Karl Mickels Gedicht 'Odysseus auf Ithaka' - Eine Analyse


Seminararbeit, 2001
19 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1. Kulturpolitisches Klima der Sechziger Jahre
2.2. Lyrik und die „Sächsische Dichterschule“
2.3. Mythen. Eine Einführung.
2.4. Antike Mythen im Sozialismus
2.5. Die Odysseusfigur in der Tradition der DDR -Literatur

3. Gedichtanalyse und Interpretation
3.1. Inhalt
3.2. Form
3.3. Analyse
3.4. Interpretation

4. Schluß

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Thema dieser Hausarbeit soll das Gedicht „Odysseus in Ithaka“[1] von Karl Mickel sein, welches ich analysieren und interpretieren möchte. Karl Mickel, der eine Professur für Versmaß und Diktion an der Berliner Schauspielschule „Ernst Busch“ innehatte, verstarb am 20. Juni 2000. Er galt als einer der „gescheitesten, theoretisch und poetisch geschultesten in dieser Gruppe [Sächsische Dichterschule, d. A.]“[2], aber auch als einer der am wenigsten bekannten Lyriker der DDR. In zweiter Existenz Wissenschaftler, - Wirtschaftshistoriker, was in seinen Gedichten, die immer wie eine künstlerische Weiterführung seiner analytischen Thesen und Beobachtungen wirken, zum Ausdruck kommt.

Das Gedicht „Odysseus in Ithaka“, im Band „Vita nouva mea - Mein neues Leben“ im Jahre 1966 veröffentlicht, steht einerseits in der Tradition der Verarbeitung antiker Mythen in der Literatur der DDR der sechziger Jahre, muß aber anderseits wegen seinem negativen und gesellschaftskritischen Entwurf und der Lyrikauffassung, die sich gegen tradierte Formen und vorgegebenen Darstellungen widersetzt Ausnahme gelten. Im Mittelpunkt meiner Arbeit soll dabei die Frage nach der Bedeutung des Mythos und im Speziellen, des Odysseus Mythos in der DDR-Literatur stehen. Es wird sich dann eine Analyse und Interpretation dieses Gedichtes anschließen. Karl Mickels Odysseus stellt sich nach der Rückkehr von zehnjähriger Irrfahrt die Frage nach der ´Heimat` Ithaka, die ihm nun entfremdet und vergreist erscheint. Der Mythos wird von Mickel als Maske einer anderen Frage, der Frage nach der Ankunft bzw. der sozialistischen Heimat benutzt. Karl Mickel, als „Marxist in Preußen[3] “ argumentiert streng nach marxistischen Grundsätzen und verwirft schließlich die Heimat, die in den gegenwärtigen Verhältnissen utopisch ist. Kritisiert werden mit dem Verwerfen der Heimat DDR die kulturpolitische und die ästhetische Enge des sozialistischen Realismus der sechziger Jahre, aber es wird auch der geschichtsphilosophische Entwurf dieser Jahre in Frage gestellt. Karl Mickel problematisiert dabei die Frage nach den gegenwärtigen Bedingungen der sozialistischen Gesellschaft und ihrer Entwicklung und den sie dabei antreibenden Faktoren.

2.1. Kulturpolitisches Klima der Sechziger Jahre

Literarisch prägte die sechziger Jahre vor allem der Mauerbaus 1961, der eine erzwungene Selbstkonzentration- und auseinandersetzung mit den eigenen Bedürfnisse und konkreten Lebensverhältnisse zur Folge hatte. Eine Orientierung an der modernen „westlichen“ Literatur war nur sehr eingeschränkt möglich und wurde erst verspätet in den achtziger Jahren nachgeholt. In der Phase der literarischen „Selbstkonzentration“ gingen aber auch einschneidende strukturelle Veränderungen der DDR - Gesellschaft, wie die abgeschlossene Kollektivierung der Landwirtschaft und die Einführung des „Neuen ökonomischen Systems der Planung und Leitung“ von statten.

Auf der I. Bitterfelder Konferenz (1959) beschloss man den „Bitterfelder Weg“, denn nach marxistischer Auffassung muß auch Literatur im Kontext der gesellschaftlichen Realität gesehen und verstanden werden. Das „Bitterfelder Modell“ sollte beide Seiten der Gesellschaft, die gesellschaftliche Basis, die Produktionsverhältnisse und die Arbeiter und den gesellschaftlichen Überbau, hier die Künstler und vor allem die Schriftsteller, so verbinden, daß beide künstlerisch produktiv werden können. Das Verhältnis von Überbau und Basis wurde verschieden akzentuiert, so forderte man im Zuge des „sozialistischen Realismus“ eine Darstellung der objektiven Wirklichkeit im Kunstwerk. Die Kunst sollte, nach George Lukács die gesellschaftliche Wirklichkeit, die ja zuerst existiert und sich dann in der Literatur wieder findet, sich bis zur „Totalität des Lebens“ widerspiegeln. Der Dichter bzw. Künstler fungiert als Vermittler und gibt den Kunstwerk die Form, die wiederum Ausdruck der gesellschaftlichen Realität ist. Kunstwerke, vor allem des 20. Jahrhunderts die mit den Mitteln der Ver- und Entfremdung, Montages oder aber mit subjektiven Innensichten arbeiteten, konnten dementsprechend nicht die gesellschaftliche Wirklichkeit widerspiegeln, entsprachen nicht der gewünschten “realistischen“ Darstellung und wurden mit Etiketten wie „dekadent“, „modernistisch“ und „kosmopolitisch“ besetzt und schließlich aus dem offiziellen literarischen Kanon ausgeschlossen. In den aus dieser „realistischen“ Auffassung entstandenen Werke, die meist der sozialistischen Produktion bzw. Arbeitswelt verpflichtet waren, wurden Charaktere geschaffen, die das Gesetzmäßige und Typische[4] verkörperten. Dem Leser wurde mit der Darstellung eines positiven und vorbildhaften Heldens, ein Identifikationsangebot gemacht, das im Sinne des sozialistischen Realismus war. Im Vordergrund standen dabei die Integration des Individuums in das Kollektiv und dessen Norm, aber nicht das Individuelle bzw. individuelle Handlungsstrategien, die zwangsläufig zu deren Verlust führen mußte. Die vorrangigen Ziele des „Bitterfelder Weges“ waren vor allem die stärkere ideologische Bindung der Bevölkerung an die Partei und der Ausbau ihrer führenden Rolle, in kulturellen wie in ästhetischen Fragen. Kultur und vor allem Literatur wurde ihres Autonomiecharakters enthoben und zur einer mechanischen und planbaren „Produktionsziffer“[5] stilisiert. Konsequenz dieser hermetischen Kulturpolitik war, daß man nun verstärkt gegen die Künstler vorgehen konnte, die sich diesen Auffassungen verweigerten und sie aus dem kulturpolitischen Leben „entfernte“. Der von der Bewegung des „Bitterfelder Weges“ ausgehende Impuls konnte nicht überzeugen, denn man hatte einsehen müssen, daß Ästhetik bzw. Kunst im Allgemeinen sich nicht allein auf Widerspiegelung der Wirklichkeit festlegen läßt, sondern mehr sein muß.

2.2. Lyrik und die „Sächsische Dichterschule“

Die „Sächsische Dichterschule“, ein von Adolf Endler geprägter Begriff, impliziert durch ihren Titel Formation und Geschlossenheit, aber eher das Gegenteil war der Fall. Es handelt sich vielmehr um eine lose zusammen gewürfelte Gruppe, deren Mitglieder fast alle aus Sachsen kamen, die keine programmatische Ästhetik, sondern die das Bedürfnis nach mehr Individualität, Subjektivität und ästhetischer Neuorientierung, abseits von didaktisch-moralischen Lehrstücken in der Lyrik verband. Eine Besonderheit dieser Gruppe sind die vielfältigen intertextuellen Verweise, das Zitieren und Kommentieren untereinander[6]. Die Gruppe um Adolf Endler, Sarah und Rainer Kirsch, Volker Braun, Heinz Czechowski, Bernd Jentzsch und Karl Mickel erlangte zur Zeit der „Lyrikwelle“ in den sechziger Jahren erstmals öffentliche Beachtung und wurde Gegenstand erregter Diskussionen und Debatten, wie beispielsweise die „Forumdebatte“, die durch das Erscheinen der Lyrikanthologie „In diesem besseren Land“ (herausgegeben von Karl Mickel und Adolf Endler) ausgelöst wurde. Worin bestand die politische Provokanz dieser Gruppe, die ja nicht angetreten war, der Idee des Sozialismus abzuschwören, sondern ihn seinen marxistischen Grundfesten bejahte[7] ? Provokant war jene eigene ästhetisch-autonome Stimme, die sich produktiv einbringen wollte, für sich einfordert, ein Mitspracherecht an dem sozialistisch verstandenen Land zu haben, sich aber gleichzeitig einer gesellschaftlichen Nützlichkeit und dem Kollektivgeist, wie sie die Kulturpolitik forderte, versperrte. Der „neue Mensch“, die allseitig gebildete sozialistische Persönlichkeit, wird von der neuen Generation anders interpretiert: als ein Ich, das seinen Anspruch auf eigene Subjektivität formuliert und sich auch widersprüchlich gegenüber den sozialistisch-moralischen Idealen verhält. Nicht nur daraus sollte, das lyrische Ich seine produktive Kraft beziehen, sondern auch aus den realen Gegensätzen zwischen Individuum und Gesellschaft, die in den sechziger Jahren immer stärker zu spüren waren. Elke Erb formulierte den Anspruch der neuen Lyrik so: „Keine lehrhaft arrangierte Identität mehr, die das Subjekt strukturlos und poetisch inaktiv machte.“[8] Hier von einer „neuen Lyrik“ der „Sächsischen Dichterschule“ zu sprechen, muß kritisch gesehen werden, blieben sie doch den alten ästhetischen Normen[9] und dem Sprach- und Motivmaterial sowohl der Klassik, deren sich insbesondere Mickel bediente, als auch der neueren Literatur - Vorbild war unter anderem Brecht und sein baalsches Weltgefühl, so gehörten Sauf- und Freßorgien zur motivischen Ausstattung[10] - zu verhaftet[11], um sich entsprechend zu emanzipieren. Sie suchten vielmehr ihren Platz in der „Literaturgesellschaft“[12] DDR. Die „Sächsische Dichterschule“ forderte zwar mehr Subjektivität des lyrischen Ichs und versperrte sich gegen allzu oberflächliche Deutungen, aber gänzlich neue ästhetische Formexperimente mit dem „Ich“ oder andere Formen der wie die der Entfremdung oder Montage wurden eher selten gewagt, häufiger war der Rückgriff auf die „Klassiker“.

[...]


[1] In: Mickel, Karl: Vita nouva mea. Mein neues Leben, Gedichte, Berlin 1966. S.15ff.

[2] Emmerich, Wolfgang: Kleine Literaturgeschichte der DDR, erweiterte Neuausgabe, Berlin 2000. S. 232ff.

[3] Ebd. S. 232ff.

[4] Die Theorie des „Typischen“ ist Grundlage der Theorie des ästhetischen Realismus bei George Lukács. Hier hat der Künstler die Aufgabe, typische Charaktere, Handlungen und Situationen darzustellen, in denen das Einzelne mit dem Allgemeinen verschmilzt und das Besondere zum Vorschein kommt. Konsequenz dieses Verfahrens ist, daß alle Werke, die dieses „typische“ Element nicht enthalten, nicht realistisch sind und demzufolge ausgeschlossen werden. Vgl. Zima, Peter V.: Literarische Ästhetik, Tübingen 1995. S. 74ff.

[5] Vgl. Grothe, Joachim-Rüdiger: Widersprüche. Literatur und Politik in der DDR 1949 - 1989, Frankfurt am Main 1994. S. 55 - 86. Hier S. 56ff.

[6] Vgl. dazu Berendse, Gerrit-Jan; Die „Sächsische Dichterschule“. Lyrik in der DDR der sechziger und siebziger Jahre, Frankfurt am Main 1990. Er versucht in seiner Arbeit, die intertextuellen und kommunikativen Strukturen und Querverbindungen der Gruppe methodisch zu erfassen.

[7] Dieser staatsaffirmative Charakter, der noch vorhandene Glaube an die Utopie Sozialismus, wurde Mitte der sechziger Jahre, nach einem weiteren „Desillusionierungsschub“, aufgegeben. Vgl. dazu Geist, Peter: Sich wieder lebendig lachen, Berliner Zeitung vom 20.09.2000.

[8] Zit. nach Emmerich, Wolfgang: a.a.O., S. 227ff.

[9] Die ästhetischen Normen der Klassik und des bürgerlichen Realismus des 18./19. Jahrhunderts galten, u.a. von Lukács protektiert als überzeitliche Maßstäbe der Ästhetik. Ebd., S. 120ff.

[10] Vgl. hier auch „Der See“ von Karl Mickel, In: Wüst, Karl Heinz: Sklavensprache. Subversive Schreibweisen in der Lyrik der DDR 1961 - 1976, Frankfurt am Main, 1989, S. 263ff.

[11] Vgl. Berendse, Gerrit-Jan, a.a.O., S. 29ff.

[12] Emmerich, Wolfgang, a.a.O.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Karl Mickels Gedicht 'Odysseus auf Ithaka' - Eine Analyse
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für deutsche Sprache und Literatur)
Veranstaltung
Seminar
Note
1,7
Autor
Jahr
2001
Seiten
19
Katalognummer
V54866
ISBN (eBook)
9783638499750
ISBN (Buch)
9783656650263
Dateigröße
499 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Karl, Mickels, Gedicht, Odysseus, Ithaka, Eine, Analyse, Seminar
Arbeit zitieren
Manuela Lück (Autor), 2001, Karl Mickels Gedicht 'Odysseus auf Ithaka' - Eine Analyse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/54866

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