacht.[56]

Nirgends war nur ein Grund für die Auswanderung allein ausschlaggebend. Immer wirkten mehrere Gründe zusammen, wobei in dem einen Lande der eine, in dem andern der andere Grund überwog. In ihrer Gesamtheit führten die genannten Faktoren zu einer massenhaften Verelendung und Verarmung der Bevölkerung.

Auswanderungsverbote in den Ländern Europas

Die meisten europäischen Staaten wollten und konnten aber in so einer schwierigen Zeit keinesfalls hinnehmen, dass ihnen die eigenen Bürger abspenstig gemacht würden. Deshalb wurden in vielen Staaten Verbote gegen die Auswanderung erlassen, in welchen sich in der Regel folgende zwei Grundgedanken finden: Zum einen kommt es dadurch zu einem für den Staat schmerzhaften Verlust an Arbeitskräften, und zum anderen wird immer wieder der „Sorge“ des Landesherren über die vermeintlich unsichere Zukunft der Auswanderer Ausdruck verliehen. Tatsächlich aber dürfte die Angst um den Verlust an Steuereinnahmen und Arbeitskräften das wahre Motiv für die Landesherren gewesen sein.

Im Auswanderungsverbot der pfälzischen Regierung vom 29. April 1766 wurde – im Unterschied zu vielen anderen Auswanderungsverboten – insbesondere vor den Gefahren, die die Auswanderer in der Fremde erwarten würden, gewarnt. In ihm wurde angeordnet,

- dass alle Werber, die das pfälzische Herrschaftsgebiet betreten, „ gefänglich einzuziehen “ und zu verhören waren und
- dass die Untertanen ermahnt bzw. darüber informiert werden mussten, dieser „ Gattung Leuten, die wegen der ihnen zugesagten Belohnung, sie gleichsam nur zu erkaufen suchten, keinen Glauben bei [ zu ] messen, wohl aber die sich zuziehende Leibes- und Lebensgefahr und sonstige Unbequemlichkeiten [ zu ] betrachten “.
- Zugleich wurden die Untertanen gewarnt, „ das ihnen großen Teils angeborene, von Gott und Natur hinreichend gesegnete Land" nicht gegen ein solches einzutauschen, „ welches wegen der beschwerlichen Überfahrt der See, wenig zu erreichen Hoffnung hätten, und worinnen sie der fremde Himmelsstrich vielen Krankheiten aussetze, dessen Sprache und Lebensart sie unkundig, dazu auch nicht wissen könnten, welche Lage ihnen zuteil würde, werden, und ob, statt einer vorgeblich guten, nicht in einer sumpfigen, öden und unfruchtbaren, auch unsicheren Gegend ihren Wohnsitz aufschlagen mögten [ … ]“
- Die Ortsvorstände wurden angewiesen, auf die „ verdächtigen unvermöglichen Untertanen gut Acht zu haben, und durch dann und wann nächtlicher Teil in dem Ort herumschickende Wachen solches Vorhaben zu behindern trachten . [ … ]“
- Die abziehenden Untertanen waren zu verfolgen, einzuholen und "arrestierlich hin(zu)setzen", zu verhören und nach Maßgabe der Vorgesetzten zu bestrafen.
- Darüber hinaus drohte den Ortsvorständen, die eine Abwanderung nicht verhindert hatten, ebenfalls eine Strafe.[57]

Was Österreich, insbesondere aber Ungarn anbetrifft, so traten hierzulande schon 1609 und 1613 Verbote gegen die Auswanderung in Kraft. Diese bekamen erst dann ihre „besondere Wirkung“, als Kaiser Karl VI. anfing, seine freien Ländereien in Ungarn mit Kolonisten zu besiedeln.[58]

Und als dann der Ruf nach Russland folgte, sollte es laut dem wolgadeutschen Pastor Gottlieb Beratz auch des Öfteren vorgekommen sein, dass deutsche Auswanderer, die bereits von ihrer Regierung die Erlaubnis erteilt bekommen hatten, sich nach Ungarn zu begeben, wegen größerer in Aussicht gestellter Vorteile das eine vermeintliche Paradies dem anderen vorzogen.[59]

Folglich erließ die österreichische Regentin Maria Theresia am 16. November 1763 ein Auswanderungsverbot, in welchem den Auswanderern fünf Jahre Kerker und Lagerarbeiten und den Werbern samt ihren Helfern und Helfershelfern oder auch nur jenen, die die Bevölkerung durch Wort und Tat zur Auswanderung ermutigen würden, der Tod durch den Strang in Aussicht gestellt wurde.[60]

Aufgrund dieser schwierigen und gefährlichen Arbeitsbedingungen fasst der Gesandte zu Wien Graf Golizyn den Entschluss, das Manifest lediglich in den ausländischen Zeitungen Österreichs zu veröffentlichen, was anscheinend dem Wiener Hof zu keinen (größeren) Protesten Veranlassung gab.[61] Am 7. Juli des Jahres 1768 folgte ein weiteres kaiserliches Edikt, welches im Anhang zur Ansicht zur Verfügung steht.

Beim Durchsehen der Namenslisten der ausländischen Kolonisten für die Kolonien „Anton“ bis „Franzosen“, die zwischen 1764 und 1767 an die Wolga kamen, bin ich daher auch nur auf drei Österreicher gestoßen, welche alle Lutheraner und Ackerbauern waren und in der Kolonie Dobrinka angesiedelt wurden.[62]

Ähnlich strenge Verbote, die den Werbern Leibesstrafen, gegebenenfalls aber die Todesstrafe androhten, wurden in Frankreich, Spanien, Preußen, Bayern, Hessen-Kassel, dem Bistum Münster und von vielen anderen Regierungen oder Fürsten und Kurfürsten deutscher Länder (Mainz, Trier, Köln (hierzu gehörten Besitzungen am linken Rheinufer und Westfalen), Pfalz, Bayreuth, Grafschaft Hanau,…) erlassen. Ebenfalls wurden die Werber in den thüringischen Kleinstaaten und in Schleswig und Holstein bei ihrer Arbeit behindert.

Was die ersten beiden Staaten betrifft, so wurden auch hier schon bis zum Jahr 1762 eine Reihe von dementsprechenden Gesetzen gegen die Auswanderung erlassen, weshalb die russische Regierung von Versuchen einer unbedingten Veröffentlichung des Manifests vom 4. Dezember 1762 in diesen Ländern Abstand nahm. Aber in einem Begleitschreiben zum Manifest des Jahres 1763 wurde diese Einschränkung nicht mehr gemacht, und so blieb dem Botschafter Fürst Golizyn nichts übrig als einzelne Exemplare an die Bevölkerung verteilen zu lassen.[63] Sogar in der ehemaligen Heimat Sachsen erließ der dort regierende Prinz Xaver, der Bruder der Zarin, einen Erlass gegen die Auswanderung, in welchem er seinen Beamten unter anderem folgende Instruktion gab: „Ihr wollet dahin sehen, daß bey Gelegenheit, da die teutsche Emigranten, die nach Rußland gehen, ihren Sammlungsort in Rosslau haben, keine Leute aus unserem Land wegzugehen verleitet werden.“[64]

Bruder oder nicht, bedenkt man aber, dass hier der Bevölkerungsschwund zwischen 1752 und 1762 durch den Siebenjährigen Krieg, durch Krankheiten, Seuchen und auch Abwanderung 90.000 Menschen betrug (ein Minus von 5,3 %), so konnte auch ihm letztendlich keine andere Wahl bleiben.[65]

In England und den Niederlanden war die Auswanderung zwar anscheinend erlaubt, jedoch konnte man bei ihnen aufgrund des verhältnismäßig hohen Grads an wirtschaftlicher Entwicklung kaum auf Erfolg hoffen. Als potentielle Auswanderer boten sich im Prinzip nur die Ärmsten der Gesellschaft oder auch dort lebende Ausländer an. So berichtete der russische Botschafter Heinrich Gross im November 1763 nach Petersburg, dass an ihn – außer „einigen windigen und untauglichen Franzosen“ – wenige mit dem Wunsch auszuwandern herangetreten seien.[66]

Ungeachtet solcher strenger Verbote haben sich aber nicht allzu wenige Kolonisten illegalerweise unter das Gros der Auswanderer gemischt. Dass ihnen das überhaupt gelungen ist, könnte darauf hindeuten, dass es tatsächlich „Elemente“ gab, die man ohneweiters gerne gehen lassen wollte. Es soll auch wirklich vorgekommen sein, dass bei den Regierungen um die Erlaubnis zur Auswanderung im Nachhinein angesucht wurde und diese in so genannten Manumissionsscheinen, welche belegten, dass der Auswanderer mit keiner Leibeigenschaft belastet war, erteilt worden ist.[67] So heißt es in einem Kommentar zur Bitte eines Auswanderers, ihm das ausstehende Schutzgeld zu erlassen: „Wer nichts hat, der kann nichts geben, er ist der Stadt lästig und dem Wald schädlich, mithin der Erlaß […] das beste Mittel ihn los zu werden.“[68]

Soziale Zusammensetzung und Herkunftsgebiete der deutschen Auswanderer

Nicht sehr schmeichelhaft fiel das Urteil des Kolonisten Christian Gottlob Züge über die Menschen, mit denen er von Lübeck aus die Reise in die Siedlungsgebiete an der Wolga antrat, aus. Züge beschrieb sie folgendermaßen:

„Ein großer Teil der Gesellschaft bestand aus Auswürflingen, die in fernen, unwirthbaren Gegenden ein Unterkommen suchten, weil das Vaterland sie ausgespien hatte, oder ihnen zum mindesten ein solches Schicksal drohte.

Man fand hier verzerrte Physiognomien, welche die Natur, durch scharf markierende Züge, ein so deutliches Brandmahl aufgedrückt hatte, als ob ihnen von der Justiz Galgen und Rad eingebrannt worden wären, und vielleicht waren auch einige mit den letzten bezeichnet, wenigstens müßte ich mich in meinen Beobachtungen ganz betrogen haben, hätten sich nicht unter unserm Haufen einige Verbrecher befunden, die entweder der sie verfolgenden Gerechtigkeit entronnen, oder aus der Haft entflohen waren. Die minder schlechten aus dieser Classe bestanden aus Gaunern, feilen Dirnen oder Kupplerinnen, welche ihr Gewerbe hier im Kleinen trieben, da sie keine Gelegenheit hatten, Geschäfte im Großen zu machen.

Sittenlose Menschen, die sich in jeder Lage wohl befinden, sobald sie nur ihren groben Lüsten ungestört frönen können, bildeten eine zweyte, nicht weniger mißfällige Classe. Zur dritten, der kleinsten von allen, formten sich einige Unglückliche, welche der Druck widriger Schicksale oder die Verfolgung ihrer Mitbürger aus dem Vaterlande jagten, und die nun versuchen wollten, ob ihnen in Rußlands Steppen eher ein Glück lächeln würde, und ob die Menschen dort menschlicher wären als daheim.

Die vierte und zahlreichste Classe war zusammengesetzt aus Abentheurern, Leichtsinnigen, die zu jedem gewagten Unternehmen bereit sind ..., oder Unerfahrenen, welche listigen Ueberredungen Gehör gegeben hatten, und an den goldenen Bergen, die man ihnen versprach, nicht im geringsten zweifelten. Zu den letzteren gehörte insbesondere auch ich, wie wohl ich nicht leugnen will, daß man mich auch allenfalls zu den Abentheureren hätte zählen können, ohne mir eben zu viel zu thun.“[69]

Als Beweis dafür, dass von vielen Werbern wirklich alle möglichen Leute angenommen wurden, erwähnte Züge auch, dass sich während der Reise an den Bestimmungsort ihm zu seiner Begleitung in der Nähe von Kasan ein Schneider anbot, den er auch, „weil er ein lustiger Mensch war, zur Gesellschaft mitnahm, ob er“ ihm „gleich wenig helfen konnte, da er ein schwächlicher, elender Mensch war.“ Dieser, „welcher mit seinen krummen Händen nicht einmal mehr die Nadel führen konnte, war zu anderen Arbeiten noch weit weniger geschickt, und dennoch hatte man ihn ohne Umstände angenommen, ob sich schon voraussehen ließ, daß er Rußland zu nichts nütze sein würde, wohl aber Rußland ihm, wenn es ihn bis an seinen Tod fütterte.“[70] Und auch das älteste Grundbuch der Gemeinde Katharinenstadt bestätigt uns diesen Sachverhalt: Selbst Unmündige, elternlose Weise, Alte, Schwache und Krüppel wurden angenommen. Hatte man sich nur schon gemeldet, so war man auch schon mit dabei![71]

Es kann sicherlich nicht geleugnet werden, dass sich die Masse der Auswanderer wohl aus solchen Menschen zusammensetzte, deren Vergangenheit es ihnen wünschenswert erscheinen ließ, sich durch die „Flucht ins Paradies“ den Augen ihrer Landsleute zu entziehen. Aber es muss auch darauf hingewiesen werden, dass in den ersten Jahren viele Handwerker und ehemalige Armeeangehörige, aber auch so mancher Kaufmann, Künstler oder Gelehrte unter den Kolonisten zu finden war, ja sogar ein Graf Dönhof aus Berlin konnte eruiert werden.[72]

Auch die Urteile der meisten Zeitgenossen, welche in den Anfangsjahren der Kolonialisierung das untere Wolgagebiet bereist haben, fielen hauptsächlich negativ aus: So nannte sie Prof. Falck einen „gemischten Haufen“, von welchem „manche von vorzüglichen Geschicklichkeiten, die meisten aber Faulenzer und Abenteurer“ waren, und Prof. Pallas konstatierte in seinen Memoiren mit dem Titel „Reise durch verschiedene Provinzen des Russischen Reichs 177?-1773“ (gedruckt in St. Petersburg von der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften), dass sie „mehr nahrungslose Handwerker und Musiksänger sind als gute Ackerbauern.“[73]

Wenn sich also auch einige durchaus ganz „brauchbare“ Menschen unter den Auswanderern fanden, so waren sie in erster Linie doch Menschen, die man nicht annehmen hätte sollen und zumeist alles andere als das, was man eigentlich ins Land rufen wollte.

Nachdem wir die soziale Zusammensetzung der Auswanderer etwas genauer unter die Lupe genommen haben, kommen wir zu der Frage, aus welchen deutschen Staaten die Kolonisten kamen.

Diesbezüglich „wissen heutzutage die Kolonisten am wenigsten zu sagen und bereits vor 50-60 Jahren war es in dieser Beziehung nicht besser. Wer weiß, ob von Tausenden einer weiß, wo die Wiege seiner Vorfahren gestanden. Dieselbe Unkenntnis in bezug auf die Herkunft der Vorfahren finden wir auch bei den Kolonisten in der jetzigen Ukraine, in Bessarabien und in der Krim vor, die doch viel später angelegt worden sind. Dies ist der schlagendste Beweis dafür, dass die Kolonisten, welche sich im Herzen heute noch als Deutsche fühlen, doch im Grunde genommen jeden Zusammenhang mit der alten Heimat verloren haben,…“ – so Pastor Kufeld um die Jahrhundertwende.[74]

Diesen Sachverhalt bestätigte auch ein Deutscher namens Peppler, der im Zuge des Napoleonischen Feldzuges von den Russen gefangen genommen wurde. Ein Kolonist, mit dem er ins Gespräch kam, „hörte mit viel Interesse von den Gebräuchen, Sitten und sonstigen Verhältnissen seines Vaterlandes erzählen, deren er sich nur dunkel erinnern konnte.“ Und als er in der Kolonie Schwab verweilte, wurde er „mit Freundschaftsbezeichnungen“ überhäuft, „aber auch mit zahllosen Fragen nach dem Vaterlande bestürmt, das in ihnen noch immer im heiligen Andenken lebte.“[75]

Allein schon aufgrund des durch die verschiedenen Auswanderungsverbote vorgegebenen geographischen Raums lässt sich sagen, dass die Wolgakolonisten im Allgemeinen Kinder Mittel- und Süddeutschlands waren, ein beträchtlicher Teil von ihnen stammte aber auch aus Elsass-Lothringen und den freien Reichsstädten.[76]

Die Hauptauswanderungsgebiete der Kolonisten lassen sich bis zum heutigen Tage nur ungefähr eingrenzen, sei es, dass sie für bestimmte Territorien wie z.B. das Rheinland nicht „so recht“ erfassbar sind[77], sei es, – was mir nicht unwahrscheinlich scheint – dass entsprechende Untersuchungen im großen Stil bis heute unterblieben sind. Für Hessen aber verfügen wir über relativ gute Informationen. Hier wurde die Landgrafschaft Hessen-Kassel im Norden von der Auswanderungswelle kaum erfasst. Dies deshalb, da der Landgraf hierzulande während der „kritischen“ Zeit gleich drei Auswanderungsverbote erlassen hat (1762, 1764, 1766), diesen sind übrigens in den Jahrzehnten zuvor bereits einige vorausgegangen. Dafür aber wurden die hinsichtlich Klima- und Bodenverhältnisse wenig begünstigten Gegenden in und um die hessischen Mittelgebirge südlich der Linie Gießen–Fulda vom „Russlandfieber“ umso mehr erfasst, wobei sich die Abzugsintensität auf die Gegend des Odenwaldes und Vogelsberges konzentrierte. Dieses Territorium wurde im Westen von den Orten Friedberg, Frankfurt am Main und Darmstadt, im Osten durch die Linie Fulda – Schlüchtern – Büdingen – Gelnhausen – Aschaffenburg und im Süden von der Grafschaft Erbach begrenzt.[78]

Auch die in den Kolonien gesprochenen Dialekte lassen einen Rückschluss auf die Herkunftsgebiete der Auswanderer zu. Aufgrund der meist zufällig entstandenen Zusammensetzung der Einwohnerschaft einer Kolonie begegnete man fast in jeder einem Gemisch von Dialekten, wobei jedoch das Süd- und Mitteldeutsche in der Regel überwog. Nur zwei Kolonien, die von Bauern aus dem Ysenburgischen begründet worden waren (Norka, Splavnucha) und eine, deren Bewohner hauptsächlich gebürtige Hessen waren (Jagodnaja Poljana), bildeten in dieser Hinsicht eine Ausnahme. Darüber hinaus verrieten laut Pastor Kufeld neun weitere Kolonien, darunter auch Katharinenstadt, aufgrund der dort gesprochenen Sprache eine höchstwahrscheinlich vorwiegend norddeutsche Einwohnerschaft zu haben.[79] Im Großen und Ganzen aber lässt sich festhalten, dass in den Kolonien hauptsächlich hessische Mundarten gesprochen wurden.[80]

Die Anwerbung der Kolonisten

a) Die staatliche Anwerbung

So gut die Vorbereitungen für das Kolonisationswerk auf dem Papier auch waren, so schlecht und unprofessionell erfolgte im Großen und Ganzen auch die Abwicklung, angefangen von der Anwerbung bis zur Ansiedlung der Menschen und noch darüber hinaus. Ursprünglich oblag die Anwerbung von Kolonisten ausschließlich den russischen diplomatischen Vertretern in den Hauptstädten der größten Länder des damaligen Europas. Bei diesen handelte es sich in erster Linie um Fürst Dolgorukij in Berlin, Graf Ostermann in Stockholm, Graf Woronzow in London und Graf Gross in Den Haag.[81] Nachdem sie die Manifeste in den Zeitungen veröffentlichen hatten lassen, sollten sie sich im Wesentlichen auf die Annahme der Interessenten, welche sich an sie wendeten, beschränken. In einer Reihe von Zirkularen, die auf das Manifest gefolgt sind, wurde ihnen aufgetragen, nur den Bedürftigsten Darlehen zu geben, sodass die Empfänger auch nach Russland fahren und nicht zu Hause bleiben.[82] In der Tat kamen solche Misserfolge anfangs noch öfters vor, worüber uns die erfahrenen und für das Kolonisationswerk sehr offenen Gesandten Musin-Puschkin (Hamburg), Smolin (Regensburg) und Graf Woronzow (London) berichteten: „viele von ihnen Angeworbene und mit Fahrtgeld ausgestattete haben gewissenlos gehandelt und sind nach Russland nicht gefahren.“[83]

Angeworben sollten nur solche Leute werden, die aus Ländern kamen, wo die Auswanderung auch nicht verboten war. Und dort, wo sie verboten war, war „jedem auf seine eigene Fürsorge die Ausreise aus seiner Heimat zu überlassen, ohne ihnen Pässe zu geben“ bzw. äußerst vorsichtig vorzugehen, „sodass nicht der kleinste Grund zur Unzufriedenheit und zu Tadel von diesem Hof“, an welchem der russische Resident oder Botschafter akkreditiert ist, zu befürchten war.[84]

Insbesondere sollten „Ackerbauern und Bodenbearbeiter , so viele sie auch seien“, angeworben werden, „und ohne jegliche Erschwerungen“ zu den russischen Grenzen geschickt werden.[85]

Als Erster unter den Diplomaten im Ausland machte sich der Resident in Danzig, Herr Rebinder, ans Anwerben von Auswanderungswilligen, und das sogar noch vor der Veröffentlichung des Manifests vom 22. Juli 1763. Und obwohl er danach seine Tätigkeit noch verstärkte, konnte er keinen besonders großen Erfolg verbuchen.[86] Er ging dabei anfangs mit so viel Elan vor, dass er sich zu falschen Versprechungen hinreißen ließ oder die Ausreisewilligen über ihre Zukunft in Russland zu wenig aufklärte, wovon folgender Vorfall zeugt: Die ersten fünfzehn Familien (26 und 15 Menschen), welche in zwei Partien am 7. und 9. Juli 1763 von Danzig aus kommend in Russland eintrafen, verweigerten mit Ausnahme von zwei den Treueid auf ihre neue Heimat bzw. der Zarin zu leisten. Sie begründeten das damit, dass ihnen der Gesandte Rebinder versprochen habe, dass sie nach Russland nicht als Kolonisten, sondern nur zur Arbeit in irgendwelchen Fabriken fahren werden. Infolge dieses unglücklichen Zwischenfalls wurden alle russischen Gesandten im Ausland aufs Strengste angewiesen, streng nach dem Gesetz vorzugehen und nur das zu versprechen, was auch durch das Manifest gedeckt ist.[87]

Wie schon aus dem Obigen hervorgegangen ist, waren die ersten Schritte der russischen diplomatischen Agenten nicht sehr erfolgreich. Dies hatte zwei Gründe: Zum einen konnte mit der Veröffentlichung des Manifestes in Zeitungen oder auch auf Flugblättern die ländliche Bevölkerung nur in unzureichendem Maße erreicht werden, zum anderen wurden Auswanderungswillige auf dem Weg zu den russischen Gesandten immer wieder von Werbern anderer Staaten abgeworben. In diesem Zusammenhang soll nur an die Tatsache erinnert werden, dass im norddeutschen Territorium, das an die Niederlande angrenzte, Engländer und Holländer operierten (die Engländer warben für ihre Kolonien in Nordamerika und für Irland, die Holländer für Guyana) und auch österreichische Werber ein neues Land, in welchem Milch und Honig fließen sollte, den Menschen schmackhaft machen wollten. Es soll vorgekommen sein, dass Kolonistenzüge, die nach Ungarn unterwegs waren, in Frankfurt am Rhein von russischen Werbern abgefangen worden sind.

Dieses Konkurrenzverhältnis sollte auch in den nächsten Jahren noch andauern, wovon u.a. folgendes Beispiel Zeugnis ablegt: In Ulm unterhielt der für die russische Seite arbeitende Kommissar Meixner seit 1765 ein Werbebüro, im nahen Günzburg hat aber Feldmarschallleutnant von Ried, welcher die österreichische Werbetätigkeit für Ungarn voranzutreiben hatte, eines eingerichtet. Jedoch konnte man die Angelegenheit nach etlichen Zusammenstößen dahingehend regeln, dass man sich verpflichtete, sich in Zukunft nicht mehr gegenseitig die Kolonisten abspenstig zu machen.[88]

Eines stand fest: So konnte es nicht weitergehen! Noch 1763 schrieb Musin-Puschkin nach Petersburg: „Es wäre nicht unnütz, verschiedene Regierungstreue auszuschicken, welche nicht nur schriftlich, sondern besser noch mündlich und mit ihren Gesprächen schüchterne und zu Zweifeln neigende Männer überreden könnten.“[89] Und bereits einige Monate später, im Februar des nächsten Jahres, schrieb er der Zarin, dass sich bei ihm „ehemalige Pächter und Schreiber aus den vom (Siebenjährigen) Krieg verheerten Dörfern, Ober- und Unteroffiziere im Ruhestand, ehemalige Marketender bei den Armeen und ähnliche Leute“ meldeten und ihm mitteilten, dass sie gerne für die russische Krone Kolonisten anwerben würden.[90] Mit solchen Angeboten wandte man sich auch an Iwan Smolin. Dieser, nachdem er im Winter 1763/64 das Manifest zusätzlich zu einigen tausend Exemplaren in Zeitungen bzw. als Broschüre abdrucken ließ, regte nun die Idee an, in Lübeck das Amt eines eigenen Kommissars zu schaffen. An diesen sollten von den Diplomaten die Ausreisewilligen geschickt werden und dieser sollte in der Folge die Einschiffung organisieren. Dieser Vorschlag wurde von der Zarin für gut geheißen und Musin-Puschkin beauftragt, für dieses Amt einen fähigen und zuverlässigen Menschen zu suchen. Seine Wahl fiel auf Kaufmann Christian Heinrich Schmidt, welcher bereits 1763 schon kleine Partien von Ausreisenden einschiffte. Am 20. Mai 1764 wurde Schmidt formal als russischer Kommissar akkreditiert und so nahm er seine Arbeit auf. Schon bald gingen jene Fälle, bei denen man sich nur aufgrund der Taggelder als Kolonist einschreiben ließ und gar nie am Ort der Einschiffung erschienen ist bzw. sich noch in letzter Minute aus dem Staub gemacht hatte, drastisch zurück. Von nun an nämlich wurden die Essensgelder erst bei der Ankunft in Lübeck und nach der Zuteilung der Menschen zu ihrem Gruppenführer, dem „Vorsteher“, ausbezahlt.[91]

Die Veröffentlichung des Manifests durch die Diplomaten brachte diese vielerorts natürlich in eine sehr unangenehme und heikle Lage. „Unglaublich scheinen die Achtsamkeiten, welche ich hier unweigerlich genötigt bin nehmen zu müssen, um der Erfüllung des mir auferlegten Auftrags zu entsprechen und nicht den allerhöchst meinem Charakter bevollmächtigten Euren Minister zu kompromittieren, und darüber hinaus meinen Kredit am hiesigen Hofe zu verlieren.“ – dies schrieb der Gesandte Golizyn in seiner Relation vom 10. Mai 1764 an die Kaiserin.[92] Und da keine Regierung mit so einer Sachlage glücklich sein kann, aber auch die Landbevölkerung bisher nur in sehr unzulänglichem Maße erreicht wurde, griff sie den Vorschlag von Iwan Smolin wieder auf und entschied sich für die Heranziehung von privaten Agenten, die in der russischen Gesetzgebung meist als „wyžywateli“ („Herbeirufer“), aber auch als Entrepreneure bezeichnet werden.[93]

Diese sollten nun auf eigenes Risiko parallel zu den "Kronkommissaren" (Beamte im Dienst der russischen Regierung) die Werbetätigkeit und die Organisation der Abreise nach Russland in Angriff nehmen. Die erste von ihnen angeworbene Gruppe bestand aus 50 Menschen und kam bereits im September 1764, noch vor dem Abschluss der Kontrakte mit den ersten Werbern, in Russland an. Sie wurde von de Boffe in Saratov angesiedelt. Precour und sein Helfer d´Hauterive blieben aber in Sankt Petersburg und machten sich dann wieder auf nach Deutschland.[94]

Zuguterletzt wurden aber auch solche Werber angestellt, welche direkt von der „Vormundschaftskanzlei“ abhängig waren, denen aber keine besonderen Rechte zukamen. So gab 1765 ein gewisser Konrad Frank bekannt, dass er bereit sei, 16 Familien von Verwandten zu liefern. In der Folge konnte er auch noch einige Dutzend Bauern und Handwerker zur Übersiedlung überreden.[95]

b) Die Persönlichkeit und Tätigkeit der privaten Werber

Gemeinsam mit den „Entrepreneuren“ wurde ein aus zehn Punkten für alle geltendes Vertragswerk ausgearbeitet, welches von der Zarin am 17. November 1764 unterschrieben wurde. Alle Verträge wurden auf sechs Monate abgeschlossen (nur mit Herrn Beauregard auf drei Jahre), konnten danach aber verlängert werden.[96] Die wichtigsten Bestimmungen waren folgende:

Für den Transport jeder Kolonistenfamilie bis Hamburg oder Lübeck bekamen die Lokatoren bis zu 40 Rubel und für ihren Lebensunterhalt 10 Rubel. Falls die Grenze von 40 Rubel jedoch überschritten werden sollte, so musste ihm der finanzielle Mehraufwand später ersetzt werden, „aber ohne (deren) Erschwerung nach mit Kolonisten besonders abgeschlossenen Verträgen.“

Als Belohnung für ihre Tätigkeit bekam jede Werbergenossenschaft zum Eigentum für je hundert angesiedelte Familien drei Parzellen Land (90 Desjatinen), ein zinsloses Darlehen in der Höhe von 4000 Rubel, dessen Tilgung gemäß den Bestimmungen des Manifests in drei Etappen über zehn Jahre hinweg erfolgen konnte und zusätzliche 350 Rubel „für den Bau des Hauses“. Den Lokatoren sollten als zukünftigen Herren in ihren Kolonien selbstverständlich auch das Recht auf Jagd, Fischfang und Nutzung der Land- und Wasserflächen nach eigenem Ermessen zukommen, jedoch mit der Einschränkung, dass dies zuvor mit dem Kontor abgestimmt worden war.

Auch wird der Begriff „Familie“ definiert: Als eine solche galten Mann und Frau mit männlichen Kindern bis 20 Jahre und weiblichen bis 18 Jahre. Für nicht verheiratete erwachsene Männer wurden im Sinne des Vertrags als eine halbe Familie gezählt, eine Frau als eine viertel.

Ausdrücklich verlangten die Bestimmungen, nichts außer dem, was im Manifest steht und was gegen die russischen Gesetze ist, zu versprechen, in die Verträge mit den Kolonisten Klauseln einzufügen, welche der Ausreise aus Russland die Rückzahlung der staatlichen Schulden voraussetzt und die Kolonisten zu verpflichten, „nach den gesetzlich verankerten und künftighin in Russland zu verankernden Rechten“ zu agieren.[97]

Bevor auf die Methoden und Betrügereien, die den Werberprozess ständig begleiteten, eingegangen wird, ist es notwendig sich mit der Persönlichkeit der Werber bekannt zu machen, um so mehr deshalb, da diese Menschen später zu „Direktoren“ in den Kolonien ernannt wurden und das Leben und Wohl der Kolonisten noch auf lange Zeit beeinflusst haben.

Insgesamt wurden drei Genossenschaften zugelassen, die von folgenden Personen geleitet wurden:

- die erste von Baron Caneu de Beauregard gemeinsam mit seinem Gefährten und Bevollmächtigten Major Otto Friedrich von Monjou;
- die zweite von dem Genfer Pictet, dem Franzosen le Roy und dem Deutschen Sonntag;
- und die dritte von Jean de Boffe, Meusnier de Precour und Quentin Benjamin Coulhette d´Hautervive; sie besaßen aber im Unterschied zu den ersten beiden Genossenschaften keinen eigenen Personaletat, ihnen hat nur ein in Braunschweiger Diensten stehender Fähnrich namens Rolwagen, gebürtig aus Straßburg, 3000 Familien geliefert.[98]

Besonders hervorzuheben ist hier der schweizerische Baron französischer Herkunft Ferdinand de Canneau de Beauregard, dem es gelungen ist, dass in seinen Vertrag noch eine Reihe zusätzlicher Rechte aufgenommen wurde: Man erlaubte ihm seine bisherigen Titel und Ränge zu behalten, jedoch nicht das Tragen von Uniformen anderer Staaten in Russland. Für die Aufrechthaltung der Ordnung in den Kolonien, die er zukünftig anlegen werde, gestattete man ihm auch seine Kolonisten nach Schweizer Vorbild in Regimenter und Kompanien aufzuteilen und ihnen verschiedene militärische Ränge zu verleihen, die jedoch nur innerhalb der Grenzen der Kolonien Gültigkeit besaßen. Neben noch einigen weiteren Privilegien erhielt er von der Regierung sogar die Vollmacht, den von ihm auf dem linken Wolgaufer (Saratov gegenüber) angesiedelten Kolonien Namen nach seinem Gutdünken zu geben.[99]

Er war jedenfalls ein Mann von zweifelhafter Vergangenheit, über den die französische Polizei Nachforschungen angestellt, aber nicht viel über ihn herausbekommen hatte. Nicht einmal seine Herkunft konnte geklärt werden: Von der französischen Polizei wurde er für einen Franzosen gehalten, selbst gab er sich manchmal als Brabander, manchmal als Schweizer aus der Umgebung von Basel aus. Nach den Aussagen des Werbers Rapin war er Elsässer aus Schletstadt und gemäß den Dokumenten des Kontors ein Bürger der Provinz Utrecht. Auf jeden Fall aber war er entweder adeliger Herkunft oder er besaß eine glückliche Hand für das Geschäftemachen, da er ein Schloss in der Provinz Utrecht besessen haben soll.

Von den Männern, die bei Baron de Beauregard in Dienst standen, ist die Biografie Coste de Sabreville am besten bekannt geworden. Er war laut Pastor Kufeld „ein sehr schlechter Mann, hatte in seiner Jugend als Stallknecht bei einem französischen Minister 200 Louidors gestohlen, wofür er anstatt der Todesstrafe zum lebenslänglichen Galeerendienste verurteilt wurde.“ Nach elf Jahren gelang es ihm aber zu fliehen und die Erlaubnis, für Preußen Kolonisten anzuwerben, zu bekommen. Noch im selben Jahr (1765) verpflichtete er sich, auch dem Baron de Beauregard zu dienen und diesem innerhalb von sechs Monaten 300 Kolonistenfamilien zu liefern.[100] Und da auch andere Werber solche Verpflichtungen eingegangen waren, musste das nicht immer leicht zu bewerkstelligen gewesen sein. Es soll sogar vorgekommen sein, dass die Männer Beauregards keinerlei Mittel scheuten, um einen gewissen Anteil weiblicher Personen für die Kolonisation zusammenzubekommen, ja sogar Mädchen raubten.[101] Bei einem Verhör bat Johann Ulrich aus Spielberg unter Tränen, man möge ihn fortlassen, da er seine Frau einholen müsse, da sie von einem russischen Kommissar mit Gewalt in einen Transport gesteckt worden sei.[102]

Interessant ist noch, dass einer seiner Männer, ein Fähnrich Cäsar, auch in Süddeutschland auf „Bauernfang“ ging; nach ihm wurde die Kolonie Cäsarsfeld benannt.[103]

Aufgrund der Konkurrenzverhältnisse ist es von Zeit zu Zeit zu Auseinandersetzungen zwischen den Werbern gekommen. Zu einer solchen kam es auch zwischen dem Kapitän Kozer, der für Beauregard arbeitete, und dem Unterkommissar Uchtriz, der bei le Roy angestellt war. Als Folge erließ Kozler den „Befehl“, dass im Falle der Abwerbung eines Kolonisten diesen zwar dem Unterkommissar zu lassen, aber Ersterer dafür zum Krüppel zu schlagen sei. Diese Anweisung führte am ersten Ostertag zu einer Schlägerei unter den Kolonisten, welche viele „Zerstochene, Niedergesäbelte und Quetschungen Erlittene“ forderte.[104]

Es kam aber auch vor, dass sich Schwindler und Gauner mehr oder weniger eigenmächtig ans Werben machten. So hat ein gewisser Baron Stein für Beauregard auf Empfehlung seines Offiziers Weimar, jedoch ohne in einem Vertragsverhältnis zu stehen, Leute angeworben. Um die leichtgläubigen Menschen noch leichter hinters Licht führen zu können, hat er sich neben dem möglicherweise erfundenen Titel eines Barons noch folgenden an seine Brust geheftet: „Oberataman des Astrachaner Zarentums mit dem Rang eines russisch-kaiserlichen Hofberaters und geflissentlichen Gesandten der hohen Krone für die Rekrutierung von Kolonisten“[105]

Diese Prahlsucht brachte ihm aber kein Glück ein: Für diesen Betrug wurde er von der Mainzer Regierung in den Kerker gesteckt. Nach seiner Entlassung fuhr er nach Petersburg, wo er dem Kontor eine Rechnung in Höhe von 339 Rubel und 98 Kopeken ausstellte und dessen Hilfe für den Erhalt der ihm von Beauregard versprochenen 37.000 Rubel forderte. Und da er keine Dokumente vorlegen konnte, verbot man ihm nach längerem Hin und Her weitere Beschwerden einzureichen. Nachdem er aber nochmals versucht hatte mittels gefälschter Unterschriften 8.000 Rubel zu bekommen und einen Ausländer zum Anstacheln eines Aufstands gegen Beauregard in die Kolonien geschickt hatte, wurde er des Landes verwiesen.

Aber trotz seines zweifelhaften Rufes ist es durchaus vorstellbar, dass ihm Beauregard tatsächlich noch Geld geschuldet hat. Denn dafür, dass er oft leichfertig oder in betrügerischer Absicht Versprechen gab, lassen sich genügend Beispiele finden. So traf 1768 in Petersburg die Bitte eines Doktor Wille ein das Kontor zu veranlassen, ihm den versprochenen jährlichen Gehalt von 450 Rubeln auszuzahlen und die zugesagten 100 Desjatinen vererbbares Land zu übereignen. Unter solchen Bedingungen haben sich mindestens einige Pastoren und Ärzte nach Russland begeben, ohne jedoch selbstverständlich das ihnen Versprochene jemals zu Gesicht zu bekommen. Einige Jahre später ist dann auch seinen eigenen „Offizieren“ das gleiche Schicksal widerfahren.[106]

Es bedurfte sicherlich auch damals schon keines überaus scharfen Weitblicks um voraussehen zu können, dass das Kolonisationswerk unter den Händen von so unbekümmert arbeitenden Männern, die in Bezug auf ihre Ehre oft nicht allzu viel aufs Spiel zu setzen hatten und die Erzielung von möglichst großem Gewinn als einzige Grundlage ihrer Tätigkeit betrachteten, nur sehr schlecht gedeihen werde. Und dass sich unter den Kolonisten so viele „verkommende Elemente“ fanden, deren charakterliche Eigenschaften bei weitem nicht die besten waren und die auch sonst nicht zu viel, jedenfalls aber nicht zum Anlegen von Ackerbaukolonien, zu gebrauchen waren, hatte sich die russische Regierung im Wesentlichen auch selbst zuzuschreiben.

Die privaten Werber warben auch des Öfteren Personen aus Gebieten, in denen die Auswanderung verboten war, an und „schmuggelten“ sie auch mit Erfolg heraus, jedoch handelte es sich hierbei um einen eher geringen Prozentsatz. So gelang es Werbern laut Schippan z.B. insgesamt 235 Familien aus Frankreich, wo auf die Auswanderung die „Galeerenstrafe“ stand, herauszuführen und mit diesen an der Wolga dann auch eine französische Kolonie zu gründen. Jedoch gelang es der Geheimpolizei Ludwigs XIV. bald die Tätigkeit der Werber zu unterbinden und diese in die Bastille in Paris zu stecken.[107]

Iwan Smolin, der gegen den Einsatz privater Agenten war und dem deren Machinationen viel Ärger bereiteten, schrieb in einem Brief an den russischen Vizekanzler: „Die von den Privatunternehmern angestellten Leute, deren Zahl, die man nicht ermutigen will, in Deutschland groß sein soll, verpfuschen unsere guten Anordnungen durch ihre Handlungsweisen, zu denen sie sich hinreissen lassen zur Vermehrung der Zahl ihrer Kolonisten. Die Gier nach dem sichtbaren Gewinn bildet ihre einzige Lebensregel.“[108]

Der Vollständigkeit halber sei angemerkt, dass auch der (offizielle) russische Gesandte am Berliner Hof, Fürst Dolgorukij, ungeachtet dessen, dass in Preußen die Auswanderung strengstens verboten war, nach Russland zu Wasser und zu Land einige Handwerker und „Fabrikanten“ entsandte und ihnen für die Reise und Tilgung ihrer Schulden 222 Dukaten auszahlte. Hierfür bekam er aber von der russischen Regierung eine strenge Rüge, da wegen des Auswanderungsverbots möglicherweise sämtliche Ausgaben umsonst gewesen sein könnten.[109]

Die ersten kleineren Schwierigkeiten mit den von den Privatunternehmern angeworbenen Kolonisten haben sich für die Diplomaten bereits mit den ersten französischen Auswanderern ergeben: Einer wollte nur in Moskau leben und andere forderten nur unter Franzosen angesiedelt zu werden. Drei ehemalige Offiziere der französischen Armee forderten ständig zusätzliches „Taschengeld“. Falls sie es nicht bekämen, dann würden sie sich beim französischen Gesandten beschweren und öffentlich über die Nichterfüllung des im Manifest Versprochenen sprechen.

Musin-Puschkin hat seine Meinung zu ihnen Petersburg bekannt gegeben:„Diese ganze Bande besteht aus Offizieren, Friseuren, Köchen und Konfitüremachern und ist zur Ansiedlung in einer Ackerbaukolonie nicht geeignet.“[110] Aber zu einer adäquaten Reaktion auf die Einwände des Botschafters kam es natürlich nicht, im Gegenteil, er musste sich die Erwiderung gefallen lassen, dass gerade die „Kronschen“ nichts wert seien.[111] Aber Recht wird er doch gehabt haben, da dies auch die Statistik belegt: Laut Igor Plewe waren 1769 von den Kolonisten Beauregards 11% zum Ackerbau unfähig, von denen le Roys 12%, von den Kronkolonisten hingegen aber nur 6%.[112]

Die Zusammenarbeit mit den privaten Agitatoren stellte für die Diplomaten zwar eine Arbeitserleichterung dar, ging aber über ihren ureigenen Arbeitsbereich hinaus und konnte von den betroffenen Ländern als Einmischung in ihre eigenen Angelegenheiten angesehen werden. Deshalb regte Smolin die Schaffung des Amts eines Kommissärs, welche ihren Sitz in Ulm und Frankfurt am Main haben sollten und unter seiner Kontrolle die Arbeit weiterführen sollten, an. Dieser Vorschlag wurde vom Kontor unterstützt, und so bestimmte Smolin für Ulm Karl Friedrich Meixner und für Frankfurt Johann Facius, der bereits viele Jahre für die englischen Diplomaten in Deutschland gedient hatte, als Kommissäre. Im Unterschied zu den „Entrepreneuren“ bekamen sie ein festes Jahresgehalt: Meixner 500 Rubel und Facius 400 Rubel. Dieser Umstand erlaubte ihnen bei der Auswahl der Kolonisten wählerischer zu sein und eine größere Sorgfalt an den Tag zu legen. Sie beschäftigten ihrerseits wieder eigene Werber, die für jede angeworbene Familie drei bis vier Dukaten erhielten. Insbesondere war darauf Wert zu legen, dass nur jene angenommen wurden, die von den örtlichen Behörden oder Machthabern auch die Ausreisebewilligungen bekommen haben. Es sind uns sogar Fälle bekannt, in denen für die Erlangung der Ausreisegenehmigung von den russischen Bevollmächtigten die Schulden der zukünftigen Kolonisten beglichen wurden.[113]

Die Lage in der neuen Heimat war aber für die meisten nicht so rosig, wie sie es sich erhofft hatten. Und so ist es nicht verwunderlich, dass erste Briefe bzw. Flugblätter von Auswanderern, in denen ihr Leid und die Betrügereien der russischen Regierungsbeamten ausführlich geschildert wurden, sich sehr bald in Deutschland zu verbreiten begannen. Im Gegenzug ließen die entsprechenden Propagandaexemplare der Werber jedoch auch nicht lange auf sich warten: Es wurden vermeintliche Briefe von bereits an der Wolga angesiedelten Kolonisten verteilt, in denen ein solches Schlaraffenland geschildert wurde, an welches die meisten wohl nicht ein mal im Traum zu denken wagten.[114]

Im Folgenden seien drei Beispiele angeführt:

„Wie es mir gelungen ist, mich von den Worten der Augenzeugen zu überzeugen, ist das Land unvergleichlich besser, als es beschrieben wird. Es ähnelt dem der warmen Provinzen Frankreichs. Die Flüsse sind reich an Fischen. Unter der gegenwärtigen friedlichen Lage mit Persien gibt es mit ihm Handel. Die benachbarten Kalmücken, Kosaken und Russen sind das friedreichste Völkchen…. Den Kolonisten baut man gute Häuser. […] Alles hier sage ich als ehrlicher und edelmütiger Mensch, ohne Bestechung und Anstiftung, und rate alle armen schuftenden Leuten sich in Russland anzusiedeln, indem ich ihnen beteuere, dass es ihnen hier gut gehen wird.“[115] (Brief vom 2. Juni 1765)

In einem anderen Schriftstück wird die Gegend am Wolgastrom als eine der „vorteilhaftesten und fruchtbarsten Gegenden geschildert, wessen Klima dem Lionischen in Frankreich beinahe ähnlich und das am Ober- Rheinstrom weit übertrifft, dabei sehr gesund und überaus fruchtbar ist in einer schönen flachen Lage, wo eine schwarze und salpeterreiche Erde bald anderthalb, bald zwey bald mehr Ellen tief, vermutlich aus der Fäulung des Grases und der Kräuter entstanden“ zu finden war. […], wie solches viele eigenhändig Briefe und Beschreibungen sowohl von Catholischen und Protestantischen Geistlichen als auch von verschiedenen anderen Ausländern, welche sich bey einigen Tausenden in der umliegenden Gegend bereits niedergelassen, sattsam bezeugen. […] Zur Viehzucht findet sich allda ein unvergleichlicher Wiesenwachs und das in Mannhöhe aufwachsende Gras steht bereits mit Ausgang April Monats 3 Fuß hoch. Das Hornvieh, welches an Größe dem Holländischen gleichkommt, wird daselbst für 3, 4 und 5 Rubel das Stück verkauft; […] Schafe von sehr großer Art sind auch um einen geringen Preis zu haben.“[116]

Und in einem dritten Brief heißt es: „…und habe Gott sey Dank Äcker, Wiesen-Pferde, Kühe und ander Vieh so viel, ja mehr als ich bestreiten kann, habe also noch nie über Mängel zu klagen gehabt, Kirche und Schule haben wir auch.“[117]

Das Gemisch aus Wahrheit und Unwahrheit wurde aber ebenso wie der Inhalt des Manifests des Öfteren auch von der Kanzel aus den Leuten zugerufen. So bekamen die Bewohner des Dorfes Mettenheim, welches in der Grafschaft Wartenberg (untere Pfalz) lag, zu hören: „Der Ort ist am Wolgastrom gelegen im Königreich Astrachan bei der neuen deutschen Stadt Katharinenburg. Die Gegend kommt derjenigen am Oberrhein gleich,… Wer bei uns nichts hat, kann dort glücklich werden.“[118]

Indem man auf die Unwissenheit der Menschen setzte und ihnen einen Garten Eden an der Wolga vorgaukelte, brachte man sehr viele der Aussiedler bereits noch in Deutschland dazu, für eine Ansiedlung im Wolgagebiet zu unterschreiben. Dass niemand – verständlicherweise – auch nicht einmal eine mehr oder weniger konkrete Vorstellung von der zukünftigen Heimat hatte, musst im Jahr 1765 der Gelehrte Ludwig Schlözer bei einem Arbeitsurlaub in Deutschland erfahren. Dieser war als erst Siebenundzwanzigjähriger nach Sankt Petersburg gekommen, wo er Adjunkt an der Akademie der Wissenschaften und an der Wende 1764/65 Akademieprofessor für russische Geschichte wurde. Nachdem er in Lübeck angekommen war, schrieb er einen Brief an die Zarin:

„Eine große Nachlässigkeit habe ich begangen, daß ich mich in Petersburg nicht nach dem Koloniewesen, der Beschaffenheit der Gegenden, wo die Kolonisten hingeschickt werden, und dergl. besser erkundiget. Alle Welt will hierüber von mir Unterricht haben, und da ich nicht Kolonistenkommissär bin, so glaubt man meinen Berichten mit desto wenigerm Verdachte. […] Von

Saratov hat man gute Ideen, man hält es für ein Land wie Italien, nur hat man die Grille, man wäre da vor den Tataren nicht sicher.“[119]

Außerdem teilte Schlözer auch mit, dass man mündlichen Berichterstattungen mehr Glauben schenkte als den plötzlich massenweise auftauchenden, „fabrikmäßig“ erzeugten Briefen.[120]

Diesen ist auch der Handwerksgeselle Christian Gottlob Züge erlegen. Seine ursprüngliche Absicht, nach Amerika auszuwandern, um "von meinem Vaterland fern gelegene Gegenden der Welt zu beseh´n", änderte er kurzfristig. In Lübeck überredeten ihn "einige gut gekleidete Leute", gemeinsam mit ihnen auszuwandern:

„Geht mit uns nach Rußland, (…), dort hat jetzt die große Catharina, selbst eine Deutsche, allen ihren Landsleuten, welchen es daheim nicht gefällt, ein neues Paradies eröffnet. Unter dem mildesten Himmelsstriche ihres weitläufigen Reiches will sie Colonien von Deutschen anlegen, welchen sie nicht nur Reisegeld, sondern auch etliche Jahre lang so viel gibt, als zum Unterhalte nöthig ist, auch jedem eine Summe von 150 Rubeln auszahlen läßt, um sich damit nach seinem Gefallen zu etablieren. Dorthin geht man einem gewißen Glücke entgegen, durchstreicht bis an das Ziel der Reise einen nicht kleinen Theil der Welt, lernt Kosaken, Kalmücken, Mordwinen, Tschukschen, und einen Menge anderer unbekannter Völker kennen und sieht unzählige Dinge, von welchen man hier zu Lande kaum einmal hat reden hören.“[121]

Ein weiterer Umstand, der den Werbern neben ihrer Agitation und Propaganda in die Hände spielte, ist das Phänomen des „Dominoeffekts“: Die Kolonnen von Ausreisewilligen, die zu den Sammelpunkten zogen, bewirkten, dass sich viele Leute, die zuvor keinerlei Kenntnis von der Ausreise hatten, spontan den Trecks anschlossen. Einen Eindruck von dieser "Sogwirkung", den durchziehende Kolonistentransporte auf die örtliche Bevölkerung in den deutschen Kleinstaaten ausübten, vermittelt ein Auszug aus dem Kirchenbuch von Stockhausen bei Gießen, welches immer wieder Kolonistenzügen von etwa 500-600 Personen durchquerten. Den Transporten schlossen sich 46 Einwohner an.

Im Kirchenbuch heißt es dazu: „ Wofern nicht ein herrschaftliches Verbot Einhalt gegeben, so wäre, aus eitler Träumerei nach einem gelobten Land, wohl das halbe Dorf entvölkert worden.“[122] Auch in Rosslau, das von 11 Kolonistenzügen durchquert wurde, wird die Lage ähnlich ausgesehen haben.[123]

Wie schon angeklungen ist, mussten die Werber ihrerseits mit den Auswanderern Verträge abschließen. Diese mussten dann offiziell von Musin-Puschkin bestätigt werden, aber es lässt sich doch mit ziemlich großer Sicherheit sagen, dass es dazu in der Realität kaum gekommen ist. Zum einen war sicherlich die große Arbeitsauslastung des diplomatischen Vertreters daran schuld, zum anderen aber auch ein sicher vorhandener Unwille bei den Lokatoren, diese Verträge auch vorzulegen – war doch die Mehrheit von ihnen inhaltlich nicht korrekt bzw. entsprach nicht jenen Anforderungen, die man (auch schon) damals an ein Vertragswerk stellte:

- oft lässt sich nicht einmal ersehen, wann und wo sie abgeschlossen wurden;
- auf Kontrakten befanden sich nicht die Unterschriften von den diplomatischen Vertretern, sondern von ihren Schriftsetzern;
- für Analphabeten unterschrieben nicht zwei Zeugen, so wie das gefordert wurde, sondern in der Regel der Werber selbst;
- auf einigen Verträgen finden sich bis zu 60 Unterschriften, alle von nur einem Menschen, dem Setzer, angebracht;

Diesbezüglich hat die russische Regierung insofern einen schweren Fehler, der in späteren Jahren noch zu so manchen Schwierigkeiten geführt hat, begangen, als sie meist gewissenlos handelnden Männern die Aufsetzung eines Vertrags überlassen und keine standardisierte Verträge in Umlauf gebracht hat. Dies führte dazu, dass einzelne Artikel so formuliert wurden, dass sie auf verschiedene Weise aufgelegt werden konnten: So wurde sogar der Wunsch des Kontors, den späteren Direktoren der Kolonien 1/20 der Ernte abzuliefern, in vielen Verträgen auf 1/10 abgeändert. Diese „Schwindelei“ hatten aber – vielleicht zu Recht – keine Reaktion des Kontors zu Folge, da durch sie ja nicht die Interessen des Manifests geschmälert wurden und es sich sozusagen um eine rein private Vereinbarung handelte. Jedenfalls aber war eines klar: Vor Ablauf der durch das Manifest zugesicherten dreißig Jahre anhaltenden Befreiung von allen Abgaben konnte der Zehent nicht gefordert werden.

Besonders die Herrn Lokatoren Precour und le Roy haben sich für die Erhaschung von Unterschriften sehr fragwürdiger Methoden bedient: Precour legte (gebildeten) Franzosen den Vertrag in deutscher Fassung, (gebildeten) Deutschen auf Französisch vor. Das Unerhörteste, was dem Fass sozusagen den Boden ausschlägt, ist aber jener Umstand, dass sich sowohl bei le Roy als auch bei Precour solche erst nach dem Unterschreiben dazugeschriebene Abschnitte finden, nach denen die Kolonisten in Russland unter der Aufsicht der Herrn Lokatoren stehen werden und dass sie diesen den „Zehnten“ zu zahlen hätten.[124]

Von der Gewissenlosigkeit Precours zeugt zu guter Letzt jener Umstand, dass er nach seiner Tätigkeit als Kolonistenwerber in einem polnischen Freikorps gemeinsam mit einigen von ihm ehemals angeworbenen Kolonisten gegen die Truppen seiner früheren Auftraggeberin kämpfte.[125]

[...]


[1] Beratz, Gottlieb: Die deutschen Kolonien an der unteren Wolga in ihrer Entstehung und ersten Ent­wicklung. Gedenkblätter zur hun­dert­fünfzigsten Jahreswende der An­kunft der ersten deutschen Ansiedler an der Wolga, 29. Juni 1764 – 29. Juni 1914. Berlin 1923. (Die erste Auflage ist 1915 in Saratov erschienen, sein Buch wurde aber nach dem Erscheinen von der zaristischen Zensur beschlagnahmt und vernichtet.)

[2] Klaus, Alexander: Unsere Kolonien. Sankt Petersburg 1869.

Bauer, Gottlieb: Geschichte der deutschen Ansiedler an der Wolga seit ihrer Einwanderung nach Russland bis zur Einführung der allgemeinen Wehrpflicht (1766 – 1874) nach geschichtlichen Quellen und mündlichen Überlieferungen. Saratov 1908.

[3] Kufeld, Johannes: Die deutschen Kolonien an der Wolga. Herausgegeben vom Historischen Vorschungsverein der Deutschen aus Russland e.V. zum 90jähringen Todestag von Johannes Kufeld. Nürnberg 2000, S. 44.

[4] Almedingen, E.M.: Die Romanows. Die Geschichte einer Dynastie. Russland 1613–1917. München 1991, S. 27 f.

[5] Das Wort „sloboda“ wurde in Russland für die Zeit zwischen dem 12. Jahrhundert bis zur ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts zur Bezeichung einer meist in der Nähe einer befestigten Stadt liegenden einzelnen Ansiedlung oder auch einer Gruppe von solchen, deren Einwohner zeitweise von der staatlichen Abgabepflicht befreit waren, verwendet (hierher kommt auch dessen Bezeichung, die vom Wort „swoboda“ (Freiheit) abgeleitet wurde). Seit dem 16. Jhdt. bezeichnete man mit diesem Begriff auch die Siedlungen für Diensleute oder Postkutscher und staatliche Handwerker, aber auch jene Siedlungen der Ausländer („Ausländische Slobodas“). In der ersten Hälfte des 18. Jhdts. verwandelte man sie in gewöhnliche Dörfer oder Ansiedlungen „städtischen Typs“. Im 19. und 20. Jhdt. wurden manchmal industrielle Dörfer der Vorstadt so genannt. [http://edic.ru/res/art_res/art_53091.html (Bolschoj Änziklopäditscheskij Slowar)]

[6] Zitiert nach: Dietz, Jakob: Istorija powolszchkich nemzew-kolonistow. (Geschichte der wolgadeutschen Kolonisten). Moskau 1997, S. 18.

[7] Zitiert nach: Dietz, S. 32.

[8] Dietz, S. 33.

[9] Plewe, Igor: Njemezkie kolonii na Wolge wo vtoroj polowine XVIII weka (Die deutschen Kolonien an der Wolga in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts). Moskau 1998, S. 53 f. und: Plewe, Igor: Manifest Ejekateriny II ot 22 ijulja 1763 g. (Manifest Jekaterinas II. vom 22. Juli 1763: Versprechungen und Relität) IN: Rossijskie njemzy. Problemy istorii, jažika i sowremennowo položenija. Meždunarodnaja nautschnaja konferenzija. Anapa, 20-25 sentjabrja 1995 g. (Russlanddeutsche. Probleme der Geschichte, Sprache und gegenwärtigen Lage. Internationale Wissenschaftskonferenz. Anapa 20-25 September 1995.), S. 26 f.

Anm.: Wenn im Folgenden nur „Plewe“ angegeben wird, dann bezieht sich das auf das Buch „Njemezkie kolonii na Wolge…“.

[10] Plewe, S. 53 f.

[11] Diese Zahl scheint sicherlich ziemlich unglaubwürdig, aber falls es auch nur ein Zehntel war, drängt sich unweigerlich die nicht zu beantwortende Frage auf, was denn die Quelle dieses Wunsches sein könnte.

[12] Plewe, S. 55.

[13] Zitiert nach: Plewe, Manifest…, S. 27.

[14] Plewe, S. 56.

[15] Katharina II., die Große (auf Russisch: Jekaterina II. Alexejewna) wurde am 2. Mai 1722 in Stettin als Prinzessin Sophie Friederike Auguste als Tochter des preußischen Generals Fürst Christian August von Anhalt-Zerbst geboren. Seit 1745 war sie mit dem russischen Thronfolger Peter III. verheiratet, der kurz nach seiner Krönung 1762 ermordet wurde. Katharina ließ sich daraufhin selbst als Zarin ausrufen. Sie sah sich in der Tradition Peters I. und leitete als Vertreterin des aufgeklärten Absolutismus Reformen ein, die in ihrer Tragweite allerdings bescheiden blieben. Am 17. November 1796 ist sie in Sankt Petersburg gestorben.

[16] Diese wurde durch den „Soldatenkönig“ Friedrich Wilhelm I. („Menschen halte ich für den größten Reichtum“) in Preußen und dessen Sohn Friedrich II. in Schlesien, Brandenburg und Westpreußen und für die Habsburger Monarchie von Maria Theresia und deren Nachfolger Joseph II. (Donauschwaben auf dem Balkan) betrieben.

[17] Zitiert nach: Kufeld, S. 10.

[18] Schippan Michael, Striegnitz Sonja: Wolgadeutsche. Geschichte und Gegenwart. Berlin 1992, S. 19.

[19] So meinte z.B. der Berliner Geistliche Johann Peter Süßmilch, dass ein einheimischer Untertan besser sei als zwei ausländische, da diese im Kriegsfall nicht zu ihrem „Vaterland“ helfen würden. [Schippan, S. 19.]

[20] Zitiert nach: Schippan, S. 17 f.

[21] Dietz, S. 23.

[22] Zitiert nach: Jessen Hans: Katharina II. von Rußland im Spiegel der Zeitgenossen. Düsseldorf 1970, S. 144.

[23] [Zitiert nach: Jessen, S. 144.] Vielleicht sollte sich dieser Zusatz positiv auf ihre Beliebtheit auswirken, welche, da sie in den Verdacht der Usurpation des Throns und des Gattenmordes geraten war, schwer angeschlagen war.

[24] Zitiert nach: Plewe, S. 56 f.

[25] [Zitiert nach: Jessen, S. 144.] Generalprokuror Gljebow wurde mit der Leitung der Ausarbeitung des Manifest beauftragt. [Plewe, S. 58.]

[26] Plewe, S. 57.

[27] Plewe, S. 63.

[28] Plewe, S. 65 und: Schippan, S. 27.

[29] Dass hier die Werbung so offen betrieben werden konnte, ist nicht verwunderlich, wenn man bedenkt, dass sich das Herzogtum schon damals vom Zarenreich abhängig war und diesem auch 1795 einverleibt wurde. [Schippan, S.27.]

[30] Plewe, Manifest…, S. 28.

[31] Zitiert nach: Plewe, S. 58. [Da es in Punkt 1 des Manifests ausdrücklich heißt, dass die Erlaubnis an alle Ausländer erteilt wird, wird das Manifest diesmal auch die Juden nicht ausgenommen haben. Das erscheint zwar zugegebenerweise nicht leicht vorstellbar zu sein, jedoch konnte ich auch auf keine anders lautende Instruktion stoßen.]

[32] Zitiert nach: Terjochin, Sergej: Deutsche Architektur an der Wolga. Hrsg. vom Verein für das Deutschtum im Ausland. Berin, Bonn 1993; S. 10, Sp. 2.

[33] Dietz, S. 40 und: Plewe, S. 115.

[34] Am 19. März 1764 wurden dann auch die Länderein am anderen Flussufer, auf der „Bergseite“, zur Ansiedlung freigegeben. [Dietz, S. 41.]

[35] [Zitiert nach: Plewe, S. 58.] Zur Bezeichung dieser Verwaltungsstelle hat sich der Begriff „Kontor“ eingebürgert, seltener werden die Begriffe „Treukontor“, „Treuekanzlei“ oder gar auch „Vormundschaftkanzlei / -kontor“ bzw. „Tutelkanzlei / - kontor“ verwendet. Die Bezeichung „Vormundschaftskanzlei“ kommt von der Annahme, die Kolonisten seien nicht mündig, weshalb es einer besonderen Aufsicht über sie bedürfe. In dieser Arbeit werden alle Begriffe verwendet.

[36] Plewe, S. 63, S. 230.

[37] Zitiert nach: Dietz, S. 39.

[38] Plewe, S. 63.

[39] Schippan, S. 21

[40] Laut Plewe gab es auch eine Zehnjahresfrist, sie hätte für diejenigen gegolten, die sich in Gebietsstädten und Provinzstädten niederlassen wollten. Im Manifest ist aber von ihr keine Rede. [Plewe, S. 60.]

[41] In Russland bedeutete Militärdienst, dass der Betroffene, der per Losentscheid aus dem Kreis der wehrpflichtigen Männer einer Gemeinde bestimmt wurde, für 25 Jahre zu diesem Dienst verpflichtet war. Die Befreiung der deutschen Siedler vom Militärdienst war also ein besonderes Privileg, das wirkte.

[42] Schippan, S. 21.

[43] Zitiert nach: Kufeld, S. 49.

[44] Schippan, S. 27.

[45] Plewe, Igor: Einwanderung in das Wolgagebiet 1764 – 1767. Band 1: Kolonien Anton – Franzosen. Hrsg. von Alfred Eisfeld. Duderstadt 1999, S. 23.

[46] Kufeld, S. 53.

[47] Zitiert nach: Stumpp, Karl: Ostwanderung. Akten über die Auswanderung der Württemberger nach Rußland 1816-1822. Leipzig 1941, S. 208. (Sammlung Georg Leibbrandt. Quellen zur Erforschung des Deutschtums in Osteuropa. Band 2.)

[48] Schippan, S. 52.

[49] Das ganze Poem befindet sich auf der Internetseite: http://www.russlanddeutschegeschichte.de/deutsch1/poem_platen.htm

[50] Dieses Rechenbeispiel beansprucht nur dann Gültigkeit, wenn der Mann das ganze Jahr hindurch Arbeit fand. Zum Vergleich: 1965 entfielen im bundesdeutschen Durchschnitt auf die Ausgaben für Lebensmittel nur mehr 32% der Gesamtausgaben, auf Brot und Nährmittel sogar nur mehr 4,2%. [Abel, Wilhelm: Massenarmut und Hungerkrisen im vorindustriellen Deutschland. Göttingen 1977, S. 14.]

[51] Decker, Klaus Peter: Büdingen und Feuerbach bei Friedberg als Werbeplätze der Rußlandauswanderung von 1766. IN: Heimatbuch der Deutschen aus Rußland 1982-1984. Hrsg. von der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland e.V., Stuttgart 1984; S. 18, Sp. 2.

[52] Montanari, Massimo: Der Hunger und der Überfluss. Kulturgeschichte der Ernährung in Europa. München 1993; S. 155, S. 174.

[53] [Baten, Jörg: Ernährung und wirtschaftliche Entwicklung in Bayern (1730 – 1880). Beiträge zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte. Band 82. Stuttgart 1999; S. 77, S. 87.] Gras beginnt nämlich erst bei Temperaturen über 8 C° dauerhaft zu wachsen, hingegen hört es damit unter 5 C° auf. Außerdem wirkte sich eine längere Futterperiode mit „Raufutter“ (vorwiegend Stroh) auch auf die Milchproduktion der Kühe und deren Anfälligkeit für Seuchen aus. [Baten, S. 71.]

[54] http://de.wikipedia.org/wiki/Anerbrecht

[55] http://de.wikipedia.org/wiki/Realteilung

[56] Vgl: Abel, Wilhelm: Die Wüstungen des ausgehenden Mittelalters. Stuttgart 1976, S. 7 f.

[57] Zitiert nach: Schippan, S. 221 f.

[58] Der jährliche Auswanderungsstrom aus Deutschland nach Ungarn betrug laut Schippan ca. 10.000–15.000 Menschen. [Schippan, S. 32.]

[59] Kufeld, S. 54.

[60] Kufeld, S. 54 f. und: Plewe, S. 65.

[61] Kufeld, S. 54 f.

[62] Plewe, Einwanderung in das Wolgagebiet 1764 – 1767..., S. 314, S. 316, S. 326.

[63] Plewe, S. 66; Kufeld, S. 91; Schippan, S. 43 f., S. 47.

[64] Zitiert nach: Dittmar Dahlmann: Die Deutschen an der Wolga von der Ansiedlung 1764 bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges. IN: Deutsche in Russland. Hrsg. von Hans Rothe. Köln, Weimar, Wien, Böhlau 1996. (Studien zum Deutschtum im Osten. Band 27. Hrsg. von der „Kommission für das Studium der deutschen Geschichte und Kultur im Osten“ an der Rheinischen Friedrich-Wilhelm- Universität Bonn.), S. 3.

[65] Schippan, S. 27 f.

[66] Plewe, S. 66.

[67] Kufeld, S. 56.

[68] Zitiert nach: Decker, S. 18, Sp. 2.

[69] Beim Lesen dieses Auszuges sollt man aber auch bedenken, dass sich Züge als „ehrbarer Handwerksgeselle“ berechtigt fühlte, mit einer gewissen Arroganz bzw. mit Standesdünkel auf seine Reisegenossen herabzublicken. [Zitiert nach: Züge, Christian Gottlob: Der russische Colonist oder Christian Gottlob Züge´s Leben in Rußland. Nebst einer Schilderung der Sitten und Gebräuche der Russen, vornehmlich in den asiatischen Provinzen. Hrsg. von Gert Robel und Wolfgang Griep. Bremen 1988, S. 25 f. (Nachdruck der Originalausgabe; Zeitz, Naumburg, Webel 1802.)]

[70] Züge, S. 56 f.

[71] Kufeld, S. 85.

[72] Kufeld, S. 81.

[73] Das Werk von Prof. Falk hat einen sehr langen Titel, der folgendermaßen beginnt: „Herrn Peter Falk, Professor der Kräuterkunde beim Garten des Russisch-Kaiserlichen Kollegiums,…“ (St. Petersburg 1785) [Zitiert nach: Kufeld, S. 83 f.]

Der am 22. September 1741 in Berlin geborene und auch dort am 8. September 1811 verstorbene Arzt und Forschungsreisende Peter Simon Pallas war einer der bedeutendsten universellen Naturwissenschaftler seiner Zeit. Nachdem er in Berlin eine Professur für Naturgeschichte ausgeübt hatte, kam er auf persönlichen Wunsch von Zarin Katharina II. 1767 nach St. Petersburg. Hier wurde er zum Adjunkten der Russischen Akademie der Wissenschaften ernannt und mit einer fünfjährigen Forschungsreise durch Südrussland beauftragt. Seine Eindrücke und Erkenntnisse über das Wolga- und Schwarzmeergebiet, den Kaukasus und Transkaukasien legte er in verschiedenen wissenschaftlichen Schriften nieder.

[74] Zitiert nach: Kufeld, S. 88.

[75] Zitiert nach: Woltner, Margarete: Das wolgadeutsche Bildungswesen und die russische Schulpolitik. Teil 1. Von der Begründung der Wolgakolonien bis zur Einführung des gesetzlichen Schulzwangs. Leipzig 1937. (Veröffentlichungen des Slavischen Instituts an der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin. Band 17.), S. 76.

(aus: Peppler, Friedrich: Schilderung meiner Gefangenschaft in Rußland vom Jahre 1812–1814. Worms 1832, S. 111)

[76] Kufeld, S.91 f.

[77] Schippan, S. 42.

[78] Schippan, S. 35.

[79] Kufeld, S. 92.

[80] Schippan, S. 35.

[81] Plewe, S. 67.

[82] Dietz, S. 42.

[83] [Zitiert nach: Dietz, S. 43.] Anm.: Da die ausländischen diplomatischen Vertreter und Agenten beim Reichstag in Regensburg akkreditiert sein mussten und Iwan Smolin in Regensburg auch seinen Sitz hatte, liefen bei ihm die Fäden der russischen Vertreter in Deutschland zusammen. [Schippan, S. 29.]

[84] Zitiert nach: Dietz, S. 42 und: Plewe, S. 67.

[85] Zitiert nach: Dietz, S. 42.

[86] Kufeld, S. 51.

[87] Plewe, S. 68.

[88] Schippan, S. 31, S. 47.

[89] Zitiert nach: Plewe, S. 68.

[90] Zitiert nach: Schippan, S. 30.

[91] Plewe, S. 69 und: Dietz, S. 43.

[92] Zitiert nach: Dietz, S. 44.

[93] Dietz, S. 45.

[94] Plewe, S. 82.

[95] Dietz, S. 48, Plewe, S. 71;

[96] Dietz, S. 45.

[97] Dietz, S. 45 f. und: Plewe, S. 80 f.

[98] Plewe, S. 77; Dietz, S. 44, S. 49.

[99] Plewe, S. 81.

[100] Kufeld, S. 60 f.

[101] Kufeld, S. 65.

[102] Decker, S. 19, Sp. 1.

[103] Schippan, S. 33.

[104] Dietz, S. 53 f.

[105] Anm.: Da es sich hier um eine Übersetzung aus dem Russischen handelt, ist es möglich, dass der Wortlaut des Titels im Original nicht hundertprozentig mit der Übersetzung übereinstimmt.

[106] Plewe, S. 83 f.

[107] Schippan, S. 35.

[108] Zitiert nach: Kufeld, S. 82.

[109] Kufeld, S. 51.

[110] Zitiert nach: Plewe, S. 82.

[111] Kufeld, S. 83.

[112] Plewe, S. 82 f.

[113] Plewe, S. 69 f. und: Schippan, S. 34.

[114] Dietz, S. 50

[115] Zitiert nach: Dietz, S. 51.

[116] [Zitiert nach: Kufeld, S. 63.] Dieses Dokument befindet sich vielleicht auch heute noch in Privatbesitz und trägt den Titel: „Beschreibung derjenigen Vorzüge und großen Vorteile, welche bey der im Russischen Reiche auf Schweizerischen Fuß neu errichteten und vor allen anderen besonders privilegieren Colonie Catharinenlehn, zu finden und zu geniessen seyn“

[117] Zitiert nach: Schippan, S.42.

[118] Zitiert nach: Schippan, S. 28.

[119] [Zitiert nach: Schippan, S. 50.] Und hiermit sollten die Auswanderer auch Recht behalten, jedoch mit dem feinen Unterschied, dass es sich nicht – wie wir noch später sehen werden – um die Tataren handeln sollte, sondern um die Räuberbanden Pugatschjows und danach um die Kirgisen und Kajsaken.

[120] Schippan, S. 196.

[121] [Zitiert nach: Züge, S. 19.] Das Volk der Tschukschen ist im äußersten Nordosten Sibiriens beheimatet. Falls hier Züges Erinnerung nicht trügt, so zeigt diese Stelle sehr deutlich, in welchem Maße so mancher Werber auf die allgemeine Unkenntnis, man möchte fast sagen Naivität, seines Publikums gesetzt haben dürfte.

[122] Zitiert nach: Schippan, S. 39.

[123] Schippan, S. 41.

[124] Plewe, S. 85 f.

[125] Schippan, S. 39.

Ende der Leseprobe aus 172 Seiten

Details

Titel
Die Wolgadeutschen von der Einwanderung bis zur Aufhebung des Kolonistenkontors
Hochschule
Universität Salzburg  (Institut für Geschichte)
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
172
Katalognummer
V54805
ISBN (eBook)
9783638499200
ISBN (Buch)
9783638709125
Dateigröße
4822 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Ich möchte noch anmerken, dass für die Arbeit viele russischsprachigen Quellen verwendet wurden.
Schlagworte
Wolgadeutschen, Einwanderung, Aufhebung, Kolonistenkontors
Arbeit zitieren
Mag. Philipp Keim (Autor), 2006, Die Wolgadeutschen von der Einwanderung bis zur Aufhebung des Kolonistenkontors, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/54805

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