Gotik und ihre Rezeption. Die St. Johanniskirche Lüneburg


Seminararbeit, 2019

40 Seiten, Note: 6,0


Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1 Forschungsstand

2 Lüneburg: Stadtgeschichtliche Grundlagen
2.1 St ädtebaulicher Kontext, Siedlungsgeschichte und Sozialtopographie
2.2 Baugeschichte des fr ühgotischen (Backstein-)Baus
2.3 Baubeschreibung der St.-Johanniskirche

3 Rezeption der St. Johanniskirche: Kunstgeschichtliche Stellung

4 Übernommene Motive und vergleichbare Architekturbilder

5 Schlussbetrachtung – Zur Stellung der St. Johanniskirche

I Literatur- und Quellenverzeichnis

II Abbildungsverzeichnis

Einleitung

Südöstlich von Hamburg, in 50 Kilometer Entfernung, befindet sich die Hansestadt Lüneburg. Am Ilmenau Kanal, der aus der Elbe entspringt und beide Handelsstädte durch die Wasserführung verbindet, siedelte sich die Stadt im Jahr 1267 und 1269 als Fürstentum an (Abb. 10). Die erste urkundliche Erwähnung datiert die Stadt im Jahr 956, das Kloster St. Michaelis existierte bereits.1 Erreicht man Lüneburg über den Bahnhof, so trifft man schnell auf die gotische Backsteinkirche, die Lüneburgs Stadtbild sowie das angrenzende Sande prägt (Abb. 9). Der schiefe Kirchturm tut sich aus der Entfernung von fast allen Einfahrtswegen am Horizont auf und befindet sich seit über 700 Jahren im Kern der Altstadt.2 Die Erbauung der jetzigen Kirche, schlicht und durch Masse und Fläche wirkend, wird auf 1289 bis 1463 datiert (Abb. 14, 7).3

Die St. Johanniskirche entstand unter dem Gesichtspunkt der sakralen Zweckbestimmung. Der Backsteinbau, der dem Täufer Johannes geweiht wurde, sollte primär als Taufkirche genutzt werden.4

Die Backsteingotik gliedert sich in eine als Epoche empfundene Zeit, die Gotik, welche sich zwischen 1200 und 1500 unter diesem Begriff klassifiziert.5 Es tut gut, sich diesen Zeitraum und den damit verknüpften Abschnitt der Architekturgeschichte nach vorne und hinten offen zu halten, da diese spätmittelalterliche Periode explizit in Deutschland unterschiedliche Wellen schlug.6 Die Backsteingotik kann als ein eigenständiger Stil der Gotik beschrieben werden, da der Backstein mit eigenem Charakter verbaut wurde. Die statische Ausführung in Backstein unterscheidet sich von der aus Werkstein.7

Die Benennung des Epochenbegriffs gestaltet sich als schwierig, da im Vergleich etwa zur romanischen Kunst und Architektur weitaus mehr Werke vorhanden sind und die Gestaltungs-und Produktionskraft überaus umfangreich war.8 Populäre Bauten aus diesem Zeitraum wie der Dom zu Verden, geben einen klaren Anhalt und strukturieren die gotische Begrifflichkeit.9 Zwischen 1273 und 1313 entstand in Verden erstmals ein gotischer Hallenumgangschor, der sich wiederum am Chorgrundriss der Reimser Kathedrale orientiere. Der Verdener Dom befolgt in seiner Ausführung dem hochgotischen Architektursystem und genießt dadurch einen hohen Stellenwert; gleich ob in der Ausführung oder als Rezeptionsvorbild.10

Die neue Bauweise prägte Architekten des Jahrhunderts und übertrug sich auf zahlreiche Kirchen, die der gotischen Kirchenbaukunst zugesprochen werden.11 Lüneburgs Stadtbild ist gleichfalls von der St. Michaeliskirche (14. Jahrhundert) im Westen der Altstadt und der St. Nicolaikirche (15. Jahrhundert) im Wasserviertel geprägt. Backstein wurde bei beiden Bauten als Hauptbestandteil eingesetzt (Abb. 25).12

Lange war der gotische Begriff negativ konnotiert, geprägt von Humanisten wie dem Maler und Kunsthistoriker Giorgio Vasari (1511-1574) im Zeitalter der Renaissance, die den italienischen Begriff ‚gotico’ für ‚barbarische’ Architektur (wörtliche Übersetzung) und den eigenen Stil verwendeten.13 Im späten 18. Jahrhundert änderte sich diese Sichtweise und der Stil, als auch der Begriff wurden wieder aktuell.14

Wenn der Diskurs der Rezeption der gotischen Architektur fortgeführt wird, so sollte bewusst sein, dass die Gotik eine eigene Rezeption auf vorherige Epochen und somit deren Künste und Wissenschaften integriert. Zurückgegriffen wird vor allem auf die vorherrschende Periode des frühen Mittelalters und der Romanik, von denen wichtige Bestandteile in die gotische Architektur als Basis beziehungsweise Ausgangslage in die Architektur einflossen. Man sollte in jeder Hinsicht in Frage stellen, was den gotischen Stil prägte und wie sich dieser wiederum reflektierte, Rezeptionen erfuhr, um die Wirkung dieser Periode nachzuvollziehen. Um eine Untersuchung vornehmen zu können, richtet sich diese Arbeit nach der allgemeinen Einteilung der Periode, die als kollektiver Zeitstil verstärkt im genannten Abschnitt wirkte. Rezeption, die Auf- und Übernahme eines Kulturguts, entwickelte sich in der gotischen Architektur eigendynamisch.15 Diese Arbeit möchte den Blick auf die St. Johanniskirche richten, da diese als gründende Stadtkirche und als Vorbild für zahlreich folgende Backsteinkirchen im norddeutschen Raum gilt. 16 Die Tatsache, dass Gotik in der Vergangenheit aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet wurde, sich die Meinungen veränderten und der Stil zu einer starken Beeinflussung von Kunst und Architektur führte, verdeutlicht wie relevant die Gotik für Kulturen erschien. Die Gotik, explizit der gotische Stil, erfuhr Rezeptionen von den nachwirkenden Kulturen. Als erster Kunststil durchdrang er das gesamte zeitgenössische Leben.17 Denkt man an den Brand von Notre-Dame in Paris im April 2019, so wird deutlich, wie bedeutend und gleichsam gegenwärtig die Gotik und ihre Bauten für Menschen sind. Ein einzigartiger Stil einer Periode, welche lange zurückliegt, hat sich fest verankert und wirkt in einer manifesten Ausstrahlung. Einer der Gründe, weswegen der gotische Stil oft als Vorlage zur Rezeption diente. Gotik wirkt allgegenwärtig. Es erscheint interessant zu betrachten, wie sich diese Rezeption auswirkte und welche Bedeutungen die Gotik an dieser Stelle erfuhr. Die gewählte Kirche bietet ein wegweisendes Exempel eines Backsteinbaus, der als einer der ersten backsteingotischen Bauten im norddeutschen Raum eine eigene Vorbildfunktion verkörperte. Ebenso lässt sich an der St. Johannis eine strukturelle Rezeption an gewählten, gotischen Vorgängerbauten ausmachen. Diese Arbeit soll die Fusionierung aufzeigen und ihre Wirkung reflektieren.

1 Forschungsstand

Als Basiswerk der St. Johanniskirche in Lüneburg stützt sich zahlreiche Literatur auf die 1967 publizierte Dissertation von Jürgen Michler, die er an der Georg-August-Universität Göttingen verfasste. Michler untersucht in seiner Arbeit explizit die St. Johanniskirche und widmet sich gleichsam der „Lüneburger Gruppe“, als auch der gesamten Bautengruppe im nordöstlichen Niedersachsen. Die „Lüneburger Gruppe“ wird allgemein in der kunstgeschichtlichen Literatur unter dem Gesichtspunkt akademischer Provinzialität außen vorgelassen.18 In Betrachtung auf die Rezeption ist die „Lüneburger Gruppe“ von hoher Relevanz. Noch vor Michler zog Mithoff Parallelen zwischen einzelnen Bauten aus Norddeutschland.19 „Nördlich der Alpen“ ist eine häufig verwendete regionale Verortung, wenn von der Gruppierung in Norddeutschland gesprochen wird.20

Beide Autoren, Michler und Mithoff, zeigen in ihren Untersuchungen deutlich, dass es Zusammenhänge zwischen der St. Johanniskirche und anderen Bauten gibt. Bei der St. Johannis sind außen und innen klare Bezüge in der Bauweise festzumachen, gleichfalls war die Kirche Voraussetzung für Bauten der Backsteingotik in und um die Hansestadt.

Es werden immer wieder Vergleiche und Zusammenhänge zwischen einzelnen Bauten aufgezeigt sowie auf die Prägungen der Gotik eingegangen. Als typische Vertreter der deutschen Spätgotik gelten hier die Stendaler Bauten – Burmeister und Renger-Patzsch erforschten in den 40er Jahren norddeutsche Backsteindome und erschlossen erstmals den Zusammenhang zur „Lüneburger Gruppe“, als auch das selbstständige Bestehen der Backstein-Hallenkirchen in Lüneburg (Abb. 20).21 Michler erschloss in seiner Dissertation den genauen Zusammenhang der Hallenkirchen, welche prägend für die Stadtbilder in Norddeutschland waren.22 Auf einer Karte Michlers lässt sich übersichtlich die Ausbreitung und der Zuwachs in untergliederten Phasen nachvollziehen (Abb. 24). Ein weiterer Forscher im Gebiet der „Lüneburger Gruppe“ sowie zur Backsteinarchitektur ist Hansjörg Rümelin, der zur St. Nicolaikirche und zur Michaeliskirche publizierte.23 Die St. Johanniskirche ist in seinen Untersuchungen stets involviert.

2 L üneburg: Stadtgeschichtliche Grundlagen

2.1 St ädtebaulicher Kontext, Siedlungsgeschichte und Sozialtopographie

Um zu reflektieren, wie und warum sich in Lüneburg Bauten der Backsteingotik ansiedelten, muss man gleichsam die Siedlungsgeschichte der Stadt im Blick haben, die sich bereits um 956 zu ihrer heutigen Region entwickelte. 24 Keyser geht davon aus, der die mittelalterliche Siedlungsgeschichte untersuchte, dass die Archidiakonatskirche St. Johannis um 900 entstanden sein dürfte.25

Die Stadt bildete sich aus mehreren Siedlungen. Die Ortschaft Modestrope, welche heute mit ihrem Namen vollständig mit der Stadt verschmolzen ist, war der Ort, an dem man sich entschloss eine Taufkirche zu errichten.26 Die spätere Stadt Lüneburg bestand zur Zeit der Erbauung der Kirche aus getrennten Siedlungen, eine um den Kalkberg und eine um die Salzquelle gruppiert.27

Lüneburg wird in der forschenden Literatur häufig auf den Begriff der Backsteingotik reduziert, denn mit diesem Baustil beginnt die überlieferte Ziegelsubstanz der Stadt. Die Backsteingotik prägte neben der Hansestadt jedoch den gesamten norddeutschen und nordosteuropäischen Raum, hält eine eigene Sonderstellung inne und entwickelte sich zwischen dem 13. und 16. Jahrhundert durch wirtschaftlichen Faktoren. Die Hanse prägte so unweigerlich die Backsteinarchitektur, die durch Wohlstand und Beziehungen zwischen den Städten gefördert wurde. Bis nach Russland, Belgien, den Niederlanden, Frankreich oder dem Baltikum lässt sich der Austausch reflektieren – heute hat man hierzu eine „Europäische Route der Backsteingotik“ für Kulturinteressierte auf Grundlage der Forschung entwickelt.28 Die Untersuchungen zur Ziegelherstellung und Geologie sind meistens allgemein gehalten und richten ihren Fokus nicht auf Lüneburg.29 Publikationen zum Ziegel in Norddeutschland und den damit verbundenen Einsatz bei Bauten, lassen sich u. a. bei Sande-Berke, Schumann, H. J. Böker und Krüger finden, die sich auch mit historischen Schriften in ihren Publikationen beschäftigt haben.30

Der Reichtum der Stadt, steht im unmittelbaren Zusammenhang mit dem Zusammenschluss der Kaufleute zur Kaufmannshanse. Die Stadt Lüneburg gilt hier mit dem Salzhandel als ein wichtiger, wirtschaftlicher Partner, der vordergründlich im Ostseeraum wirkte. Das Salz, welches unter der Stadt im Gestein liegt, wurde abgebaut und über den Seeweg distribuiert. Der Rohstoff brachte der Stadt und den Menschen den Reichtum, als auch wirtschaftliche Liquidität, um Häuser aus Stein zu bauen.31 Heute kämpft die Stadt mit den Folgen der Absenkung, da durch den Salzabbau Hohlräume im Gestein geschaffen wurden. Der Boden ist überaus instabil, heute an vielen Stellen unbebaubar. Die Erde sackt an vielen Teilen der Stadt ab, wodurch sich starke Senkungsschäden in historischen (Backstein-)bauten ausmachen lassen. Viele Gebäude wurden auf Grund der immensen Schäden abgerissen.

Von Relevanz ist, dass durch den Salzhandel die Region an Bedeutung gewann. Modestrope, damals noch Vorort des Archidiakonat-Bezirks, bekam als Transportort einen höheren Stellenwert. Strasser führt als einen Beleg für die Bedeutsamkeit der Region und der St. Johanniskirche die erstmalige Nennung des Geistlichen Richmarus im Jahr 1174 an.32

2.2 Baugeschichte des fr ühgotischen (Backstein-)Baus

Der Baustil der Gotik hat seinen Ursprung im nördlichen Frankreich und übertrug sich in individueller Formsprache auf umliegende Länder; Deutschland wurde durch geographische Nähe besonders geprägt.33 An der Rheinachse mit Nähe zur französischen Grenze entstanden bis zum 13. Jahrhundert die ältesten deutschen Architekturbeispiele der deutschen Gotik.34 Ostfranzösische Landschaften mit eigener Formsprache, wie beispielsweise Chartres oder Bourges, waren Vorbild für die deutsche Architektur. 35 In der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts entwickelten sich in der nordfranzösischen Architektur konkrete Lösungen, Wandorganisationen mit einem Ausgleich zwischen Form und Funktion, die hier erstmals baulich verwirklicht wurden.36 Abt Suger von Saint-Denis (1081-1151) war es, der als Bauherr den ersten gotischen Umgangschor realisierte, im Norden Frankreichs.37

Das Fundament des Baustils entspringt der Bautradition der Romanik. 38 Durch die „Vorarbeit“ der Romanik, konnte sich die Gotik mit einer Schnelligkeit zum autonomen Stil entwickeln.39 Das Vokabular der Romanik wurde integriert. Die Gotische Architektur entfaltete sich. Die Bauanatomie wurde auf funktionale und ästhetische Formen gerichtet. Kontakt unter den Städten spiegelte sich in der Architektur.

Es entwickelte sich zu Beginn der gotischen Periode ein eigener Baustil, der sich auch in Ländern wie England ausprägte.40 Im Norden Italiens, in Spanien, im Süden Frankreichs und nördlich der Alpen entstanden während der gotischen Bauperiode, Gebäude in Backsteinarchitektur. 41 Bauten, sehr unterschiedlicher Gattung, erhielten das Vokabular gotischer Architektur, oft in Kombination mit heimischen Traditionen und Synthese von regionalen Baumeistern: Kathedralen, in erster Linie in Frankreich, Pfarrkirchen, Stiftskirchen, Klosterkirchen, vornehme Häuser, Herrschaftssitze, vornehme Häuser, Festungen oder öffentliche Gebäude wurden im Stil der Zeit und Region gestaltet. Gotische Architektur, ganz gleich ob bei sakraler oder profaner Architektur, war ein Zeichen von demonstrativ eingesetztem Reichtum. 42 Im Zeitraum von 1180 bis 1270 wurden schätzungsweise 80 Kathedralen im gotischen Stil errichtet.43 Frankreich galt als Vorbild für die Gotik in der deutschen Baukunst. Die klassische, französische, dreiteilige Einteilung der Hochwände in Sakralbauten (Pfeilerarkade, Triforium, Fensterzone) wurde durch den Wechsel auf basilikal angelegte Kirchen mit einer Zweiteiligkeit (ohne Triforium) reduziert. Diese Entwicklung lässt sich bei fast allen zwischen 1250 und 1300 erbauten Basiliken in Deutschland erkennen.44 Grundsätzlich wurden in der gotischen Bauperiode primär Hallenkirchen in Deutschland gebaut. Im 12. Jahrhundert entstand in Soest die „Hohnekirche“ mit gotischen Zügen, im westfälischen Billerbeck um 1234 die Johannis-Kirche - zwei Beispiele aus der Anfangsphase gotischer Hallenkirchen in Deutschland.45 Ein anderes Beispiel einer deutschen Bauinterpretation der französischen Architektur ist der Mindener Dom. Der Bau ist vollkommen „unfranzösisch“, das Langhaus jedoch hochgotisch angelegt und schafft zudem einen eigenen Raumeindruck durch große Maßwerkfenster (Abb. 13).46 Deutsche Bauten wie in Minden waren prägend und dienten der Rezeption in Kunst und Architektur. Frankreich und Deutschland sind in ihren gotischen Architekturbildern eng verknüpft. Direkte Rezeption erfuhr beispielsweise die hochgotische Palastkapelle Sainte-Chapelle in Paris, die Vorbild für den Aachener Dom war (Abb. 11 und 12).47 Es lässt sich sagen, dass gotische Formen individuelle Interpretation und Rezeption erfahren haben. Die Vergangenheit wurde durch die Formen nicht zerstört, sondern ästhetisch ergänzt und erweitert.

Viele Wege der Gotik führen über Norddeutschland, fast alle Wege zur Backsteinarchitektur führen über Lübeck. 1160 wird der Bischofssitz von Oldenburg nach Lübeck verlegt.48 1266 baut man am Lübecker Dom einen gotischen Chor, der Vorbild für gotische Backsteinarchitektur entlang der Ostseeküste wird und nachfolgende Bauten beeinflusste.49 St. Nikolai in Stralsund, das Münster des Klosters in Bad Doberan, St. Marien in Rostock, St. Marien und St. Nikolai in Wismar und der Dom zu Schwerin sind Backsteinbauten, welche den Lübecker Dom rezipieren. 50 Das Konzept vom gotischen Chor aus Lübeck ist in den nachfolgenden Bauten oft wiedererkennbar. Er gilt als ein frühes Beispiel und als Vorbild für den gotischen Hallenumgangschor, neben dem Verdener Dom von 1028, welcher schon über ein Jahrhundert früher mit Backsteinen erbaut wurde.51

Die neue Form des Umgangschors wird im 14. Jahrhundert im nördlichen Teil Deutschlands, in Kombination mit der Halle, eine oft genutzte Form der Kirchenarchitektur, die sowohl ästhetisch als auch praktisch ihren Nutzen Erwies.52 Der grundsätzliche Aufbau des Lübecker Doms mit einer Dreischiffigkeit, Maßwerk, Chorumgang und Kapellenkranz, ist von der basilikal angelegten Marienkirche rezipiert, die gleichsam als Kernbau der Backsteingotik gilt (Abb. 5). 53 Die Marienkirche in Lübeck, 1277 bis 1351 erbaut, gilt als „Mutter der Backsteingotik“.54 Die hochgotische Basilika mit kathedralähnlichem Aussehen war ein bis dato ungewöhnlicher Bautyp im norddeutschen Backsteingebiet. Besonders an der Marienkirche ist, dass der Chor in der Form eines Kranzes mit dreiseitig hervortretenden Kapellen konzipiert ist. Die Kapellen sind mit den Jochen jeweils zu Sechsecken mit gemeinsamen Kreuzrippengewölbe zusammengezogen und nicht entlang des Chorumgangs angeordnet (Abb. 5, 19).55

Backstein ist der „lokale“ Baustoff, der die Stadtlandschaften in Norddeutschland bis heute prägt. Neben der St. Johanniskirche wurde ein großer Teil der Lüneburger Altstadt aus diesem Material gebaut, so auch das Rathaus.56 Im Stil der gotischen Backsteinarchitektur wurden auch in Lübeck, Hannover, Rostock, Stralsund, Thorn, Danzig, Brandenburg, Frankfurt an der Oder, Grimmen, Marienburg oder Tangermünde an der Elbe, Rathäuser aus Backstein als dominantes Bauwerk im Kern der Stadt errichtet.57

Backsteingotik siedelte sich vornehmlich in den Regionen an, in denen es keine oder nur wenig Möglichkeiten vom Abbau von Gestein als ausgehendes Baumaterial gab. In Norddeutschland, einer flachen Region mit wenigen Bergen aber viel Tonvorkommen, entwickelte sich im 12. Jahrhundert eine Produktionsstätte für Backstein als Baumaterial.58 Der Backstein entstand somit aus einem Mangel an Naturstein.

Die Herstellung erfolgte aus gereinigtem Ton und einem Sandgemisch. Ton und Sand wurden einen Winter lang dem Frost ausgesetzt, in Holzformen gestrichen, getrocknet und nach der Anpassung von Form oder Optik (Glasierung beispielsweise) formgebend verwendet.59

2.3 Baubeschreibung der St.-Johanniskirche

Der Bau der heutigen St. Johanniskirche erfolgte in mehreren Phasen (Abb. 23). Die genaue Abfolge der Baugeschichte ist unklar und mit wenigen Quellen zu belegen. Exakte Daten für den Baubeginn fehlen.60 Der erste Bauabschnitt wird laut Voigt von 1289 bis 1308 datiert, Hochchor und drei innere Schiffe entstanden in dieser Phase.61 Diese Abschnitte begreifen den Bau als einen massiven Steinbau, der seine Anfänge nahm. Der Vorgängerbau wird dem achten Jahrhundert zugeschrieben (Abb. 1). 62 Erweiterungsbauten fanden am Turm (obere Turmseitenkapellen und Turmgeschosse), am Langhaus (äußere Seitenschiffe mit Seitenkapellen) und am Chor (Nebenchöre mit Kapellen, Lektoren und Seitenkapellen) statt.63 Festzumachen sind die Bauetappen mit dem bloßen Auge am unterschiedlichen Backstein- und Ziegelmaterial.

Die Gesamt-Disposition der Kirche ist ein dreischiffiges Langhaus mit Westturm zum Sande mit einschiffigen Chor (Abb. 2, 7, 8). Diese Form des Kirchenbaus ist besonders in Norddeutschland geläufig und wurde allgemein oft rezipiert. Ein besonderes Merkmal ist, dass die Seitenschiffe zum Mittelschiff fast gleich hoch sind. Dem Typus einer Basilika mit niedrigen Seitenschiffen wirkte die Kirche ihrer Zeit sehr „modern“ entgegen.64 In einer späteren Phase wurde die Kirche auf insgesamt fünf Schiffe erweitert. Kapellen wurden angebaut, die Kirche nahm mit der Zeit an Größe und (Raum-)Dimension zu. Zwischen 1475 und 1463 wurde die Kirche mit Nebenchören und Emporen im Osten erweitert (Abb. 16-19).65 Der Turm hat eine starke Abweichung vom Lot (1,30m nach Süden und 2,20m nach Westen), sodass der schiefe Westturm ein besonderes Merkmal der St. Johanniskirche darstellt (Abb. 14).66 Im 15. Jahrhundert wurde der Turm durch einen Brand zerstört, die Neuerrichtung war identisch mit dem Originalturm.67 In den Jahren 1970 bis 1975 erneuerte man den gesamten Helm, eine Stahl-Holz-Konstruktion wurde dafür verwendet, da der alte Helm durch den Holzwurm zerstört war.68 Die äußere Schale ist mit patiniertem Kupfer ummantelt, welches sich Türkis verfärbt hat.

„Wer den Mut hat, auf den Turm zu steigen, wird belohnt durch eine herrliche Aussicht und den Anblick prächtiger alter Glocken, von denen die riesige Apostelglocke mit fast zwei Metern Durchmesser die hervorragende ist. Sie lässt schon seit 1436 ihre feierlichen Klänge über die alte Stadt hin erschallen.“69

Die Kirche enthält bis heute original gotische Kunst, darunter einen großen Hochaltar, der von beiden Seiten bemalt ist. Hinrik Funhof bemalte 1482 bis 1484 die mächtigen Holztafeln des Flügelaltars, die geöffnet eine interessante Narration mit ikonographischen Symbolen zeigen (Abb. 15). Die Malerei zählt zu den Schätzen der Kirche und gilt als bedeutendes Beispiel der niederdeutschen Tafelmalerei in der Spätgotik. Die Tafelbilder weisen wiederum eine Nähe zu Hans Memling und Dirk Bouts auf. 70 Rezeption fand in gewisser Hinsicht auch bei Kunstwerken der Kirche statt – hier mit einer Verbindung zu den Niederlanden. Viele Kostbarkeiten sind der Kirche leider nicht mehr erhalten. Im 19. und 20. Jahrhundert wurden für die Innenerneuerung Kunstgegenstände veräußert, teilweise zu sehr günstigen Preisen, wie aus Auktionsaufzeichnungen nachzuvollziehen ist.71

Speziell an der St. Johanniskirche erscheint die besonders große Orgel, eine der eigentümlichsten in Deutschland, die von niederländischen Meistern gebaut wurde. 72 S’Hertogenbusch, daher stammten die Orgelbauer, und Lüneburg hatten durch Handelsbeziehungen Kontakt – die kleine Stadt in den Niederlanden hat klare Bezüge zur Giebelstadt Lüneburg und ist nicht zuletzt für Hieronymus Bosch bekannt. Bezüge und Gemeinsamkeiten lassen sich zwischen Städten ausmachen, die Reflexion finden wir heute in Objekten und Architektur.

3 Rezeption der St. Johanniskirche: Kunstgeschichtliche Stellung

Die grundliegende Rezeption des Kernbaus von Lüneburg St. Johannis geht auf französische Bauten als Vorbild zurück. Es war üblich, dass französische Exempel Umstrukturierungen erfuhren, dem gotischen Stil aber durchaus verbunden blieben und sich in heimischer Bautradition wiederfanden.73 So auch in Lüneburg. Die St. Johanniskirche zählt zu den Bauten, die die deutsche Gotik neu prägten und im letzten Drittel des 13. Jahrhunderts eine neue Vorbildfunktion festlegte.74

[...]


1 Vgl. URL: http://www.hansestadtlueneburg.de/Home-Hansestadt-Lueneburg/Stadt-und-Politik/Geschichte/Stadtgeschichte.aspx, 956-1247 Die Herrschaft der Herzöge, (Stand: 22. Mai 2019).

2 Voigt, Martin (1990). S. 3.

3 Matthaei, Georg Dr., S. 1. und vgl. URL: https://www.st-johanniskirche.de/kirche/baugeschichte/, Daten der Kirche. Stand 24.6.19.

4 Ebd.

5 Nußmann, Norbert, S. 8.

6 Ebd.

7 Pries, Martin und Seidel, Antje. S. 97.

8 Camille, Michael, S. 12.

9 Schäfke, Werner. S. 60.

10 Böker, Hans Josef. S. 164.

11 Nußmann, Norbert, S. 90.

12 Pries, Martin und Seidel, Antje. S. 7.

13 Camille, Michael. S. 9. Pries, Martin und Seidel, Antje. S. 97.

14 Ebd.

15 Vgl. URL: https://www.duden.de/rechtschreibung/Rezeption, Allgemeine Bedeutung der Rezeption. (Stand 22. Mai 2019)

16 Rümelin, Hansjörg (2009). S. 432f.

17 Pries, Martin und Seidel, Antje. S. 13f.

18 Seidel, Antje. S. 9.

19 Sander-Berke, S. 13-15.

20 Schumann, S. 11-15.

21 Böker, S. 5-8.

22 Krüger, S. 160.

23 Pries, Martin und Seidel, Antje. S. 96.

24 Strasser, Ernst. S. 140.

25 Pries, Martin und Seidel, Antje. S. 97.

26 Nußbaum, Norbert. S. 26.

27 Ebd. S. 25.

28 Nußbaum, Norbert. S. 22.

29 Schäfke, Werner. S. 14.

30 Nußbaum, Norbert. S. 23.

31 Ebd. Nußbaum spricht hier von einer „Gotisierung“.

32 Pries, Martin und Seidel, Antje. S. 97.

33 Schäfke, Werner. S. 56.

34 Ebd. S. 18.

35 Camille, Michael. S. 27.

36 Busch, Harald. S. 20.

37 Ebd. S. 20. sowie vgl. URL: http://www.domsite-billerbeck.de/wallfahrtsort/johannis-kirche/ (Stand 6.6.19)

38 Busch, Harald. S. 21.

39 Ebd.

40 Schäfke, Werner. S. 59.

41 Ebd.

42 Ebd. S. 60.

43 Vgl. URL: https://www.verden.de/portal/seiten/geschichtsdaten-in-kuerze-907000399-20680.html, Geschichtsdaten in Kürze. Hier

44 Jahresdatum der Weihung des ersten Baus aus Stein vom Dom übernommen. Der Dom zu Verden existierte schon eher. (Stand: 2. Juni 2019)

45 Ebd. S. 60.

46 Ebd. S. 60.

47 Voigt, Martin (1990). S. 6.

48 Michler, Jürgen. S. 62.

49 Voigt, Martin (1989). S. 15.

50 Ebd.

51 Ebd. S. 17. Kennzahlen der Abweichungen der Turmspitze.

52 Ebd. S. 16.

53 Voigt, Martin (1990). S. 8.

54 Matthaei, Dr. Georg. S. 16. 1436 wurde die größte und älteste Glocke von Gherd Klinghe gegossen, diese nennt man „Apostelglocke“.

55 Voigt, Martin (1990). S. 20.

56 Ebd. S. 10.

57 Ebd. S. 24, Hendrik Niehoff und Jasper Johansen waren die niederländischen Meister.

58 Michler, Jürgen. S. 9.

59 Ebd. S. 10.

60 Böker, Hans Jörg. S. 166.

61 Ebd.

62 Ebd.

63 Ebd.

64 Ebd.

65 Ebd.

66 Ebd.

67 Hans Jörg. S. 166.

68 Hans Jörg. S. 166.

69 Hans Jörg. S. 166.

70 Ebd.

71 Hans Jörg. S. 166.

72 Hans Jörg. S. 166.

73 Ebd.

74 Ebd.

Ende der Leseprobe aus 40 Seiten

Details

Titel
Gotik und ihre Rezeption. Die St. Johanniskirche Lüneburg
Hochschule
Universität Basel  (Institut für Kunstgeschichte)
Note
6,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
40
Katalognummer
V548691
ISBN (eBook)
9783346198174
ISBN (Buch)
9783346198181
Sprache
Deutsch
Schlagworte
St. Johannis Kirche, Gotik, Lüneburg, Backstein, Architektur, norddeutschland, Kirchengotik, rezeptionsgeschichte, kirchengeschichte
Arbeit zitieren
Janne Litzenberger (Autor), 2019, Gotik und ihre Rezeption. Die St. Johanniskirche Lüneburg, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/548691

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