Siamesische Zwillinge. Eine Debatte über die Trennung


Hausarbeit, 2006
16 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Medizinische Aspekte
2.1 Entstehung von Zwillingen
2.2 Siamesische Zwillinge - Ausprägungsformen
2.3 Siamesische Zwillinge – Operationsmöglichkeiten

3 Erfolgsaussichten eines chirurgischen Eingriffs
3.1 Trennung der Betroffenen im adulten Zustand
3.2 Gründe für eine Trennung
3.3 Entscheidung gegen eine Trennung

4 Das Lebensumfeld

5 Der Religiöse Hintergrund

6 Juristische Aspekte

7 Abschluss
7.1 Resümee
7.2 Fazit

8 Quellenangaben

1 Einleitung

Siamesische Zwillinge sind ein besonderes Naturphänomen. Sie kommen äußerst selten vor. Jahrelang waren sie die Attraktion auf Jahrmärkten, wurden im Mittelalter als Teufelswerk angesehen (vgl. Sulzer 1990, S. 159), bei den Inkas wurden sie andererseits als Gottheiten verehrt.

Aus welcher Perspektive siamesische Zwillinge auch gesehen werden, sei es die wohlwollende oder die verachtende Variante: sie bleiben Heute wie Gestern aus der Norm fallende Menschen. Gerade deswegen fristen sie oftmals ein Randdasein innerhalb der Gesellschaft, denn selbst im 21. Jahrhundert beschäftigen wir uns vordergründig mit den schönen und mächtigen Menschen. Selten finden sich andersartige oder gar hässliche im Rampenlicht. In Zeiten von Schönheitsoperationen, MakeUp und perfekten Styles ist nahezu alles machbar geworden. Wer nicht attraktiv ist, ist praktisch selbst schuld.

Für die Medizin sind Ausnahmeerscheinungen eine willkommene Forschungsmöglichkeit. Der NS-Arzt Mengele hat in Auschwitz für seine Versuche zwar gesunde Zwillinge missbraucht, diese teilweise jedoch miteinander vernäht, um siamesische Zwillinge zu erhalten. Für den persönlichen Ruhm ist er im wahrsten Sinne des Wortes schließlich über Leichen gegangen (vgl. Bethge 2001, S. 243f.). Auch heute noch bleibt fraglich, wie effektiv tatsächlich ein medizinischer Eingriff an siamesischen Zwillingen ist (vgl. Sulzer 1990, S. 175).

Wozu also eine Hausarbeit über siamesische Zwillinge?

Ziel dieser Arbeit ist nicht nur die Annäherung an ein besonderes Phänomen, sondern zugleich und insbesondere die Auseinandersetzung mit einem grundlegenden Problem: im Zusammenhang mit der Trennung dieser Zwillingspaare wird sehr deutlich, wie unsere Gesellschaft oder unsere heutige Zeit funktioniert. Wie viel Entscheidungsfreiheit hat der Mensch überhaupt?

Wie wichtig ist die Individualität tatsächlich in Zeiten, wo doch die persönliche Autonomie groß geschrieben wird? Soll das Individuelle bewahrt bleiben? Kann nicht auch das Besondere, das Andersartige schön sein?

Oder zählt in einer Kapitalgesellschaft am Ende nur das Leistungsprinzip und die Verwertbarkeit jedes Einzelnen?

Siamesische Zwillinge bieten eine riesige Plattform für vielerlei Überlegungen rund um den Sinn des Lebens an. Wie in keinem anderen Fallbeispiel offenbaren sie anscheinend eine enorme Diskrepanz zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Daher werde ich mich mit folgender Fragestellung beschäftigen: inwieweit ist eine operative Trennung vertretbar – aus ethischer, juristischer und medizinischer Sicht?

2 Medizinische Aspekte

2.1 Entstehung von Zwillingen

Zweieiige Zwillinge reifen als zwei Eizellen im Mutterleib heran. Werden beide von je einem Sperma befruchtet, entstehen zweieiige Zwillinge. Dies ist die häufigste Form unter Zwillingen (vgl. Schiebler 1999, S. 130). Sie ähneln sich aufgrunddessen nicht stärker als andere Geschwister, sind allerdings nahezu gleich alt. Sie können unterschiedlichen Geschlechts sein (vgl. Joppich 2002).

Eineiige (monozygote) Zwillinge wiederum enstehen aus einer Eizelle und einem Sperma (vgl. Sulzer 1990, S.13). Die befruchtete Eizelle teilt sich, wobei sie sich in zwei voll entwicklungsfähige Embryonalanlagen teilt, woraus zwei identische Kinder entstehen. Diese haben das gleiche genetische Material. Man unterscheidet je nach Stadium dieser Teilung (vgl. Schiebler 1999, S.102f.).

Siamesische Zwillinge trennen sich nicht ganz, d.h. es kommt zu einer unvollständigen Durchschnürung des Embryoblasten im späten Entwicklungsstadium der Blastozyste nach dem 13. Tag nach der Befruchtung. Sie bleiben somit miteinander verbunden, teilweise lediglich mit äußeren Geweben, teilweise mit ganzen Organen (vgl. Pschyrembel 2002, S. 380). Folglich handelt es sich um eine Fehlentwicklung (vgl. Duden 1984, S. 3473). Sie sind sehr selten und kommen etwa einmal bei 100 000 Geburten vor. Dies liegt auch daran, dass ca. 30 von 100 siamesischen Zwillingen vor der Geburt bereits abgestossen werden, da sie nicht überlebensfähig wären aufgrund starker Fehlentwicklungen. Sofern es zur Geburt kommt, wird in der Regel ein Kaiserschnitt durchgeführt, um eventuellen gesundheitlichen Risiken der Mutter entgegenzuwirken. Ein weiteres Drittel ist nach der Geburt nicht überlebensfähig. Dies führt zu einer Wahrscheinlichkeit von insgesamt 1 lebensfähigen siamesischen Zwillingspaar auf 1 Million Geburten (vgl. Joppich 2002).

2.2 Siamesische Zwillinge - Ausprägungsformen

Bei siamesischen Zwillingen wird zwischen Art und Ausmaß der Verwachsung unterschieden (vgl. Schiebler 1999, S. 130f.):

- Thorakopagus ist eine Verwachsung am Brustbereich. Dies ist bei etwa 70 % der siamesischen Zwillinge der Fall.
- Als Omphalopagus wird eine Verwachsung am Bauchbereich bezeichnet. Bekanntes Beispiel sind die Brüder Bunker aus Siam, die namengebend waren (s.u.).
- Beim Pygopagus handelt es sich um eine Verwachsung am Steißbein.
- Craniopagus ist eine Verwachsung am Kopf. Craniopaguspaare sind äußerst selten. Schätzungsweise in einem Verhältnis von 1:2 000 000 Geburten (ca. 2 % der Fälle) tritt diese Missbildung auf (vgl. Pschyrembel 2002, S. 380). Vor nicht allzu langer Zeit hat der STERN über solch einen Fall in Deutschland, nämlich die Schwestern Lea und Tabea, berichtet. In der Regel handelt es sich um so schwerwiegende atypische Deformationen, dass es im vorgeburtlichem Stadium zum Abortus kommt, da es nicht überlebensfähig wäre.
- Außerdem sind Sonderformen bekannt wie Dizephalie, d.h. einzelne Körperteile sind mehrfach vorhanden (vgl. Sulzer 1990, S. 175) – in diesem Fall beispielsweise zwei Köpfe wie bei den Schwestern Hensel aus den USA, die sich trotz dieses Handicaps erfolgreich in ihrem Umfeld integrieren konnten.

2.3 Siamesische Zwillinge – Operationsmöglichkeiten

Sofern eine operative Trennung kurze Zeit nach der Geburt möglich ist, liegt die Überlebenswahrscheinlichkeit der Zwillinge bei 50 %. Bereits ab einem Monat nach der Geburt minimiert sich die Lebenschance bei Trennung auf 10 %. Hinzu kommt allerdings auch der Schweregrad der Missbildung. Denn nicht immer erfolgte die Teilung der Blastozyste symmetrisch, so dass es zu so genannten parasitären Formen kommen kann (vgl. Pschyrembel 2002, S. 160), d.h. das weiter entwickelte Kind (Autosit) trägt das weniger entwickelte Kind (Parasit) am oder im Körper. Manchmal ist letzteres nur ein tumorähnlicher Zellhaufen („Steinkind“) (vgl. ebd. S. 1258f.).

Voraussetzung für eine Trennung ist, dass beide Kinder die lebensnotwendigen Organe besitzen und nicht zu kompliziert miteinander verwachsen sind (etwa über Blutgefäße oder das Gehirn).

Ein Trennungsversuch wird erzwungen durch eine Not-OP, sofern mindestens eines der beiden Kinder zu sterben droht. Damit wird der Versuch gemacht, eines oder beide zu retten, wobei das Sterben des anderen Zwillings durchaus in Kauf genommen wird (vgl. Sulzer 1990, S. 263).

Handelt es sich um eine genau geplante und vorbereitete OP, wird sie als elektive Trennungsmethode bezeichnet. Dabei wird die Trennung sorgfältig vorbereitet, unter Umständen gibt es Voroperationen (z.B. um bei Craniopaguspaaren die Haut am Schädel vorzudehnen und damit später die Wunde zu schließen), wobei die eigentliche Trennung erst im zweiten Lebenshalbjahr erfolgt.

Eine Trennung kommt nicht in Frage, wenn diese mit den medizinischen Möglichkeiten nicht erfolgreich machbar ist bzw. wenn schwerste Verstümmelungen zu erwarten sind oder die Kinder nicht überlebensfähig blieben (vgl. Joppich 2002).

3 Erfolgsaussichten eines chirurgischen Eingriffs

Ladan und Laleh Bijani starben beide im Alter von 29 Jahren während des Versuchs, sie zu trennen. Sie waren am Kopf zusammengewachsen, hatten zwei getrennte Gehirne, allerdings nur eine Hauptvene. Ihr Wunsch nach zwei getrennten Leben war größer als die Angst vor dem dabei einkalkulierten Tod. Auch haben sie in Kauf genommen, dass eventuell eine oder beide für den Rest des Lebens hätte behindert sein können oder mit dem Bewusstsein leben müssen, für den Tod der anderen mitverantwortlich zu sein. In Singapur erklärten sich schließlich Ärzte bereit, den komplizierten Eingriff einschließlich der Rekonstruktion einer zweiten Hauptvene durch ein Blutgefäß aus dem Oberschenkel zu wagen. Am Ende sind beide Frauen verblutet (vgl. Berndt 2003).

[...]

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Siamesische Zwillinge. Eine Debatte über die Trennung
Hochschule
Universität Osnabrück  (Biologie/Chemie)
Veranstaltung
Interdisziplinäre Perspektive für Lehramtstudierende
Note
1,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
16
Katalognummer
V54831
ISBN (eBook)
9783638499415
ISBN (Buch)
9783638792141
Dateigröße
522 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Siamesische, Zwillinge, Eine, Debatte, Trennung, Interdisziplinäre, Perspektive, Lehramtstudierende
Arbeit zitieren
Maja Tintor (Autor), 2006, Siamesische Zwillinge. Eine Debatte über die Trennung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/54831

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