Beatus Ille: Das "Was" der erzählten Anthropologie

Geschichte als Gegenstand der Erzählung: Spanien zwischen Bürgerkrieg und Franquismus


Hausarbeit, 2002

18 Seiten, Note: gut


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Geschichtlicher Überblick: Spanien 1931-1975

3. Der Autor

4. Darstellung von Geschichte in Beatus Ille
4.1 Repräsentanten des traditionalistischen Lagers
4.2 Repräsentanten des republikanischen Lagers
4.3 Interpretation der Darstellung der Charaktere
4.4 Die verschiedenen zeitlichen Ebenen - Wiederholung und Symmetrie
4.5 Verknüpfung von Gegenwart und Vergangenheit

5. La "memoria" - Fiktion und Realität

6. Funktion von Geschichte in Beatus Ille

7. Fazit

8. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Antonio Muñoz Molina gehört zu der Autorengeneration, die in der Franco-Ära großgeworden ist. Er wurde 1956 als Sohn eines Gemüsehändlers in der andalusischen Stadt Ubeda geboren, 20 Jahre nach dem Beginn des Spanischen Bürgerkriegs. Sein Roman Beatus Ille erschien 1986, zeitgleich mit dem 50jährigen Jahrestag des Kriegsbeginns.

Sicherlich könnte man den Roman Beatus Ille auch als einen Liebesroman, Kriminalroman oder philosophisch-metaliterarischen Roman bezeichnen.[1] Doch der geschichtliche Bezug zum Bürgerkrieg und zur Franco-Ära ist ständig präsent und bildet einen festen Rahmen um die Handlungen der Charaktere.

Nicht nur der Protagonist Minaya taucht in die Vergangenheit ein, auch der Leser vollzieht diesen Schritt und begibt sich in eine real existente Vergangenheit: in die nicht allzu ferne Vergangenheit Spaniens. Zusammen mit den Charakteren des Romans wird eine lange verdrängte Epoche der Geschichte aufgearbeitet. Die historischen Daten und Ereignisse entsprechen der Wirklichkeit.

Welche Funktion hat die Darstellung dieser Geschichtsepoche in einem zeitgenössischen spanischen Roman? Wie wird sie dargestellt? Basiert der Roman auf realen geschichtlichen Gegebenheiten oder handelt es sich allein um Imagination, Fiktion und Phantasie ? Welche Absichten hatte der Autor bei der Wahl dieses Themas?

Diesen Fragen wird u.a. in der vorliegenden Seminararbeit nachgegangen. Ich werde vorrangig textimmanent arbeiten und mich vor allem mit der Darstellung der Jahre 1936-1939 beschäftigen, um den Umfang der Arbeit einzugrenzen.

Zum besseren Verständnis der Zusammenhänge werde ich zunächst die historischen Ereignisse in Spanien in dieser Zeit umreißen. Dieser geschichtliche Überblick hat keinen Anspruch auf Vollständigkeit - es geht mir vor allem darum, den Roman, seine Entstehung und den Autoren in die Geschichte einzuordnen.

2. Geschichtlicher Überblick: Spanien 1931-1975

1931 hatte König Alfonso XIII nach einem Wahlsieg der Republikaner das Land verlassen und die 2. Spanische Republik wurde ausgerufen. Doch die Bevölkerung im Land war politisch unversöhnlich zerstritten und in verschiedene Lager gespalten: Auf der einen Seite standen die 'Traditionalisten' (nacionalistas) und auf der anderen die 'Progressisten' (republicanos). Im Lager der Traditionalisten fanden sich Monarchisten, der Adel, die Kirche und die Großgrundbesitzer, das katholische Bürgertum und das Offizierskorps. Starke Unterstützung erhielten die Antirepublikaner in den 30er Jahren von der Falange, einer klassischen faschistischen Bewegung, die die ideologischen Ideen Mussolinis und Hitlers übernahm. Auf der Seite der Progressisten vereinigten sich Liberale, Sozialisten, Anarchisten und Kommunisten gegen die gemeinsamen Feinde. Ihnen schlossen sich breite Schichten des Mittelstandes und viele Intellektuelle an.

Von 1933 bis 1936 war eine konservative Regierung an der Macht bis 1936 die Wahlen in Spanien von der Frente Polular (eine Koalition linker Parteien) gewonnen wurden, woraufhin sich einen Monat später, am 18. Juli, das Militär unter dem Kommando einiger Generäle gegen die republikanische Regierung erhob.

In dem nun beginnenden Spanischen Bürgerkrieg spaltete sich das Land nicht nur politisch sondern auch geographisch, und die beiden Lager stürzten sich mit rücksichtslosen Fanatismus aufeinander. Der Terror in den republikanischen bzw. faschistischen Zonen hatte sehr ähnliche Formen. In den frankistischen Zonen wurde systematisch jede Form von Widerstand durch Terror gebrochen, und bei den unzähligen Hinrichtungen kamen auch viele bekannte Persönlichkeiten um. Die Republikaner wüteten am heftigsten gegen die katholische Kirche, die als "Feind" des Fortschritts, der Reform und der sozialen Gerechtigkeit angesehen wurde. Aus diesem Grund unterstützte die Kirche die Truppen Francos.[2]

Am 1. April 1939 mussten sich die republikanischen Truppen geschlagen geben und unter General Franco entstand eine fast 40 Jahre andauernde Diktatur unter dem Schutz der Kirche. Unter einer harten Zensur, die nichts duldete, was den Parolen des Systems widersprach, brach vor allem für Künstler eine harte Zeit an. Unfreiheit, Repression und Intoleranz knebelten die Bevölkerung und verdammten sie zur Passivität.[3]

Mit dem Tod Francos 1975 begann für viele Spanier eine neue, hoffnungsvolle Epoche. Doch die Diktatur hat tiefe Wunden hinterlassen, und nur langsam kann die Vergangenheit aufgearbeitet werden.

3. Der Autor

Romane wie Beatus Ille sind sicherlich ein Teil dieser Vergangenheitsbewältigung. Antonio Muñoz Molina war 19 Jahre alt, als der Diktator starb. Da er 20 Jahre nach Beginn des Bürgerkrieges geboren wurde, blickt er aus der zeitlichen Distanz auf die Ereignisse. So ist er in der Lage, kritisch mit einer teilweise verklärten Geschichtswahrnehmung umzugehen. Auf diesen Aspekt komme ich am Ende dieser Arbeit im Zusammenhang mit der Funktion von Geschichte noch einmal zurück und werde ihn genauer erklären.

Im Zusammenhang mit Antonio Muñoz Molina fällt oft der Begriff "memoria" - das Gedächtnis, die Erinnerung. In den meisten seiner Werke setzt er sich mit der Geschichte Spaniens seit Beginn des 20. Jahrhunderts auseinander, vor allem aber mit dem Bürgerkrieg und den Folgejahren.[4] Damit stellt er sich dem individuellen und kollektiven Vergessen und Verdrängen entgegen[5] und bietet so eine Möglichkeit die Vergangenheit aufzuarbeiten. Auf diese Weise bringt er auch eine Reflektion über möglichen Konsequenzen dieser Geschichtsepoche auf die Gegenwart ins Spiel und leistet als einer der wichtigsten zeitgenössischen Autoren Spaniens einen Beitrag zur Entwicklung des Geschichtsbewusstseins in Spanien.[6] Auch auf die Bedeutung der "memoria" werde ich später noch einmal zurückkommen.

Zunächst werde ich die Darstellung von Geschichte in Beatus Ille anhand der erzählten Anthropologie beschreiben und interpretieren.

4. Darstellung von Geschichte in Beatus Ille

Minaya, der im Zuge der studentischen Aufstände gegen das Regime in den sechziger Jahren aktiv war, flieht, nachdem er einige Tage inhaftiert war, 1969 aus Madrid. Er kehrt in sein andalusische Heimatdorf Mágina zurück, wo er in dem Haus seines Onkels Manuel Unterschlupf findet. Unter dem Vorwand, eine Doktorarbeit über dessen verstorbenen Freund und republikanischen Dichter Jacinto Solana schreiben zu wollen, bleibt er drei Monate dort und versucht das Leben Solanas und die Ereignisse in den Bürgerkriegsjahren und den ersten Jahren des Francoregimes zu rekonstruieren.

Seine Reise nach Mágina gleicht einer Reise in die Vergangenheit, denn in dem Haus seines Onkels scheint die Zeit stehen geblieben zu sein: Die Personen, die dort wohnen, repräsentieren die verschiedenen politischen und sozialen Positionen der Vergangenheit.[7] Die bereits verstorbenen (Mariana, Beatriz, Justo Solana, Orlando) und der tot geglaubte Jacinto Solana leben in den Erinnerungen wieder auf und scheinen ständig präsent zu sein durch die vielen Fotos, Bilder und Orte im Haus, die an sie erinnern.

Über die Charaktere in Beatus Ille, ihre Erinnerungen und ihre Geschichtswahrnehmung erschließt sich die Geschichte Spaniens in den Bürgerkriegsjahren. Bei näherer Betrachtung erscheint die Anlegung der Figuren fast klischeeartig, wobei im Laufe des Romans auch manches Klischee zerbricht, wie vor allem der Zerfall des Heldenbildes, das sich Minaya von Jacinto Solana gemacht hatte, zeigt.

4.1 Repräsentanten des traditionalistischen Lagers

An der Person Doña Elvira lässt sich besonders gut aufzeigen, wie der Autor das Klischee zur Anlegung seiner Figuren nutzt. Als Witwe eines Großgrundbesitzers steht Doña Elvira auf der Seite der Traditionalisten. Ihre Haltung ist vor allem anti republikanisch, was sie deutlich durch ihre Verbitterung über die politische Einstellung ihres Sohnes zeigt: "Se fue [Manuel] voluntario a ese ejército de hambrientos que nos habían quitado la mitdad de nuestra tierra para repartírsela (...)"[8], äußert sie im Gespräch mit Minaya.

[...]


[1] Scheerer, Thomas M. Antonio Muñoz Molina. In: Alfonso de Toro/Dieter Ingenschay (Hgg.). La novela español actual. Autores y tendencias. Kassel 1995. S.236.

[2] Jaenicke, H. Es lebe der Tod. Die Tragödie des spanischen Bürgerkrieges. Hamburg 1980.

[3] Saura, Carlos. Der Tod eines Raubtiers. Frankfurter Allgemeine 23.11.2000.

[4] Scheerer, S.232.

[5] Klier, Carola. Die "Krankheit des Vergessens" im spanischen Gegenwartsroman, Köln 1995.

[6] Scheerer S.232.

[7] Scheerer, S.238.

[8] Muñoz Molina, Antonio. Beatus Ille. Barcelona 2000. S. 81. Im folgenden wird der Roman in der Literaturangabe mit "BI" angegeben.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Beatus Ille: Das "Was" der erzählten Anthropologie
Untertitel
Geschichte als Gegenstand der Erzählung: Spanien zwischen Bürgerkrieg und Franquismus
Hochschule
Universität zu Köln  (Romanistisches Seminar)
Veranstaltung
Erzähltheorie und Kulturwissenschaft:Javier Marías und Antonio Muñoz Molina
Note
gut
Autor
Jahr
2002
Seiten
18
Katalognummer
V54827
ISBN (eBook)
9783638499385
ISBN (Buch)
9783638860765
Dateigröße
565 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Beatus, Ille, Anthropologie, Erzähltheorie, Kulturwissenschaft, Javier, Marías, Antonio, Muñoz, Molina
Arbeit zitieren
Dorothee Ahlrichs (Autor), 2002, Beatus Ille: Das "Was" der erzählten Anthropologie , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/54827

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