Entfremdung, Erkenntnis und Selbstbestimmung in der Matrix-Trilogie


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

23 Seiten, Note: 2,0


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Gliederung

1. Einleitung

2. Die Gründe der Entfremdung
2.1. Verschiedene Interpretationsmodelle
2.2. Hegels Seinslogik
2.3. Seinslogik in der Matrix-Trilogie

3. Erkenntnis durch Konstruktivismus

4. Wege aus der Entfremdung: Glaube und Selbstbestimmung
4.1. Die Bedeutung von Sati: Symbol der Selbstbestimmung aus Bestimmung
4.2. Die Bedeutung des Merowingers: Symbol des Glaubens
4.3. Konkrete Freiheitstheorien
4.3.1. Positive Freiheit
4.3.2. Negative Freiheit

5. Schlussbetrachtung

Quellennachweis
Filme
Literatur
Filme und Dokumentationen
Literatur

Erklärung

1. Einleitung

In dieser Hauptseminararbeit habe ich es mir nach einer gründlichen Beschäftigung mit der Matrix-Trilogie zur Aufgabe gemacht, möglichst viele Zusammenhänge aus ihr zu entschlüsseln und so für andere zugänglich zu machen, sowie über diese Erkenntnisse hinauszudenken und Verbindungen mit der Wirklichkeit herzustellen. Die Arbeit behandelt dementsprechend mit Blick auf die Trilogie folgende 3 Punkte:

1.) Die Gründe der Entfremdung zwischen Mensch und Maschine,
2.) Die Erlangung von Erkenntnis durch Konstruktivismus,
3.) Die konkreten Folgen, also die Schlüsse, die der Einzelne für sich persönlich ziehen kann und wenn es nach den Wachowski-Brüdern geht, auch ziehen soll.1 Diese können beispielsweise in einem besonderen Freiheitsideal liegen.

2. Die Gründe der Entfremdung

2.1. Verschiedene Interpretationsmodelle

Besonders im Internet herrscht bezüglich der Interpretation von Matrix ein wild florierender Pluralismus. An dieser Stelle sei’ erwähnt, dass die vorliegende Interpretation nicht den Anspruch auf die einzigst mögliche Betrachtungsweise der Trilogie darstellt. Matrix kann, gerade dadurch, dass sie mehrere Teile umfässt, auf viele Schriften und Theorien, philosophischer und religiöser Art, bezogen werden. In dieser Arbeit versuche ich mich jedoch auf die Analogie zu Hegels Seinslogik zu beschränken, um dem Leser ein Werkzeug zu geben, das ihn die Zusammenhänge im Film, die auf den ersten Blick oft wahllos und lose erscheinen, besser und vor allem auf eine neue Weise verstehen lässt.

Im Laufe meiner Beschäftigung mit philosophischen und religiösen Aspekten von Matrix fiel mir, um nur einige zu nennen, auch

das Existenzproblem ins Blickfeld, das sich beispielsweise durch den Schriftzug über der Tür des Orakels „Erkenne dich selbst“ offenbart. Des Weiteren ist der erste Film („The Matrix“) gesehen worden als Jesus’ Weg zur Erleuchtung bzw. als die Erwartung des Messias – also als

Monomythos2. Viele

erkenntnistheoretische Probleme werden angesprochen: beispielsweise, was Realität bzw. Wahrheit sei’. Außerdem wurde Matrix als eine Art Allegorie auf

Platons Höhlengleichnis gesehen, nicht zuletzt auch als

Kritik am Materialismus, wie sie Marx geäußert hat. Ich möchte mich aber auf eine Interpretation beschränken und denke in Hegels Seinslogik ein gutes Erklärungsmodell gefunden zu haben.

2.2. Hegels Seinslogik

Hegel bestimmt seinen Seinsbegriff als unbestimmt bestimmt. Es ist identisch mit sich selbst und daher bestimmt durch Indifferenz:

Sein kann bestimmt werden als Ich = Ich, als die absolute Indifferenz oder Identität (...).3.

Unbestimmt bestimmt ist es insofern es keiner Differenzierung unterliegt. Alle Begriffe im Sein sind vollständig. Es gibt das Eine und das Andere. Es ist voller Bestimmung. Während das Sein charakterisiert werden kann als eine Fülle von Bestimmungen, ist das Nichts die Leere, das Nicht-Vorhanden-Sein von Bestimmungen. Aber durch die Fülle von Bestimmungen im Sein fehlt die Differenzierung und das Sein schlägt ins Nichts um, denn das ist, was es ist: Nichts. Dadurch, dass es so viele Bestimmungen innehat, hat es wiederum keine konkrete und ist also Nichts. Sein und Nichts sind identisch.

Das Sein ist immerzu im Werden begriffen. Man kann nichts über das Sein sagen, außer, dass es das Absolute ist. Es ist das unbestimmte Bestimmte. Alles was man über das Sein aussagen kann liegt in seinem Übergang zum Werden.

Hier zerfällt es in ein An-Sich und Für-Sich. Das An-Sich ist das Sein als völlige Identität mit sich selbst. Hier ist es noch absolutes Sein. Im Für-Sich allerdings ist das Sein aus sich herausgetreten. Es tritt in den Diskurs, es erkennt und konkretisiert sich. Hegel stellt an dieser Stelle eine Parallele zum Sündenfall her:

Eine alte Vorstellung über den Ursprung und die Folgen jener Entzweiung ist uns in dem mosaischen Mythus vom Sündenfall gegeben. (...) Es scheint angemessen, den Mythus vom Sündenfall an der Spitze der Logik zu betrachten, da diese es mit dem Erkennen zu tun hat. (...) Betrachten wir nunmehr den Mythus vom Sündenfall näher, so finden wir, wie vorher bemerkt wurde, darin das allgemeine Verhältnis des Erkennens zum geistigen Leben ausgedrückt (...), denn das geistige Leben unterscheidet sich dadurch vom natürlichen und näher vom tierischen Leben, daß es nicht in seinem Ansichsein verbleibt, sondern für sich ist.4

Ist das Sein als Für-sich aus sich selbst herausgetreten, bildet es Prädikate, die einfachen, als endgültig und indiskutabel zu betrachtenden Ansichten entsprechen:

(...) Solche Prädikate sind z.B. Dasein, wie in dem Satze „Gott hat Dasein“; Endlichkeit oder Unendlichkeit in der Frage ob die Welt endlich oder unendlich ist (...).5

Antinomien, Widersprüche im Denken, die nicht auf logischen Fehlern beruhen, sind Folgen dieser Dialektik.

Das Prädikat tritt seiner Negation, dem Anderen, gegenüber. Jenes ist genau das, was ihm fehlt, um absolut zu sein. Das Prädikat ist wiederum das Andere für seine Negation. Das ist der Grund, warum beide einander anziehen und abstoßen. Das Eine wird immerzu zum Anderen, aber nicht vollständig.

Erst im Dasein, wenn beide eine konkrete Qualität angenommen haben, erkennen sie sich im Anderen selbst an der Grenze zum Anderen, die unüberwindbar bleibt. Sie versöhnen sich im Für-Sich-Sein. Hier hat das Sein (als Für-Sich-Sein) wieder eine völlige Identität mit sich angenommen, ist aber nicht auf der selben Stufe, wie das Sein, da nur ein Prädikat sich mit seiner Negation versöhnt hat, während das Sein das Absolute ist und alles enthält.

Im Für-Sich-Sein jedoch reflektiert das Sein über sich selbst, erkennt sich selbst. Es wurde einmal mehr mit Bedeutung gefüllt. Seine sonst leeren, weil vollständigen, undifferenzierten Begriffe haben einmal mehr an Bedeutung gewonnen.

2.3. Seinslogik in der Matrix-Trilogie

Ohne Verschiedenheit kein Sein

In Matrix finden wir viele Antagonisten: Agent Smith und Neo, den Architekten und das Orakel, Agent Smith und Morpheus, sowie allgemein Mensch und Maschine.

Wie kommt es, dass Morpheus in der Matrix der als meistgesuchte Terrorist, also der „Böse“ und in Zion als Befreier, also der „Gute“ gilt, während für Agent Smith genau das Gegenteil gilt, nämlich, dass er in der Matrix ein Agent , der „Gute“, ist und in Zion als böses Wächterprogramm gilt?

Dieser Frage kann man sich nur nähern, indem man sie unter dem dialektischen Aspekt betrachtet.

Bei Hegel schlägt das Prädikat, indem es sich an seiner eigenen Grenze zum Anderen reibt, ständig in sein Anderes um (Repulsion und Attraktion) und versöhnt sich so im Für-Sich-Sein mit seiner Negation. Es ist das Resultat aus der Tatsache, dass das Eine nicht ohne das Andere gedacht werden kann. So kommt es dazu, dass Neo immer tiefere Einblicke in die Maschinen bekommt und beispielsweise, während er in der Zwischenwelt ist, Visionen von ihnen hat und sie regelrecht spürt. Agent Smith hingegen wird zum Menschen, indem er Bane, ein Crewmitglied assimiliert, seinen Code auf ihn überträgt und Neo so auch in der realen Welt begegnen und jagen kann.

Das gilt für all’ die Paare in Matrix: Sie sind weder das Eine noch das Andere und schlagen wie in Hegels Dialektik ständig in ihr Gegenteil um. Morpheus kann sich, dadurch, dass er in der Matrix genau das Gegenteil von dem ist, was er in Zion ist, im Anderen (Agent Smith) erkennen.

Auch im Endkampf zwischen Neo und Agent Smith wird das deutlich: Beide ziehen einander an, reiben sich im Kampf aneinander und stoßen sich, als sie merken, dass sie gleichstark sind, wieder ab.

Neo hat hier jedoch eine besondere Rolle. Er kann verglichen werden mit Jesus von Nazareth, der sagte:

Ich aber sage euch: Wehrt euch nicht gegen den Bösen, sondern wer dich auf deine rechte Wange schlägt, dem halte auch die andere hin!6.

Denn obwohl er weiß, dass er Agent Smith nur besiegen muss, um den Frieden wiederherzustellen, hält er inne und lässt geschehen, dass dieser ihn immer wieder niederschlägt, was Agent Smith sichtlich verwirrt, denn auf diese Weise wird ein alter Kreislauf gebrochen.

Die Antinomien in Matrix führen letztendlich zu der großen Auseinandersetzung zwischen Agent Smith und Neo. Das Orakel sagt zu Neo:

Er [Agent Smith] ist du! Dein Gegenteil, dein Negativ. Das Ergebnis der Gleichung, die versucht, sich selbst auszugleichen.7.

3. Erkenntnis durch Konstruktivismus

„Free your mind!“

Hält Morpheus Neo was er verspricht? Zeigt Morpheus Neo tatsächlich die Wirklichkeit? Neo wacht aus der Matrix in seinem Tank auf, nachdem er die rote Pille geschluckt hat. Aber verzerren Drogen nicht die Wahrnehmung?

In Matrix werden die gewohnten physikalischen und kommunikativen Gesetzmäßigkeiten außer Kraft gesetzt. Die Theorie, die besagt, dass jede Botschaft einen Sinn hat, den man auch verstehen kann, wird durch die konstruktivistische Theorie verworfen, nach der es überhaupt keinen eigentlichen Sinn gibt, dem man etwas entnehmen kann. Sender und Empfänger geben dem Gesagten vielmehr ihren ganz eigenen Sinn.

Das Paradoxe an Matrix ist, dass die als fremdartig empfundene Welt (die Matrix), in der die meisten Menschen leben, wiederum mit einer völlig anderen Realität erklärt wird. Das heißt: Es werden absichtlich neue Rätsel erzeugt. Neue seltsame, mystisch anmutende Figuren treten auf: das Orakel, der Merowinger und der Architekt. Morpheus kann Neo die Welt nicht erklären, vielmehr wird sie für Neo dekonstruiert; eine neue Welt mit neuen Rätseln wird konstruiert.

Der Film mag dafür plädieren, öfter einmal den Blickwinkel zu wechseln, und nichts als gegeben hinzunehmen, keine festegesetzten Schranken zu akzeptieren und stets über sich hinauswachsen zu wollen, genau wie Adam und Eva, die vom Baum der Erkenntnis aßen, um so zu werden wie Gott, was sie allerdings schon waren, denn Gott schuf sie nach seinem Ebenbild.

Konstruktivismus ist nichts anderes, als die christliche Beschreibung menschlicher Sünde, ohne freilich daraus die entsprechenden Konsequenzen zu ziehen.8

Auch die Funktion der Telefone lässt sich unter diesem konstruktivistischen Blickwinkel erklären. Sie ermöglichen einen Realitätswechsel. Während wir nur damit vertraut sind, dass in einer Telefonzelle unsere Wahrnehmung nicht nur auf die Außenwelt, sondern auch auf die Stimme am Hörer, also auf zwei Welten, gerichtet ist, fungiert sie in Matrix als Portal in eine andere Realität.9 Während ein Realitätswechsel für die Menschen, die noch an die Matrix angeschlossen sind, nicht möglich ist, ist er es für die Helden, über die Telefonzelle und erinnert damit an Helden wie Superman, die sich in der Telefonzelle umzuziehen pflegten, wodurch ja auch ein Realitätswechsel stattfand: Der von einem Durchschnittsmenschen zum Superhelden.

Aber denken wir etwas weiter und betrachten das Ende des Films. Dort stellt sich heraus, dass beide, das Orakel und der Architekt nur Programme sind:

Architekt: Was glaubst du, was ich bin? Ein Mensch!?10.

Das aber wiederum bedeutet, dass wir es auch hier nicht mit vollkommen autarken Persönlichkeiten zu tun haben, die eine völlige Entscheidungsfreiheit hätten und unsere Frage nach dem Ursprung der Welt, der echten Welt als Realität, klären könnten. An dieser Stelle stellt es sich so dar, als gäbe es keine endgültige Realität, sondern nur verschiedene Blickwinkel.

4. Wege aus der Entfremdung: Glaube und Selbstbestimmung

4.1. Die Bedeutung von Sati: Symbol der Selbstbestimmung aus Bestimmung

In Sati sind beide Prinzipien, Liebe und Hass, oder auch Selbstbestimmung und Bestimmung11, also Neo und Agent Smith, miteinander versöhnt. Sie sind nicht verschwunden, sondern leben als eben diese Prinzipien in ihr fort.

Was ist das besondere an Sati? Sie ist ein aus der Liebe zweier Programme heraus geborenes Kind. Es widerspricht sich, dass Programme lieben können, aber genau dieser Widerspruch konnte in Sati aufgelöst werden. Sie ist identisch mit sich selbst, hat keinen Widersacher, hält sich auch nicht für etwas, das sie nicht ist.

Sie hat nicht aus Fremdbestimmung, sondern aus Selbstbestimmung heraus einen Sonnenaufgang geschaffen und so die notwendige Bestimmung gefunden, um als Programm in der Matrix bleiben zu können. Sie brauchte einen Grund, um in der Matrix zu bleiben, denn nur Programme mit Bestimmung dürfen das. Die Wahl der Bestimmung selbst, unterliegt jedoch einer freien Entscheidung. Bei Zwirner wurden diese Zusammenhänge genau erkannt:

Programme waren dagegen durch ihre Bestimmung oder Funktion definiert. Ihre Namen geben fast ausschließlich ihre Funktion an. Alle Entscheidungen, die Programme treffen liegen innerhalb der Programmparameter/Programmgrenzen. Auf Sati trifft das allerdings nicht zu. Ihre Existenz als Programm folgte keinem festgelegten Zweck und sollte deshalb gelöscht werden. Ihre Ausnahme bestätigt die Regel. Sati verkörpert einen neuen Programmtypus, der sich seine Zwecke selbst setzt.12.

Es ist aber auffällig, dass das, was für Sati gilt, für einige andere Figuren aus Matrix, nämlich, dass sie in sich aufgelöste Widersprüche enthalten, auch gilt:

Rama Khandra ist einerseits ein Programm, andererseits vermag er wie ein Mensch zu lieben. Neo ist einerseits ein Mensch, andererseits trainiert er „wie eine Maschine“. Die Wächterprogramme aus der Maschinenstadt, die nach Zion vordringen, sind einerseits Maschinen, andererseits bewegen sie sich wie Kraken, also Tiere.

Durch Neos Willen, sich selbst zu opfern, schafft er eine Neuerung herbei: Statt dass die Matrix, wie gewöhnlich, neu gestartet wird, indem Neo seinen „Quellcode“ in die Quelle der Maschinenstadt eingibt, schafft er beides: Trinity und Zion zu retten. Das Prädikat (Neo) und sein anderes (Agent Smith) fallen nicht wieder in sich selbst zurück, indem sie sich voneinander entfernen, sondern werden in Sati, als Vereinigung ihrer beider Prinzipien auf eine neue Stufe gehoben. Auf diesen Zusammenhang bezieht sich auch das Orakel, wenn es am Ende sagt:

Architekt: Du hast ein gefährliches Spiel gespielt.

Orakel: Das ist Veränderung immer.13.

Auch Neo handelt letztendlich selbstbestimmt. Der Architekt stellt ihn vor die Wahl entweder Zion oder Trinity zu retten und statt sich wie gewöhnlich der Wahl entsprechend zu verhalten und eine Möglichkeit zu wählen, schafft er beides: Trinity und Zion zu retten.

Auch seine Entscheidung mit Trinity zur Maschinenstadt (der Quelle: Deus Ex Machina) zu fliegen, entspricht diesem Schema. Niemand hat ihm gesagt wo diese ist. Doch obwohl er blind ist, nachdem Agent Smith ihm in Gestalt von Bane die Augen verbrannt hat, kann er Trinity, die das Schiff steuert, zur Quelle führen.

4.2. Die Bedeutung des Merowingers: Symbol des Glaubens

Der Merowinger ist der Hüter des Übergangs zwischen der Matrix und der Maschinenstadt: der U-Bahn-Station, die wegen ihrer weißen Farben auch als neutrale Welt gesehen werden kann. Dass er ein Programm ist, wird dadurch ersichtlich, dass er sich mit seinen Vertrauten und seiner Frau Persephone stets in einer grünstichigen Umgebung aufhält, die ein Zeichen der Matrix ist.14 Interessanter Weise spricht er häufig von Ursache und Wirkung und scheint fasziniert darüber zu sein, dass er sie gewissermaßen regiert.

Sati und Neo kommen aus der Realität (der Maschinenstadt) und wollen nun in die Matrix. Doch um dorthin zu gelangen müssen beide die U-Bahn benutzen, die vom Zugführer gesteuert wird, der letztlich wieder dem Merowinger untersteht.

Ken Wilbur zeigt, dass die Maschinen für den Geist, die Matrix für das Bewusstsein und Zion für den Körper stehen.15 Der Merowinger kann also als Mittler zwischen Bewusstsein und Unterbewusstsein gesehen werden.

Morpheus beschreibt die Funktion der Maschinen auch einmal folgendermaßen:

Morpheus: Sie sind die Beschützer [„doorkeeper“] der Matrix. Sie sichern alle Türen und kennen jeden Code.16.

Während Morpheus argumentiert:

Alles beginnt mit einer Entscheidung.17

Entgegnet er:

Nein. Falsch! Entscheidung ist eine Illusion. Entstanden zwischen denen mit Macht und denen ohne.18.

Während der Merowinger mit Determinismus argumentiert, argumentiert Morpheus mit Willensfreiheit: Der Wahl. Eine Auseinandersetzung zwischen Fremd-, und Selbstbestimmung.

Die vom Merowinger verherrlichten Prinzipien Ursache und Wirkung sind in jedem Menschen aktiv.

Denn warum prophezeit das Orakel Neo, er sei’ nicht der Auserwählte? Weil er zu diesem Zeitpunkt noch nicht ‚nicht sieht und doch glaubt’19. Die Ursache (der Glaube) fehlt ihm zu diesem Zeitpunkt noch. Das Orakel war also nur Spiegel seiner selbst und gab wieder, was er hören wollte, eine Bestätigung dafür, dass er nicht daran glaubt, der Auserwählte zu sein.

Es ist Neo also nicht möglich der Auserwählte zu sein. Soweit geht seine Macht und Entscheidungsfreiheit nicht. Jedoch kann er mit dem nötigen Glauben zu ihm werden. Alles braucht also seine Ursache, auch Neo und sein Auserwählten-Dasein: es wird ihm nämlich nicht von außen zugetragen.

In der Matrix-Trilogie ist oft die Rede vom Glauben; jedes Mal setzt er sich durch. Morpheus glaubt an Neo als Auserwählten, nur aufgrund der Prophezeiung des Orakels und die letzten, sehr bedeutenden Worte der Trilogie spricht das Orakel als es sagt:

Seraph: Haben Sie es immer gewusst?

Orakel: Oh nein! Nein, das wusste ich nicht. Aber ich habe geglaubt. Ich habe geglaubt.20.

Der Merowinger steht für die Wirkung von Ursache (Glaube) und Wirkung (Selbstbestimmung) in uns und symbolisiert den Punkt, an dem beide als eins zusammentreffen; ist möglicherweise sogar selbst Symbol dafür.

4.3. Konkrete Freiheitstheorien

Negative liberty is the absence of obstacles, barriers or constraints. One has negative liberty to the extent that actions are available to one in this negative sense. Positive liberty is the possibility of acting - or the fact of acting - in such a way as to take control of one's life and realize one's fundamental purposes. While negative liberty is usually attributed to individual agents, positive liberty is sometimes attributed to collectivities, or to individuals considered primarily as members of given collectivities.21

Warum reicht uns eine positive Freiheitstheorie nicht aus? Bedeutet Freiheit denn nicht, frei handeln, frei entscheiden zu können und so seiner eigenen Bestimmung nachgehen zu können? Nein, denn wie steht es mit der Freiheit, wenn ich nicht genug Wissen über die Welt habe, nicht genug Wissen um wirklich freie Entscheidungen treffen zu können, weil es mir vorenthalten wurde wie im folgenden Fall:

Zunächst mal ist der HARTZ IV-Empfänger nicht daran interessiert primär die Stille (...) zu nutzen. Man könnte aber sagen, wenn man ihm wirklich beibringen würde, wenn er beigebracht bekäme, (...) sich selber anders zu verstehen, dann könnte er von daher auch mit seiner Situation (...) viel besser umgehen. Aber genau das enthält man ihm vor.22 ?

Wenn ich nach einer Handlung zugeben muss, dass ich mit dem nötigen Wissen anders gehandelt hätte, stimmt doch etwas an dieser Freiheitskonzeption nicht. Daher brauchen wir auch die negative Freiheitskonzeption, die im wesentlichen besagt, dass ich zum freien Handeln auch frei von Widerständen aller Art sein muss, eine Forderung, die zunächst übertrieben klingt.

Obermauer bemerkt hierzu:

Man sieht in der positiven inhaltlichen Bestimmung des Freiheitsbegriffs die Gefahren des Paternalismus oder des autoritären, da unter dem Banner der „Befreiung“ repressive Maßnahmen gegen „unbefreites Leben“ gerechtfertigt werden könnten.23.

Der negative Freiheitsbegriff fordert eine weitgehende Abwesenheit von Beschränkung und offenem Zwang für das Individuum. Der potentiellen Befriedigung von einer gegebenen Reihe von (Handlungs-)Wünschen dürfen keine äußeren Hindernisse entgegenstehen. Es bedeutet Selbstbestimmung, Selbstverwirklichung und Autonomie.24

4.3.1. Positive Freiheit

4.3.1.1. Positive Freiheit in Matrix

Wir alle kommen aus der Wahrheit, dem Licht, dem Guten, und wir sind in die Leitern des Materiellen gefallen. Wir müssen emporklettern und die Leiter unter uns wegfegen bis wir dahin zurückkehren, wo wir herkamen.25

Die positive Freiheit in Matrix besteht für die an die Matrix angeschlossenen Menschen darin, die Illusion von Entscheidung in einer künstlichen Welt zu haben, während sie selbst zu Energielieferanten der Maschinen degradiert wurden. Wenn man nun einmal nur die Welt in der Matrix selbst betrachtet, ist man geneigt zuzugeben, dass es den Menschen dort – zumindest im Durchschnitt – ziemlich gut geht. Sie haben das Gefühl frei über sich bestimmen zu können, aber nur, weil sie die Wahrheit nicht kennen: Dass sie in Wahrheit unfrei sind.

4.3.2. Negative Freiheit

4.3.2.1. Selbstbestimmung

Freiheit in der Unfreiheit

Nach Sartre sind wir verurteilt frei zu sein. Das bedeutet: Wir müssen uns zwar bewusst werden, dass wir identisch mit unseren Handlungen sind:

(...) und er [der Mensch] kann nicht umhin zu wählen: entweder bleibt er keusch, oder er heiratet, ohne Kinder zu haben, oder er heiratet und hat Kinder; was er auch tut, es ist ihm in jedem Fall unmöglich, nicht die totale Verantwortung angesichts dieses Problems auf sich zu nehmen. Ohne Zweifel wählt er, ohne sich auf vorgefundene Werte zu beziehen, doch es ist ungerecht, ihn der Launenhaftigkeit zu zeihen.26.

und demnach nicht nicht wählen können, müssen uns aber im zweiten Schritt bewusst werden, dass wir uns gerade wegen dieses „Zwanges zu Wählen“ selbst bestimmen, eine Freiheit in der Unfreiheit, wie sie hier schon an Sati dargestellt wurde. Ich als Person schwebe nicht frei im Raum, bin nicht unbestimmt, sondern bestimme mich mit jeder Entscheidung, die ich fälle, neu. Ich bin die Summe meiner Handlungen und so die Summe meiner Entscheidungen. Da eine Handlung immer einer Entscheidung folgt, ist es uns als Individuen schlichtweg unmöglich nichts, also unbestimmt, zu sein. Insofern finden wir eine Freiheit, nämlich die, uns als Individuen zu bestimmen, im Zwang der Entscheidungsfindung:

Der Mensch schafft sich; er ist nicht von Anfang an fertig geschaffen, er schafft sich, indem er seine Moral wählt, und der Druck der Umstände ist derart, daß er nicht umhin kann, eine zu wählen. Wir definieren den Menschen nur im Verhältnis zu einem Engagement. Es ist also absurd, uns die Grundlosigkeit der Wahl vorzuwerfen.27.

Folgt man Wittgenstein, dann ist der Vorgang der Entscheidungsfindung bis hin zu meiner tatsächlichen Handlung ein sehr obskurer, fast unbestimmbarer. Beide, Handlung und Entscheidung, fallen in eins zusammen und kennen kein Zwischenstadium. Wittgenstein stimmt mit Sartre insofern überein als dass er sagt: Jede Handlung ist Entscheidung. Allerdings verbindet er die Entscheidungsfindung nicht mit einer Selbstbestimmung. Für ihn gibt es nur das Moment der Handlung und das der Nicht-Handlung. An diesen beiden Begriffen kann er den Unterschied zwischen Wunsch und Wille ausmachen: Der Wunsch existiert nur als Möglichkeit in meinem Bewusstsein, während der Wille stets konkret ist und sich objektiviert.28

Bringt man diese beiden Handlungstheorien zusammen, kann man feststellen, dass man erst nach der Handlung weiß, wer man ist. Da man sich 1.) nach Sartre über seine Handlungen definiere und 2.) nach Wittgenstein erst die Handlung selbst den eigenen Willen zeigt. So ist es auch bei Neo, der erst als er Agent Smith gegenübersteht wirklich weiß, dass er der Auserwählte ist.

Auch Ken Wilbur findet in Matrix dieses humanistische Freiheitsideal wieder, wenn er sagt:

Wie kommt man klar mit neuen Konzepten der Liebe nach dem entscheidenden Schritt, indem man zugibt, dass es nicht nur um das Gehorsam geht, sondern darum, sich selbst durch eigene Entscheidungen zu erschaffen [Hervorhebung durch Autor].29.

Aber Sartre geht noch einen Schritt weiter und postuliert sein humanistisches Freiheitsideal: Da ich mich im anderen spiegele, mich also nur am Anderen erkennen kann, wähle ich meine Werte ebenso in Reflexion auf den Anderen. Was bedeutet das?

Der Mensch ist nach Sartre in die Welt geworfen. Es gibt keine Werte vor seiner Existenz, Gott wird verneint. Aber vielmehr wird ein Geber von Werten außerhalb des Menschen verneint. Dieser, so Sartre, muss der Mensch selbst sein. Doch mit jeder Entscheidung, die der Mensch vermeintlich für sich selbst fällt, fällt er auch eine grundsätzliche für alle Menschen:

Wenn ich Arbeiter bin und wähle, eher einer christlichen Gewerkschaft beizutreten, als Kommunist zu sein, wenn ich mit diesem Beitritt zeigen will, daß im Grunde Resignation die Lösung ist, die dem Menschen entspricht, daß das Reich des Menschen nicht auf Erden ist, betrifft das nicht nur meinen Fall: ich will für alle resigniert sein, folglich zieht mein Vorgehen die gesamte Menschheit nach sich.30.

Literarisch verarbeitet wurde dieser humanistische Freiheitsbegriff bei Antoine de Saint-Exupéry. Besonders in „Flug nach Arras“ geht er auf sein humanistisches Ideal ein, dass sehr stark an Sartre erinnert:

Meine Kultur, ein Erbe Gottes, hat jeden für alle Menschen und alle Menschen für jeden einzelnen verantwortlich gemacht. Ein Individuum soll sich für die Rettung einer Gemeinschaft opfern, doch dreht es sich hierbei nicht um ein albernes Rechenkunststück. Es geht um die Achtung vor dem Menschen31 durch das Individuum hindurch.32.

In welchem Zusammenhang steht die Rettung des einen aus meiner Gemeinschaft, dieser einzelnen Handlung, mit meiner Einstellung zur Gemeinschaft? Es würde einer inneren Logik widersprechen jemand anderen anders zu behandeln als man selbst behandelt werden möchte. Wenn ich demnach jemanden aus meiner Gemeinschaft rette, mache ich die Nächstenliebe zu einem Gebot dieser Gemeinschaft. Ich beteuere auf diese Weise meine Liebe zur Gemeinschaft, aber noch mehr: Nämlich auch die Liebe zu mir selbst. Die Haltung gegenüber dem anderen spiegelt meine Selbstsicht wieder: Auch ich würde in so einer Situation gerettet werden wollen. Ich bin ein Mitglied dieser Gemeinschaft und es wert gerettet zu werden.

An dieser Stelle ist es vielleicht hilfreich diesen Aspekt mit Matrix zu verknüpfen. Denn handeln Neo und Trinity in der Liebesszene nicht gegen die Gemeinschaft? Während sich alle anderen in einer Art religiösen, öffentlichen Feier auf das Ende einstimmen, machen sie eine private Erfahrung und nehmen nicht am öffentlichen Leben teil, scheinen die Sorgen und Nöte der Gemeinschaft in diesem Moment nicht zu teilen und verneinen möglicherweise sogar deren Werte.

So wie Sartre postuliert, dass sich der Mensch in seinem Handeln selbst bestimmen muss, stellt Exupéry fest, dass kein Mensch dem anderen gleich sein kann:

Wie soll man die Gleichheit auf der Ebene der Individuen, zwischen dem Weisen und dem Rohling, dem Dummkopf und dem Genie definieren? Wenn wir sie festlegen und verwirklichen wollen, verlangt die Gleichheit auf der Ebene der Stoffe, daß diese alle denselben Platz einnehmen und dieselbe Rolle spielen. Das ist absurd.33.

Exupéry unterscheidet hier zwei Formen der Gleichheit. Die erste besteht in der Position des einzelnen Menschen im Menschen, bzw. des einzelnen Steines im Dom. Hier gibt es nur Gleichheit insofern jeder Stein für den Erhalt des Domes gleich wichtig ist:

Der Gelehrte schuldete selbst dem Kohlenträger Achtung, denn durch den Kohlenträger achtete er Gott.34.

Dem entspricht auch Neos und Trinitiy’s Vergehen an der Gemeinschaft.

Die zweite Form ist jedoch die der konkreten Position des einzelnen im Menschen, die nur fälschlicherweise als gleich definiert wurde. Sind die Menschen innerhalb der Kriegsmaschinerie gleich geworden, insofern sie alle blinden Gehorsam gegenüber den Befehlen ihres Vorgesetzten leisten, haben sie sich von sich selbst entfremdet. Der Einzelne ist gegenüber dem Anderen, unabhängig seines Berufes, zu einem Werkzeug des Krieges geworden. Wenn der Mensch aber aufhört sich selbst durch seine Taten hindurch zu bestimmen, werden diese ziellos. Es gibt dann kein Ideal mehr auf das er sich hin ausrichtet. Kein Ziel mehr, das es zu erreichen gilt, sondern fremdbestimmte Handlungen, die nur einem Ziel dienen, das das Ziel aller wird: der Krieg.

Haben die an die Matrix angeschlossenen Menschen nicht auch verlernt sich durch ihre Taten selbst zu definieren, sich durch Entscheidungen selbst zu bestimmen?

Der Mensch ist sowohl bei Sartre als auch bei Exupéry nichts ohne seine Handlungen. Der Mensch verliert sich, wenn der Einzelne sich nicht seiner Verantwortung bewusst ist, sich selbst und damit die Werte innerhalb der Gemeinschaft durch seine Handlungen hindurch zu bestimmen.

Das gibt auch eine kurze Analyse bei Zwirner über das Ende des Kampfes zwischen Neo und Agent Smith wieder:

Die Bestimmung war also der Entscheidung untergeordnet. Der freie Wille trug den Sieg davon. Die absolute Freiheit des Willens beweist sich in der Möglichkeit der Akzeptanz des eigenen Untergangs. Dieser denkbar widersprüchlichste, irrationalste Inhalt des Willens führte als letzter und äußerster Beweis seiner Freiheit schließlich zu Frieden und Befreiung. Die unbedingte Selbstbestimmung des Einen erreichte am Ende die Anerkennung der Selbstbestimmung für Alle.35.

Die Selbstbestimmung steht über der (Fremd-)Bestimmung, da diese den Sieg davonträgt. Neo entscheidet sich für die Selbstbestimmung und opfert sich für die Gemeinschaft, die fortan von den Fesseln der Matrix befreit ist. Nun können auch die einzelnen Individuen der Gemeinschaft wieder frei handeln. Der Wunsch des einen wurde zum Wunsch und der Realität aller.

4.3.2.2. Negative Freiheit in Matrix

Was hier mit zwei Welten, der Matrix und der Maschinenstadt dargestellt wurde, entspricht dem Konzept der Aufklärung:

[Ken Wilbur:] Die Wachowski-Brüder sind sehr bemüht die Verlogenheit und Oberflächlichkeit zu durchbrechen. Nicht nur die Amerikas, sondern die der gesamten postmodernen Gesellschaft.36.

Man mag die Tatsache, dass die an die Matrix angeschlossenen Menschen als Batterien missbraucht werden, lächerlich, weil unrealistisch, finden, aber als Metapher ist genau das ein guter Spiegel der Wirklichkeit: Indem der einzelne aufgehört hat, frei zu handeln, frei zu denken, hat er tatsächlich einen Großteil seiner Freiheit an eine Mechanik des Alltags, in Matrix sind das die Maschinen, abgegeben.

Matrix ist keineswegs ein technikfeindlicher Film. Der Gegner der Menschen hätte nicht unbedingt die Maschine sein müssen, aber da die Grundlage von Maschinen logisch strukturierte Programme sind, können sie den „echten“ Feind des Menschen gut symbolisieren: Es sind diejenigen Institutionen, an die viele Menschen ihre Entscheidungsfreiheit abgeben. Wir sind heutzutage gezwungen fremden Urteilen zu glauben, weil wir selbst, aufgrund welcher Nöte auch immer, dazu nicht mehr in der Lage sind. Wir sind von Produzenten zu Konsumenten geworden:

Die Ironie ist, dass in Matrix die Menschen Produktionsmittel sind. Ein großes Symbol, Menschen als Batterien. Während sie schlafen sind ihre Körper tatsächlich Batterien, die die Stadt der Roboter und die mechanische Gesellschaft antreiben. Es ist ein sehr mächtiges Symbol, denn die Menschen werden gewissermaßen ausgenutzt, wenn sie verschlafen, was um sie herum passiert. Sie geben ihre Lebenskraft auf um die Gesellschaft zu erhalten.37.

Der Umkehrschluss beweist diese Theorie: Würden mehr Menschen „aufwachen“ und sich mehr für ihre eigenen Rechte einsetzen, statt blind darauf zu vertrauen, dass diese vom Staat schon zur Verfügung gestellt würden, würde einem ganzen Apparat: der Werbeindustrie, dem Fernsehen, der Politik selbst usw., die Energie genommen. Insofern ist die von den Wachowski-Brüdern gewählte Symbolik doch sinnvoll.

5. Schlussbetrachtung

Wie man sieht, haben die Wachowski-Brüder mit Matrix versucht den sich selbst entfremdeten Geist zu befreien. Die Zusammenhänge dieser Entfremdung habe ich versucht herauszustellen, sie anhand Hegels Seinslogik interpretiert und Wege gegen sie in einem humanistischen Freiheitsideal aufgezeigt. Zwischen beidem, den Gründen der Entfremdung und ihren Auswegen, muss ein Punkt der Erkenntnis liegen, die die Wachowski-Brüder mit Matrix einem sehr breiten Publikum ermöglicht haben: Die Erkenntnis von Wahrheit ist nur über Dekonstruktion möglich. Und zwar auf so imposante Weise, dass es sich fortan „die Matrix-Generation“ nennt:

Da ist eine Generation junger Leute, die sich selbst die Matrix-Generation nennt, so wie ich die Motown-Generation war. Das sagt viel.38.

Was ist nun der fundamentale Unterschied zwischen Mensch und Maschine? Der Mensch vermag mittels der Aufklärung Ursache seiner eigenen Handlung zu sein, wie es Kant postuliert hat. Er vermag auf diese Weise zu handeln ohne einer Doktrin zu folgen, denn genau das bedeutet Aufklärung: Zu Handeln und sich selbst die Gründe des Handelns zu geben. Die Maschine hingegen ist nur das, wozu sie jemand anderes macht, sie ist nicht ihr eigenes Prinzip, wie der Mensch, sondern bestimmt durch Fremdbestimmung. Dennoch soll an dieser Stelle die Maschine nicht degradiert werden. Wir können viel von ihr lernen, wenn wir uns dabei nicht selbst vergessen, denn Entfremdung beginnt dort, wo wir unser Handeln unter die Kontrolle von jemand anderem (seien es Maschinen oder maschinelles Denken selbst) stellen.

Quellennachweis

Primärquellen:

Filme

Andy Wachowski, Larry Wachowski: The Matrix, USA 1999.

Andy Wachowski, Larry Wachowski: The Matrix Reloaded, USA 2003a.

Andy Wachowski, Larry Wachowski: The Matrix Revolutions, USA 2003b.

Literatur

Antoine de Saint-ExupÈry: Flug nach Arras (1942), Hamburg 200339.

Georg-Wilhelm-Friedrich HEGEL: Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften I (Werke 8), Frankfurt am Main (1816) 20036.

Jean-Paul SARTRE: Der Existenzialismus ist ein Humanismus und andere philosophische Essays 1943-1948 (Philosophische Schriften 4), Hamburg 20022.

Ludwig WITTGENSTEIN: Tractatus logico-philosophicus. Tagebücher 1914 - 1916. Philosophische Untersuchungen (Werke 1), Frankfurt am Main 1984.

Sekundärquellen:

Filme und Dokumentationen

Josh Oreck:Return to Source. Philosophy & ‘The Matrix’, USA 2004a.

Gert SCOBEL: Auf der Suche nach Erlösung. Konsum als Ersatzreligion unserer Zeit (Sendereihe: “Delta“, 3SAT), 15.09.2005, URL: http://www.3sat.de/delta/86412/index.html.

Literatur

Kristen BRENNAN: Joseph Campbell, 1995-2005, URL: http://www.jitterbug.com/origins/myth.html [Stand: 01.03.2006].

Ian CARTER: Positive and negative liberty, in: Stanford Encyclopedia of Philosophy, 2003, URL: http://plato.stanford.edu/entries/liberty-positive-negative/ [Stand: 04.02.2006].

Sebastian GÖRNITZ-RÜCKERT: Ordnung braucht der Mensch! - Überlegungen zum Konstruktionsprinzip von Matrix (1. Teil) und der Notwendigkeit von Religion (2. Teil), 1997, URL: http://www.medienobservationen.uni-muenchen.de/artikel/kino/matrix.htm [Stand: 20.02.2006].

Thomas HEILMANN: The Matrix – Die Aporie eines Freiheitskampfes, 1997, URL: http://www.medienobservationen.uni-muenchen.de/artikel/kino/aporie.html [Stand: 20.02.2006].

Ralph Obermauer: Dreidimensionale Freiheit. Zum Freiheitsbegriff bei Theodor W. Adorno und Cornelius Castoriadis, in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie 6 (2005).

Tobias RAINOLD & Huân Vu: Analyse – Farben, 2001, URL : http://www.sphaerentor.com/matrix/index.php?file=browser.php&id=6 [Stand: 05.03.2006].

Martin Zwirner (Hrsg.): Die Bedeutung des Mädchens Sati, in: Matrix Revolutions für Dummies, 2005a, URL : http://www.matrix-architekt.de/artikel_dummies.htm [Stand: 14.01.2006].

O.V.: Die Logik von Matrix Reloaded und Revolutions: Vom Streit zwischen Chaos (Orakel) und Ordnung (Architekt), Entscheidung (Neo) und Bestimmung (Smith), in: Martin Zwirner (Hrsg.): Beiträge meiner Leser, 2005b, URL: http://www.starhtml.de/matrix/artikel_beitraege.htm [Stand: 16.01.2006].

Sequenzprotokoll:

1. Andy Wachowski, Larry Wachowski: The Matrix, USA 1999.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2. Andy Wachowski, Larry Wachowski: The Matrix Revolutions, USA 2003b.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

3. Josh Oreck:Return to Source. Philosophy & ‘The Matrix’, USA 2004a.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Erklärung

Die Unterzeichnete versichert, dass sie die vorliegende schriftliche Hausarbeit (Seminararbeit) selbstständig verfasst und keine anderen als die von ihr angegebenen Hilfsmittel benutzt hat. Die Stellen der Arbeit, die anderen Werken dem Wortlaut oder dem Sinne nach entnommen sind, wurden in jedem Fall unter Angabe der Quellen (einschließlich des World Wide Web und anderer elektronischer Text- und Datensammlungen) kenntlich gemacht. Dies gilt auch für beigegebene Zeichnungen, bildliche Darstellungen, Skizzen und dergleichen.

München 13.03.2006

[...]


1 Vgl. Zitat von Ken Wilbur S. 16

2 BRENNAN 1995-2005

3 HEGEL (1816) 20036: 183

4 Ebd.: 88

5 Ebd.: 94

6 Matthäus 5, 39

7 WACHOWKSI 2003b: Sequenz 9

8 GÖRNITZ-RÜCKERT 1997: Ausblick

9 HEILMANN 1997: Das Telefon

10 WACHOWSKI 2003b: Sequenz 32

11 U.V. 2005b: Superbrawl

12 O.V. 2005b: Smith = -Neo

13 WACHOWSKI 2003b: Sequenz 32

14 REINOLD 2001: Grün

15 Ebd.: Sequenz 1 (Audiokommentar)

16 WACHOWSKI 1999: Sequenz 17

17 WACHOWSKI 2003b: Sequenz 17

18 Ebd.: Sequenz 17

19 Siehe Joh. 20,29

20 WACHOWSKI 2003b: Sequenz 32

21 CARTER 2003: Negative and positive liberty

22 SCOBEL 2005: Besinnung und Stille – Der wahre Luxus?

23 OBERMAUER: 871

24 Ebd.: 872

25 ORECK 2004a: Sequenz 15

26 SARTRE (1943-1948) 20022: 168f

27 Ebd.: 170

28 WITTGENSTEIN 1984: 468

29 ORECK 2004a: Sequenz 18

30 SARTRE (1943-1948) 20022: 151

31 Exupery verknüpft an dieser Stelle den Begriff „Mensch“ mit dem Bildnis des Domes (, der immer dann gemeint ist, wenn er kursiv geschrieben wurde). Jeder Mensch ist Stein in diesem Dom und so für alle mitverantwortlich.

32 De SAINT-EXUPÈRY (1942) 200339: 139

33 Ebd.: 142f

34 Ebd.: 137

35 O.V. 2005c: Superbrawl

36 ORECK 2004a: Sequenz 1

37 ORECK 2004a: Sequenz 5

38 ORECK 2004a: Sequenz 18

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Details

Titel
Entfremdung, Erkenntnis und Selbstbestimmung in der Matrix-Trilogie
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Institut für deutsche Philologie, Fachbereich Neuere Deutsche Literatur)
Veranstaltung
"Mensch und Maschine"
Note
2,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
23
Katalognummer
V54856
ISBN (Buch)
9783656793922
Dateigröße
499 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
In dieser Arbeit habe ich verschiedene philosophische Ansätze (bei Hegel, Kant, Sartre und Wittgenstein) vereint, um so 1.) Entfremdung, 2.) Aufklärung (nach der Erkenntnis der Entfremdung) sowie das letztendlich höchste Ziel: 3.)Selbstbestimmung des Menschen zu erklären. Denn letztendlich vermag der Mensch viel mehr als das, was man ihn glauben läßt - ganz im Sinne des Films:"Erkenne dich selbst!" und "Free your mind!".
Schlagworte
Entfremdung, Erkenntnis, Selbstbestimmung, Matrix-Trilogie, Mensch, Maschine, Hegel, Dialektik
Arbeit zitieren
Nadine Ebert (Autor), 2006, Entfremdung, Erkenntnis und Selbstbestimmung in der Matrix-Trilogie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/54856

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