Der Ausgangspunkt für mein Interesse für Volker Braun und die „Übergangsgesellschaft“ war die Frage, wie ein reformsozialistische orientierter Autor die DDR Anfang der 80er Jahre wahrnimmt, welche Fehlentwicklungen und Kritikpunkte identifiziert, welche alternativen Konzepte entworfen werden und ob weiterhin am sozialistischen Projekt festgehalten wird. Wolfgang Emmerich kennzeichnete in seiner Periodisierung der DDR Literatur, den Zeitraum von 1971 bis 1989 als „Literatur als „Zivilisationskritik“ aufgrund der „wachsenden Kluft zwischen Utopie und Geschichte“ . Eine literaturgeschichtliche Perio-disierung eines repressiven und undemokratischen Systems, in welchem die Autonomie der Kunst stark eingeschränkt ist, muss in erster Linie auf kulturpolitische Maßnahmen oder institutionellen Ereignissen basieren. Als Grundlage der Periodisierung fungierte die Entmachtung des stalinistischen Walter Ulbricht durch Erich Honecker im Jahre 1971, der in der zeitgenössischen Wahrnehmung anfangs als ein „zweiter Aufbruch“ des sozialisti-schen Models DDR angesehen wurde. Doch Honeckers Aussage in der Rede vor dem 4. ZK-Plenum vom Dezember 1971, „Wenn man von der festen Position des Sozialismus ausgeht, kann es meines Erachtens auf dem Gebiet von Kunst und Literatur keine Tabus geben“ , wurde nach einer anfänglichen Liberalisierung und Enttabuisierung mit der Ausbürgerung Biermanns 1976 negiert. Als Volker Braun die „Übergangsgesellschaft“ 1982 schrieb, war die orthodoxe und repressive kulturpolitische Linie längst wieder restauriert; an eine Aufführung des außergewöhnlich provokanten Stückes war nicht zu denken. Meine Interpretation von Volker Brauns „Die Übergangsgesellschaft“ wird sich einerseits perspektivisch an der Darlegung der gesellschaftskritischen Gehalte orientieren, sowie andererseits an der Spezifizierung des Alternativ- bzw. Reformprogramms zum „real existierenden Sozialismus“. Um dies tätigen zu können, wird vorab eine Analyse des dramatischen Vorbildes – Anton Čechovs „Drei Schwestern“ vorangestellt.
Gliederung
I. Einleitung
II. Volker Brauns Komödie „Die Übergangsgesellschaft“ (1982)
2.1 Das dramatische Vorbild: Anton Čechov: „Drei Schwestern“
2.2 „Die Übergangsgesellschaft“ – Eine Einführung
2.3 „Vor-Stück“ und „Grund-Stück“: Die Wirklichkeit des „realexistierenden Sozialismus“
2.4 „Der Flug“ und der Traum vom „wahren Sozialismus“?
III. Schluss
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht Volker Brauns Komödie „Die Übergangsgesellschaft“ vor dem Hintergrund ihrer gesellschaftskritischen Gehalte und ihres Zukunftsentwurfs, wobei Anton Čechovs Drama „Drei Schwestern“ als interpretativer Bezugspunkt dient.
- Analyse der gesellschaftskritischen Perspektiven auf den real existierenden Sozialismus in der DDR.
- Untersuchung von Brauns Alternativ- und Reformprogrammen zur Überwindung von Stagnation.
- Intertextueller Vergleich zwischen Čechovs „Drei Schwestern“ und Brauns „Übergangsgesellschaft“.
- Darstellung der Bedeutung von individueller Selbstbesinnung und Subjektivität als Voraussetzung für gesellschaftlichen Wandel.
- Erörterung der Rolle der Familie und der Parteistrukturen innerhalb der DDR-Gesellschaft.
Auszug aus dem Buch
2.3. „Vor-Stück“ und „Grund-Stück“: Gesellschaftskritik und Zeitdiagnose. Die Wirklichkeit des „realexistierenden Sozialismus“
In der ersten, von Braun unbetitelten Szene, tritt das Hauptpersonal von den „Drei Schwestern“ in einem „Spiel im Spiel“ auf. Durch die dargestellte grundlegende „kritische Distanz“ zu Čechov positioniert sich Braun von vorneherein durch Abgrenzung, und liefert in den darauf folgenden Szenen seinen Gegenentwurf zu der Čechovschen Negativutopie der Stagnation. Neben der abgrenzenden und dadurch richtungweisenden lässt sich auch eine einleitende Funktionen identifizieren. Einerseits durch die angehende Charakterisierung Wilhelms, dem dadurch von Beginn an eine besondere Rolle bzw. Stellung für den späteren Handlungsverlauf angedacht wird, und andererseits durch eine erste Zeitdiagnose der DDR Realität, die als Leitmotiv der nachfolgenden Bestandsaufnahmen fungiert.
In einem alten Garten auf einer „Terrasse, halb von Müll verschüttet“ (105), wiederholen die Schwestern Olga, Irina, Mascha (Maša), sowie Andrej, Werschinin (Veršinin) und Kulygin die zentralen Sätze des Stückes, vor allem aus den Schlussauftritt. Braun zitiert dabei Kulygins selbstgefällige bzw. nichtserschütternde Zufriedenheit und Daseinergebenheit, den „Gegenwartsekel“ Andrejs, sowie die resignativ-trotzige Selbstbestätigung oder Selbstvergewisserung Maschas. Desweiteren wird der belanglose Zukunft bzw. Fortschrittsglaube von Werschinin, Olga und Irina rezipiert. Die kritische Abgrenzung zu diesen Intentionen vollzieht sich auf zweierlei Wegen. Einerseits auf der Figurenebene durch das Verhalten und die Aussagen Wilhelms, der die Schlussplädoyes unterbricht: „Ist doch egal. Alles egal. Hier doch nicht. Interessiert mich nicht“ (106), und sie dadurch ad absurdum führt; andererseits durch die Regieanweisungen und Bühnenmittel.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Diese Einleitung beleuchtet das Interesse des Autors an Volker Brauns „Übergangsgesellschaft“ und analysiert die DDR-Literatur sowie die kulturpolitischen Rahmenbedingungen Anfang der 80er Jahre.
II. Volker Brauns Komödie „Die Übergangsgesellschaft“ (1982): Das Hauptkapitel interpretiert Brauns Drama durch die Analyse von Čechovs Vorbild, die gesellschaftliche Ausgangslage in der DDR und die Figurenentwicklung im Kontext von Kritik und Zukunftsentwurf.
2.1 Das dramatische Vorbild: Anton Čechov: „Drei Schwestern“: Dieses Kapitel erläutert, wie Braun das Figurenensemble und den Grundgestus von Čechovs Drama übernahm, um sie in die DDR-Wirklichkeit von 1982 zu versetzen.
2.2 „Die Übergangsgesellschaft“ – Eine Einführung: Hier erfolgt eine Vorstellung des Figurenensembles, eine Spezifikation des Titels sowie eine Auseinandersetzung mit der Gattungsfrage als Komödie.
2.3 „Vor-Stück“ und „Grund-Stück“: Die Wirklichkeit des „realexistierenden Sozialismus“: Dieses Kapitel widmet sich der gesellschaftskritischen Zeitdiagnose anhand der Familie Höchst und der Analyse von Machtstrukturen innerhalb der DDR.
2.4 „Der Flug“ und der Traum vom „wahren Sozialismus“?: Hier wird die Funktion des „Experiments“ oder Rollenspiels untersucht, mit dem die Protagonisten ihre Träume und ihr wahres Selbst offenbaren.
III. Schluss: Der Schluss fasst die Ergebnisse der Interpretation zusammen und reflektiert Brauns Hoffnung auf einen demokratischen Sozialismus angesichts der dargestellten Repressivität.
Schlüsselwörter
Volker Braun, Die Übergangsgesellschaft, Anton Čechov, Drei Schwestern, DDR-Literatur, Gesellschaftskritik, Sozialismus, Utopie, Zeitdiagnose, Entfremdung, Regieanweisungen, Intertextualität, Reformsozialismus, Subjektivität, DDR-Dramatik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit primär?
Die Arbeit analysiert Volker Brauns Theaterstück „Die Übergangsgesellschaft“ im Hinblick auf seine scharfe Gesellschaftskritik an der DDR und die Entwürfe für eine alternative Zukunft.
Welche zentralen Themenfelder behandelt der Autor?
Die Arbeit fokussiert sich auf die Stagnation des real existierenden Sozialismus, das Verhältnis von Macht und Individuum sowie die Möglichkeiten der persönlichen Selbstbefreiung.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage dieser Arbeit?
Das Ziel ist die Untersuchung der Frage, wie ein reformorientierter Autor die Fehlentwicklungen in der DDR Anfang der 80er Jahre wahrnahm und welche Lösungsansätze er im Drama formulierte.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Verfasser?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Interpretation gewählt, die durch einen intertextuellen Vergleich mit Čechovs „Drei Schwestern“ sowie die Einbeziehung zeithistorischer und dramentheoretischer Kontexte gestützt wird.
Welche Aspekte stehen im Hauptteil im Mittelpunkt?
Im Hauptteil werden die Figurenentwicklung, die Rolle der Familie als Abbild gesellschaftlicher Strukturen sowie die spezifische Bedeutung von „Vor-Stück“, „Grund-Stück“ und „Flug“ analysiert.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Die Arbeit ist geprägt durch Begriffe wie DDR-Sozialismus, Utopie, Entfremdung, Systemkritik und die dramaturgische Transformation klassischer Vorbilder.
Wie bewertet der Autor die Rolle des „Dichters Anton“ im Stück?
Der Autor interpretiert Anton als eine Figur, die den kulturellen Rückschritt und die Realität der Mangelwirtschaft in der DDR scharf benennt und als destruktiv für die gesellschaftliche Entwicklung entlarvt.
Warum ist der Bezug zu Čechovs „Drei Schwestern“ für die Interpretation entscheidend?
Čechov dient Braun als „Negativfolie“. Während Čechovs Figuren in Resignation verharren, nutzt Braun die Konstellation, um ein Bewusstsein für die prinzipielle Veränderbarkeit der Verhältnisse zu schaffen.
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- Stefan Lochner (Author), 2005, Perspektive von Gesellschaftskritik und Zukunftsentwurf in Volker Brauns "Die Übergangsgesellschaft" (1982) und Anton Cechovs "Drei Schwestern" (1901), Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/54875