Der literaturtheoretische Ansatz Wilhelm Scherers


Seminararbeit, 2006

21 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. „Geschichte der deutschen Literatur“

3. Die methodologische Programmatik

4. „Poetik“

5. Rezension und Kritik

6. Schluss

7. Literaturverzeichnis

1.Einleitung

Der 1841 in Österreich geborene Wilhelm Scherer gilt als einflussreicher Positivist und Literaturhistoriker. Unzufrieden mit seinem Studium in Wien, wechselte et 1860 nach Berlin über.

In der Auseinandersetzung mit Scherer wird vor allem ein Aspekt deutlich, der nicht immer zureichend in der Sekundärliteratur akzentuiert wird, nämlich der, dass es bei Scherer nicht einfach eine programmatische Linie gibt. Zwar finden wir bestimmte Leitprinzipien, wie das Kausalitäts- und Determinismusprinzip, jedoch diese im Verlaufe seines Lebens in unterschiedlicher Ausprägung. So ist sein Drang, alle äußeren Einflussfaktoren herauszustellen, die dann die Dichterpersönlichkeit bilden, besonders in seinen frühen Schriften (Aufsatz über Grillparzer) ausgeprägt. Grundsätzlich wird mit der Zeit ein Zurücktreten von Biographismus und mechanischer Ursachenforschung deutlich und auch der Wert psychologischer Erkenntnisse wird miteinbezogen.

In Rahmen dieser Arbeit möchte ich zunächst zwei zentrale Werke Scherers behandeln, anhand der gewonnenen Erkenntnisse im Anschluss die Hauptpunkte seiner Programmatik erläutern und schließlich auf Kritik und die seinem Denken folgende „Scherer-Schule“ eingehen.

2.Geschichte der deutschen Literatur

Die Hinwendung Scherers zur Geschichtsschreibung begann im Jahre 1866 mit einer Veröffentlichung zum „Leben Willirams“ und mündete nach Arbeiten zur deutschen Literatur des Mittelalters und der Reformationszeit in das Werk, das sein einflussreichstes werden sollte, in die „Geschichte der deutschen Literatur“(1883).

Um ein Werk und dessen Intention verstehen zu können, ist es von Vorteil, etwas über den Hintergrund seines Entstehens zu erfahren. Der Vorschlag für die Literaturgeschichte kam von seinem väterlichen Freund und Mentor Karl Müllenhoff und verfolgte vorrangig die Ziele „die populäre Literaturgeschichte Vilmars zu verdrängen“[1] und der Nation ihre Entwicklung kurz und übersichtlich darzulegen[2]. Dass es sich also um ein „popularisierendes Unternehmen“[3] handelte, war allen Beteiligten klar und beispielsweise damit einhergehende Vereinfachungen waren auch Gegenstand zum Teil scharfer Kritik, worauf ich jedoch genauer erst unter Punkt 5 eingehen werde. Aber auch die zu dem Zeitpunkt dominierende Literaturgeschichte von Vilmar wird angesprochen, die Scherer heftig kritisiert, vor allem, weil sie von starkem Patriotismus gekennzeichnet sei und es in der überhöhten Darstellung der literarischen Vormachtstellung der Deutschen zu Verzerrungen der eigentlichen Fakten käme.

Für Aufruhr hat besonders ein Gedanke gesorgt, mit dem bereits das zweite Kapitel eingeleitet wird: „Man pflegt zwei Blüteperioden unserer Literatur anzunehmen. Ich glaube, daß es drei gegeben hat.“[4] Dieser Aspekt erweist sich für Scherer als zentral, denn „der große Umriß unserer Literaturgeschichte bekommt eine außerordentliche Klarheit, wenn man sich gegenwärtig hält, daß sie drei Höhepunkte erklommen hat, welche ungefähr je sechshundert Jahre von einander abstehen.“[5] Im weiteren Verlauf wird skizziert, wodurch sich die jeweiligen Blüteepochen auszeichnen. Die erste setzt Scherer um das Jahr 600 an. Zu dieser Zeit erlebte das germanische Nationalepos seine Blüte. Jedoch zieht Scherer als einzige erhaltene Quelle den „Beowulf“ heran, der im Nachhinein auf das Jahr 800 datiert wurde.

Die Stoffe der Heldensage werden dann um 1200 wieder literarisch aufgenommen und „zugleich […] wirken Epiker und Lyriker vom ersten Range, Wolfram von Eschenbach, Gottfried von Straßburg, Walther von der Vogelweide“[6].

Ganz klar als dominierend zeigt sich in der bisher letzten Blüteperiode um 1800 der von Scherer sehr verehrte Goethe und auch Schiller ist von zentraler Bedeutung. Markant zieht sich das Moment des Wideraufgreifens der Heldenlieder durch die Periodisierung hindurch, d.h., Scherer wertet dies als Charakteristikum für eine Blüteepoche. Ein weiteres bildet der starke, wenn auch hintergründige, Einfluss der Frauen zu diesen Zeiten:

Die Frauen selbst bilden ihr besonderes Wesen mit Sorgfalt aus. […] sie weben das feine, unzerreißbare Netz, worin sich die Kraft wohl fangen läßt. Sie treten nicht an die Öffentlichkeit, um ins Allgemeine zu wirke; aber sie wirken auf den Mann und durch ihn auf die Welt. […]In ihrem Dienste wendet sich die Poesie vorzugsweise dem Seelenleben zu und leistet in Epos, Roman, Lyrik das Beste.[7]

Ganz deutlich betont er dies in seinem Aufsatz „Die Epochen der deutschen Litteraturgeschichte“: „Die zweite und dritte Blüteperiode unserer Litteratur haben miteinander gemein, daß sie Hand in Hand mit der geselligen Herrschaft der Frauen gehen.“[8] Und diesen Zusammenhang versucht er dann auch für die erste Blüteperiode nachzuweisen.

Den Hochzeiten der deutschen Literatur entsprechend, muss es auch Verfallsperioden geben, deren Scherer zwei und zwar im 10. und im 16. Jahrhundert datiert In denen

Ist unsere dichterische Bildung am geringsten; die Poesie verschwindet von der Tagesordnung, sie ist keine allgemeine Angelegenheit des Volkes, sie wird zu einem Agitationsmittel, zu einem Werkzeuge praktischer Tendenzen oder zu einem Mittel rohester Unterhaltung.[9]

Und auch hier finden wir wieder ein Merkmal, das Scherer bei allen Verfallsperioden konstatiert: „Beide Epochen waren mit dem religiösen Dogma beschäftigt“[10]. An den Anfängen der modernen Literatur beispielsweise, als alle Dichtungsarten „reiches Leben, reichen Gehalt, reiche Form“[11] gewinnen, ist es nur die geistliche Poesie, die davon ausgeschlossen ist „und die Kirche verliert ihre Macht über die Gemüter“[12].

Den Antagonismus von Religion und Literatur, den Scherer annimmt, verdeutlicht er noch einmal in seinem Aufsatz „Litteratur und Kirche“, indem es heißt:

Aber es ist willkommen, die alte Kenntnis wieder einmal bestätigt zu finden, daß das Herrlichste, was dem deutschen Geiste geglückt, im bewußten Gegensatze gegen die Kirche sich emporgerungen hat. Moderne Poesie und Wissenschaft, das ist der eigentliche Antichrist.[13]

Scherers Schema zu Folge fällt seine eigene Zeit in eine Periode des literarischen Abschwungs, was ein Grund dafür sein könnte, dass er diese auch weitgehend aus seinem Schaffen ausklammert. Die „Geschichte der deutschen Litteratur“ endet ursprünglich auch mit den Betrachtungen zu Goethe, also mit der vorläufig letzten Blüteperiode.

Zur bildlichen Veranschaulichung spricht Scherer von so genannten ‚Wellenbergen’ und ‚Wellentälern’, weswegen man das beschriebene Schema oft unter dem Begriff der ‚Wellentheorie’ finden kann.

Eine weitere Einteilung erfolgt dann noch in männliche und weibliche Epochen.

[...]


[1] Fohrmann, Jürgen: Das Projekt der deutschen Literaturgeschichte. Entstehung und Scheitern einer nationalen Poesiegeschichtsschreibung zwischen Humanismus und Deutschem Kaiserreich. Stuttgart: Metzler 1989, S.220. Im Folgenden belege ich Zitate aus diesem Werk mit nachstehender Sigle: Fohrmann, S.X.

[2] Fohrmann, S.221.

3 Ebenda.

[4] Scherer, Wilhelm: Geschichte der deutschen Litteratur. 5. Auflage. Berlin: Weidmann 1889, S.13. Im

Folgenden belege ich Zitate aus diesem Werk mit nachstehender Sigle: Literaturgeschichte, S.X.

[5] Ebenda.

[6] Ebenda.

[7] Literaturgeschichte, S.16.

[8] Scherer, Wilhelm: Kleine Schriften. Hrsg. v. Konrad Burdach und Erich Schmidt. Erster Band. Berlin: Weidmann 1893, S.674. Im Folgenden belege ich Zitate aus diesem Werk mit nachstehender Sigle: Kleine Schriften I, S.X.

[9] Literaturgeschichte, S.14.

[10] Salm, Peter: Drei Richtungen der Literaturwissenschaft. Scherer – Walzel -Staiger. Aus dem Englischen übertragen von Marlene Lohner. Tübingen: Niemeyer 1970, S.14. Im Folgenden belege ich Zitate aus diesem Werk mit nachstehender Sigle: Salm,S.X.

[11] Literaturgeschichte, S.255.

[12] Ebenda.

[13] Kleine Schriften I, S.667.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Der literaturtheoretische Ansatz Wilhelm Scherers
Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen  (Germanistisches Institut)
Veranstaltung
Proseminar: Literaturtheorie und Methoden der Literaturanalyse
Note
2,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
21
Katalognummer
V54819
ISBN (eBook)
9783638499323
Dateigröße
384 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ansatz, Wilhelm, Scherers, Proseminar, Literaturtheorie, Methoden, Literaturanalyse
Arbeit zitieren
Janine Kapol (Autor:in), 2006, Der literaturtheoretische Ansatz Wilhelm Scherers, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/54819

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